„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufalls-Seite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.

Seite 99 von Frank Schätzings Die Tyrannei des Schmetterlings:

 

Beginnen wir mit dem letzten Satz auf dieser Seite 99:

 

Der Ort vereint zweihundert Einwohner auf sich und die herausragende Besonderheit der einzigen Verkehrsampel im ganzen County, rot leuchtend und sinnvoll wie ein Zebrastreifen in der Antarktis.

Die erste Hälfte des Satzes könnte man auch so formulieren:

Der Ort hatte zweihundert Einwohner sowie die einzige Verkehrsampel im ganzen County.

Die Ampel steht nicht einfach auf Rot, sie leuchtet rot. Und sie ist nicht nur „rot leuchtend“, sondern auch noch „sinnvoll wie ein Zebrastreifen in der Antarktis“, also sinnlos. Hier frisiert einer seine Sprache.

Schauen wir uns den Dialog an:

„Die Fotos sind Ihnen zugegangen?“

„Darum rufe ich selbst an. Die Tote war eine enge und wichtige Mitarbeiterin unseres Unternehmens.“

Reden Menschen so? Würde man nicht eher fragen: „Sie haben die Fotos bekommen?“ Auch die Formulierung „eine enge Mitarbeiterin unseres Unternehmens“ knirscht in meinem Ohren. Vielleicht liegt es daran, dass ein Unternehmen als abstrakte Größe keine „engen“ Mitarbeiter haben kann. An der Wendung „eine enge Mitarbeiterin von mir“ störe ich mich dagegen nicht. Oder ist die Unschärfe ein diskreter Hinweis darauf, dass sich van Dyke dieser Mitarbeiterin besonders eng verbunden fühlte, dies aber nicht offenlegen möchte?

„Die Tote war eine enge und wichtige Mitarbeiterin unseres Unternehmens.“

Im nächsten Satz erfahren wir, dass Luther glaubt, ein kurzes Stocken hinter „Tote“ zu hören,

als könne van Dyke nur schwer akzeptieren, dass er seine Mitarbeiterin nicht lebend wiedersehen wird.

Ist es plausibel, dass ein leitender Angestellter eine “enge” Mitarbeiterin eiskalt als „die Tote“ bezeichnet? Im Übrigen scheint Luther davon auszugehen, dass man den Tod von engen Mitarbeiterinnen normalerweise ohne Weiteres akzeptiert, sonst würde er es nicht erwähnenswert finden, dass van Dyke ihren Tod „nur schwer akzeptieren“ kann.

Und wieder fallen mir aufgeblasene Formulierungen auf:

… dass er seine Mitarbeiterin nicht lebend wiedersehen wird.

heißt: „dass seine Mitarbeiterin tot ist“.

Eine Sekundenstille entsteht.

heißt: „Für Sekunden war es still.“

 

So wie jedes Mal, wenn ein namenloser Leichnam sich wieder in einen Menschen verwandelt, der eine Persönlichkeit und ein Leben hatte.

Der Leichnam verwandelt sich in einen Menschen, “der eine Persönlichkeit und ein Leben hatte“. Auf fast gruslige Weise werden hier Dinge benannt, die sich von selbst verstehen. Wie müsste man sich einen Menschen denn vorstellen, der keine Persönlichkeit oder gar kein Leben hat? Und ist ein toter Mensch kein Mensch mehr?

Man könnte einwenden, das sei Wortklauberei, niemand lese so genau. Doch unser Unbewusstes registriert diese Unstimmigkeiten. Bei mir legte sich ein schwer zu fassendes Unbehagen über die Lektüre. Der Versuch, diese hingeschluderten Formulierungen scharfzustellen, führt mich immer mehr ins Diffuse.

Van Dyke kann nicht erklären, was Pilar Guzmán – so heißt die Tote – in der vergangenen Nacht getan hat. Darauf sagt Undersheriff Luther:

Tja, was es auch war, in direkter oder indirekter Folge baute sie einen Unfall.

Abgesehen davon, dass „in direkter oder indirekter“ Folge wieder unscharf ist (geht es um Kausalität oder nur eine zeitliche Abfolge?), kommt mir das „Tja“ am Satzanfang ziemlich pietätlos vor: Immerhin ist hier ein Mensch zu Tode gekommen. Wenn man weiterliest, wird einem klar, warum Luther das nicht ganz ernst nimmt (spoiler alert!): In einem Paralleluniversum ist Pilar Gunzmán für den Rest des Romans dann wieder quicklebendig. Luther weiß das zwar in diesem Moment so wenig wie wir. Wer es dagegen weiß, ist Luthers Erfinder Frank Schätzing. Ob Schätzing sein Autorwissen absichtlich in die Figurenrede hat einsickern lassen?

