• „Wenn du ein Adjektiv triffst, töte es.“ (Mark Twain)
  • „Das Adjektiv ist der Feind des Substantivs.“ (Voltaire, zit. nach Schopenhauer)
  • „Das Adverb ist nicht dein Freund.“ (Stephen King)

Adjektive haben keinen guten Ruf, weder in der Literatur noch in Gebrauchstexten. „Schreibe mit Substantiven und Verben, nicht mit Adjektiven und Adverbien“, empfiehlt der amerikanische Stilklassiker Elements of Style. In Wolf Schneiders Deutsch für Profis trägt ein Kapitel gar die Überschrift „Weg mit den Adjektiven!“ Stephen King drückt es in Das Leben und das Schreiben poetischer und zugleich drastischer aus:

Der Weg zur Hölle ist mit Adverbien gepflastert, und das rufe ich von den Dächern!

Adverbien seien wie Gänseblümchen: Ein Einzelnes sei hübsch anzusehen und etwas Besonderes, doch wenn man nichts dagegen unternehme, sei bald die ganze Wiese voll mit Gänseblümchen. Auf einmal erkenne man in ihnen das Unkraut.

Das Angeworfene

Ein Verb ist für einen vollständigen Satz zwingend notwendig: Verben tun etwas, von ihnen hängt die Dynamik des Satzes ab. Substantive wiederum verleihen einem Satz, wie der Name schon sagt, Substanz: Sie sind zuständig für das Was. Verben und Substantive erscheinen als Akteure, Adjektive und Adverbien dagegen sind nur ihre Begleiter. Das Wort „Adjektiv“ kommt bekanntlich aus dem Lateinischen und bedeutet „das Beigefügte“, wörtlich sogar „das Angeworfene“. Das Adverb wiederum wird buchstäblich zum Verb „addiert“. Beide Wortarten folgen den gleichen Prinzipien.

Womit haben sich die Begleit-Wörter ihren schlechten Ruf verdient? Es gibt viele Gründe, sie misstrauisch zu betrachten. Oft sind sie Trittbrettfahrer. Sie lassen sich faul mitziehen von ihrem Wort, im Satz liegen sie herum wie Gerümpel:

  • ein verheerendes Unwetter
  • ein schwarzer Rabe
  • die Lampe leuchtet hell

Solche Adjektive kosten nichts, und sie leisten auch nichts. Im Gegenteil: Sie schwächen das Substantiv, weil sie nur verdoppeln, was dieses bereits enthält. „When in doubt, strike it out“, rät daher Mark Twain.

Stephen King verlangt vom Adjektiv, es müsse „nützliche Arbeit leisten“. Dass ein Adjektiv nützliche Arbeit leistet, merkt man daran, dass man selbst bereit ist, für es zu arbeiten. Einem angehenden Journalisten riet der französische Journalist und Politiker Georges Clemenceau zu einfachen Sätzen, und bevor er ein Adjektiv verwenden dürfe, müsse er seinen Vorgesetzten im dritten Stock besuchen und ihn fragen, ob er dürfe. Auch Stephen King verwendet diesen Trick.  Allerdings befinden sich bei ihm die Adjektive im Keller, man muss hinuntergehen, wenn man eines holen will.

Den Wörtern vertrauen

Manchmal sind Adjektive allerdings keine Trittbrettfahrer, sondern das Gegenteil: Sie werden vor den leeren Karren eines langweiligen Substantivs gespannt, und oft sind sie dann so nichtssagend wie dieses. Formulierungen wie „in soziologischer, historischer, politischer und institutioneller Hinsicht“ sind typisch für Wissenschaftsprosa. Die Adjektive sollen kompensieren, was das Substantiv nicht leistet. Doch das ist vergebliches Bemühen. In Elements of Style heißt es:

Das Adjektiv ist noch nicht erfunden worden, das einem schwachen oder unpräzisen Substantiv aus der Klemme helfen kann.

Wer Beiwörter benutze, habe kein Vertrauen in seine Wörter, schreibt Stephen King. „Mit Adverbien sagt uns der Autor gewöhnlich, dass er oder sie befürchtet, er oder sie drücke sich nicht klar aus.“ Wer den Sonnenschein schön und die Gewitterwolken düster nennt, traut den Substantiven nicht zu, dass sie diese Eigenschaft aus eigener Kraft transportieren.

