Die Unterhaltung belebt sich, sobald die Rede auf die Fremden kommt. Die sollten doch gefälligst dahin zurück, wo sie hergekommen seien! Schließlich dürfe ein Hausherr bestimmen, wen er in seinem Haus wohnen lasse. Und Hausherr im Staat, das seien nun einmal die Christen.

Ähnliche Debatten werden heute auf Facebook geführt. Diese hier ist fast hundertvierzig Jahre alt. Es handelt sich um ein literarisches Gesprächsprotokoll, das Dagobert von Gerhardt, ein ehemaliger preußischer Offizier, 1881 unter dem Pseudonym Gerhard von Amyntor veröffentlicht hat. Die Schrift trägt den Titel Eine moderne Abendgesellschaft. Amyntor greift – wie Martin A. Völker in seinem Nachwort erläutert – die Kommunikationsform des Salongesprächs auf und entwickelt sie als „Plauderei“ literarisch weiter. Er gibt ein Gespräch in einem gutbürgerlichen Haushalt wieder und knüpft daran ein eigenes Plädoyer. Durch die Ich-Form entsteht der Eindruck, der Autor berichte von einem Abend, bei dem er tatsächlich zugegen gewesen sei. Die Gesprächsteilnehmer sind stark typisiert und tragen keine Namen, sondern Rollenbezeichnungen.

„Sie taugen alle nichts!“

Der Text setzt damit ein, dass in der eher schleppenden Konversation bei Tisch das Reizwort „Semiten“ fällt. Schlagartig belebt sich die Unterhaltung. Zu diesem Thema haben alle etwas zu sagen, bis auf zwei schweigende Figuren, die erst in der nachgereichten Rahmenerzählung ins Bild kommen: eine junge Offizierswitwe, die die Diskussion entsetzt verfolgt, weil sie dabei an ihre eigene jüdische Mutter denkt, und ihr Tischnachbar, der Ich-Erzähler des Texts, der das Gehörte auf ihre Bitte hin niederschreibt.

Der Licentiat und die alte Jungfer ereifern sich am stärksten gegen „die Juden“, während der Literat und der Maler sie verteidigen. Die restlichen Gesprächsteilnehmer vertreten gemäßigte, taktische oder widersprüchliche Standpunkte. Grundsätzlich ist man ja schon für die Gleichberechtigung der Juden, aber im eigenen Beruf sieht man sie dann doch nicht so gern. Überhaupt, manche mögen ja ihre Verdienste haben, aber wie sie sich dann gleich in Szene setzen! Könnten sie nicht etwas bescheidener sein? Es gebe sehr wohl liebenswürdige, milde und bescheidene Juden, wendet der Literat ein und führt Moses Mendelssohn als Beispiel an. Worauf die alte Jungfer entgegnet: „Ich dachte mir’s, daß dieses Paradepferd vorgeritten werden würde.“ Der Licentiat meint:

Dann wäre es besser gewesen, dieser Moses der Zweite hätte nie gelebt, denn die Emanzipation der Semiten in einem christlichen Staate verjüdelt alle übrigen Staatsbürger. Man legt das schöne Gebot der Nächstenliebe und Duldung falsch aus. Wir predigen gewiß das Erbarmen und die Hilfsbereitschaft und Opferfreudigkeit für alle Menschen; es ist aber keine Samariterthat, sondern die heilloseste Grausamkeit gegen meine eigenen Glaubensgenossen, wenn ich sie der Berührung und Ansteckung durch Feinde ihres Glaubens in falsch verstandener Nächstenliebe aussetze. Das Hemd ist mir näher als der Rock.

Die bekannten Klischees tauchen auf: Die Juden, so heißt es, hätten „so erschrecklich lange Nasen“. Sie trieben selbst die Wissenschaft „meistens nur als Geschäft, bei dem es an Reklame und allerlei Schwindel nicht fehlt“. Und daran, dass sich „heute an allen Ecken und Enden antisemitische Bestrebungen finden“ ist natürlich die „jüdische Preßcanaille“ schuld.

Der Streit eskaliert, als ein Rentier, der sich bisher schweigend der Gänseleberpastete gewidmet hat, eine „amtliche Statistik“ ins Spiel bringt, nach der „der Antheil der Juden an Verbrechen (…) unverhältnismäßig größer“ sei als der der Christen. Der Literat weist ihn darauf hin, „daß man die Zahlen der Statistik sehr tendenziös gruppiren und dadurch ein unbefangenes Publikum zu ganz verfehlten und trügerischen Schlüssen verleiten kann“. Dieser Einwand nützt nicht mehr viel. Der Rentier hat schon laut erklärt: „Jude bleibt Jude – und mit oder ohne Taufwasser, sie taugen alle nichts.“ Es sei doch zu toll, meint die Gastgeberin daraufhin zum Berichterstatter, der Herr Rentier habe wohl vergessen, dass er selbst einer jüdischen Familie entstamme.

Finis Germaniae?

