Flashbacks II:
Ernst Jüngers zweiter Weltkrieg

Wie muss es sich angefühlt haben, als im August 1939 der Mobilmachungsbefehl kommt? Endlich der ersehnte Krieg? Jüngers Freude hält sich in Grenzen. Inzwischen ist er 44 Jahre alt und zweifacher Vater. Er liest die Kirchenväter, harkt seinen Garten und muss tatenlos zusehen, wie alte Freunde fliehen, sterben, verschwinden. Jünger verachtet das neue Regime und beginnt, seine Rolle innerhalb der Weimarer Republik zu hinterfragen. Spät erkennt er, welche Barbarei der krude Übermensch entfesselt, den er selbst propagiert hat:

In Gesprächen über die Grausamkeit dieser Tage taucht oft die Frage auf, woher all die dämonischen Kräfte, woher die Schinder und Mörder kommen, die doch sonst niemand sah und nicht einmal vermutete. Doch waren sie potentiell vorhanden […]. Das Neuartige liegt in ihrer Sichtbarwerdung, in ihrer Freilassung, die ihnen erlaubt, den Menschen zu schädigen. Zu dieser Freilassung führte unsere gemeinsame Schuld: indem wir uns der Bindungen beraubten, entfesselten wir zugleich das Untergründige.

(Aus: Strahlungen)

Endlich entscheidet sich Jünger, das Richtige zu tun. Im Roman Auf Marmorklippen, seinem vielleicht mutigsten Werk, klagt er das NS-Regime an. Oberflächlich betrachtet, handelt die fantastische Geschichte von einem Bösewicht, dem Oberförster, der ein paradiesisches Land überfällt. Doch alle Figuren und Orte sind mehrfach codiert. Tatsächlich schildert Auf Marmorklippen die Machtergreifung der NSDAP, der Oberförster ist eine Mischung aus Goebbels und Hitler, seine brutalen Horden erinnern an die SA. Jüngers Bruder Georg urteilt: “Das verbieten sie dir entweder in den ersten vierzehn Tagen oder nie.” Wider Erwarten tun sie es nie.

"Auf den Mamorklippen" von Ernst Jünger

Die fantastische Erzählung “Auf den Mamorklippen” ist Ernst Jüngers stark codierter Versuch, die Methoden des NS-Regimes anzuprangern.

Trotzdem ist Hauptmann Jünger keineswegs gelassen, als er dem Marschbefehl nach Paris folgt. Dort soll er für den Generalstab heimlich die Verbrechen der SS dokumentieren. Als Spion verfolgt Jünger außerdem seine eigene Agenda. Öffentlich immer akkurat in Wehrmachtsuniform, pflegt er privaten Kontakt zu den Organisatoren des Attentats vom 20. Juli. Als Eingeweihter wähnt er sich in Lebensgefahr: “In Wirklichkeit war die Gefährdung stärker als im Ersten Weltkrieg, vor allem unheimlicher – von den inneren Konflikten ganz abgesehen.” (Aus: Strahlungen)

Der psychische Druck hinterlässt Spuren: Seinem Pariser Tagebuch Strahlungen vertraut Jünger Ängste, Albträume und depressive Gedanken an. Trotzdem will er die Kulturstadt genießen. So vermischen sich Kriegsgräuel und Pariser bonne vie im surrealen Nebeneinander der Notizen, als der Autor mal von einer Erschießung erzählt, dann durch die Tuilerien spaziert, Gerüchte von Kriegsverbrechen und Vergasungen im Osten notiert, erotische Abenteuer erlebt, eine Bombardierung beobachtet, guten Wein genießt, mit Attentätern diskutiert – und hofft, das Ende des Krieges noch zu erleben.

Selbstmedikation:
Trips ins Unbewusste

Wir saßen nun zu viert am Tische, auf dem das Glas mit den Zauberpilzen stand. Sie waren eingeweicht; jeder begann zwei oder drei davon zu kauen. Sie waren zähfaserig, hatten einen dumpfen, modrigen Geschmack.

(Aus: Annäherungen. Drogen und Rausch)

Hat der Erste Weltkrieg Ernst Jünger das Herz verschlossen, öffnet der zweite ihm immerhin die Augen. Besonders der Verlust seines ältesten Sohns Ernstel erschüttert ihn. Der 17-Jährige fällt im November 1944 in Italien. Durch den Tod des eigenen Kindes scheint Jünger endlich zu erkennen, dass alle Soldaten Söhne sind. Im ruinierten Nachkriegsdeutschland stößt seine humanistische Wende jedoch auf wenig Interesse. Von den Siegermächten wird der “Barde der Materialschlacht” (Klaus Mann) mit einem dreijährigen Publikationsverbot zum Schweigen verurteilt.

Die Käfersammlung von Ernst Jünger in Wilfingen

Im Alter beschäftigt sich Ernst Jünger vermehrt mit seiner gewaltigen Käfersammlung.

