Sieglinde Geisel: Auf dem E-Book-Festival hatte ich den Eindruck, dass das E-Book vor allem im Unterhaltungssektor weiterentwickelt wird, während sich die klassischen Literaturverlage aus dem Geschäft zurückziehen. Bastei Lübbe hat ja mit Bastei Entertainment eine eigene digitale Abteilung mit ausgesprochen engagierten Mitarbeiterinnen. Auf dem E-Book-Festival berichteten sie von der Suche nach neuen Geschäftsmodellen, beispeilsweise der digitalen Subskription: Bis zum Erstveröffentlichungstag wird den Fans das Buch Kapitel für Kapitel vorab geliefert, begleitet von Autoren-Tweets und unter Einsatz gezielter Werbung, denn über den digitalen Leser weiß man ja so gut wie alles. Ich habe den Eindruck, dass sich vor allem Verlage, die auf Genre-Literatur spezialisiert sind, mit avancierten Möglichkeiten digitalen Publizierens auseinandersetzen. Stimmt das?

Elke Heinemann: Nein, auch Rowohlt hat beispielsweise 2010 mit der enhanced-E-Book-Reihe „digitalbuchplus“ experimentiert. Aber sie wurde wieder eingestellt, weil sie sich nicht verkauft hat. Bastei Entertainment hat für avancierte E-Books eine große technische Abteilung und sehr viel Geld zur Verfügung. Unterstreichen,  Anmerkungen schreiben – all das ist beim digitalen Lesen mühsam.Der Verlag war schon auf der ersten E-Book-Fair 2014 vertreten – neben all den jungen Digitalverlagen und ein paar Independents wie dem Verbrecher-Verlag, der die gedruckte und digitale Gesamtausgabe von Erich Mühsams Tagebüchern mit einer Website begleitet. In diesem Jahr waren weitaus weniger Teilnehmer auf dem E-Book-Festival. Interessant ist zudem, dass mittlerweile viele kleine Verlage wie Mikrotext, CulturBooks, Frohmann, die vor zwei Jahren noch „digital only“ publizierten, auch gedruckte Bücher herausbringen. Denn E-Books verkaufen sich bei uns tatsächlich schlechter als in den USA. Wir sind ein bücherliebendes Volk, jedes Jahr erscheinen hier rund 90 000 neue Bücher. Die Türkei, ein Land, das ungefähr so viele Einwohner hat wie Deutschland, bringt jedes Jahr nur 3 000 neue Bücher heraus. Wir leben im Lande Gutenbergs, das ist eine starke Tradition.

SG: Ich lese selbst ungern auf dem Bildschirm. Das hat auch damit zu tun, dass ich mit dem Bleistift in der Hand lese, und das Unterstreichen ist auf dem Tablet immer noch mühsam. George Steiner sagt: „Lesen heißt antworten“, also zum Beispiel Anmerkungen schreiben, aber digital funktioniert das oft nicht recht. Wenn ich nur Fantasy lesen würde, hätte ich das Problem natürlich nicht!

EH: Wenn ich mit Texten arbeiten muss, finde ich es auch mühsam, obwohl man auch digital Markierungen setzen und Anmerkungen notieren kann. Aber beim bloßen Lesen stört mich der Bildschirm nicht: Berlin Alexanderplatz lese ich digital genauso gern wie gedruckt.

SG: Berlin Alexanderplatz – mich schaudert’s! Ohne dass ich sagen könnte, warum. Das gilt nicht für alle Romane. Vor kurzem habe ich Anke Stellings Bodentiefe Fenster auf dem Smartphone gelesen, zu großen Teilen unterwegs, ich war unter Zeitdruck. Ich bin oft längere Zeit auf Reisen, und dann ist es sehr angenehm,  vieles in digitaler Fassung zu finden.Ein kluges, aber auch schnelles Buch, wie ich fand. Es hat nicht diesen Hallraum der Klassiker, Kafka & Co. Ich würde Literatur, die für die Ewigkeit geschrieben ist, nicht auf einem elektronischen Gerät lesen wollen.

EH: Vielleicht solltest du es mal ausprobieren? Klassiker sind ja auf vielen E-Readern vorinstalliert…

SG: Liest sie jemand?