Das Adjektiv als Etikett

Redundante Adjektive verraten eine entscheidende literarische Schwäche: Sie sagen etwas nur und zeigen es nicht. Der Satz „Er schaut traurig aus dem Fenster“ zeigt uns nicht, dass dieser Mann traurig ist, es wird nur behauptet, dass er traurig sei. Auf diese Weise entsteht das, was Paul Valéry „vorfabrizierte Poesie“ nennt: Alles ist bereits gesagt, wir müssen und dürfen uns nichts mehr vorstellen, können dem Text nicht mehr antworten. Solche Adjektive entmündigen den Leser, der nicht mehr selbst herausfinden kann, ob der Mann am Fenster traurig oder fröhlich ist. Wir entnehmen es dem Etikett und wissen Bescheid.

Eine Zeile wie „Der Mond ist aufgegangen“ dagegen respektiert die Autonomie des Lesers:  Ob der Mond silbern scheint oder ein fahles Leuchten verbreitet, entscheiden wir.

Kann man die Qualität eines Texts also an den Adjektiven ablesen? Es erfordert mehr Können, den Figuren und Dingen in einem Text Eigenschaften zu verleihen, ohne ihnen dazu Eigenschaftswörter anzukleben. Doch das ist per se noch kein Argument gegen Adjektive. Die folgenden Beispiele zeigen, dass es darauf ankommt, was man mit ihnen macht. Im Umgang mit Adjektiven offenbart sich das Sprachbewusstsein eines Autors oder einer Autorin.

Wer kann, darf.

Karl-Ove Knausgård

  • „Sie war blass und dünn, mit hellen Sommersprossen und rotblonden Haaren.“
  • „Sie hatte schwarze lockige Haare, markante Augenbrauen und klare blaue Augen.“

Jedes Substantiv mit einem Adjektiv zu versehen, zeugt von schlechtem Stil – und zwei Adjektive pro Substantiv zeugen von noch schlechterem Stil. Karl-Ove Knausgård jedoch bringt es fertig, seine Adjektiv-Orgie am Ende mit einer Kadenz von drei Adjektiven zu krönen:

  • „Sie war neunzehn, hatte einen großen, massigen Körper und ein rundes, weiches Gesicht mit blauen, fröhlichen Augen und hellen, gekräuselten, dauergewellten Haaren.“

Trotz dieses Adjektiv-Bombardements, das übrigens ausschließlich auf den weiblichen Körper zielt, sehen wir keine Person vor uns. Die Adjektive sind zu lasch. Ein gutes Adjektiv erkenne man daran, dass man es nicht austauschen könne, so eine Erkenntnis von Valéry.

James Joyce

James Joyce fegt alle Warnungen der Schreibratgeber vom Tisch. Er ist ein Virtuose des Adjektivs. Dies zeigen ein paar zufällig ausgewählte Beispiele aus Ein Porträt des Künstlers als junger Mann:

  • „he could feel about him a vague general malignant joy“
    „…spürte er doch eine undeutliche allgemeine Schadenfreude um sich her“

Die englische Version enthält ein Adjektiv mehr als die deutsche Übersetzung: „malignant joy“ wird mit „Schadenfreude“ übersetzt. Doch gerade wegen diesem Adjektiv ist das Original hier stärker. Bei der „boshaften Freude“ erschreckt uns der Gegensatz von Freude und böser Absicht, beim Wort „Schadenfreude“ jedoch ist die Luft raus. Das Wort „Schadenfreude“ ist abgenutzt, Joyce hat dagegen mit „malignant joy“ eine neue Verbindung erfunden.

  • „A hot burning stinging tingling blow like the loud crack of a broken stick made his trembling hand crumble together like a leaf in the fire.“
    „Ein heißer brennender sengender kribbelnder Schlag wie der laute Knall eines entzweigebrochenen Stocks ließ seine zitternde Hand zusammenschrumpfen wie ein Blatt im Feuer.“

Vom Rhythmus und den Assonanzen her ist das Englische in dieser Passage nicht zu überbieten. Die Adjektive haben sich von ihrer dienenden und dekorativen Rolle emanzipiert, sie treiben das Wort, die sie begleiten, vor sich her. Sie verrichten nützliche Arbeit, indem sie dem Satz Dynamik verleihen, als wären sie Verben, was sie, als Partizipien, ja tatsächlich einmal waren.

