Frank Heibert

Diese Page 98 erfordert erst einmal inhaltliches Sortieren, da auf mehr als einer Ebene erzählt wird. Der Ausschnitt beginnt mit einer drastischen Folterszene, die sich schnell als Bildbeschreibung entpuppt. Wer beschreibt da und warum?

Die Hauptfigur ist ein Professor, dessen kurioser Name Skizzen sofort die Frage nach dem Sprachtransfer aufwirft – was assoziieren die englischsprachigen Originalleser: das Slangwort „skizz“ für (ekliges) Ejakulat (muss nicht jeder kennen) oder das deutsche Wort „Skizze(n)“, das auf einen jüdisch-jiddischen Namen hindeutet? Da Eigennamen, auch sprechende, allermeist nicht übersetzt werden, muss man nicht sofort über die Übersetzung nachdenken.

Professor Skizzen, so erfahren wir, findet das Folteropfer, den heiligen Erasmus, interessant, und zwar vor allem wegen des scheinbaren Zwar-Aber-Widerspruchs, den er in der Sekundärliteratur über den Heiligen entdeckt:

Es gab ihn zwar, aber es ist fast nichts über ihn bekannt.

Dieser Satz dürfte den Autor ebenso faszinieren wie seine Figur: Da hat also jemand nachweislich existiert und ist als Person nicht recherchierbar – so recherchiert Skizzen –, ein (Heiligen-)Promi ohne Paparazzi und Google! (Der eigentliche Widerspruch folgt aus dem historischen Abstand, dazu später.) Das Vergnügen an diesem fein geflochtenen Gedanken könnte die gesamte Haltung des Erzählers charakterisieren, so versonnen augenzwinkernd, wie es daherkommt; man kann hier wohl mit reflexionsgesättigter Prosa rechnen.

Wir haben also ein Heiligengemälde mit anschaulicher Märtyrerfolterung, davon angeregt Skizzens Nachforschungsfrüchte über Erasmus mit Zitaten aus zwei Quellen und schließlich die Reaktionen des Professors, der sich offenbar nicht qua Amt mit Heiligen und ihren Darstellungen beschäftigt, sonst wüsste er mehr darüber: Die summarisch als „verhängnisvoll“ bezeichnete Folterszene löst in ihm „Neugier“ aus, er empfindet sie als „herzzerreißend“. Daneben aber beneidet er Erasmus um seine völlige Unsichtbarkeit hinter dem ominös-kostümhaften Heiligenstatus – als „gesegneten Zustand“ bewertet er das und klebt Erasmus (die Abbildung? die Quellenzitate?) „stolz“ in sein Erinnerungsbuch ein.

Darüber muss man psychologisch einen Moment nachdenken. Worauf könnte Skizzen hier stolz sein? Es gibt keine Instant-Antwort auf diese Frage, Gass verleiht seiner Figur mit diesem eigentlich unlogischen Gefühl Tiefe und Glaubwürdigkeit. Authentische Menschen sind oft unlogisch bzw. folgen ihrer eigenen Logik. Bei Prof. Skizzen sieht das so aus: Er beneidet den heiligen Promi Erasmus um den „gesegneten Zustand“ der Anonymität, was nur bemerkenswert ist, wenn man den historischen Abstand ignoriert und es mit dem Blick von heute sieht; und irgendwie erfüllt ihn das mit Stolz – auf Erasmus (als hätte der was dafür geleistet) und auf sich selbst, den Durchschauer dieses Phänomens.

Die verklausulierte Denkschärfe dieses Textes findet ihr Pendant in der kleinteiligen Präzision der Bildbeschreibung (bis hin zu „acht Umdrehungen“ des von den Schergen auf eine Stange gerollten Gedärms). Trotz des übergenauen Hinschauens und Durchdenkens wird ein unangestrengter Ton angeschlagen, eine leicht amüsierte Empathie (dahinter könnte Derberes lauern, man bedenke den Namen). Die Sprache ist mühelos komplex und glasklar.

Respektvollen Dank also an den Übersetzer Nikolaus Stingl, dessen souverän sprachgestaltetem Text ich mich gern anvertraue. Neugierig wäre ich auf das englische Originaladjektiv zu ‚heiter‘ — so klingt für Skizzen der nachhallende Sekundärliteratur-Satz über Erasmus‘ Prominenz und Anonymität:

Eine andere Autorität äußerte sich weniger heiter.

Das lädt ähnlich zum Nachdenken ein wie „stolz“, offenbar typisch für Gass‘ Erzählweise.

Beim Lesen dieses Textes sollte man nicht eilen, sondern sich darauf einstellen, dass die Details ihre eigene Wirkung entfalten: auf dem Gemälde die relative Leere von Himmel und Erde sowie die „imaginären“, ein Feld „heimsuchenden“ Schmetterlinge, dann die blätterteighafte Vielschichtigkeit des zitierten Satzes, inklusive der „heiteren“ Haltung dahinter, im weiteren die Beschreibung des Heiligenstatus als „unheimliche Verkleidung“ und, alternativ, „Tanzkostüm“ – und schließlich eben der „Stolz“ des Prof. Skizzen.

Auf nur einer einzigen Seite gar nicht wenige Details, die kleine Erkenntnisse und überraschend eingefärbte Blickausschnitte bereithalten. Das macht Lust darauf, das Gesamtkonstrukt der Erzählung kennenzulernen. Auf diesen Roman muss man sich einlassen; und wenn man sich von ihm führen lässt, verspricht er eine Menge zu zeigen.

Angaben zum Buch
William H. Gass
Mittellage
Roman
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag 2016 · 608 Seiten · 29,95 Euro
ISBN: 978-3498025274
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Von Sieglinde Geisel und Frank Heibert

2 Kommentare

  1. Ich kann verraten: der Roman hält wirklich, was Seite 89 verspricht.
    lg_jochen

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    1. Seite 98 natürlich! (Aber Seite 89 ist auch prallvoll mit schönen Sätzen.)

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