„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)

Das ist wohl die abgründigste Seite 99, die ich je meinem Test unterzogen habe. Angelika Meier habe ich schon länger auf dem Radar: Ein Freund hatte mich auf sie hingewiesen. Im Herbst 2021 ist ein neuer Roman von ihr erschienen, eine willkommene Gelegenheit, genauer hinzuschauen.

Das Unheil kündigt sich am Anfang dieser Seite nur ganz leise an.

Nichts war hier rätselhaft, kein unergründliches Wechselbad aus über den Kopf gestreichelt und dann wieder angeschrien und geohrfeigt werden. So fand ich vom ersten Schultag an Geschmack am Lesen, Schreiben und Rechnen.

Der erste Satz benennt das, wovor man sich fürchten müsste, doch das Unbehagen sitzt im zweiten Satz: in der Erleichterung darüber, dass der Schrecken ausbleibt.

Im nächsten Satz ist sarkastisch von den „Naturgesetzen der Mitmenschlichkeit“ die Rede, von denen die Ich-Person – das Geschlecht lässt sich aus dieser Seite 99 nicht eruieren – im Gymnasium „nicht länger unbehelligt“ bleibt. Was die Beschimpfungen und Prügel angeht, hänge alles von der inneren Haltung ab, mit der man sie erdulde.

Zwei Möglichkeiten bieten sich hier, beide beginnen mit „Wenn man“:

Wenn man sich nicht wehrte, zugleich aber hoffte, es würde irgendwann aufhören, und sich diese Hoffnung unweigerlich zeigte, dann würde es nie aufhören, sondern immer schlimmer werden.

Gerade die Hoffnung, es würde aufhören, hat zur Folge, dass es nie aufhört, so wollen es die Naturgesetze der Mitmenschlichkeit.

Das zweite “Wenn man” dreht die Schraube des Schreckens ein paar Windungen weiter, das kündigt sich in der doppelten Verneinung des „sich nicht nur nicht wehrte“ bereits an:

Wenn man sich aber nicht nur nicht wehrte, sondern die Schläge ohne jede Hoffnung auf ihr Ende wirklich hinnahm, würde den Prügelnden, denen man offen in die Augen schauen musste, als hätte die Seele längst den Körper verlassen, über kurz oder lang unheimlich werden oder zumindest würden sie die Lust an den Schlägen verlieren.

Dieser lange Satz hat ein magisches Zentrum: Man muss den Prügelnden offen in die Augen schauen, „als hätte die Seele längst den Körper verlassen“. Dieses vollkommene Akzeptieren der Gewalt – „wenn man die Schläge wirklich hinnahm“ – löst in den Prügelnden keineswegs Mitleid aus. Es jagt ihnen einen Schrecken ein, und das ist viel wirksamer: Ihnen wird unheimlich, denn sie ahnen den Tod, dieses ultimative sich Aufgeben. Der konventionelle Nachklapp – „oder zumindest würden sie die Lust an den Schlägen verlieren“ – lässt uns wieder Boden unter den Füßen finden.

Das böse Spiel (oder ist es ein Spiel mit dem Bösen?) ist noch nicht zu Ende, es geht erst richtig los.

Ich weiß nicht, woher ich diesen Hochmut nahm, denn Christlichkeit war es keineswegs, ihnen nach einer Weile jedes Mal auch die linke Wange hinzuhalten, ein Überlebensinstinkt, ja natürlich, aber was sagt das schon, vielleicht aber auch einfach eine sonderbare Form von nüchternem Hass, dessen Tiefe ich bis heute nicht zu ergründen wage.

„Christlichkeit“ ist ein substantiviertes Adjektiv, das im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache nicht eigens aufgeführt ist. Es wirkt sperrig, wie ein Fremdkörper. Das biblische Hinhalten der anderen Wange ist eine paradoxe Intervention, es verleiht dem oder der Geschlagenen die Souveränität der selbstbestimmten Handlung. Hier jedoch setzt es zudem eine ganz und gar unchristliche Regung frei, nämlich „eine sonderbare Form von nüchternem Hass“.

Dieser nüchterne Hass ist gefährlicher als die lodernde Variante, denn der nüchterne Hass ist kontrolliert und damit langlebiger. Es ist ein Hass, „dessen Tiefe ich bis heute nicht zu ergründen wage“. Das ist ähnlich abgründig wie die Bemerkung mit der Seele, die den Körper verlassen hat.

Wir haben es hier mit einer Person zu tun, die sich schlagen lässt, die sich nicht wehrt, die jede Hoffnung aufgegeben hat. Doch diese Person sinnt auf Rache:

Ich ließ mich schlagen und stellte mir dabei vor, wie ich mich eines Tages rächen würde, aber ich würde nicht bloß zurückschlagen, sondern sie einfach töten.

Sie würde ihre Peiniger nicht einfach töten: Sie sollen „qualvoll sterben“, und zwar

einer nach dem anderen, und wieder und wieder stellte ich mir vor, wie ich das Messer in ihrem Herzen herumdrehte […]

Das insistierende „einer nach dem anderen“ und „wieder und wieder“ zeigt die Unermesslichkeit dieses nüchternen Hasses. Die Spirale der Rache windet sich buchstäblich weiter, denn die Ich-Person dreht den Prügelnden in ihrer Vorstellung das Messer im Herzen herum,

als wollte ich von dieser Stelle ausgehend ihren ganzen Körper pürieren.

