Die polemischen Ausfälle Thomas Bernhards gegen österreichische, deutsche und andere europäische Städte sind legendär. Nun sind sie gesammelt in dem Band Städtebeschimpfungen erschienen. „Auf eine Unterscheidung zwischen Figurenrede (im literarischen Werk) und Stellungnahmen des Autors Thomas Bernhard wurde verzichtet, da der Autor sich bekanntermaßen genauso äußert wie seine Protagonisten“, schreibt der Herausgeber Raimund Fellinger im Nachwort.  Dementsprechend finden sich unter den Texten von A wie Altaussee bis Z wie Zell am See neben Ausschnitten aus Bernhards Dramen und seiner Prosa auch Auszüge aus Interviews und Briefen.

Im Stück Die Macht der Gewohnheit aus dem Jahr 1974 stellt die Hauptfigur Caribaldi aufgrund ihres Rheuma-Leidens die Frage:

Gibt es denn in Augsburg
überhaupt einen Arzt
einen Rheumaspezialisten
in diesem muffigen verabscheuungswürdigen Nest
In dieser Lechkloake

Das Stück war seinerzeit Auslöser eines Skandals. Dem Auszug ist ein Briefwechsel zwischen Bernhards Verleger Siegfried Unseld und dem damaligen Augsburger Bürgermeister Hans Breuer beigefügt. Breuer wendet sich an den Verleger, „um Interessen der Stadt Augsburg und Belange der Bürger zu wahren“. Denn Bernhards Worte erscheinen ihm „selbst für eine Komödie doch allzu bitterböse“. Er bittet Unseld, seine Einladung an Thomas Bernhard weiterzuleiten, drei Tage lang Augsburgs Gast zu sein, um ihn davon zu überzeugen, dass Augsburg „eine schmucke und muntere Großstadt mit quellreinem Trinkwasser und mit sauberen Bürgern“ sei und dass „es hier gar nicht so übel riecht.“ Unseld versucht daraufhin, den Bürgermeister zu beschwichtigen, er lädt ihn zur letzten Aufführung des Stücks in Salzburg ein und bittet ihn, den Autor nicht für die Äußerungen seiner Figuren zur Rechenschaft zu ziehen. Doch der Bürgermeister hält an seinem Unverständnis fest: „Leider kann ich Ihre Aufspaltung von Autor und Figur nicht nachvollziehen.“ Thomas Bernhard selbst gibt ihm Recht, wenn er dazu in der FAZ vom 12. August 1974 schreibt:

Von Lissabon aus empfinde ich Augsburg noch elementarer scheußlich als in meinem neuen Theaterstück. Mein Mitgefühl mit den Augsburgern und allen in Europa, die sich als Augsburger verstehen, ist ungeheuer grenzenlos und absolut.

Es geht ums Schimpfen

Die abfälligen Äußerungen Bernhards und seiner Figuren über Goldegg-Weng sorgten ebenso für Aufregung. Bernhard hat es nicht nur auf die Städte abgesehen, sondern auch auf ihre Bewohner. Wie könne man Thomas Bernhard den Österreichischen Staatspreis verleihen, obwohl er „sozusagen den höchsten Souverän, das Volk selbst“ brüskiere, fragt Oberschulrat Hans Müller angesichts der „Beleidigungen unseres Bergvolkes“ in Frost. In dem Roman hatte Bernhard die Bewohner Wengs so beschrieben:

Nicht größer als ein Meter vierzig im Durchschnitt, torkeln sie zwischen Mauerritzen und Gängen, im Rausch erzeugt. Sie scheinen typisch zu sein für das Tal.

Je mehr die Beleidigten sich wehren, um so mehr bestätigen sie Bernhard. Ihm zufolge ist nahezu jede Stadt unerträglich. Doch die Lektüre des Sammelbands macht klar, dass es nicht um die beschimpften Orte geht, sondern ums Schimpfen. Das Buch führt zurück in die 60er und 70er Jahre. Damals war es leichter, das Bürgertum zu provozieren, als in der Epoche des „anything goes“.

Und doch wirkt Städtebeschimpfungen nicht antiquiert. Denn aus heutiger Sicht lesen sich die damaligen Skandale wie Gesellschaftssatire. Durch ihren leicht entflammbaren Lokalpatriotismus und ihren naiven Umgang mit einer beim Wort genommenen Literatur avancieren Figuren wie der Bürgermeister, der Oberschulrat oder der Augsburger Albert Rohrer zu unfreiwilligen Komikern. Letzterer schreibt in einem offenen Brief an Bernhard:

Sie stoßen sich auch an den Essgewohnheiten unserer Bürger, Rettich widerstrebt Ihrem Geruchssinn. Er gehört nun mal zur urbayrischen Brotzeit, und Sie müssten ihn einmal zusammen mit bayrischem Käse und unserem Bier kosten! Ihre Entscheidung, die wir Ihnen nahelegen, kann nur die Rücknahme Ihres Stücks sein.

Provinzhasser und Landei

Thomas Bernhards Lust an der Provokation ist kein Selbstzweck. Durchgehend wird die heimatliche Gemütlichkeit als Gefängnisatmosphäre entlarvt. Vorangestellt ist der Sammlung das Motto: „Die Welt ist insgesamt schon gänzlich Provinz geworden.“

Die Keimzellen des Provinzvirus bilden Kleinstädte wie Dinkelsbühl:

Weißt du wie klein Dinkelsbühl ist
Man merkt daß ich dreißig Jahre
in Dinkelsbühl gelebt habe […] So sieht ein Mensch aus
der dreißig Jahre in Dinkelsbühl gelebt hat
existiert hat
Diese alte Hose
dieser alte Rock
diese alten Schuhe
dem Mädchen ins Gesicht
Nicht nach Dinkelsbühl gehen
nicht nach Dinkelsbühl

Doch auch Großstädte wie die „Genievernichtungsmaschine“ Wien, Bernhards Geburtsort, sind längst Provinz geworden:

Eine wie alte und leblose Stadt, ein wie großer, von ganz Europa und von der ganzen Welt allein- und liegengelassener Friedhof ist Wien […], was für ein riesiger Friedhof zerbröckelnder und vermodernder Kuriositäten!

Für ihn sei es wichtig, während der Arbeit in einem Land zu sein, in dem er die Sprache nicht verstehe, sagt Thomas Bernhard im Interview Monologe auf Mallorca.

Weil man ununterbrochen das Gefühl hat, die Leute sagen nur angenehme Dinge und reden eigentlich nur wichtige, philosophische Sachen. Und wenn man bei uns die Sprache versteht, hat man das Gefühl, sie reden nur lauter Schmarren. Und so wird der Schmarren in Spanien für mich philosophisch.

Trotzdem lebte Thomas Bernhard ab 1965 auf einem Landgut in Österreich. Er brauchte den Furor gegen seine Umgebung als Treibstoff seiner Schreib-Maschine und nutzte ihn weidlich: Wie er in seinen Städtebeschimpfungen den ganzen Schmarren zerlegt, ist grandios.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Segringer Straße Dinkelsbühl
via Wikimedia Commons
Cover „Städtebeschimpfungen“: Suhrkamp Verlag
Angaben zum Buch
Thomas Bernhard
Städtebeschimpfungen
Herausgegeben von Raimund Fellinger
Suhrkamp Verlag 2016 · 179 Seiten · 9 Euro
ISBN: 978-3518460740
Bei Amazon oder buecher.de

Von Paul Hohn

Lebt und studiert in Berlin, arbeitet als Praktikant bei Tell.

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)