Eben ist der neuste Roman des aktuellen Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah auf Deutsch erschienen: Nachleben. Da die Seite 99 auf ein Kapitelende fällt, weiche ich auf Seite 98 aus.

Wir befinden uns in der Gesellschaft von „Freundinnen und Nachbarinnen, den Ehefrauen und Verwandten anderer Kaufleute und auch von ihren Angestellten“ (mit diesen Worten beginnt die Seite). Der Schauplatz ist höchst lebendig. Zum Reiz der Lektüre gehört es, dass wir auf doppelte Weise Zeuge dieser Szene werden: zum einen als Leser oder Leserin, zum anderen durch die Perspektive von Afiya, dem Kind, das die Szene erlebt:

Afiya lauschte mit offenem Mund, während sie sich schadenfroh über andere Leute lustig machten.
[…]
Afiya tat nicht einmal mehr so, als hörte sie nicht zu.

Die (ausschließlich weiblichen) Anwesenden unterhalten sich über „Hochzeiten, Geburten und Todesfälle“, sie machen sich lustig „über Männer, die vor lauter Eitelkeit kaum geradeaus laufen konnten“, über eingebildete Frauen und über Würdenträger, „die bloß Heuchler waren“.

Der Klatsch ist allumfassend, und gerade, weil Afiya nicht alles mitbekommen soll, ist sie das energetische Zentrum dieser Szene. Die Frauen ermahnen einander, vor ihr nicht alles preiszugeben:

durch ein Zwinkern, eine hochgezogene Augenbraue oder ein Geheimzeichen.

Afiya wiederum merkt sofort, wenn ihr etwas vorenthalten wird,

denn in dem Fall wurde gesummt und gehüstelt, umständlich formuliert, gestikuliert und gekichert.

Diese Aufzählungen sind nicht besonders kunstvoll, aber sie erfüllen ihren Zweck: Sie lassen uns in die Szene eintauchen, so dass wir das Flirren spüren zwischen dem Harmlosen und dem Verbotenen, das leicht Ungehörige, dem sich die tratschenden Frauen umso hemmungsloser hingeben.

Die Seite hat einen Spannungsbogen: Das Tuscheln und Andeuten steigert sich, bis es schließlich durch Afiyas Einsicht aufgefangen wird:

Ihr fiel erst nach einer ganzen Weile auf, dass nicht alles, was über andere Menschen gesagt wurde, tatsächlich der Wahrheit entsprach.

Der nächste, kurze Satz rundet die Szene ab, er verleiht dem Ganzen einen fast märchenhaften Ton:

Und so verbrachte Afiya ihre Zeit.

Die Schilderung lebt vom Rhythmus des Satzbaus. Auf der Ebene der Wortwahl dagegen ist diese Seite nichts Besonderes: Es gibt nichts, worüber man stolpert – aber auch nichts, was ins Auge fällt. Wenn man die Adjektive und Adverbien als Messlatte für die Qualität von Literatur nimmt, dann haben wir es hier, stilistisch gesehen, mit solidem Mittelmaß zu tun (Eva Bonnés Übersetzung dürfte in der Unauffälligkeit dem Original entsprechen).

An Beiwörtern aller Art findet sich auf dieser Seite folgende Liste:

– parfümierte Kangas [Kanga ist ein afrikanischer Wickelrock]

– raschelnde Chiffonkleider

– sich schadenfroh über andere Menschen lustig machen

– vor lauter Eitelkeit

– die bloß Heuchler waren

– ein gnadenloses Urteil

– nicht tatsächlich der Wahrheit entsprechen

– in einem winzigen Haus

– wundersame Begebenheiten

Das sind keine Adjektive und Intensifikatoren, die man streichen müsste (außer „schadenfroh“ und „tatsächlich“), aber für kaum eins dieser Beiwörter wäre man bereit, etwas auf sich zu nehmen: zum Beispiel in den dritten Stock hochsteigen und um Erlaubnis zu fragen (Georges Clemenceau) oder sie aus dem Keller heraufholen (Stephen King). Keins der Wörter auf dieser Seite trägt den Autor an einen Ort, „wo noch niemand vor ihm gewesen ist“ (Joseph Brodsky).

Das ist eine Prosa, deren Kreativität mehr im Was liegt als im Wie, die Sprache bleibt Mittel und wird nicht zum Zweck. Auch wenn es dem Autor (zumindest auf dieser Seite) nicht darum geht, die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache zu erweitern – dem Lesevergnügen wird das keinen Abbruch tun.


Angaben zum Buch

Abdulrazak Gurnah
Nachleben
Roman
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Penguin Verlag 2022 · 384 Seiten · 26 Euro
ISBN: 978-3328602590

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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