Das Verb „pürieren“ ist ein Geniestreich: Die Autorin schafft es, mit Wort aus dem Comfort Food-Bereich ein Splattermovie der übelsten Sorte heraufzubeschwören.

Der nächste Satz zieht uns ein weiteres Mal den ohnehin schwankenden Boden unter den Füßen weg:

Mit der Zeit lernte ich dank des ausgesprochen meditativen Charakters dieser Rachefantasien, die zugleich, auch das Ausdruck seltsamen Hochmuts, furchtbar abgehoben und gekünstelt blieben, meine Fantasie von ihrer Bestialität abzulösen, sie auf ganz andere Dinge zu lenken.

Das Wort „meditativ“ kommt so unerwartet wie „püriert“. Es macht die Erzählstimme noch unheimlicher, gerade weil es den ganzen Fantasien die Aura des Harmlosen, Unwirklichen überwirft.

Was für ein Bewusstsein spricht hier? Auf welche anderen Dinge wird seine Fantasie jetzt gelenkt?

Der Fall ist klar: Ich will unbedingt weiterlesen. Und frage mich, warum diese Autorin immer noch ein Geheimtipp ist.

Bildnachweis:
Beitragsbild und Seitenfoto: Sieglinde Geisel

Angaben zum Buch

Angelika Meier
Die Auflösung des Hauses Decker
Roman
Diaphanes 2021 · 272 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3035804522

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Ich kann deine Begeisterung nicht recht nachvollziehen, liebe Sieglinde. Gerade das letzte Zitat zeigt mir einen Satz, der inhaltlich und grammatikalisch das ist, was man salopp reichlich verschwurbelt nennen könnte: Das erzählende Ich lernt mit der Zeit, seine Fantasie von der Bestialität seiner Rachefantasien abzulösen – schon allein das ist für mich ein missglückter sprachlicher Purzelbaum -, die so bestialisch ja nicht sind in diesem Satz, sondern vielmehr – und da zeigt sich ein Widerspruch zu bisher zitierten Sätzen – “ausgesprochen meditativen Charakters”, was nun wirklich keine überzeugende Beschreibung von Rachefantasien ist. Irgendetwas soll sicher damit zum Ausdruck gebracht werden, aber was nur? Ansonsten ist das insgesamt sicher ganz ordentlich realistisch und gradlinig erzählt, wobei es vielleicht nicht in überaus bemerkenswerter Weise aus der überwältigenden Fülle ganz ordentlich realistisch und gradlinig erzählter Gegenwartsliteratur hervorzuragen scheint. Gleichwohl hat die Autorin ein paar Auszeichnungen erhalten und Rezensionen im überregionalen Feuilleton, so dass sie – sorry – schwerlich als Geheimtipp zu handeln ist.

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  2. Danke fürs genaue Hinschauen, liebe Elke. Ich gebe dir bei diesem letzten Satz recht, das hätte man eleganter machen können. Allerdings würde ich von dieser einen Seite noch nicht darauf schließen, dass es sich um die Sorte “ganz ordentlich realistisch und gradlinig erzählte” Gegenwartsliteratur handelt, die du, so nehme ich an, für künstlerisch nicht weiter interessante Massenware hältst. Dazu gibt es hier doch zu viele Kanten, zu viel Spiel mit der Leser-Erwartung.
    Ein Preis und zwei Stipendien (laut Wikipedia) bei sechs belletristischen Büchern – das ist noch nicht das, was ich “arriviert” nennen würde oder was auch immer das Gegenteil von Geheimtipp wäre. Doch das ist natürlich Ansichtssache.

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  3. Tobias Herold 24. März 2022 um 19:32

    Hallo Frau Geisel,
    Danke, das ist ein sehr schöner “page 99-Test”. Ich teile Ihre Begeisterung für das Buch – und dass der Seite 99-Würfel hier gerade auf diese Passage fällt, in der die Raffinesse, mit der die für den Roman so wesentliche Selbstbetrachtung des Ich-Erzählers gestaltet ist, so exemplarisch-plastisch zum Tragen kommt, spricht einmal mehr für das Format! Ist doch verrückt, wie sich auch bei erzählender Prosa bisweilen bereits in einem kleinen Auszug Qualitäten und Charakteristika des Ganzen abzeichnen.
    Den Einwand, Sie hätten nicht genau hingeschaut kann ich übrigens gar nicht nachvollziehen. Das zunächst kontraintuitiv Anmutende am “meditativen Charakter” der Rachefantasien ist offensichtlich wohlkalkuliert und keine “Schwurbelei”. Zumindest kleine Rachefantasien haben wir ja alle, die wir zur passenden Gelegenheit auch gerne wider besseren Wissens hervorholen. Denn, wie wir hier von Meiers Protagonisten Josef von Házy lernen, es liegt abgründigerweise auch immer ein Moment der Selbstberuhigung in ihnen.
    Der Satz verdichtet und verschränkt auf engstem Raum die komplexe, oft parallel auf verschiedenen Reflexions- und Eigentlichkeitsebenen ablaufende Introspektion bzw. Selbstreflexion des Icherzählers, deren Stimme poetologisch (denke ich) im Zentrum des Romans steht und im Verlauf immer weiter nuanciert wird.

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