EH: Ich zum Beispiel. Auf einer Zugreise hatte ich einen E-Reader dabei, den ich ausprobieren wollte, und Madame Bovary war vorinstalliert – wunderbar! Überhaupt finde ich es großartig, dass beispielsweise dank Projekt Gutenberg jetzt alle klassischen Texte verfügbar sind. Ich bin oft längere Zeit auf Reisen, und dann ist es sehr angenehm, vieles in digitaler Fassung zu finden.

SG: Die Verfügbarkeit finde ich ja auch toll. Wenn ich auf die einsame Insel müsste und vor die Alternative gestellt wäre, ein einziges gedrucktes Buch mitzunehmen oder einen E-Reader mit allen digital verfügbaren Titeln, würde ich mich natürlich für den E-Reader entscheiden. Wenn ich dann nach ein paar Jahren gerettet würde, käme mir ein gedrucktes Buch möglicherweise vor wie ein uraltes Auto, mit dem man nicht vom Fleck kommt. Wann hast du angefangen, E-Books zu lesen?

EH: Das war 2013, als ich, zunächst sehr misstrauisch, meinen ersten E-Reader ausprobierte und feststellte: Ich kann problemlos digital lesen. Im Verlauf der nächsten zwei Jahre habe ich Kurzprosa in einem Online-Literaturmagazin publiziert, ein ARD-Radiofeature über Dichtung im digitalen Zeitalter und die monatliche Kolumne E-Lektüren in der FAZ. Damals habe ich auch meine Bibliothek aufgeräumt, denn aus meiner Wohnung war ein Bücherlager geworden. Ich habe fünfzig Bananenkartons mit Büchern ins Antiquariat gegeben. Seltsamerweise konnte ich mich ausgerechnet von den Klassikern nicht trennen – obwohl sie überall verfügbar sind!

SG: Warum?

EH: Weil sie mich am längsten begleitet haben, vielleicht. Es sind Bücher, aus denen ich zitiere, die mich inspirieren. Aber eigentlich weiß ich nicht, warum ich sie nicht weggeben mochte.

Beim E-Book fühle ich mich nicht als Partner des Romans.SG: Meine Bücher haben für mich wegen meiner Notizen und Unterstreichungen einen besonderen Wert. Deshalb verleihe ich sie auch nie.

EH: Also, wenn ich Bücher zur Hand nehme, die ich beispielsweise während des Studiums gelesen habe, erkenne ich an meinen Anmerkungen, dass ich sie heute ganz anders lesen würde.

SG: Stimmt übrigens mein Eindruck, dass viele Leute, die keine E-Books lesen, auch nicht auf Facebook oder Twitter sind?

EH: Vielleicht. Die Stiftung Lesen hat angeblich festgestellt, dass es für Jugendliche, die ja fast ständig online sind, keinen Unterschied macht, ob sie Texte digital oder gedruckt lesen. Das E-Book fördert das gedruckte Buch sogar, heißt es: Bücher sind für Jugendliche nichts Verstaubtes mehr. Man geht wieder in die Schulbibliothek, leiht sich ein Buch aus und tritt ein in eine fremde Geisteswelt.

SG: Genau diese Arbeit fällt mir mit einem gedruckten Buch seltsamerweise leichter als mit einem E-Book. Auch ich lade manchmal Klassiker herunter, wenn ich etwas nachschauen will und das Buch nicht zur Hand habe. Aber grundsätzlich gilt: It’s about the text, not about the book.Aber ich war noch nie versucht weiterzulesen. Da ist der Bildschirm, die Software – ich fühle mich nicht als Partner des Romans. Beim Lesen journalistischer Texte geht es mir anders: Ich suche nicht nach einer Erfahrung, sondern ich will mich informieren. Wenn ich etwa auf Facebook auf einen tollen Artikel stoße, finde ich es großartig, dass ich ihn gleich an Ort und Stelle lesen kann. Aber wenn es um Nahrung für die Seele geht oder um etwas Avanciertes, das mich aus meiner eigenen Welt rausschmeißt, ist mir das Digitale zu – ja was denn genau? – zu ephemer, zu leichtgewichtig, zu schnell.

EH: Und das sagt die Erfinderin eines Online-Magazins für Literatur!

SG: Bei tell macht das Digitale einen irren Spaß, und wir machen ja manchmal auch Sachen, die im Print nicht funktionieren, z.B. die Interlinear-Version der chinesischen Gedichte. Das alles reizt mich sehr. Doch Bücher sind etwas anderes.

