Am ersten September finden in zwei ostdeutschen Bundesländern, Sachsen und Brandenburg, Landtagswahlen statt. Im Oktober folgt die Wahl in Thüringen. In allen drei Bundesländern sind starke Gewinne der AfD zu erwarten. Zur Erklärung für den Erfolg der Rechten in der ehemaligen DDR werden oft zwei Phänomene beigezogen: zum einen die autoritäre Prägung durch die Diktatur, zum anderen die Destabilisierung durch den Umbruch nach der Wende. Man kann diese beiden Phänomene als konkurrierende Erklärungsmodelle sehen – ich bin allerdings der Meinung, dass sie sich gegenseitig verstärken: Erst der Hass auf das DDR-System, dann das Nicht-Ankommen im Westen. Allerdings erschöpft sich die Ursachenerforschung damit noch nicht. Denn würde man die Analyse hier beenden, so wäre das Hochkommen der Neuen Rechten eine reines Ost-Phänomen.

Ein fast vergessenes Buch

Doch ganz ohne den Westen lässt sich der Rechtsruck nicht erklären. Beim Wiederlesen von Ingo Hasselbachs Aussteigerbuch Die Abrechnung – Ein Neonazi steigt aus wird klar, welche Rolle die logistische und finanzielle Unterstützung der westdeutschen Neonazis nach der Wende für das Hochkommen der neuen Rechten im Osten spielte. Bei seinem Erscheinen im Jahr 1993 hatte Hasselbachs Buch Furore gemacht, mittlerweile ist es nur noch antiquarisch zu bekommen und fast vergessen. Dabei ist es erschreckend aktuell. Denn die Zwanzigjährigen von damals, von denen das Buch erzählt, sind die Fünfzigjährigen von heute. Also genau die Alterskohorte, die das Rückgrat der heutigen AfD darstellt. In Ingo Hasselbachs Abrechnung erfährt man, dass das kein Zufall ist. Viele der von Hasselbach geschilderten politischen Muster der äußersten Rechten finden wir heute wieder, mitunter auch im Parlament.

Ingo Hasselbach erzählt in Form eines fiktiven Langbriefs an den Vater seinen Weg in die Neonaziszene. Es war nicht nur der fallierende Staat DDR, sondern auch instabile Familienverhältnisse, die den Ost-Berliner Teenager anfällig machten für politische Verführung.

Ein gewalttätiger Stiefvater, eine überforderte Mutter, ein Vater, den er lange nicht kennt – diese Familienverhältnisse lassen ihn in der Heimat heimatlos werden. Nach wiederholten Streitigkeiten in der Familie geht Ingo Hasselbach eigene Wege:

Von nun an ging ich nur noch zum Schlafen in die Wohnung und ging so allen Auseinandersetzungen […] aus dem Wege. Mein Leben spielte sich fortan auf der Straße oder in den Wohnungen anderer Leute ab.

Radikalisierung im Gefängnis

Hasselbach wird zum„Punk und Bürgerschreck in Lichtenberg“. Er stiehlt Alkohol und Zigaretten, und bald fällt er den DDR-Behörden auf. Er kommt ins Gefängnis, erfährt im Strafvollzug der DDR entwürdigende Haftbedingungen. Von da an ist eine Verständigung mit der ihn umgebenden Gesellschaft nicht mehr möglich. Seine ursprüngliche Rebellion gegen die unzumutbaren Familienverhältnisse, die ihn zunächst „asozial“ (damaliges Vokabular) werden ließen, verbindet sich mit einer Rebellion gegen den Staat. Weder familiär noch gesellschaftlich findet er Halt. Das sind die Verwerfungen, die einen jungen Menschen für Ideologien empfänglich machen können, und im Knast, eingesperrt zusammen mit Kriminellen und Alt-Nazis, wird Ingo Hasselbach endgültig zu einem Neonazi.

Mein im Gefängnis angestauter Haß war so extrem, daß ich Gewalt zur Lösung von Problemen in meiner Umwelt nicht mehr ausschloß.

Frustration und Hass auf die Lebensverhältnisse im real existierenden Sozialismus – das war 1989 die innere Ausgangslage vieler Jugendlicher und junger Erwachsener. Mit der Einheit kam nun auch ein funktionierendes Netzwerk der westdeutschen Rechtsradikalen in die ehemalige DDR. Diese wiederum erkannten sofort das Potential, das in der Umbruchsituation im Osten steckt. Umgehend erfolgten Kontaktaufnahmen zu den noch ungeordnet agierenden ostdeutschen Neonazis.

