„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)
Die Seite 99 dieses über 600 Seiten dicken Romans liest sich ganz schön holprig. Ein Vergleich mit dem Original zeigt, dass Michel Houellebecq seine Nadeln präzis setzt. Über weite Strecken folgt die Übersetzung dem französischen Satzbau, doch gerade die scheinbare Nähe zum Original wird diesem nicht gerecht.
Diesen Stilvirtuosen zu übersetzen, ist anspruchsvoll. Wie ich bei der Analyse dieser Seite gemerkt habe, reicht mein Schulfranzösisch für Houellebecq nicht aus. Disclaimer: Damit ich keine Gespenster jage, sondern die tatsächlichen Gründe für mein Unbehagen finde, habe ich bei einigen Stellen eine Gewährsperson konsultiert.
Auf dieser Seite 99 geht es ums Fernsehen, beziehungsweise um einen Moderator und seine Karriere.
Das liest sich in der Übersetzung umständlicher, als es nötig wäre: „eine an jugendliche Zuschauer gerichtete Sendung“ ist schlicht „eine Sendung für Jugendliche“, und statt den Satz weiterzuführen, wie das Original es tut, könnte man im Deutschen neu ansetzen, z.B.: „Allerdings zielten die Aufgaben eher auf peinliche als auf gefährliche Mutproben.“
Der obige Satz geht weiter mit:
Auch hier ist das ans Französische angelehnte Deutsch umständlich: „stellen die Inhalte einer Sendung dar“, „erstmals in seiner Geschichte den ersten Platz belegen“. Weder spürt man im Deutschen die Ironie, mit der die Marketingfloskel „Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ unterlegt ist, noch führt der Satz auf die Pointe hin. Um den Satz auf Tempo zu bringen, müsste man sich auch hier vom französischen Satzbau lösen und beispielsweise die Substantive in Verben auflösen („Hosen herunterlassen, kotzen, furzen – mit dieser Show wollte TF1 …“)
Die Wörter, die Sand ins Getriebe des Satzes streuen, habe ich hier fett markiert. Der erste Stolperstein besteht in dem sperrigen Einschub, der den irritierenden Neologismus „Druckerisierung“ von seinem Relativpronomen trennt und falsche Bezüge anbietet (Gentrifizierung, die? Stadtvierteln, die?). Ohnehin denkt man im Deutschen zuerst an eine Druckmaschine, es dauert viel zu lang, bis das Rätsel durch den Namen „Michel Drucker“ aufgelöst wird. Auch hier würde sich ein vom Original abweichender Satzbau anbieten, indem man einfach neu ansetzt: „Ihren Höhepunkt fand sie in einer Einladung zu Michel Druckers Abschiedssendung, am Tag seines achtzigsten Geburtstags“. Dann käme auch die Ironie zur Geltung, die in der maliziösen Bemerkung „einem der bedeutendsten Fernsehmomente der 2020er-Jahre“ steckt.
Was an dem Satz auffällt, sind zwei parallel geschaltete Relativsätze (ich habe die Relativpronomen jeweils fett markiert). Auch hier verstolpert die Übersetzung die Pointe, weil sie dem französischen Satzbau folgt. Denn die Pointe besteht nicht darin, dass Sarfati fast zur selben Zeit von der Entgleisung Cyril Hanounas profitiert hatte, sondern darin, dass dies eine der größten Freuden seiner Karriere war. Im Deutschen kommt die Pointe, das Schwergewicht, nun mal am Ende des Satzes.
Houellebecq reizt in diesem Satz die Möglichkeiten des Französischen zur Verknappung aus:
- „mais finalement non“
- „disparu des antennes et des consciences“
Es ist nicht leicht, diese knackige Eleganz ins Deutsche zu bringen, aber unmöglich ist es nicht (mit Dank an die Gewährsperson):
- „aber von wegen“
- „aus dem Äther, aus dem Sinn“
***
Dass Houellebecq ein so virtuoser (und boshafter) Stilist ist, hätte ich nach der Lektüre der deutschen Seite 99 nicht erwartet. Doch zögere ich, seinen beiden Übersetzern Stephan Kleiner und Bernd Wilczek einen Vorwurf zu machen (abgesehen davon, dass es ohnehin unfair ist, eine beliebige Seite derart pedantisch unter die Lupe zu nehmen).