EH: Auch ich liebe gute und schön gemachte Bücher, wie man meiner Bibliothek ansehen kann. Aber grundsätzlich gilt: It’s about the text, not about the book.

SG: Diesem Argument kann ich natürlich nichts entgegensetzen. Ich frage mich ja selbst, ob mein Vorbehalt ein reines Vorurteil ist. Nikola Richter, die Verlegerin von Mikrotext, sieht hier einen größeren Zusammenhang: Es gehe nicht mehr darum, etwas zu besitzen, sondern etwas zu nutzen, das gilt ja auch für Modelle wie car sharing. Leute, die Bücher im Regal stehen haben wollen, hätten auch ein eigenes Auto, so ihre Vermutung.

Gedruckte Bücher haben mehr Noblesse.EH: Ja, ich glaube, dass viele von uns in mancherlei Hinsicht auf Besitz verzichten werden. Schallplattensammlungen haben heute fast nur noch Liebhaber, nicht einmal CDs braucht man mehr, um Musik zu hören, alles ist im Netz. Es geht aber sicher auch um Gewohnheiten, um die Anpassung an technische Entwicklungen. Im 19. Jahrhundert hat wohl kaum jemand vermutet, dass in Zukunft jeder Auto fahren kann.

SG: Als die Eisenbahn aufkam, gab es Sorgen wegen der Geschwindigkeit: Man befürchtete Gehirnerweichung, wenn man mit mehr als 30 km/h durch die Landschaft fährt. Und genau das frage ich mich: Ist mein Vorbehalt gegenüber dem digitalen Lesen eine Variante dieser irrationalen Angst? Oder ist es bei Medien etwas anderes? Es ist ja kein Zufall, dass sich bei dir, als du deine Bibliothek geräumt hast, das Habenwollen auf die Klassiker bezog, und auch du konntest nicht sagen, warum. Wenn sich die Digitalversion von Literatur durchsetzt, wird es übrigens deine Bücherwand hier nicht mehr geben. Würde sie dir fehlen?

EH: Auf der Insel, auf der ich zeitweise lebe, habe ich eine wesentlich kleinere physische Bibliothek. Wäre ich ausschließlich dort, würde ich meine Berliner Bibliothek mitnehmen, ganz klar. Sehr wichtig ist mir auch: Ich möchte selbst weiterhin schöne gedruckte Bücher veröffentlichen.

SG: Das gedruckte Buch hat mehr Noblesse.

EH: Es hat einen höheren ideellen und materiellen Wert. Es ist ja auch teurer als ein E-Book.

SG: Es kann eben auch nicht einfach wieder gelöscht werden. Mein Vorurteil gegenüber dem digitalen Lesen hat wohl mit der Unterscheidung zwischen Gebrauchstexten und Kunst zu tun. Kunst ist aus der Alltagssphäre herausgehoben, berührt einen sakralen Bereich. Der Bildschirm hingegen gehört für mich zum Alltag, zur Geschäftigkeit, ich bin da auch sehr ungeduldig, lese schnell. Aber literarische Texte lassen sich nicht schnell lesen. Zu Büchern, mit denen mich eine emotionale Beziehung verbindet, kehre ich immer wieder zurück. Die Vorstellung, diese Bücher nur als Datei zu nutzen, ist mir völlig fern.

EH: Mir auch.

SG: Wenn es um geliebte Texte geht, leistet ein Buch, das ich besitze, offenbar etwas, was eine Datei, die ich ausleihe, nicht leisten kann.

EH: Das Haptische ist mit dem Libidinösen verknüpft – nicht nur in diesem Fall. Was man liebt, will man nun einmal haben (lacht). Die größte Aufgabe im Leben heißt: Loslassen!

Sieglinde Geisel und Elke Heinemann

Sieglinde Geisel und Elke Heinemann


Elke Heinemann lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie veröffentlichte von 2015 bis 2016 in der FAZ Kolumnen unter dem Titel E-Lektüren, die im Sommer 2016 gesammelt im Frohmann-Verlag herausgekommen sind. Sie ist zudem Autorin des vielbeachteten Radio-Features Bye Bye Book – Dichtung im digitalen Zeitalter, einer Koproduktion von WDR, NDR und BR (2015). Auf der Frankfurter Buchmesse 2015 erhielt Elke Heinemann den Deutschen E-Book-Award in der Sparte „Fiction“ für die enhanced-E-Book-Fassung ihres Buches Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo, erschienen im Cividale Verlag.

