Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe „Die Hundertjährigen“ widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.

Einen neuen Gott erfinden

Schriftsteller Hans Henny Jahnn, Ugrino, Tracht

Kultfigur: Der Schriftsteller und Sekten-Gründer Hans Henny Jahnn in der typischen Ugrino-Tracht.

Glückwunsch, Sie haben sich dazu entschieden, eine Religion zu gründen! Um sich erfolgreich auf dem Glaubensmarkt zu etablieren, brauchen Sie eine Marke mit hohem Wiedererkennungswert. Mit anderen Worten: einen Gott. Um Ihr Produkt von bereits existierenden Marken abzugrenzen, müssen Sie die Unique Selling Points deutlich hervorheben. Wie das Beispiel des Schriftstellers Hans Henny Jahnn zeigt, kann dies ein langer Prozess sein – doch es lohnt sich!

Hans Henny Jahnn, am 17. Dezember 1894 in Hamburg geboren, gründet bereits zu Schulzeiten eine Glaubensgemeinschaft. Doch das Start-up ist zum Scheitern verurteilt, zu eng ist das Produkt ans Christentum angelehnt. So versucht Jahnn etwa gegenüber seinen Eltern, Lehrern und Mitschülern, immer die Wahrheit zu sagen und niemals zu lügen. Viele Anhänger gewinnt er damit nicht. Stattdessen droht sein Vater mit einer Zwangseinweisung in die Irrenanstalt – Jahnn bricht das Experiment ab. Durch den Fehlschlag erkennt er, dass seine radikale Bibelauslegung potenzielle Anhänger verschreckt. Um sich neu zu orientieren, wendet er sich vom Christentum ab. Als Jugendlicher schreibt Jahnn:

Jeder muss sich seine Religion selbst bauen, jeder muss sich mit seinem Gott aussöhnen. Doch nach dem Tode gibt es kein Glauben und Hoffen mehr, nur Leben. Das Menschlich [sic!] Leben liegt vor dir, es wird dich erziehen. Nur den Rat möchte ich dir geben, suche die Gottheit nicht in fernen Welten.
(Aus: Der Tod ist das ewige Leben)

Schwächen in Stärken umwandeln

Jahnns neue Strategie besteht aus der vollständigen Ablehnung des Christentums sowie der wilhelminischen Gesellschaftsmoral. Um sinnsuchende Altersgenossen anzusprechen, entwickelt er ab 1915 – Jahnn ist damals 21 Jahre alt – eine freigeistige Marke mit dem Namen Ugrino. Die Weltanschauung der Sekte wird in dem Romanfragment Ugrino und Ingrabanien ausführlich beschrieben. Programmatisch heißt es:

»Im Anfang war das Wort –« Lüge, Lüge! – Im Anfang war der Leib, die Liebe, Gott, Brunft, Hochzeit, Bildhauer, Marmor, Bronze.

Der Grundgedanke von Ugrino besteht darin, das christliche Prinzip der Trennung von Körper und Seele aufzuheben. Jahnns Kunstreligion feiert den Körper, das sinnliche Erleben und die sexuelle Freiheit. Jahnn will mit Ugrino eine liberale Gesellschaft erschaffen, die Außenseiter vorurteilslos begrüßt. Seine Motivation dafür ist verständlich: Aufgrund der lebenslangen Liebe zu seinem Schulkameraden Gottfried Harms – 1913 heiraten die beiden inoffiziell – wird Jahnn früh aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen. In seinem Tagebuch notiert er 1915 verzweifelt:

Wie, und meint Ihr, es gibt nur Hochzeit zwischen Mann und Frau? […] Warum habt Ihr Euch darauf gelegt, das Norm zu nennen, wenn ein Mann sein Glied in den Schoß einer Frau einführt? Die Norm gibt es nicht. Es sind Qual und Not und Lust und Liebe zu einem Strick zusammengeflochten, aber die Lösungen, die glutenden Erlösungen, […] sie sind von Gott gefügt.

Die ersten Mitglieder von Ugrino rekrutieren sich aus dem Freundeskreis von Jahnn und Harms. Hauptsächlich besteht die Gruppe aus jungen Männern wie dem Bildhauer Franz Buse oder dem Mäzen Lorenz Jürgensen. Zusammen verfolgen sie unterschiedliche Ziele: Jahnn will den Orgelbau reformieren, gleichzeitig gründet die Sekte einen Musikverlag, um vergessene Komponisten wie Dietrich Buxtehude zu kanonisieren. In der Öffentlichkeit gibt sich die Sekte unterdessen so freizügig und wild wie möglich – um die Scheinmoral ihrer Zeit zu entlarven.

Ob Sie mit Ihrer eigenen Sekte den Körper, die Seele, Bäume oder das Fliegende Spaghettimonster zu Gott erklären, steht Ihnen frei – Hauptsache es verkauft sich! Plausibilität spielt keine Rolle. Religion beruht auf einer engen Beziehung zum Nichtwissen, sie beantwortet Fragen, auf die es naturgemäß keine Antworten gibt. Scientologen etwa geben all ihr Geld für dieses Produkt aus:

Von Johannes Spengler

Studiert Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin und arbeitet als freier Autor.

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