Als der junge Stephen Dedalus von vernichtenden Schuldgefühlen heimgesucht wird und sich als Sünder in einer ausweglosen Situation sieht, inszeniert Joyce diesen Seelenzustand effektvoll mit Adjektiven.

  • „The end: black cold void waste.
    Consciousness of place came ebbing back to him slowly over a vast tract of time unlit, unfelt, unlived.“
    „Das Ende: schwarze kalte leere Öde.
    Das Bewußtsein, wo er sich befand, ebbte langsam zu ihm zurück, über eine weite Strecke Zeit, unerleuchtet, ungefühlt, ungelebt.“

Die Aufgabe der Adjektive ist hier eine musikalische. Man hört, was sie bedeuten, zum einen in den dunklen Vokale, die selbst schwarz und leer scheinen, zum anderen durch die doppelte Zurückweisung, sowohl in der Wortbedeutung als auch in der so endgültig wirkenden Einsilbigkeit. Im nächsten Satz erhalten diese drei Todes-Adjektive ein kontrastierendes Echo. Auch hier sind die Adjektive Rhythmus und Klang, diesmal sind die Vokale hell und geben damit ebenfalls im Klang wieder, was sie bedeuten. Die beiden „i“ und das „e“ werden jedoch jedes Mal von einem „u“ verdüstert. Die sich semantisch steigernden Adjektive künden von Helligkeit, Gefühl und Leben – das dreifache „un“ jedoch zeigt die Unmöglichkeit all dessen an.

Nur Adjektive können so etwas leisten – wenn man sie nicht verachtet, sondern sich ihnen zuwendet, sie formt und gestaltet.

 

Verwendete Literatur:

Stephen King: Das Leben und das Schreiben
Heyne Verlag 2011 · 384 Seiten · 10,99 Euro
ISBN: 978-3453435742
Bei Amazon oder buecher.de

Wolf Schneider: Deutsch für Profis
Goldmann-Verlag 2001 · 288 Seiten · 8,95 Euro
ISBN: 978-3442161751
Bei Amazon oder buecher.de

William Strunck jr. & E. B. White: The Elements of Style
Pearson Longman 1999 · 116 Seiten · 9,40 Euro
ISBN: 978-0205309023
Bei Amazon oder buecher.de

Karl-Ove Knausgård: Leben
Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
btb 2015 · 624 Seiten · 11,99 Euro
ISBN: 978-3442713066
Bei Amazon oder buecher.de

James Joyce: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann
Aus dem Englischen von Klaus Reichert
edition suhrkamp 1987 · 539 Seiten · 14,00 Euro
ISBN: 978-3518114353
Bei Amazon oder buecher.de

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Lars Hartmann 10. August 2016 um 9:48

    Zwei Varianten von Adjektivfeuer möchte ich zitieren: Einmal aus einem Brief Lavaters an Goethe aus dem Jahr 1774:

    „Meine Frau, liebster Goethe, ist ein gutes, Herzgutes, sanftes, Daubenähnliches, lang u. zart u. reinlich gebildetes, geduldiges, unschuldiges Herzens Lämmchen – ein edles, stilles, friedsames, in meinen Armen unaussprechlich anmuthvolles – mich unaussprechlich beglückendes Weibchen; ungelehrt, ungestutzt, ohne Coketerie u. Prätension. (…) Nichts weniger als schön – aber voll Anmuth u. edler Jungfräulichkeit – Amen! Hallelulja –“

    Und dann ein Phantasie-Stück aus der schwarzen Romantik:

    „Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen Elbstroms, hinter demselben streckte das herrliche Dresden kühn und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen Himmelsgrund, der sich hinabsenkte auf die blumigen Wiesen und frisch grünenden Wälder, und aus tiefer Dämmerung gaben die zackichten Gebirge Kunde vom fernen Böhmerlande.“ (E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf)

    In beiden Fällen funktionieren die Adjektive – wie bei Joyce im Grunde. Ob Autoren allerdings heute noch so wie Hoffmann schreiben sollten und ob es immer noch so stark wie bei Hoffmann wirkt, ohne daß es in die Gefälligkeit driftet oder in schlechte Prosa wie bei Knausgård, bezweifle ich.