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

18 Kommentare

  1. „Das gedruckte Buch hat mehr Noblesse“. Besser kann man es nicht sagen…In dem auf ‚tell‘ geposteten Gespräch zwischen Ihnen und Frau Heinemann muß ich meine Sympathien nicht teilen. Sie sprechen mir ‚aus dem Herzen‘. Ja, ich bin sogar noch ein Tick ‚konservativer‘ als Sie. Gestehe bis dato noch nie ein E-Book gelesen zu haben und vermisse damit auch nichts. Unvorstellbar, ein Buch zu lesen ohne dabei einen Bleistift ( Faber Castell 3B, was denn sonst…) in der Hand zu halten. Schaue ich mich in meinem Arbeitszimmer um, dann muß ich wortlos das Platz-Argument der E-Book-Fans akzeptieren. Auch die ‚Entsorgung‘ von gelesenen Büchern macht mir zunehmend zu schaffen. Sie einfach in den Altpapiercontainer zu werfen läßt mich manchmal leiden wie ein andauernder Zahn- und Kopfschmerz. Alles gebongt – aber „das gedruckte Buch hat einfach mehr Noblesse“. Man muss doch auch Themen und Alltagsgewohnheiten haben, in denen man sich bewusst als ‚Konservativer‘ bekennt! Dass ich als Journalist, zumal als eifriger NGO-Networker die virtuelle Kommunikation über alles schätze, ist ein anderer Diskurs.

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    1. Sie haben es einfacher als ich, da Sie nicht zögern, sich als „konservativ“ zu bezeichnen. Ich habe das Problem, dass ich bei dem „neuen Spiel“ (ein Ausdruck von Michael Seemann für alles Digitale) gerne mitmache. Mir ist es eher ein wenig peinlich, dass ich beim E-Book fremdle…

    2. Lieber Herr Macke,
      bis vor kurzem war ich ähnlich „konservativ“ gestimmt wie Sie und bin es im Prinzip immer noch. Aber es liegen sehr viele interessante Texte, ältere und neuere, eben nicht gedruckt vor, sondern nur als Ebooks. Diese „digital only“Publikationen kann man nun ignorieren oder aber wagemutig sein und es doch einmal mit dem „elektronischen“ Lesen probieren. Ich habe es ausprobiert, es war nicht schmerzhaft. Wie gesagt: kann, muss nicht. lg_jochen

  2. PS: „It’s about the text, not about the book“ stammt von mir, das ist eines der Motti meines Verlags mikrotext, siehe hier in der Zitty. Finde ich ja schön, wenn es sich schon so verbreitet wie ein allgemein bekannter Aphorismus zum E-Lesen :) http://www.zitty.de/nikola-richter-uber-mikrotext/. Im Übrigen: ein schönes Gespräch über all die Fluktuationen im Markt und vor allem über die Veränderungen des Lesens, merci.

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    1. Und ich dachte, das Zitat komme aus Amerika! Dabei kennt man es dort vielleicht nicht einmal? so ist es natürlich viel besser. Jetzt bist du im Club der Sprichwort-Erfinder (Luther, Shakespeare, Goethe etc.).

  3. »…Madame Bovary war vorinstalliert…« Ein schrecklicher, ja erschreckender Ausdruck. Er bringt die geistige Verfassung der Apologeten der elektronischen Lesekultur jedoch gut auf den Punkt. Büchervernichtung 2.0. Dass gleich kartonweise Bibliotheken entsorgt werden, erscheint dann nur noch wie eine kleine Randnotiz.

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    1. Anselm Bühling 7. Juli 2016 um 15:23

      Liebe Tessa, danke für Ihren Kommentar. Der Satz „Madame Bovary war vorinstalliert“ gefällt Ihnen nicht. Das ist völlig in Ordnung. Ich meinerseits störe mich nicht an diesem Satz: Er bezieht sich nicht auf das Werk, sondern auf das E-Book und beschreibt ganz einfach einen technischen Sachverhalt. Aber wäre es nicht fruchtbarer, wenn wir hier sprechen und streiten würden, ohne anderen gleich zu unterstellen, dass etwas mit ihrer geistigen Verfassung nicht stimmt?