Die Trauer bewirkt allerdings nicht nur ein Umdenken – sie bringt auch alte Gewohnheiten wieder zum Vorschein. Bereits in den 1920er Jahren hat Jünger versucht, die Erlebnisse des Ersten Weltkrieges mit Drogen zu verarbeiten. Er nimmt Opium, das allseits beliebte Kokain und Haschisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg experimentiert Jünger, der sich selbst als Psychonaut, d.h. als Erforscher des Unbewussten, versteht, außerdem mit LSD, Meskalin und Peyote. So hofft er, seine Depressionen in den Griff zu bekommen. Zusammen mit Albert Hoffmann, dem Erfinder des LSD, unternimmt er regelmäßige Trips ins Unterbewusste, die man sich ungefähr so vorstellen muss:

1956 Housewife on Acid: Veteran's Hospital LSD 25 Testing

Obwohl der Erfahrungsbericht Annäherungen. Drogen und Rausch schnell zum Geheimtipp wird, ist die Nachkriegszeit für Jünger von Verlusten und Isolation geprägt. 1960 stirbt seine erste Frau Gretha, 1962 seine Mutter, 1993 bringt sich der zweite Sohn Carl um, und in den Jahren dazwischen sterben Freunde wie Carl Schmitt, Gottfried Benn oder Martin Heidegger. Jünger selbst wird 102 Jahre alt und bleibt mit seinen Verlusten allein. Auf den Schmerz reagiert er mit selbstzerstörerischen Verhaltensweisen – der Veteran zweier Weltkriege ritzt sich.

Drogenkonsum und Autoaggressionen sind bei traumatisierten Personen keine Seltenheit. Für Jüngers Verhalten kämen auch andere Gründe infrage: zum Beispiel Frustration. In der BRD ist er jahrzehntelang heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Sein Werk bleibt im Giftschrank verwahrt, obwohl er zahlreiche Preise erhält, Helmut Kohl zu seinen Busenfreunden zählt und in den Science-Fiction-Romanen Heliopolis, Gläserne Bienen und Eumeswil neue Themen wie den Naturschutz entdeckt. Die Ideen sind zeitgemäß, die Person hingegen gehört einer anderen Epoche an. Am 17. März 1996 räumt Jünger den Schreibtisch.

Als Ernst Jünger zwei Jahre später, am 17. Februar 1998, stirbt, hinterlässt er ein skandalöses Werk. Es ist vielschichtig, stellenweise schmerzhaft ehrlich und radikal – und wie jedes Gift nur mit Vorsicht zu genießen.

Ernst Jüngers Autogramm

Das Autogramm des Skandalschriftstellers Ernst Jünger


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Bildnachweise
Beitragsbild:
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Porträt Ernst Jünger:
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Cover “Der Kampf als inneres Erlebnis”:
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Cover “Der Kampf als inneres Erlebnis”:
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Cover “Auf den Mamorklippen”:
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Käfersammlung:
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Von Johannes Spengler

Studiert Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin und arbeitet als freier Autor.

2 Kommentare

  1. Hier ist sicherlich Ort und Gelegenheit, ergänzend an den Neurologen Hermann Oppenheim zu erinnern. Er hat als erster die Kriegsneurose oder “traumatische Neurose” (heute porttraumatische Belastungstörung) deskriptiv als das erfasst, was sie auch war und ist: Eine absolut adäquate Reaktion auf eine absolut irrsinnige Situation. Wenn auch seine damalige, pathophysiologische Erklärung noch unzureichend gewesen gewesen sein mag.

    Dass ihm akademische Anerkennung versagt blieb, hatte v.a. mit seinem Unwillen zu konvertieren zu tun; und dann war es später wohl auch die Folge seiner Forschungen zu den Kriegszitterern. Nicht die “schwachen, undeutschen Nerven” des “unheldischen Versagers” waren schuld sondern die unheldische Situation Krieg? Das konnte ja nur von einem Juden kommen, so der damalige, deutschnationale Konsens. Die von ihm initiierte Gesellschaft Deutscher Nervenärzte wurde folgerichtig 1935 aufgelöst. Seine Erkenntnisse waren nicht gefragt. Und genau hier verflechtet sich sein Schiksal mit dem Ernst Jüngers. Denn hätte sich sein Konzept durchgesetzt, so mancher Jünger des Heldentums (der Kalauer sei mir erlaubt) wäre vielleicht bekehrt worden und hätte nicht wie Ernst Jünger seine posttraumatische Störung mit Hilfe von Drogen kuppieren müssen. Auch viele IS-Kämpfer, die aus Kriegsgebieten stammen, nehmen Drogen und sind was das Töten angeht abgestumpft. Das dürfte kein Zufall sein.

    Abschließend fällt mir noch Heiner Müller ein, der über Jünger sinngemäß sagte, dass er vor den Frauen den Krieg erfuhr.

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  2. Hernand Frie 22. Mai 2020 um 18:24

    Ich fand in Ernst Jüngers Prosa zu viele Spuren für Bearbeitung, Umstellung, Herausstreichen, Verschweigen und Triumph, als dass ich seine Prosa für Zeugnisse von Erlebnissen lesen könnte, aus denen man etwas lernen könnte über Spuren von Krieg und Leid im Krieg. Als Offizier war Jünger privilegiert. Jünger war gern Soldat und suchte das Soldatenleben so sehr, dass er sogar zur Légion étrangère im Süden Frankreichs ging.

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