Die sogenannte Judenfrage ist 1881, als Amyntors Moderne Abendgesellschaft erscheint, das Thema der Stunde. Leider stellt Martin A. Völker in seinem Begleitessay diese Debatte nicht im Zusammenhang dar, sondern geht nur auf direkte Bezüge zu Amyntor ein. Hier ein paar Anmerkungen zum weiteren Kontext:

Bei der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 sind die Juden rechtlich mit anderen Staatsbürgern gleichgestellt worden. Sie treten nun in der Gesellschaft sichtbarer in Erscheinung. Zugleich werden auch jene Stimmen lauter, die dem Ressentiment und der Judenfeindlichkeit das Wort reden. Nach dem Gründerkrach 1873 veröffentlicht der Autor Otto Glagau in der Zeitschrift Die Gartenlaube eine Artikelserie über den Zusammenbruch der Finanzmärkte, in der er vor allem jüdischen Geschäftsleuten die Schuld daran zuweist. 1876 veröffentlicht er die Serie als Buch, wobei der den antijüdischen Tonfall noch einmal deutlich verschärft. 1879 erscheint Wilhelm Marrs Propagandaschrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet. Marr beschwört die Gefahr, dass Deutschland sich abschaffe („Finis Germaniae“), wenn es dem zersetzenden Einfluss des „Semitismus“ nichts entgegenhalte. Im selben Jahr publiziert der Historiker Heinrich von Treitschke seinen Aufsatz „Unsere Aussichten“, in dem er vor einer „Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge“ warnt, die „Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege“ über „unsere Ostgrenze“ hereindringe:

Die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können.

Aus Treitschkes Aufsatz stammt die Parole „Die Juden sind unser Unglück“. Zur gleichen Zeit richtet Adolf Stoecker, Hof- und Domprediger zu Berlin, seine Christlich-Soziale Arbeiterpartei neu aus und tritt zunehmend als antisemitischer Agitator in Erscheinung. Und der Journalist Moritz Busch, ein ehemaliger Presseagent Bismarcks, veröffentlicht 1880 das Buch Israel und die Gojim. Beiträge zur Beurtheilung der Judenfrage. In die Auseinandersetzung um dieses Buch – so Martin A. Völker – schaltet sich Amyntor mit seiner Abendgesellschaft ein.

Die Argumente, Behauptungen, Rechtfertigungen, Klischees und Phobien, die in diesem fiktiven Gespräch auftauchen, klingen vertraut und erschreckend frisch. Die Art und Weise, wie über Menschen geredet wird, macht sie zu Fremden – das funktioniert heute kaum anders als vor hundertvierzig Jahren.

Verrohte Wahrnehmung

Amyntor weist in seiner abschließenden Betrachtung immer wieder darauf hin, dass er die Debatte um die „Judenfrage“ vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt und ablehnt. Die ästhetischen Gründe sind bei ihm von moralischen nicht zu trennen: Er fühlt sich, so schreibt er,

im Gewissen verpflichtet, die Erörterung der Judenfrage in ad hoc zusammengerufenen öffentlichen Vereinen als eine Geschmacklosigkeit zu perhorresciren.

Die Verrohung der Wahrnehmung, die keine Schattierungen gelten lässt, sondern alles auf Gegensätze und Ausschließlichkeiten reduziert, birgt eine zerstörerische Kraft. Amyntor hat ein feines Gespür dafür. Im Jahr 1881, mehr als dreißig Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und über fünfzig Jahre vor 1933, warnt er:

Wir leben auf einem unheimlich grollenden Vulcan; alle Mächte einer dämonischen Unterwelt sind in demselben thätig. Wer heute die Gesellschaft durch das Aufwerfen der religiösen und Rassenfrage noch mehr spaltet, der schwächt sie zur Selbsthülfe gegen die Eruption des drohenden Kraters und thut kein preiswürdiges Werk.

___

Angaben zum Buch
Gerhard von Amyntor
Eine moderne Abendgesellschaft
Plauderei über Antisemitismus
Mit einem Essay herausgegeben von Martin A. Völker
Elsinor Verlag 2016 • 100 Seiten • 12,80 Euro
ISBN: 978-3-942788-33-5
Bei Amazon oder buecher.de
Bildnachweis:
Beitragsbild: Adolph von Menzel, Im Biergarten. Gemeinfrei, via , via Wikimedia Commons
Coverbild: Elsinor Verlag

Von Anselm Bühling

Anselm Bühling ist Übersetzer und Redakteur von tell.

Ein Kommentar

  1. Wie immer ist auch hier die Historie nicht 1:1 aufs Heute zu übertragen. So haben wir unter anderem auch mit einem islamistischen Terror zu tun, für den es damals kein vergleichbares Muster gab.
    Dennoch sind die Ähnlichkeiten der beiden Epochen ausgeprägter als die Unterschiede. Vor allem zwei Sachen fallen auf: Die unbestreitbare Tatsache, dass den Zugewanderten abgesprochen wird, in irgend einer Weise dazugehören zu KÖNNEN. „Die“ sind eben anders. Und weiterhin wird ihnen damals wie heute irgend ein Masterplan zur Kaperung der Gesellschaft unterstellt. „Die“ (wer ist das?) sind hier, um „uns“ (wen?) zu überrollen, uns an den Rand zu drängen. Dadurch werden „wir“ anders, uns selbst entfremdet. Die Angst vor dem Fremden ist wie immer die Angst vor dem Fremden in mir selbst…
    Und wenn ein wenig später in medizinischen Büchern der Weimarer Republik dann die „Sexualmoral und das Geburtenproblem unserer Tage“ (Wolf) in dem Sinn abgehandelt wird, dass die „unteren Schichten“ mehr Kinder bekommen als die oberen, und dass deswegen die Dummheit obsiegen wird, dann lugt da schon der Hobbygenetiker Sarrazin um die Ecke. Bei den „Neuen Rechten“ ist kein „Argument“ frischer als einhundert Jahre. Wieso neu, wenn alles so alt ist?

    Antworten

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)