    2. Es geht um eine politische Auffassung, vor allem eine Haltung, die der Propagierung des elektronischen Lesens zugrunde liegt. Es geht um Kontrolle (ein Konzern wie Amazon z.B. kennt mein Leseverhalten), um Zensur (wer gewährleistet, dass elektronische Texte nicht des Zeitgeists wegen inhaltlich verändert werden, dass womöglich ganze Abschnitte gelöscht werden, weil sie politisch nicht in die Zeit passen?) und um Willkür (von Konzernen, die aus verschiedenen Gründen entscheiden, Bücher nicht anzubieten, oder etwa von Regierungen, aus opportunistischen Erwägungen heraus elektronische Bücher zu verbieten und nicht mehr verfügbar zu machen). All das (ich könnte hier noch mehr Gründe gegen das elektronische Lesen anführen, aber spare es mir), die ganze Gedankenlosigkeit, gedruckte Bücher zugunsten von bloßen Dateien auszumustern, kommt für mich eben in dem oben kritisierten Satz zum Ausdruck.

    3. Anselm Bühling 7. Juli 2016 um 19:20

      Danke, dass Sie das noch einmal genauer und sachlicher ausgeführt haben!

    4. Die Angst vor dem Ausgespähtwerden: Dann sollte man aber auch keine Payback-Karten benutzen, keine sozialen Netzwerke frequentieren, alternative Suchmaschinen benutzen, nur in bar bezahlen, keine Webadressen von Google, Hotmail, GMX, Yahoo etc. verwenden, Webseiten auf lokalen, verschlüsselten Servern hosten … Der einzige E-Book-Shop, der unabhängig war, der also keine Nutzerdaten weitergeleitet hat, war minimore.de – er musste, weil zu wenige ihn genutzt habe, schließen. Ich selbst habe auch den verlagseigenen mikrotext-Shop geschlossen, der auch unabhängig war, weil die neue europäische Gesetzgebung seit 1. Januar 2105 verlangt, dass die Mehrwertsteuer an das Käuferland abgeführt wird. Ein bürokratischer Aufwand sondergleichen, der das Luxemburg-Schlupfloch von Amazon schließen sollte – aber auch viele kleine Shops zum Aus brachte. Ja, ich wäre auch für weniger Kontrolle und weniger Willkür, auf jeden Fall, aber dazu muss der Leser, die Leserin auch die „guten Portale, Verlage, Geräte“ unterstützen. Sonst gewinnen immer die Stärkeren.

  4. Barocke Hörerin 7. Juli 2016 um 14:43

    Ich muss gestehen, ich empfinde eine klammheimliche Freude darüber, dass die E-Books sich in Deutschland nicht sonderlich gut verkaufen. Schon das Wort „E-Book“ finde ich hässlich, ganz zu schweigen vom „E-Book-Reader“. Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch. Ich kann es in die Hand nehmen, den hoffentlich schönen Einband fühlen, daran riechen…
    In meiner kleinen Wohnung gilt seit Jahren die Regel: Für jedes neue Buch muss ein altes weg. Da überlegt man sich jede Anschaffung genau. Es darf dann gerne auch etwas teurer sein. Einen dauerhaften Platz im Bücherregal haben auch bei mir nur die Klassiker und opulente Nachschlagewerke wie Konzertführer. Auch die leichte und schnelle Verfügbarkeit des Digitalen scheint mir für das konzentrierte Lesen eher ein Nachteil zu sein. In den Urlaub nehme ich genau EIN Buch mit, in das ich mich vertiefen werde – ohne mich durch hundertfache Alternativen in der digitalen Warteschleife kirre machen zu lassen. Zu viel Auswahl kann auch anstrengend sein – ich will mich nicht ständig entscheiden müssen, sondern mich auf ein Werk ganz einlassen.

