Die Chancen volatiler Märkte nutzen

Um dem Wehrdienst zu entkommen, flieht Jahnn 1915 nach Norwegen. Als er 1918 zurück nach Deutschland kommt, ist seine Heimat gebeutelt von einer Revolution, Straßenkämpfen und der Hyperinflation. Selbst das Christentum befindet sich in der Krise – eigentlich ein ideales Marktumfeld für Sektengründer. Doch als Ugrino 1920 offiziell ins Vereinsregister eingetragen wird, haben andere Gurus den Markt bereits abgesteckt.

Umgeben von Reformbewegungen, Vegetariern und esoterischen Jodelvereinen entscheidet Jahnn, offensiv an die Öffentlichkeit zu treten. Mit den Orgelkonzerten und dem Musikverlag erregt Ugrino Aufmerksamkeit. Eine gefährliche Taktik, denn junge Sekten sollten klandestin operieren. Wieder schlägt Jahnns Plan fehl. Schon in den dreißiger Jahren wird die junge Bewegung aufgelöst, sie kann erst nach 1945 weitergeführt werden. In der Zwischenzeit verdrängt dieser Weltanschauungs-Monopolist die Konkurrenz vom Markt:

Berlin, Reichstagssitzung, Rede Adolf Hitler

Wettbewerbsverzerrung: Die Sekte NSDAP nutzt unlautere Mittel, um im Glaubensmarkt die Führung an sich zu reißen.

Die Selbstausbeutung der Anhänger fördern

Jetzt, da Sie Ihr Produkt am Markt platziert haben, können Sie beginnen, Ihre Anhänger für sich arbeiten zu lassen. Merke: Ein echter Prophet beschäftigt ein Heer von Ministranten, Wachturm-Verkäufern, und Sharia-Polizisten. Auch die Ugrino-Anhänger werden von Jahnn als Sekretäre oder Laufburschen eingesetzt. Darüber hinaus ist im Gründungsvertrag festgehalten, dass die Vereinsleitung ihr gesamtes Vermögen an Ugrino abtritt.

Die Beamten müssen ihr ganzes Sein und ihren Besitz der Gemeinde anheimgeben. Sie beziehen kein Gehalt. Sie haben eine Amtswohnung inne. Selbstverständlich hat ein jeder das Recht, seine Angehörigen bei sich wohnen zu haben.
(Aus: Verfassung und Satzungen der Glaubensgemeinde Ugrino, §25. a)

Das Kapital investiert Jahnn in Grundstücke, um monumentale pyramidenartige Grabstätten zu bauen; nebst den Orgelkonzerten lässt er auch seine Dramen aufführen. Aus finanzieller Sicht sind diese Unternehmungen allerdings ein Totalverlust. Obwohl Jahnn parallel als Orgelrestaurator, Schriftsteller und Architekt arbeitet, verarmt er zusehends. Er bleibt bis an sein Lebensende auf Almosen angewiesen.

Die Abzocke perfektionieren

Ablasshandel, Kreuzsplitter oder die Haare des Propheten – der Handel mit fragwürdigen Reliquien ist fester Bestandteil jeder Religion und erfüllt zweierlei Zweck:

  1. Durch Wundermittel manifestieren sich spirituelle Wunder in der Realität. Dies vertieft die Kundenbindung.
  2. Sie können die Reliquien gewinnbringend verkaufen!
E-Meter, Scientology

Der Glaube versetzt Berge: Das E-Meter von Scientology soll die Gedanken der Nutzer messen und sie von Aliens befreien.

Ob Ihr Allheilmittel tatsächlich wirkt, ist egal. Das E-Meter von Scientology etwa (ein abgewandelter Lügendetektor) soll außerirdische Seelen aufspüren. Und auch der christliche Ablasshandel war nur deshalb so profitabel, weil ein Sünder erst nach dem Tod prüfen kann, ob der käufliche Gnadenakt funktioniert hat. Die Entwicklung solcher Wundermittel erfordert allerdings viel Kreativität.

Jahnn glaubt bereits 1917, ein Wunderelixier entdeckt zu haben, als er sich selbst mit einer Mischung aus Morphium und Sekt von der Spanischen Grippe heilt. Für den Massenmarkt ist diese Medizin jedoch nicht geeignet. Erst mit dem Urin trächtiger Stuten – und den darin enthaltenen Hormonen – stößt der Hobbyforscher auf ein Produkt, das sich für den flächendeckenden Verkauf eignet. In den 40er Jahren konstruiert Jahnn eine Weltanschauung, die im Hormonhaushalt den Grund aller Dinge vermutet. Erklärt wird die Hormontheorie unter anderem in Jahnns poetischem Hauptwerk, dem Romanepos Fluss ohne Ufer. In einer zentralen Szene, dem Blutaustausch zwischen den Hauptfiguren Gustav Anias Horn und Alfred Tutein, heißt es:

Dies Blut, wir können es mischen. Jedenfalls, dein und mein Blut, wir können das eine für das andere setzen. Denn der Zufall, der in uns die Art und die Mengen der Hormone gemischt hat und Zerfall und Aufbau in uns vorschreibt, unsere Lust und unseren Ekel, die Modelle unserer und das Maß unserer Erkenntnis – hat nichts dagegen.

Rezept: Das Hormonpräparat Miramon zum Selbermachen

Zutaten:
100 Gramm Urin einer trächtigen Stute
100 Gramm gefiltertes Wasser
100 Gramm Honig
1 Teelöffel Nescafé (enthält Nikotinsäure)

Vermischen Sie die Zutaten in einem Topf und füllen Sie das fertige Präparat in eine lichtundurchlässige Flasche.

Hans Henny Jahnn empfiehlt, zwei Wochen lang täglich ein bis zwei Löffel Miramon einzunehmen, um Haarausfall, Impotenz, Hautausschlag, Kropf, Diabetes, Multiple Sklerose, Krebs etc. zu behandeln.

Yegua haciendo pis en un cubo / Mare peeing in a bucket

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Von Johannes Spengler

Studiert Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin und arbeitet als freier Autor.

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