Nach dem Insiderbericht von Ronya Othmann und Juliane Liebert in der Zeit über die Jurydiskussionen des Internationalen Literaturpreises des HKW 2023 gab es viel Kritik: Von einer Beschädigung des Preises und von Vertrauensbruch war die Rede, die Literaturkritikerin Insa Wilke sieht gar die Arbeit von Jurys ganz allgemein bedroht.

Der Literaturbetrieb hat wenig Lust, sich kritisch mit sich selbst auseinanderzusetzen, dabei rühren die Vorwürfe von Othmann und Liebert an zwei grundsätzliche Fragen, die durchaus diskussionswürdig sind. Zum einen steht die Übereinkunft zur Debatte, dass nichts, was in einer Jurydiskussion gesagt wird, an die Öffentlichkeit gelangen darf. Zum anderen geht es um die Frage, ob die ästhetischen Kriterien einer Jury-Entscheidung durch weitere Gesichtspunkte ergänzt werden dürfen.

Transparente Jurysitzungen?

Jurysitzungen sind ‚opak‘, und für die Konvention der Verschwiegenheit gibt es gute Gründe. Wird etwa ruchbar, welche Jurorin sich gegen einen bestimmten Autor gestellt hat, kann das für diese Person Folgen haben, insbesondere wenn der betreffende Autor im Literaturbetrieb über Einfluss verfügt. Allerdings gibt es ebenso gute Gründe für eine Transparenz von Jurydiskussionen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie viel man in Jurysitzungen über seine unbewussten Vorurteile, ja ganz allgemein über die Haltung lernt, mit der man an Literatur herangeht. Vieles davon ist für das öffentliche Gespräch über Literatur relevant.

Dazu gehören die Dinge, die Othmann und Liebert in ihrem Artikel kritisieren, womit ich bei der zweiten Grundsatzfrage bin. Das einzige Kriterium für eine Jury-Entscheidung ist die literarische Qualität – es gibt wohl kaum ein Preisreglement, das diese Forderung nicht in der einen oder anderen Form enthält. Doch so unzweifelhaft dieses Kriterium auch ist, es gerät unweigerlich unter Druck, auch das gehört zur Realität jeder Jury-Arbeit. Eine Shortlist, die nur aus alten weißen Männern besteht, ist heute nicht mehr salonfähig, und das mit Recht. Ebenso fragwürdig jedoch wäre eine Shortlist, die nur aus Debüts, Kindheitsromanen oder Dystopien bestünde. Eine gute Shortlist lebt von der Mischung, sie hat auch die Funktion eines Überblicks über das gegenwärtige Literaturschaffen. Ganz abgesehen davon ist keine Jury vor Fehlurteilen gefeit. Die einzige unbestechliche Instanz für literarische Qualität ist die Zeit: In fünfzig Jahren wird man wissen, welche der Romane, die wir heute auszeichnen, noch gelesen werden, wenn die Epoche ihrer Entstehung (und damit auch deren Modeerscheinungen) vorbei ist.

Jeder Kopf liest anders, und die Fähigkeit, Literatur zu beurteilen, ist nichts, was man hat oder nicht hat. Überdies verändern sich die Kriterien im Lauf eines Leselebens, nicht nur aus biografischen, sondern auch aus sozialen und politischen Gründen. Die meisten der älteren Literaturkritikerinnen und -kritiker haben viel mehr Literatur von alten weißen Männern gelesen als von anderen Autorengruppen, und ob wir wollen oder nicht, sind unsere Kriterien an dieser Lektüre geschult. Die Forderung einer ‚diversen‘ Shortlist wirkt wiederum auf die ästhetischen Kriterien zurück. Auch wenn sich etwa die Frage, ob Frauen anders schreiben als Männer, wohl nie beantworten lassen wird, ist zu vermuten, dass ein männerdominierter Literaturbetrieb für manche Eigenheiten weiblichen Schreibens blind ist. Das gleiche gilt für Autorinnen und Autoren, die aus anderen Kulturkreisen stammen, die andere Geschlechtsidentitäten bei sich entdecken, die mit Behinderungen leben – und was der unterschiedlichen Voraussetzungen mehr sind.

Anonyme Bewerbungen

Es gibt nur eine Maßnahme, um die Identität des Autors aus dem Beurteilungsprozess auszuschließen: den Namen nicht zu nennen und die Texte anonym zur Verfügung zu stellen. Dann ist die Jury wirklich nackt vor dem Text. Bei Preisen, die für bereits publizierte Werke vergeben werden, ist diese Anonymität naturgemäß nicht möglich. Trotzdem kann eine Jury sich vornehmen, vom Autorennamen zu abstrahieren und die Texte ohne Ansehen der Person zu lesen. Gut möglich, dass manch eine Shortlist dann anders aussehen würde.