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  5. Danke für das Gespräch. Der Hauptunterschied zu den USA ist, dass Buchhandlungen – unabhängig von Amazon – kein engmaschiges ‚Netz‘ bilden. Die Buchhandlungsdichte war und ist mit der europäischen nicht vergleichbar. Deshalb konnte der Absatz von eBooks in einfacher Weise ansteigen, ein Download genügte, aber auch ein Online-Händler wie Amazon groß werden. Ich lasse mich überraschen, wie es in Europa und speziell in Deutschland weitergehen wird, zumal ich kurioserweise auf eBooks setze, mit Texten, die fernab von Genre-Literatur liegen. Ein spezieller Dank an Nikola Richter, für den Hinweis, dass Texte im Zentrum stehen könnten, unabhängig von jeweiligen Medien.
    Dem Gespräch und den Kommentaren entnehme ich, dass in besonderer Weise Gewöhnungen eine relativ wichtige Rolle spielen. Vielleicht ist das Thema Papierbuch/Datei auch eine Generationenfrage … sogar wenn es um einen ‚Special Interest‘ geht, wie ich ihn z.B. anbiete.
    Für mich persönlich war die physikalische Form stets nebensächlich, obgleich auch ich schon während des Studiums in den 80ern für papierne ‚Klassiker‘ und ‚Neuerscheinungen‘ arbeiten ging, um eine wachsende Basis griffbereit in Regalen zu haben. Bibliotheken waren (und sind immer noch) ziemlich schlecht ausgestattet. Digital lässt und ließe sich vieles vereinfachen. Ich hatte übrigens schon früh damit begonnen, nichts anzustreichen, sondern rauszuschreiben, weil ich mich später über meine eigenen Anmerkungen ärgerte ;-)

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    1. Was aus vielen der Kommentare, die sich absolut gegen das Digitale wenden, spricht, ist die Verwöhntheit. Alles ist immer auch gedruckt zu bekommen, in Deutschland, vor allem in urbanen Regionen. Aber denken Sie sich doch einmal in andere Weltregionen? Wo es kaum Bibliotheken, geschweige denn Buchläden gibt? Dort ist das Downloaden und das digitale Lesen meist der einzige Zugang zu Literatur und Informationen. Dieser Aspekt betont auch – den Text, weniger das Medium, denn im Grund genommen ist das Lesen von Text doch das, worum es ums geht. Das Papier ist ein Trägermedium.

    2. Das ist ein wichtiges Argument. Vielleicht ist die Liebe der Deutschen zum althergebrachten Buch tatsächlich Ausdruck der weltweit einmaligen Grundversorgung. In Ländern ohne Buchläden wird eine Leserschaft heranwachsen, die vorwiegend auf Geräten liest. Wie auf sie dann wohl das Papierbuch wirken wird? Wahrscheinlich furchtbar umständlich, mit dem ganzen Blättern und so…

  6. Zu der Sorge von Tessa, in E-Books evtl nicht den ganzen Text zu bekommen: Das ist mit gedruckten Werken ebenso möglich. Und da spreche ich nicht nur von politischer Zensur. „Schülerausgaben“, bei denen nicht alle Streichungen vermerkt sind, Billigausgaben von gemeinfreien Texten – alles schon gesehen. Die Druckversion ist kein Garant für Vollständigkeit. HG, Heike Baller

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  7. Es ist meiner Meinung nach eben kein Argument. Stabilität und Verlässlichkeit der Schrift manifestieren sich ausschließlich in gedruckten Werken, nicht in digitalen, die inhärent der jederzeitigen Möglichkeit der Veränderung unterliegen. Dass in anderen Regionen dieser Welt keine gedruckten Bücher zu bekommen sind, ist doch kein Argument dafür, dass wir hier unsere gewachsene, bewährte dezentrale Infrastruktur der autonomen Buchläden aufgeben – und das auch noch ohne jede Not. Sie können mir nicht weismachen, dass es überhaupt keine Probleme gibt, das neueste iPhone binnen Tagen oder Wochen aus China in alle Herren Länder zu verschiffen, aber dieser rein logistisch zu organiserende Vorgang bei Büchern ein Problem darstellen soll? Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass in Kulturen, die auf eine reine mündliche Überlieferung setzen, auch eBooks keinen Erfolg haben werden, weil etwas Schriftliches schlicht nicht benötigt wird.