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  2. In Stifters Hochwald spielt ein Adjektiv eine bedeutende Rolle. Im Hörensagen deutet sich an, dass ein Wildschütz kleine Kugeln gebrauche:

    Man fand den Müller im Parkfriedergehölze beim Muttergottesbilde, wo sich die Wege theilen, und keine einzige Wunde an seinem Leibe, als das Loch der kleinen Kugel durch die Schläfe, und kein Mensch, als nur dieser Wildschütze, gebraucht so kleine Kugeln.

    »Aber in den Glöckelbergen schwemmte der Bach erst neulich die Knochen eines Eberkopfes aus, in denen die kleine Kugel steckte.«

    Als dann unvermittelt ein Geier über dem idyllischen Bergsee erschossen wird und kein Schütze zu erblicken ist, wirkt dies gespenstisch. Der Absatz nach dem Hall des Schusses ist ohne Adjektive und adverblos zweifelsfrei verständlich. Doch spannen die Adjektive einen weiten Raum auf, dehnen eine große Spannung, die erst mit dem „gelassen“ und „unbefangen“ des Oheims am Ende zusammenfällt. Die Sonne wird als weißglühende Lichtkugel in Dimensionen des Alls versetzt, die Schatten machen sich breit, das Abendlicht wird müde belebt, während der erschossene Vogel naturwidrig toth ist. Wieder das Extrem Weiß, welches in die Augen gleißt. Ein Schimmer ist grünrot, nicht politisch rotgrün, aber als Nichtnaturkind fehlt mir eine Ahnung, ob diese Komplementärfarben gemeinsamen Auftritt haben können. Das Ufer ist sumpfig, was keine Redundanz zum Gewirre der Baumstämme bildet und also berechtigt ist. Jeder kleinste Zweig, treibt Stifter die Maßstäbe weiter ins Extreme. Ganz wie Bashō lässt er einen Frosch ins Wasser springen und nur lieblich leichte Wellen schlagen. Mit nicht dem geringsten Anzeichen rührt Stifter wieder ans Extrem. Irgendein Schütze ist wieder ganz vage. Das gute Auge des Schützen droht heute missverstanden zu werden als moralisch gutes. Wieder spannt Stifter das Betttuch auf, indem die Ruderschläge langsame sind. Ebenso langsam ist vielleicht die Sonne vor- und niedergerückt und hat die Schatten breiter werden lassen, doch antagonistisch schnell hat der Schuss den Geier vom Himmel geholt. Zwei doppelte Adjektive tauchen nun auf, die die Situation ins Klingen bringen: „die langen triefenden Schwingen, die nassen klebenden Federn“. Keine zwei Adjektive hintereinander tauchen sonst auf in diesem Absatz. Lautmalerisch hat er also zähes A-I-I wie A-E-E getuscht. Gleich darauf schrumpft es indes auf das eine Adjektiv sehnig zurück.

    Warum nicht eine nur kleine Kugel? Nein, eine sehr kleine vermerkt Stifter. Die Steigerungsform sehr bereitet uns vor, Johannas und Clarissas Reaktion zu verstehen. Sehr lässt sich als außergewöhnlich verstehen, was den Spukgeschichten Raum gewährt. Mit hier wieder nur einfachen Adjektiven ist Clarissas Auge gespannt und Herz klopfend. Der lederne Beutel des Oheims erinnert dabei an Cooper.

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  3. Bemerkenswert, dieser letzte Satz von Holio. Wird mir wie Joachim Kaisers Ausruf: „Ein Hoch dem Hornisten!“ am Schluß einer Musikkritik in Erinnerung bleiben: unverhofft, eine Spur ungewollt witzig.

    Ich liebe die grimmigen Stilgebote Strunks.

    Die Verteidigung angemessener Adjektive und Adverbien gefällt mir, besonders der Hinweis auf ihre Rolle in Melodie und Rhytmus.

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