Als Jurymitglied des Schweizer Buchpreises hatte ich eine solche Situation zumindest ansatzweise erlebt: Mindestens die Hälfte der Autoren der gut achtzig eingereichten Bücher war mir jeweils unbekannt, was der Anonymität nahe kommt. Wir nahmen uns als Jury vor, alle Texte ohne Ansehen der Person zu lesen. Diese vorurteilsfreie Lesehaltung sorgte für Überraschungen, die sich in der Shortlist niederschlugen: Viele arrivierte Autoren oder von der Kritik hochgelobte Titel hatten das Nachsehen, und Kritik blieb nicht aus. „Die Shortlist – Stunde der Nobodys“, so eine Schlagzeile.

Transparenz ist nicht das gleiche wie Indiskretion. Jury-Diskussionen finden in einem geschützten Raum statt: Wer sich warum für oder gegen wen ausgesprochen hat, muss vertraulich bleiben. Gerade bei umstrittenen Entscheidungen wäre es für die Jury allerdings von Vorteil, wenn sie sich erklären dürfte. Als vor zwei Jahren Kim de l’Horizon nach dem Deutschen auch den Schweizer Buchpreis verliehen bekam, wurde ich von einer Bekannten als Jurymitglied empört gefragt, warum wir auf diesen non-binären Zug aufgesprungen seien (gelesen hatte sie Kim de l’Horizons „Blutbuch“ natürlich nicht). Ich konnte ihr versichern, dass die non-binäre Thematik bzw. die Geschlechtsidentität von Kim de l’Horizon in unseren Diskussionen kaum eine Rolle gespielt hat, dass wir dagegen intensiv über die Originalität, das ästhetische Wagnis, die Vielstimmigkeit des Romans diskutiert haben. Hätte ich allerdings eingestehen müssen, dass wir sehr wohl auf die Identität des Autors geachtet hätten, dass wir hätten ‚mutig‘ sein oder uns gar als woke positionieren wollen, dann wäre mir das nicht so leicht gefallen.

Was nur zeigt, dass eine öffentliche Diskussion über die Kriterien einer Jury keineswegs die Preise beschädigt, im Gegenteil: Sie könnte zu Entscheidungen führen, bei denen man die Diskussion nicht zu scheuen braucht.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Sieglinde Geisel

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

5 Kommentare

  1. wolfram schütte 29. Mai 2024 um 15:57

    lieber frau geisel, zur diskussion über jury-entscheidungen kann ich nur shakespeare zitieren: love´s labour´s lost.
    bei allen derzeitigen überlegungen fehlt meines erachtens der alltägliche, gewöhnliche kuhhandel innerhalb der jurys (gibst du meiner option deine stimme, gebe ich auch deiner meine stimme) oder die sympathie-antipathie, bekanntschaft-feindschaft im persönlichen umgang der jury-mitglieder vor, während, nach der entscheidungsfindung. ganz zu schweigen von den erfahrungsvollen tricks einzelner kenner & kennerinnen, die diskussion zu führen, bzw zu lenken, um ihr erwünschtes ziel zu erreichen.
    auch der aspekt, jurys nach gender/geschlechter-gesichtspunkten etc. zusammenzustellen, gleicht der quadratur des kreises. wo bleibt dabei die qualifikation der qualifizierenden jury-mitglieder, wenn sie doch nur oder primär aufgrund ihrer gruppenzugehörigkeit ausgewählt wurden, damit die jury personell möglichst “bunt” erscheint: als “gerechte” quotenversammung?
    jurys, die über die vergabe von materiellen gütern entscheiden, sollten immer geheim bleiben.allenfalls kann öffentlich gemacht werden, mit welcher mehrheit die entscheidung gefallen ist. jeder jury-entscheidung ist eine momentane entscheidung, die fixiert wurde.
    um dem deiistischen gründungsakt von jurys zu entgehen, sähe ich nur 2 möglichkeiten: in einem ersten schritt müsste (nach welchen kriterien?) ein pool möglicher jurymitglieder aus allen quotenbereichen gebildet werden. dann müssten in einem zweiten schritt die jurymitglieder nach dem zufallsprinzip (wie beim lotto) bestimmt werden. will das jemand?
    by the way: spricht auch mal jemand sowohl von dem eitelkeitsbonus, jurymitglied zu sein, als auch vom materiellen gewinn der ins kraut geschossenen jurytätigkeiten, bei der der betrieb über die literatur wacht?

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  2. Sie bringen einige blinde Flecken der Debatte auf den Punkt, vielen Dank Herr Schütte. Allerdings war ich bei meinen bisherigen Jury-Einsätzen offenbar mit besonders integren Jurymitgliedern gesegnet. Einen Kuhhandel “ich stimme für deinen Kandidaten, wenn du für meinen stimmst” habe ich bisher nie erlebt. Sehr wohl dagegen das manchmal schmerzhafte Ringen bei Dilemmata, auch die Frustration, bei der Abstimmung am Ende zu unterliegen (obwohl man doch soooooo recht hatte…!).
    Und was ich auch kenne, ist die Erschöpfung nach zu vielen Stunden des Diskutierens. Pausen machen und das Hirn auslüften ist mindestens so wichtig für eine gute Entscheidung, Stichwort decision fatigue.