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  8. Nach der Lektüre einiger Kommentare glaube ich, hier etwas klarstellen zu müssen: Wie alle, die professionell mit Texten arbeiten, bekomme ich regelmäßig verlangter- und unverlangterweise von Verlagen Bücher als Presse-Exemplare zugesandt. Einige davon behalte ich, viele gebe ich ab, weil ich sie nicht noch einmal lesen werde, sie nie gelesen habe, sie nie lesen werde. Ähnlich geht es mir mit Büchern, die ich verwendet habe, um über bestimmte Themen zu schreiben. Irgendwann weiß ich, dass ich mich nicht mehr mit vergleichbarer Intensität diesen Themen widmen werde, und dann gebe ich einen Teil der entsprechenden Bücher ab. Ich mache so etwas aus zeitlichen Gründen in großen Abständen. So kam es, dass ich beispielsweise 2014 recht viele Bücher ins Antiquariat gegeben habe. Das heißt, ich werfe Bücher nicht kartonweise weg oder entsorge sie zugunsten von E-Books, sondern ich sorge dafür, dass sie auch zukünftig Leser finden. Ich glaube, das Gespräch mit Sieglinde Geisel macht deutlich, dass ich Bücher behalte, die mir am Herzen liegen, obwohl es sie auch digital gibt. Das Buch wird nicht verschwinden, das E-Book ist sicher eine Zwischenlösung. Aber die Digitalisierung von Texten ist weder zu verteufeln noch rückgängig zu machen. Sie bietet beispielsweise die Möglichkeit, Zugang zu Texten zu bekommen, wenn kein physischer Buchbestand greifbar ist, Bücher aus irgendwelchen Gründen nicht oder nicht zeitnah erhältlich sind. Die Angst, bei Lesen getrackt zu werden, ist nachvollziehbar; aber es gibt ja die Möglichkeit, digital offline zu lesen. Und das gute Buch ist natürlich immer offline. Viel Spaß beim Lesen!
    Elke Heinemann

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  9. Lars Hartmann 10. Juli 2016 um 18:52

    @ Heike Baller: Nein, die Druckversion ist kein Garant für Vollständigkeit. Aber aus der Druckversion, die in meinem Schrank steht, werden nicht plötzlich Begriffe entfernt oder gleich das ganze Buch vom Verlag oder von Amazon gelöscht – wie bei E-Books geschehen: Insofern würde ich Tessa Recht geben.

    Ich selber besitze keine E-Books, sehe für mich beim Lesen auch keinen Vorteil, ich empfinde es als unangenehm, ein Plastikteil in den Händen zu halten statt eines Leineneinbandes. Dennoch würde ich nicht per se gegen das E-Book votieren. Platzmangel in meiner Bibliothek wäre ein Argument und vor allem – das ist entscheidend – die Suchfunktion des E-Books. Das vereinfacht vieles, wenn ich intensiver mit einem Text umgehe und nicht nur lese. Insofern würde ich beim Buchhandel für eine Bundle-Lösung plädieren, wo ein Paket verkauft wird. Der Kein & Aber Verlag bietet ohne jeden Aufpreis eine solche Lösung. Dem Buch liegt ein Code bei, wer will kann es sich herunterladen. An solchem Service sollten sich andere Verlage ein Beispiel nehmen! (Diesen Satz bitte fettgedruckt lesen!)

    Am Ende aber halte ich diese Debatten E-Book oder nicht für relativ fruchtlos, weil es sich um eine Geschmacksfrage und um eine Präferenzentscheidung handelt. So wie man im Sommer lieber ans Meer oder lieber ins Gebirge fährt. Oder beides. Und wer für seinen Italienurlaub Stefano d’Arrigos „Horcyanus Orca“ mitnimmt, der wird es angesichts von Gewichtsgrenzen auf Flughäfen doch eher mit dem E-Book versuchen, und wer in der Limousine reist, der packt neben der Badehose das gedruckte Buch in den Koffer.

    PS: Insbesondere Elke Heinemanns Hinweis auf vergriffene Bücher oder nicht mehr Gedrucktes ist wichtig. Hier empfinde ich es als Skandal, daß Verlage Bücher nicht lieferbar halten. Versuche einer mal etwas von Upton Sinclair zu bekommen! In solchen Fällen bin ich dafür, daß nach sechs oder sieben Jahren das Urheberrecht des Verlages erlischt, wenn er ein Buch nicht elektronisch zur Verfügung halten kann, so daß sich andere Verlage ans Digitalisieren machen können.

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