Die stilistischen Schwächen sind derart offensichtlich, dass man sie gern für Absicht halten möchte. Dies gilt auch für die auffälligste stilistische Eigenheit: Der Roman liest sich insgesamt (ich kenne das ganze Buch) wie eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen. Immer wieder baut Frank Schätzing in sein deutsches Original Amerikanismen ein, Dinge werden „zu niemand Bestimmtem“ gesagt, und man begegnet Formulierungen wie

… echot Ruth.

… rückversichert sich Luther.

… alpträumt Jodie.

Will Frank Schätzing uns das Amerika-Feeling auch subkutan spüren lassen? Sein Thriller – in Wahrheit ein Thesenroman zur künstlichen Intelligenz – spielt schließlich in Kalifornien (nebst den Paralleluniversen).

 

Fazit

Es gäbe viel zu lektorieren auf den 736 Seiten, und danach wäre das Buch nur noch halb so dick.
Nur: Warum sollte man? Dem Verkauf tut die stilistische Schlamperei offenbar keinen Abbruch.

Angaben zum Buch
Frank Schätzing
Die Tyrannei des Schmetterlings
Roman
Kiepenheuer & Witsch 2018 · 736 Seiten · 26 Euro
ISBN: 978-3462050844
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Die Reproduktion der Seite 99 aus Frank Schätzings Roman Die Tyrannei der Schmetterlinge erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
Buchcover: Kiepenheuer & Witsch

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Absolute zutreffend. Stilistisch einer der schlechtesten Texte, die ich seit langem gelesen habe. Ich hatte erst gedacht, versehentlich eine stümpferhafte englische Übersetzung auf meinen US-Kindle geladen zu haben. Aber offenbar hat das einzig Frank Schätzing selbst zu verantworten. Die Frage, die sich mir stellt, ist, warum er in Deutschland dennoch so hochgejubelt wird?

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  2. Martin Lechner 25. Juni 2018 um 10:09

    Schätze, das Buch werde ich nicht lesen. Eine Frage hat mich allerdings verwundert: Reden Menschen so? Nun, wer kann das wissen? Was, wenn es einen gibt, der so redet? Müssten wir ihm dann sagen, dass Menschen eigentlich so nicht reden? Natürlich nicht. Was ist also gewonnen mit dieser Blickrichtung? Oder besser: Was ist verloren? Müsste man nicht, wie es weiteren auch getan wird, genauer schauen, warum die Schätzingfiguren so reden, was damit gesagt wird, dass sie so reden? Falls damit etwas gesagt wird.

    Antworten

    1. Das ist ein berechtigter Einwand. Es gibt für mich das Kriterium der Plausibilität. Im Roman wird eine eigene Welt geschaffen, die ihren eigenen Gesetzen folgt, jedenfalls wenn wir es tatsächlich mit Kunst zu tun haben und nicht mit einer nach Schema X hergestellten, konsumierbaren Ware. Doch diese Welt muss in sich stimmig sein. “Was, wenn es einen gibt, der so redet?” Den muss es natürlich nicht in der Welt außerhalb des Romans geben, aber es muss in der Welt des Romans glaubwürdig sein. Das meinen Sie ja mit der Frage, ob es einen Sinn hat, dass die Schätzingfiguren so reden, wie sie reden.
      In diesem Sinn müsste ich mein Urteil dahingehend präzisieren, dass ich mir auch innerhalb des Romans nicht vorstellen kann, dass jemand so redet. Es wirkte für mich in diesem Roman unnatürlich, papieren, ausgedacht. Wobei mir klar ist, dass der Roman ohnehin etwas Ausgedachtes, also Gemachtes ist – nur: Kunst ist es eben dann, wenn man ihm das Gemachte nicht mehr ansieht (außer natürlich, wenn der Verweis auf das eigene Gemachtsein Teil des Kunstwerks ist, also eine innere Gesetzmäßigkeit entwickelt). Flaubert hat das in seinen Briefen sehr schön formuliert: Der Autor sollte in seinem Werk anwesend sein wie Gott, er hat alles geschaffen, ist jedoch selbst unsichtbar. Und diese Forderung (die ja nur für irgendwie “realistische” Literatur gelten kann), wird für mich nicht erfüllt, wenn ich in der Figurenrede den Autor spüre.

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