Nazi-Elite aus dem Westen

Ingo Hasselbach berichtet hierüber ausführlich, es sind die zeitgeschichtlich interessantesten Passagen seines Buches. Im Zentrum steht Michael Kühnen, die Ikone der westdeutschen Naziszene. Im Januar 1990, drei Monate nach dem Mauerfall, trifft Hasselbach sich zum ersten Mal mit einer Gruppe von einschlägig bekannten Neonazis aus dem Westen: Michael Kühnen, Christian Worch und Nero Reisz.

Über Michael Kühnen schreibt Ingo Hasselbach:

Der „Führer“, das war selbstverständlich Michael Kühnen, zu dieser Zeit von allen respektiert.

Hasselbach beschreibt, wie die westdeutsche „Nazi-Elite“ das Ziel vorgab:

Bei diesem Treffen wurde uns erklärt, auf welches Ziel wir alle gemeinsam hinarbeiten würden. Dieses Ziel hieß: Wiederzulassung der NSDAP als in Deutschland wählbare Partei.
[…]
Ein paar Wochen später war die erste ultrarechte Partei der DDR im Parteiregister erfaßt. Mit einem allerdings noch gemäßigten Programm wurde die „Nationale Alternative“ im Parteiregister erfasst.

Gelder fließen, vor allem aus dem Westen:

Innerhalb kürzester Zeit hatten wir einen erlesenen Spenderkreis, zu dem vor allem Akademiker aus Westberlin, Mediziner und Juristen, gehörten.

Im Zentrum steht für Ingo Hasselbach immer Michael Kühnen.

Auf einer sechsstündigen Eisenbahnfahrt von Hamburg zum Führungstreffen nach Fulda, wohin ich allein mit Michael Kühnen fuhr, teilte Kühnen mir mit, dass ich für den Vorsitz der „Deutschen Alternative“ vorgesehen bin.
[…]
Er gab mir auch zu verstehen, daß es nun langsam an der Zeit sei, konkrete Aktionen auf dem Boden der DDR folgen zu lassen. Als ich ihn fragte, was er damit meint, erklärte er, daß nationalsozialistische Aussprüche und Zeichen auf jüdischen Friedhöfen, die Zerstörung von sozialistischen Denkmälern und Angriffe auf Asylbewerberheime in den Medien für Schlagzeilen sorgen würden.

Zu allen diesen Aktionen kam es dann auch, inklusive der von Kühnen vorausgesagten Aufmerksamkeit.

Rechte Hausbesetzer

Was einem bei der Lektüre aus heutiger Sicht auffällt, ist die Konsequenz, mit der sich die Neonazis schon damals bei linken Protestformen bedienen. Das Wort „alternativ“ war bis dato für linke, eben alternative Projekte, reserviert gewesen, nun gab es die „Nationale Alternative“ (Ost) und die „Deutsche Alternative“ (West) von rechts. Es ist nicht das Einzige, was die Rechten von den Linken übernehmen. Ingo Hasselbach besetzt mit seinen Gesinnungsgenossen in Berlin-Lichtenberg ein Haus. Das erste von Rechten besetzte Haus, die Weitlingstraße 122, findet europaweite Aufmerksamkeit. Man gibt wohlmeinenden westlichen Journalisten Interviews, gern gegen Bares. Das Geld wird umgehend in die politische Arbeit gesteckt. Das gesamte Konzept der Provokation wird von links übernommen. Anfang der 90er Jahre war es auch deshalb so erfolgreich, weil verunsicherte Vertreter der Staatsmacht im Osten die Lage nicht mehr kontrollieren konnten. Manja Präkels autobiografisch gefärbter Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß erzählt eindrücklich davon.

Mit der Zeit kommt die Weitlingstraße dann doch ins Visier der Staatsmacht, Ingo Hasselbach wird erneut wegen Körperverletzung verurteilt. Dann nimmt er Teil an einem neuen sozialtherapeutischen Konzept: Im Rahmen der „tolerierenden Sozialarbeit“ arbeitet der evangelische Sozialdiakon Michael Heinisch in der Pfarrstraße in Berlin Lichtenberg mit straffällig gewordenen Neonazis zusammen. Man lässt sie zunächst gewähren, um dann mit ihnen ins Gespräch kommen, so das optimistische Kalkül. Aber die Rechnung geht nicht auf.

Die nationalsozialistische Ideologie hat sich im Lauf der Zeit bei vielen so festgehakt, daß es jemandem wie dem Sozialdiakon Michael Heinisch kaum möglich sein wird, auch nur einen der Neonazis […] von seiner Gesinnung abzubringen. […] So lobenswert seine Initiative ist, er überschätzt seinen Einfluß und seine Möglichkeiten beträchtlich.

Von der sozialpädagogischen Betreuung der Gefährdeten verspricht sich Hasselbach mehr Erfolg als vom Versuch, den ideologischen Kern hartgesottener Neonazis zu sprengen. Bei den „noch ungefestigten Jugendlichen“ habe man mit einer demokratischen Grundhaltung eine Chance.

