Litauen liegt am Rande Europas, wie Irland, und wie das Gälische vom Englischen, so wurde die litauische Sprache vom Polnischen bedrängt. Beide Sprachen waren im 19. Jahrhundert vom Aussterben bedroht. Diesen Vergleich zieht der litauische Dichter Tomas Venclova in dem Buch Der magnetische Norden, einem 600 Seiten langen Gespräch mit der amerikanischen Autorin Ellen Hinsey. Bei der Lektüre begegnet uns eine weitere Ähnlichkeit der beiden Länder am nordöstlichen und westlichen Rand Europas: Litauen und Irland haben in Europa, proportional zur Bevölkerung, die meisten Dichter hervorgebracht. Dies hat offenbar mit der Bedrohung und dem Überleben der eigenen Sprache zu tun, und zugleich mit dem Überleben der Menschen – diesen Eindruck gewinnt man durch die Gespräche von Tomas Venclova.

Das Jerusalem des Nordens

Litauen gehört zu den Grenzräumen Osteuropas, die im 20. Jahrhundert „verheerende Erdbeben“ erlebt haben, wie es Venclovas Freund Czesław Miłosz formuliert. Für Ellen Hinsey gehört der europäische Nordosten zu jenen Orten auf der Erde, deren „Magneterz einige der gewaltsamsten Erdbeben der Geschichte überdauert hat“. Kommt auch die Sprache aus den Tiefen dieser magnetischen Erde? Der Dichter Venclova schöpft nicht zuletzt aus den Mythen und Erzähltraditionen seiner Heimat. Man kann Der magnetische Norden in seiner Gesamtheit als Venclovas Antwort auf die Frage nach dem Überleben lesen. In einem Land, dessen Hauptstadt das „Jerusalem des Nordens“ genannt wurde und stark polnisch geprägt war, konnte es dem Dichter nie nur um das Überleben des „eigenen“ Volkes gehen. Ellen Hinsey betont, dass Venclova der erste Schriftsteller war, der sich – in seinem Essay „Juden und Litauer“ – des schmerzlichen Themas der litauischen Kollaboration bei den Verbrechen an den Juden angenommen hatte. Doch inmitten der Fülle an anschaulichen und für den westlichen Leser erhellenden biografischen Einzelheiten kommt Venclova immer wieder auf das Thema Sprache zurück.

Tomas Venclova wurde 1937 im heutigen Klaipeda geboren. Es war die Zeit von Stalins großem Terror; in die Kindheit des Dichters fiel zuerst die sowjetische Besatzung Litauens und dann die Besetzung durch Nazi-Deutschland. Unter beiden Regimes gab es Deportationen und Ermordungen, die Opfer waren Juden, einheimische Bauern, Regimegegner und Intellektuelle. Im ersten Teil des Gesprächsbandes stehen diese Erlebnisse im Zentrum. Venclova gibt einen Einblick in die Lage, in der sich Litauen damals befand:

Zum ersten Mal seit der Annexion des Landes [durch die Sowjetunion] zeigte das stalinistische Regime sein wahres Gesicht. In den frühen Morgenstunden des 14. Juni 1941 suchte die Geheimpolizei […] Tausende von Wohnungen auf. Die Familien, die sie ins Visier genommen hatte, bekamen etwa eine Stunde, um die wichtigsten Sachen zu packen, wurden dann auf Lastwagen getrieben, zu Bahnhöfen gefahren und in Viehwaggons geladen. […] Die Deportationen kamen völlig unerwartet. Sie dauerten zwei oder drei Tage. Die Menschen in den Viehwaggons gehörten meist […] zur Elite des Landes: Lehrer, Offiziere, Beamte, Priester, wohlhabende Bauern. […] Die Ereignisse im Juni 1941 gleichen in ihrer Brutalität den Deportationen der Nazis. Die Gestapo übrigens hat Deportationen und Hinrichtungen öffentlich angekündigt. Hier fand alles stillschweigend statt.

Als Nazideutschland wenige Tage später der Sowjetunion den Krieg erklärte, sahen viele Menschen darin einen Ausweg:

Der Krieg bereitete den Deportationen ein jähes Ende. Nach heutigen Schätzungen wurden etwa siebzehntausend Menschen deportiert. Weitere hätten ihr Schicksal geteilt, wenn die Sowjets an der Macht geblieben wären.

Die Befreiung der Sprache

Venclovas Mutter Eliza wurde von den Nationalsozialisten verhaftet, während der Vater – als Bildungsminister Litauens – nach Moskau evakuiert wurde. Für einen litauischen Dichter dieser Generation ging es beim Schreiben immer um Leben und Tod, um die Verteidigung der Wahrheit gegen die Lüge der Tyrannei. Das hieß vor allem die Befreiung der Sprache aus ihrer Erstarrung in den Phrasen der Ideologie. Der Dichter muss dazu, diesen Eindruck gewinnt man beim Lesen, nur aus dem Quellgrund der Sprache selbst schöpfen, sich ihren „akustischen Halluzinationen“ hingeben, wie Nadeschda Mandelstam es nannte. Venclova selbst beschreibt es so:

[…] das Phänomen der akustischen Halluzinationen erreichte mich weniger als musikalische Phrasen sensu stricto, sondern eher als rhythmische Einheiten, die auch räumlich verstanden werden können […]. In jenen Jahren habe ich meine Gedichte meist nicht am Schreibtisch verfasst, sondern auf langen Spaziergängen durch die verwaisten Gassen von Vilnius oder Moskau. Beim Gehen entsprachen meine Schritte dem aufdringlichen Rhythmus der „akustischen Halluzinationen“ […].

