Der Page-99-Test ist eine dialogische Form der Literaturkritik, er lebt vom Widerspruch. Deshalb habe ich mich gefreut, als Urs Bircher per Email Einspruch erhob gegen meinen Page-99-Test von Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame.

Urs und ich haben uns Ende der 1980er Jahre in Zürich kennengelernt, als er Dramaturg am Zürcher Schauspielhaus war. In den vergangenen dreißig Jahren hat er mich immer wieder ins Theater eingeladen. Meist wusste er nach zehn Minuten, wie der Hase laufen wird, ich wiederum habe dabei viel übers Theater gelernt.

Das setzt sich nun fort mit seiner Replik.

Sieglinde Geisel

Liebe Sieglinde

Der Page 99 Test mag als Blitzanamnese gute Dienste tun, um in der Flut der Texte mögliche Nuggets zu finden, ohne den gesamten Schlamm filtern zu müssen.

Für Theatertexte taugt er aber m. E. nicht.

Warum?

Der geschriebene Theatertext (Dialog) ist nur ein Text unter mehreren, die simultan auf der Bühne ablaufen, ohne schriftlich fixiert zu sein. Zu solchen ungeschriebenen Paralleltexten gehören z. B. die Situation, der Erregungszustand der Personen, die Bilder, die Partnerbeziehung, die Handlungen, die Stimmung, das Licht und anderes mehr. Diese nicht-schriftlichen Sprachen sind auf der Bühne oft aussagekräftiger als der schriftliche Text, ja sie können diesen sogar entlarven, konterkarieren, in Widersprüche versetzen oder gar der Lüge überführen.

Gute Theatertexte sind vielstimmig, die Stimmen sind oft widersprüchlich und deswegen theatralisch spannungsvoll. Dramen, die analog zur Prosa alles in den Schrifttext packen, wirken auf der Bühne meist schwach. (Deswegen scheint mir Max Frisch ein schwächerer Dramatiker zu sein als Dürrenmatt, der ein Meister höchst widersprüchlicher Texte und Subtexte ist.)

Zwei Beispiele aus Deinem Page-99-Test:

Die Grundsituation ist folgende: Claire Zachanassian ist in ihrer Jugend von ihrem Geliebten Ill im Städtchen Güllen geschwängert und zum Krüppel gefahren worden. In einem getürkten Gerichtsprozess wurde sie als Hure abgestempelt, woraufhin die ‘braven’ Güllener sie aus dem Ort jagten. Nun kehrt sie zurück, alt und steinreich geworden, und will Gerechtigkeit. Sie verspricht jedem Güllener ein Vermögen, wenn Ill umgebracht wird. Diese lukrative Versuchung infiziert nach und nach die Moral der Güllener.

Die Seite 99 skizziert folgende Szene:

Der Lehrer, ein alter Humanist, ist verzweifelt über die Geldgier und wachsende moralische Verkommenheit der Güllener. Er trinkt sich einen Rausch an und will seinen Leuten die Leviten lesen.

Das aber soll er nicht, denn die Presse ist anwesend und die darf auf keinen Fall von Claire Zachanassians lukrativem Mordangebot erfahren. Daher wollen die Güllener verhindern, dass der Lehrer die Wahrheit ausposaunt. Der sturzbetrunkene Lehrer greift in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit (deshalb die vielen Ausrufezeichen) nach hochgestochenen humanistischen Moralphrasen.

Die Szene sagt: Angesichts der Macht des Zachanassianischen Geldes sind Moral und Humanismus nur noch machtlose, leere Phrasen. Die Phraseologie des Lehrers ist gerade deswegen so richtig, weil sie die Ohnmacht von Moral und Humanismus präzise ausdrückt.

Ein weiteres Beispiel: Der Maler empört sich über den Lehrer – „Du willst wohl meine künstlerische Chance zerstören!“ Der verschwurbelte Satz „aus dem Feuilleton“ (so in Deinem Page-99-Test) ist deswegen so präzise, weil er die Verlogenheit des Malers enthüllt. Der will Anerkennung und seinen Anteil an Zachanassians Blutgeld – darf das aber nicht aussprechen.

Lügen haben nicht nur kurze Beine, sie verstecken sich oft auch in Sprachformen der Phrasen und der schiefen Metaphern. (Wir kennen das aus der Politik zur Genüge.) Der Satz des Malers ist deswegen so richtig, weil er so falsch ist.

Bei der Mehrsprachigkeit von Theater ist der Page-99-Test, sofern er nur den geschriebenen Text berücksichtigt, sowenig tauglich wie die Analyse eines mehrstimmigen Musikstücks anhand einer einzigen Stimme.

Soweit die Meinung (und Erfahrung) eines alten Theaterhasen.