Kann man mit Rechten reden?

Das erinnert sehr an die Diskussionen von heute: Mit wem ist noch Kommunikation möglich und mit wem nicht mehr? Wen kann man erreichen, durch welche Methode auch immer? Ingo Hasselbach war noch erreichbar, aber ohne Hilfe hätte er es nicht geschafft.

Anfang September 1991 erzählte mir mein Bruder Jens, dass in der Pfarrstraße irgend so ein Typ aus Frankreich rumschnüffelt.

Dieser „Typ aus Frankreich“ sollte später der Co-Autor von Hasselbachs Aussteigerbuch werden: Es war der damals in Paris lebende Journalist und Filmemacher Winfried Bonengel. Von Bonengel stammt u.a. der Film Beruf Neonazi. Sein „Schnüffeln“ war nichts anderes als die Recherche für seine Filme über das Aufkommen der Neonaziszene auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Bonengel findet Zugang zu Ingo Hasselbach. In den Gesprächen mit Bonengel habe er vieles begriffen, so Hasselbach.

Letzter Anlass für seinen Ausstieg aus der Szene sind für ihn die Morde von Mölln im Dezember 1992. In Rostock-Lichtenhagen, im August 1992, war Ingo Hasselbach noch auf Seiten der Neonazis, bei der Gewalt von Mölln, vier Monate später, macht er nicht mehr mit.

Führungsriege aus dem Westen

Das Buch heißt Die Abrechnung. Ingo Hasselbach rechnet ab, vor allem auch mit sich selbst. Warum war er so verführbar gewesen? Diese Frage zieht sich durch das ganze Buch. Sie ist auch für Hasselbach selbst nicht leicht zu beantworten. Eine immense Rolle spielt Instabilität, Verunsicherung. Keineswegs nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich und familiär. Wer keine Stütze hat, der greift zum Nächstbesten, was ihm Halt verleiht. Und Ingo Hasselbach zeigt, wie geschickt die westdeutsche Neonaziszene die Verwerfungen der Einheit ausnutzte, indem sie den instabilen Jugendlichen vermeintliche Stabilität anbot.

So wurde die Wende zum Katalysator eines rechten Flächenbrandes. Doch sie war nicht dessen Ursache. Die Saat, die hier aufging, wurde vorher gelegt, und zwar in Ost wie West. Schon damals kam das Gros der Anhängerschaft der Rechten aus dem Osten, die Führungsriege und die logistische Steuerung aber aus dem Westen. Das ist heute wieder der Fall: Höcke, Kalbitz, Gauland, Weidel kommen allesamt aus dem Westen. Sie diskutieren ihre Pläne ganz offen: Ziel ist es, mit Hilfe des ostdeutschen Potentials den Westen zu gewinnen.

Mit dieser Strategie hatte unmittelbar nach der Wende schon Michael Kühnen junge Männer wie Ingo Hasselbach in sein rechtes Netzwerk eingebunden.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Demonstration von Republikanern in Leipzig, 1990 via Wikimedia Commons

Ingo Hasselbach, Winfried Bonengel
Die Abrechnung
Ein Neonazi steigt aus
Aufbau Taschenbuch 2001 · 189 Seiten
ISBN: 978-3746670362
(vergriffen, nur antiquarisch erhältlich)

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Von Herwig Finkeldey

2 Kommentare

  1. Wolfgang Stauch 1. September 2019 um 16:58

    Also aus dem Osten der Pöbel und aus dem Westen die „Gebildeten“. Dacht ich mir. Ich bin gerade bei Rubikon am lesen. Spannend und interessant.

    Antworten

    1. Herwig Finkeldey 4. September 2019 um 19:54

      Nicht ganz falsch, aber ganz so böse würde ich es nicht sehen.
      Vielmehr traf das DDR-Jugendphänomen der Neonazis mit der Einheit auf bereits vorhandene, neonazistische Strukturen im Westen, deren Protagonisten durchweg schon ein wenig älter waren. Interessant, dass auch bei der äußersten Rechten das Muster des stichwortgebenden und bestimmenden Wessi auftaucht. Wie gesagt: Bis heute.

      Wichtig noch: Meine Wertung, dass die AfD vor allem bei den heute 50-Jährigen Anhänger hat, ist durch die Wahlen nicht widerlegt (nach wie vor die stärkste Altersgruppe der AfD-Wählerschaft!), aber sie ist deutlich relativiert worden. Gerade bei den jungen Männern konnte die AfD zulegen. Sehr beunruhigender Weise. Die alte Abwiegelei, der natürliche Lauf der Welt regelt über kurz oder mittellang das AfD-Problem, ist überholt.
      Was auch bedeutet: Die Linke muss vom Lieblingsfeind Abschied nehmen. Vom alten, weißen Mann.

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