Auf diese Weise hat Venclova, wie er erzählt, zunächst zu einer herkömmlichen Schreibweise gefunden. Dabei sei es darum gegangen, den gerissenen Faden der Erinnerung wieder zusammenzuführen und Bezüge zu den alten Topoi und Mythen wieder herzustellen. Zu seinem eigenen Stil habe er erst gefunden, als er sich in die Gedichte von Boris Pasternak verliebt hatte. Zunächst seien ihm diese vollkommen unverständlich erschienen, aber ihr Klang habe es ihm angetan. Und so machte Venclova sich das Diktum Pasternaks zu eigen, wonach die Poesie uns einen Weg eröffne, „die Wahrnehmung zu ent-automatisieren“. Durch die Vermittlung von Anna Achmatowa hatte Venclova als 23-jähriger Dichter Boris Pasternak noch kurz vor dessen Tod persönlich kennen gelernt. Er nimmt an seiner Beerdigung im Frühsommer 1960 teil, die auf eine geradezu mythische Weise zu einer ungeplanten Demonstration gegen das System wird. Von nun an bewegt sich Venclova in der Welt der Dichter, der russischen von Mandelstam bis Brodsky und der litauischen, deren Namen wir im Westen kaum kennen. Aus diesen Begegnungen entstand ein Netzwerk von Freundschaften, eine „alternative Gesellschaft“ aus kleinen Inseln, die wichtig wurde für die Systemveränderungen der 80er Jahre.

Zwischen Wahrheit und Unwahrheit

In seinem eigenen Schaffen gibt Venclova die Stimmung dieser kleinen Inseln wieder. Er orientiert sich dabei wiederum am Klang:

Wenn es etwas gegeben hat, dem zu lauschen sich in diesem Universum des Stillstands und der Abwesenheit von Zeit lohnte, dann waren es die Stimmen der vielen Generationen, die die Geschichte gefällt hatte.

Er zitiert einen Vers aus seinem Gedicht „Tag und Nacht sind halb um“:

Stimmen, einst verloren, kehren zurück zu uns aus der Welt. Doch auch davon bleiben nur Vergessen, ein Brunnen
der Rand fremder Zeit, fremden Nichtseins.

Die poetische Sprache bringe dieses Oszillieren zwischen den verlorenen und zurückkehrenden Stimmen zu Gehör, indem sie stets auf dem Grat zwischen Wahrheit und Unwahrheit schwebe. Die Sprache bewege sich dabei – getreu ihrer zweideutigen Natur – auf der Grenze zur Selbstauflösung: „Halt ein, halt ein – Der Satz, er löst sich auf.“

Venclova zitiert seinen Dichterkollegen Fjodor Tjutschew: Sei ein Gedanke erst einmal geäußert, werde er in diesem Moment unwahr. Und er zitiert seinen Freund Joseph Brodsky: Poesie sei eine Form des Widerstands gegen die Realität. Auf rätselhafte Weise sei die Lyrik mit der Ethik verknüpft und die poetische Disziplin mit der Tapferkeit des Geistes.

Freundschaft mit Czesław Miłosz

Gegen Ende des Buches erzählt Venclova auf berührende Weise von der Begegnung mit Czesław Miłosz, der als Pole in Vilnius geboren und aufgewachsen war. Die beiden Dichter treffen sich Ende der 70er Jahre im kalifornischen Exil und entdecken ihre Seelenverwandtschaft. Miłosz glaubt, dass sein Werk unter der jungen Generation in Polen weitgehend unbekannt und in Vilnius völlig unzugänglich sei. Doch nun erzählt ihm Venclova, dass Miłosz’s 1959 verfasstes autobiographisches Werk West und Östliches Gelände seinen Weg nach Vilnius gefunden habe, und zwar durch eine Dame, die während der Nazizeit Kinder aus dem Wilnaer Ghetto geschmuggelt hatte. Nach dem Krieg lebte sie in Paris, unterhielt aber weiterhin Kontakte nach Litauen und schickte Briefe und Päckchen an ihre litauischen Freunde. Jedes Päckchen enthielt eine Seite des Werks von Miłosz, manchmal als Packpapier von Schokolade getarnt. Es dauerte eineinhalb Jahre, bis das ganze Buch in Litauen angekommen war. Ihre Freunde banden es und ließen das Buch zirkulieren, und so erreichte es auch Venclova. Er las es just auf jener Bank an der Neris, von wo aus man unerwünschte Beobachter leicht ausmachen kann – und auf der 1940 auch Czesław Miłosz gesessen und das Einrücken sowjetischer Panzer beschrieben hatte.

Tomas Venclova kommentiert dieses Ereignis folgendermaßen:

Es ist ein Sinnbild, aber mehr als das, dieses Land hatte ein unglaubliches Potenzial für das Überleben. Es konnte überdauern, bis dieses Buch eine Stadt erreicht hatte, um gelesen zu werden, an demselben Ort, der in ihm beschrieben war – von einem angehenden Dichter einer anderen Generation. Und das erfüllte mich mit Hoffnung.

Angaben zum Buch
Tomas Venclova
Der magnetische Norden
Gespräche mit Ellen Hinsey
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Sinnig
Suhrkamp 2017 · 652 Seiten · 36,00 Euro
ISBN: 978-3-518-42633-3
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Bildnachweis:
Beitragsbild: Von Eugenijus Radlinskas, Vilnius, Litauen (Winterpanorama Vilnius, Ausschnitt) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
Buchcover: Suhrkamp

Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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