Herzlich
Urs


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Von Urs Bircher

Urs Bircher war an sechs deutschsprachigen Theatern Dramaturg, Regisseur und Intendant, daneben Festivalleiter, Unidozent und Sachbuchautor. Er lebt in Berlin.

3 Kommentare

  1. Interessanter Beitrag von Urs Bircher, reizt tatsächlich zum Widerspruch.
    1. Der Seite 99-Test ist gut als Einstieg oder Ausgangspunkt einer Analyse; aber ohne den Blick aufs Ganze bliebe er fast wertlos. Sein Wert besteht in der Anregung, der fruchtbaren Provokation. Das zeigt der Dramaturg in seinem Beitrag sehr schön. Dabei spielt es keine Rolle, was er in der Einleitung theoretisch über die derzeitige Theatersemiotik sagt. Seine Analyse ist ja nur auf den Text bezogen, eben durch den Blick aufs Ganze, verkürzt gesagt. Also kann man folgern, dass der Test auch für Bühnentexte taugt bzw. einen provokanten Ansatz bringt, der durch den Blick auf den Gesamttext relativiert werden muss.
    2. Was der erfahrene Dramaturg in der Einleitung sagt, ist die Kurzfassung der zurzeit geltenden Theaterauffassung (‚Regietheater‘), also die Benutzung des Textes als eine ‚Sprache‘ unter vielen. Der Erfolg dieser Theatertheorie beruht vor allem darauf, dass das Theater dadurch völlig autonom wird, geradezu dazu aufgefordert wird, Texte eben nur als notwendiges Übel zu betrachten, um daraus – entsprechend dem jeweils gerade waltenden Hausgenius – etwas völlig Neues, möglichst Unerwartetes zu machen. Statt den Text neu zu ‚lesen‘ und zu interpretieren, wird er ersetzt. Das ist oft wirkungsvoll, höchst theatralisch (zB Fritsch). Aber manchmal tut es auch richtig gut, wieder einen starken Text mit starken Figuren ‚gefeiert‘ zu sehen. Die tausend Bühnen der deutschsprachigen Theater sollten gelegentlich auch ‚respektvoll‘ mit schönen Texten umgehen. Oder nicht?
    Also: Einverstanden mit Birchers völlig traditionellen germanistischen Textanalyse. Aber ein großes Fragezeichen hinter der völligen Freigabe des Textes an die Beliebigkeit der Regie. Die Comedie francaise respektiert die Texte, macht aber daraus immer etwas erstaunlich Neues.

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  2. Grosses Missverständnis Herr Kollege!

    Ich plädiere nicht für das postdramatische Regietheater (Fritsch, Castorf u.a.), ich spreche von der grundsätzlichen Mehrsprachigkeit jedes Theaters.

    Sie loben die Comédie Française. Gut so. Ein Beispiel: In Molières „Tartuffe“ predigt der angeblich fromme Tartuffe Elmire, der Frau seines Gönners, Gottesfurcht und Tugendhaftigkeit. So sein Sprech-Text.
    Die Situation aber erzählt das Gegenteil: Sie erzählt: „Ich bin geil auf dich und will dich flachlegen.“

    Diese Heuchelei ist die Botschaft, die den Zuschauer fasziniert. Sie resultiert aus der widersprüchlichen Kombination von Sprech-Text und Situation. Egal ob die Inszenierung ‚klassisch‘ oder ‚modern‘ ist.

    Antworten

    1. Mir ist nicht klar, inwiefern das mit Punkt 1 meines Kommentars zusammenhängen soll; also mit der These, dass Ihre Analyse traditionell germanistisch und textbezogen war; also das Textganze berücksichtigte.
      Dass man Tartuffe so interpretieren kann, wie Sie das schildern, ist völlig legitim; das könnte auch schon ein moderner Leser so interpretieren. Der Text wird ja gerade ernst genommen, als gegebener Ausgangspunkt, nicht als ein semiotisches Element unter anderen, wie Sie das in Ihrem Anfangsteil darstellten.
      Im ersten Teil werteten Sie den Text doch ab und unterwarfen ihn völlig der Autonomie des Theaters – wie man das ja auch tatsächlich aus vielen Inszenierungen kennt (Überschreibungen usw.).
      Falls Sie doch festhalten am Wortlaut der (großen) Texte und lediglich für interessante Neuinterpretationen plädieren, stehen wir tatsächlich auf derselben Seite – und vermutlich gegen viele, viele profilsüchtige Regisseure, die ihre Autonomie erheblich stärker ausreizen möchten. Nichts gegen Fritsch; er ist oft köstlich; ich plädiere eben nur für eine gewisse Priorität der Texte innerhalb der semiotischen Vielfalt.

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