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  3. Die Wahl von Jury-Mitgliedern ist natürlich der Ur-Akt der ganzen Sache. Wie Sie hoffe ich auch da auf den Zufall. Zumal es so gar nichts Zwangsläufiges gibt: Jede Jury würde anders entscheiden, da bin ich mir inzwischen sicher.

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  4. Liebe Sieglinde,

    ich habe den Beitrag in der Zeit auch gelesen und fand ihn wie du bemerkenswert. Am wichtigsten ist mir dabei folgender Aspekt: Natürlich unterliegt der Literaturmarkt – wie wir alle – modischen und moralischen Tendenzen. Und genau davon ist in dem Zeit-Aufsatz im Kern die Rede. Das hat in der Tat nicht unbedingt etwas mit der Qualität von Texten zu tun. Aber allein die Frage, was die Qualität eines Textes objektiv ausmacht, konnte meines Wissens bis heute nicht befriedigend beantwortet werden. Deshalb ist deine Haltung meiner Ansicht nach realitätsfern. Ein Text setzt sich selten aufgrund seiner Qualität durch. Was für dich qualitativ hochwertig ist, lehnen andere komplett ab. Bei der Entscheidung für oder gegen einen Text spielen in Jurys, Verlagen etc. immer auch andere Gründe mit – wie bewußt oder unbewußt das geschieht, sei dahingestellt. Jurymitglieder treffen Absprachen, denn ein einhelliges Urteil wird selten gefällt. Das ist meine persönliche Erfahrung, denn auch ich war an Jurys beteiligt, die entweder nicht öffentlich – also mit deinen Worten “opak” – oder aber öffentlich tagten, so dass der Entscheidungsprozess gar nicht geheim bleiben konnte. Dass da die einen den anderen nachhaltig geschadet haben, glaube ich ehrlich gesagt nicht. Es gab meiner Erfahrung nach keinen “Kuhhandel”, aber man musste sich ja schlichtweg einigen. Wenn ich also in der Jury-Diskussion als Jurorin feststelle, dass meine Kandidatin eher Chancen auf Platz 2 hat als auf Platz 1, dann werde ich doch nicht den Entscheidungsprozess komplett blockieren, indem ich bockig auf der 1er-Qualität meiner Kandidatin beharre. Alles ist relativ. Daher: Was in 50 Jahren noch gelesen wird, werden wir beide nicht mehr erfahren. Auch nicht, was in 100 Jahren noch gelesen wird, nachdem es 50 Jahre zuvor ignoriert oder gefeiert wurde. So manche Texte von Qualität wären nie ohne wirkungsmächtige FürsprecherInnen Teil des literarischen Kanons geworden – Ulysses beispielsweise oder der größte Teil von Kafkas Schriften. So manche Texte, die gestern verworfen wurden, sind heute Teil des Kanons, obwohl ihre Qualität nach wir vor umstritten ist – Ezra Pounds Cantos beispielsweise. Fräuleinwunder hat es in der deutschsprachigen Literatur im Abstand von rund 50 Jahren zweimal im 20. Jahrhundert gegeben. Sind die Werke von Ingeborg Bachmann, von Judith Hermann deshalb von hoher Qualität oder eher schlecht? Warum wird Céline, der misogyne Faschist und Antisemit, nach wie vor hochgelobt? Wegen der Qualität seiner Texte? Oder gibt es dafür noch andere Gründe? Vielleicht gibt es Texte von ähnlicher Qualität wie Célines Texte, die gleichwohl nicht erfolgreich sind, nicht Teil des Kanons wurden, vielleicht sogar unveröffentlicht blieben. Und vielleicht könnte man, vielleicht sollte man sogar die außerliterarischen Komponenten von Literatur im Lichte solcher Beispiele nochmal überdenken. Ich danke dir für deinen Beitrag mit diesen Assoziationen, die vielleicht Denkanstöße sind, und grüße dich herzlich, Elke

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  5. PS: Ich möchte hinzufügen, dass die Relevanz der meisten Preise für Werdegang und Wirkung der ausgezeichnten AutorInnen zeitlebens und posthum meist überschätzt wird. Unter den Wettbewerben ist der erste Preis in Klagenfurt eine der wenigen Auszeichnungen, wenn nicht sogar die einzige Auszeichnung, die den Start einer literarischen Karriere im deutschsprachigen Raum enorm begünstigen kann. Aber schon heute sind viele der ehemaligen PreisträgerInnen komplett vergessen. Die wenigen und immer weniger werdenden Würdigungspreise gehen an die, die es weiter gebracht haben. Ob von ihnen in 100, in 50, in 20 oder in 10 Jahren noch die Rede ist und ob zu Recht oder zu Unrecht – who knows.

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