Es geht mir gar nicht allein um diese Seite 99. Sie ist ein Symptom für einen grundsätzlichen Missstand.
Ganze 12 Tage lagen bei Vernichten zwischen der Veröffentlichung des Originals und der deutschen Übersetzung. Auch wenn Houellebecqs Manuskript natürlich früher vorgelegen hat, muss das Übersetzen der 736 Seiten des Originals unter einem mörderischen Zeitdruck gestanden haben – wahrscheinlich habe ich mit dem Analysieren der Seite 99 mehr Zeit verbracht, als für die Übersetzung dieser Seite vorhanden war.
Zeit ist beim Übersetzen eine entscheidende Ressource: Dass die Übersetzung so oft den Satzbau der Ursprungssprache nachbildet, ist ein Zeichen für fehlende Zeit, doch diese steht bei potenziellen Bestsellern grundsätzlich nicht zur Verfügung, denn in den letzten Jahren hat sich bei deutschen Verlagen eine Unsitte durchgesetzt: Um zu verhindern, dass ungeduldige Fans sich die Originalausgabe kaufen, wird bei Starautoren alles darangesetzt, die Übersetzung gleichzeitig mit dem Original zu veröffentlichen. Diese Praxis führt zu einem fatalen Paradox: Je wichtiger der Autor, desto hektischer muss gearbeitet werden, eine ausgereifte Übersetzung ist unter diesen Umständen kaum zu leisten.
Das trifft auch Autoren, die stilistisch etwas wagen.
Schade drum.
Michel Houellebecq
Vernichten
Roman
Dumont 2021 · 624 Seiten · 28 Euro
ISBN: 9783832181932
Danke für die ausführliche Analyse. Ich muss beipflichten, dass vor allem das Aufteilen einer Übersetzung auf mehrere Beteiligte ein Unding ist. Beim Aufschlagen des Romans hatte ich schon ein ungutes Gefühl angesichts zweier Übersetzernamen. Beim Lesen kann man keinerlei Fehler bemerken, aber man hat oft das Gefühl, nicht genau zu wissen, worauf Houellebecq hinauswill. Ich schätze, das liegt daran, dass viele Nuancen verlorengegangen sind.
Manchmal braucht man nicht einmal bis zur Seite 99 zu blättern – eigentlich nicht einmal das Buch aufzuschlagen:
Bei „Serotonin“ vom gleichen Houellebecq – einem der meistverkauften und unbestreitbar schlechtesten Bücher, die seit Jahren veröffentlicht worden sind, 2019 im DuMont Verlag:
Seite 280 heißt es im französischen Text:
„Ce n’est pas l’avenir, c’est le passé qui vous tue.“
In der deutschen Ausgabe:
„Es ist nicht die Zukunft, es ist die GEGENWART, die dich tötet“
Nun, „le passé“ = „die VERGANGENHEIT“.
Leider ist ausgerechnet dieser Satz als Zitat oder Punchline in großen Buchstaben auf der hinteren Umschlagseite des Buches gedruckt worden, und war zur Zeit der Veröffentlichung schlicht überall zu lesen; in allen Rezensionen und Schaufenstern Deutschlands …
Das war umso problematischer und skurriler (extrem lustig, um ehrlich zu sein), dass Houellebecqs Roman sich ja fast lediglich um die Frage der Bewältigung der eigenen VERGANGENHEIT dreht …
– oder wie Houellebecq (ein großer Stilist?!!) nicht nur die Literatur immer weiter aushöhlt, sondern auch die Kunst des Übersetzens indirekt zerstört.