II.

Michel Houellebecq ist ein weiteres Beispiel für die gefährlichen Liebschaften zwischen Körper und Text. Darauf hat mich ebenfalls Google gebracht.

Sucht man nach dort nach dem französischen Autor, so schlägt der Autocomplete-Algorithmus als zweite Vervollständigung „Houellebecq Aussehen“ vor, erst danach kommen „quotes“ oder „Elementarteilchen“. Auf Platz sieben findet sich der Vorschlag: „Houellebecq dents“.

houellebecq-google-autocomplete

An Houellebecqs körperlichem Abbau lässt sich antizipativ mitverfolgen, wie der Westen in die finale Phase seiner Dekadenz rutschen wird – dies könnte die bemerkenswerte Popularität der Houellebecqschen Physis erklären. Sein Körper muss als außerliterarische Beglaubigung für die weltanschaulichen Degressionsthesen herhalten, die er in seinen Romanen entwickelt. In Plattform (2001) heißt es beispielsweise:

Ich habe keine hoffnungsfrohe Botschaft zu verkünden. Ich empfinde für den Westen keinen Hass, sondern, wenn überhaupt, eine immense Abneigung. Ich weiß nur, dass wir, so wie wir sind, nach Egoismus, Masochismus und Tod stinken. Wir haben ein System auf die Beine gestellt, in dem es schlichtweg unmöglich geworden ist, zu leben.

Wer sich die Porträts von Houellebecq bei Google anschaut, kommt durch eine chronologische Anordnung derselben zu einem ganz ähnlichen Eindruck. Auch hier wird uns die existenzielle Aushöhlung des Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts anschaulich gemacht.

Google-Foto-Wall von Michel Houellebecq

Google-Foto-Wall von Michel Houellebecq

Die Liste an Beispielen lässt sich erweitern. Ein Klassiker: Rainald Goetz und sein Ritzen. Oder Alban Nikolai Herbst, der auf seinem Blog darüber berichtet, wie er nach der mangelnden Aufmerksamkeit für seinen Roman Traumschiff Anti-Depressiva schluckt und was das mit seinem Dichten macht. Oder der Lyriker Thomas Kling, der 2005 an Lungenkrebs starb und die Erfahrung des körperlichen Versagens und des allmählichen Stimmverlusts zum maßgeblichen Prinzip seiner letzten Gedichte machte.

Der Körper als Politikum

Selbst Autoren und Autorinnen, die glauben, außerhalb dieses Schreib- und Vermarktungsprinzips zu agieren, werden kurzerhand den Körperpoeten zugeschlagen. Vor kurzem reagierte Stefanie Sargnagel auf Twitter irritiert auf einen Welt-Artikel, in dem es heißt: „Autorinnen wie Kate Tempest, Stefanie Sargnagel und Lena Dunham treffen die Hauptschlagader. Sie haben ihren Körper in den Ring geworfen, wo er schon durch seine nichtnormative Form politisch wird und mit jedem Schulterzucken stärker wird.“ Sargnagels perplexe Antwort hierauf:

All diesen Fällen ist letztlich gemein, dass eine legitimitätserheischende Nähe zwischen Text und Autorphysis postuliert und der Körper zum Politikum, also einer öffentlichen Angelegenheit, wird. Dies schafft bzw. fordert eine Kommunikation der Authentizität, ganz nach dem Motto: Je tiefer ich ritze, umso tiefgründiger sind meine Verse.

Man kann sich diesem Phänomen auch aus einer anderen Richtung nähern. In ihren Artikeln mokieren sich Michael Wolf in der Welt und Michael Kothes im Freitag über die Wellness-Schnittigkeit und L‘Oréal-Schönheit der jüngsten Schriftsteller. Alkoholiker wie Ernest Hemingway oder Joseph Roth und Drogenjunkies wie Klaus Mann oder Georg Trakl loben sie dagegen: „Entscheidend aber bleibt, dass der Rausch die Fantasie aufwirbelt. […] Angesichts dieses Erbes erscheinen die Nachgeborenen samt ihrer Hervorbringungen meist doch ziemlich dröge.“ Dieses fragwürdige Lob des Alkohols und der Drogen ironisierte Thomas Kling bereits 1989 im Gedichtband geschmacksverstärker. Als Voranstellung heißt es dort:

o nacht! ich nahm schon / flugbenzin

Das Bennsche Kokain reichte vielen Entgrenzungsjüngern schon damals nicht mehr. Bloß: Was wird eingeworfen, wenn selbst das Flugbenzin keine Wirkung mehr zeitigt?

Kneipenschläger und Bordellstammgast

Hinter solcherlei Glorifizierung der Säufer und Kokser steckt eine Befürchtung: Wie kann ich diesen Hochglanzmenschen mit ihren glatten Häuten und Intellektuellenbrillen noch irgendetwas glauben? So ein unbescholtener Körper und der in ihm hausende Autor können doch nichts Wahrhaftes über uns (und insbesondere über die Kaputtheit unserer Zeit) hervorbringen. Michael Wolf verweist in seinem Artikel dann auch hilfesuchend auf Clemens Meyer, der „lange tapfer seine Fahne aufrechthielt“, um schließlich dessen Lebensphase als „ganzkörpertätowiertem Ex-Knacki, Kneipenschläger und Bordellstammgast“ nachzutrauern. Auf der Google-Foto-Wall ist Meyer freilich noch immer der Alte. Auf sechs der Fotos feiert und/oder trinkt der Autor. Als Nachfolger von Clemens Meyer bringt sich übrigens gerade der Debütant Philipp Winkler in Stellung. Mitte September erscheint im Aufbau-Verlag sein Erstling Hool, eine Milieuschilderung von prügelnden Hooligans. In einem Interview mit der GQ versicherte Winkler vor wenigen Wochen, dass er sich natürlich auch geprügelt habe.

Wie dieser unheimlichen Liaison von Körper und Literatur begegnen? Wahrscheinlich macht Clemens J. Setz mal wieder alles richtig: ein wenig mitspielen, ein wenig gegenkritzeln:


Beitragsbild: Anatomie des Menschen
Gemeinfrei, Autor: Vitaly Smolygin
Kampagnenbild: Marc O’Polo
Google-Screenshots: Samuel Hamen
Eine frühere Fassung dieses Beitrags ist auf dem Blog ltrtr erschienen.
[1] Boris Tomaševskij: Literatur und Biographie. In: Fotis Jannidis; Gerhard Lauer; Matías Martínez (Hgg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam 2000, S. 49-64, hier: S. 50.

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Von Samuel Hamen

Promovend an der Universität Heidelberg. Samuel Hamen ist externer Mitarbeiter des Centre national de littérature (CNL) in Luxemburg, betreut den Literaturblog www.ltrtr.de und ist zudem für die Tageszeitung „Lëtzebuerger Journal“ als Literaturkolumnist tätig.

Ein Kommentar

  1. Alexandra Trencséni 21. September 2016 um 12:37

    …Vielleicht war es an der Zeit, den feministischen Literatur-Ansatz der 60-70er auch Männern zugänglich zu machen;)).
    (Natürlich epischer und mehr grundsätzliches Leben & Sterben (& heuer auch wieder Beben, legitim wenigstens nach Drogenkonsum). Verlangen nach Realien & Ihrer Meisterung.
    …Den großen Geburts- und dann Mutterschaftsroman haben wir noch nicht? (Außer W.C. Williams, der begann einen seiner Romane damit.:)

    :))), Alexandra Trencséni

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