Liebe Sieglinde Geisel,

es freut mich, dass Ihnen mein kürzlich in Ihrem Online-Magazin tell erschienener Aufsatz über „Kleists Briefwechsel mit einer Dame“ gefallen hat, jenes Manuskriptkonvolut, dessen Echtheit derzeit geprüft werden dürfte.

Da Sie an ungehobenen literarischen Schätzen interessiert sind, möchte ich Ihnen nun von einer weiteren Entdeckung berichten. Wie Sie wissen, ziehe ich nicht, wie die Kolporteure früherer Jahrhunderte, erfundene Geschichten aus meinem Bauchladen; vielmehr belege ich im einzelnen die Recherchen zu dem Fall, über den ich Ihnen schreibe.

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Staatsbibliothek, Handschriftenarchiv

Die Bibliothek, um die es dabei geht, ist Wissensspeicher und Fiktionsreservoir zugleich: Der Bestand der größten Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum, der Staatsbibliothek zu Berlin[1], umfasst rund zehn Millionen Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, mehr als zwei Millionen Mikroformen sowie Inkunabeln, Drucke, Karten, Bilder und Autografen in großer Zahl, darunter den in 42 Kisten archivierten handschriftlichen Nachlass des so produktiven wie erfolgreichen Dichters, Schriftstellers, Übersetzers und Herausgebers Johann Ludwig Tieck[2], der Jugendschriften enthält, Briefe, Essays, Bearbeitungen, Übersetzungen, ein unvollendetes Buchmanuskript über Shakespeare, ein 455 Blätter umfassendes englisches Wortregister zu dessen Werk sowie diverse Kryptonachlässe anderer Autoren, zu denen Heinrich von Kleist gehört.

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Staatsbibliothek, Handschriftenarchiv

Anders als seinem Nachlassverwalter war Kleist, wie Ihnen bekannt sein dürfte, trotz oder wegen der Ambition, „der größte Dichter seiner Nation zu werden“[3], prae mortem kein bemerkenswerter literarischer Erfolg beschieden.

Sein kurzes Leben gibt aufgrund der kümmerlichen Quellenlage immer wieder Anlass zu Spekulationen – so die mysteriöse, im Jahr 1800 unternommene Reise nach Würzburg, die im Zeichen eines Spionageauftrags, einer Phimose-Operation oder eines gewitzten Spiels „mit Formen der Geheimhaltung“[4] gestanden haben mag.

Zeigen zahlreiche Gemälde, Zeichnungen, Reliefs und Scherenschnitte den Erfolgsschriftsteller Tieck in verschiedenen Lebensstadien, so gibt es nur ein offizielles, von Peter Friedel geschaffenes Porträt des jungen, fast kindlich wirkenden Kleist, der sich das Bildnis „ehrlicher“ gewünscht hätte, so dass sich nicht mit Bestimmtheit sagen lässt, wie er wirklich ausgesehen hat.[5]

Aber, liebe Frau Geisel, nicht nur Kleists Leben ist in Teilen geheimnisvoll: Ich habe seit kurzem vielmehr Anlass zu vermuten, dass sein Berliner Kryptonachlass mit einem Geheimnis verbunden ist, das den Literaturbetrieb unserer Tage umtreibt.

Erhielt ich doch vor wenigen Wochen die E-Mail eines Anonymus, aus der hervorgeht, dass sich unter den zahlreichen, im letzten Herbst auf Amazon verlagsfrei publizierten Kindle-E-Books, die aus rechtlichen Gründen nach wenigen Tagen gelöscht werden mussten[6], die Erzählung Under Cover des britischen Dichters, Schriftstellers und Übersetzers James Kirkup[7] befunden haben soll. Laut Anonymus handelt es sich bei dem von unbekannter Hand eingestellten Text um eine autobiografisch inspirierte Erzählung, im Kern also, wie es angeblich in Kirkups Vorwort heißt, um eine „true story“ aus dem Sommer des Jahres 1963, in dem US-Präsident John F. Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg mehrfach bekundete, er wäre ein Berliner.

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Staatsbibliothek, Handschriftenarchiv

Wenige Monate zuvor, im Januar 1963, hatte Peter Brook das Dürrenmatt-Drama Die Physiker in Kirkups englischer Fassung mit Erfolg am Londoner Aldwych Theatre uraufgeführt. Auf diese Weise ermutigt, soll Kirkup beschlossen haben, ein weiteres Theaterstück aus dem Deutschen zu übertragen. Ein Reisestipendium der „Royal Society of Literature“ hat es dem 45-Jährigen wohl ermöglicht, in der Berliner Staatsbibliothek das Lustspiel Der zerbrochene Krug in der Originalhandschrift zu studieren, die sich im Kleistschen Kryptonachlass befindet. Zugleich will Kirkup nach Anonymus die rund zwanzig Seiten umfassende Short Story Under Cover geschrieben haben, deren Erzähler, ein britischer Autor mit dem Namenskürzel K., sich ebenfalls täglich in der „Staatsbibliothek zu Berlin“ ausgiebigen Kleist-Studien widmet. Anonymus gibt den Inhalt von Under Cover in seiner E-Mail ungefähr folgendermaßen wieder:

Erregt ruft er, auch Kafka habe nicht geplottet, und entnimmt dem Kühlschrank mehrere Flaschen „Mythos“ auf einmal.Nach Bibliotheksschluss hält sich K. regelmäßig bis spät nachts in dem skurrilen, auf Science Fiction spezialisierten Kreuzberger Antiquariat „Another Country“ auf, das Buchladen, Leihbibliothek und Club zugleich ist. Neben englischsprachiger Literatur wird griechisches „Mythos“-Bier angeboten, das man auf durchgesessenen Sofas und Sesseln zu sich nehmen kann. K. lernt eines Abends zwei angetrunkene Amerikaner kennen, einen ehemaligen GI und einen 26-Jährigen Schriftsteller, die, maskiert als Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald, über „evil books“ diskutieren. Der junge Autor aus den Staaten prahlt, er habe bereits “a Tom Wolfe period, a Scott Fitzgerald period, a Byron period, a Henry James period, a Nelson Algren period, a Faulkner period” hinter sich und wolle nun an einem Libretto arbeiten, das auf Science Fiction wie Ray Bradburys Martian Chronicles basieren könne. Zugleich recherchiere er in der Staatsbibliothek für seinen zweiten Roman, nachdem sein Debüt kürzlich für den National Book Award nominiert worden sei. Trotz mehrerer Versuche gelingt es ihm nicht, die verworrene Handlung seines Buches wiederzugeben, das dem Weltbild der Chaostheorie geschuldet zu sein scheint. Erregt ruft er, auch Kafka habe nicht geplottet, und entnimmt dem Kühlschrank mehrere Flaschen „Mythos“ auf einmal.

Mythos-Bier, Flaschen

Was er von Kleist halte, fragt K. nach einem Moment des Schweigens. Der andere bringt sofort einen Toast aus und offenbart, dass er in der Staatsbibliothek nicht nur Soldatenmagazine wie „Stars and Stripes“ lese, sondern auch das Kleistsche Werk. Eines der großen Themen Kleists, „the fundamental deceivability of man“, so der Erzähler K. in Under Cover, nehme der junge Amerikaner für sich selbst in Anspruch. Auch behaupte er, Kleist im Streben nach Anerkennung nahe zu sein. „Ruhm ist das größte der Güter der Erde“ zitiert der junge Schriftsteller aus den USA die Kleist-Sentenz in akzentfreiem Deutsch. Allerdings sei Kleist bekanntlich erst post mortem die ersehnte Ehre zu Teil geworden. Und so denke er darüber nach, ob sich Ruhm nicht auch erlangen ließe, indem man „the death of the author“ prae mortem inszeniere, was in etwa hieße, mit der eigenen medialen Absenz zu spielen, durch den Literaturbetrieb zu gespenstern, hier und da Spuren hinterlassend, die in die Irre führen und Spekulationen auslösen: Ist der Autor identisch mit einem anderen Autor, ist er ein Autorenkollektiv etc.

„Let me be unambiguous: I prefer not to be photographed“, gesteht er K. Vielmehr wolle er ein ruhiges, von der Presse unbehelligtes Leben führen, eine Frau heiraten, im besten Fall eine Literaturagentin, einen Sohn zeugen, dem zuliebe er in einem Zeichentrickfilm mit einer Papiertüte über dem Kopf auftreten könnte, sich bei Preisverleihungen von Komikern vertreten lassen und andere Schriftsteller treffen, die seine Abneigung gegenüber Reportern teilen, ohne Einsiedler zu sein. „My belief is that ‚recluse‘ is a code word generated by journalists – meaning, ‚doesn’t like to talk to reporters’“, sagt er schließlich, „so like please, please help me stay under cover.“

Laut Anonymus behauptet K. am Ende der Erzählung, nach der durchzechten Nacht nicht recht zu gewusst zu haben, ob das Ganze nur ein Traum gewesen sei. Den amerikanischen Autor habe er jedenfalls nie wieder getroffen, weder in der Berliner Staatsbibliothek noch in „Another Country“.

Nun, liebe Frau Geisel, habe ich mich nach der Lektüre dieser E-Mail dazu entschlossen, den faktischen Hintergrund der Erzählung Under Cover zu recherchieren: Hat doch Anonymus zahlreiche, eindeutig dem amerikanischen Autor Thomas Pynchon zuzuschreibende Zitate wiedergegeben, die mehrfach durch die Presse gingen und mir seit langer Zeit bekannt sind. Daher glaube ich ausschließen zu können, dass Anonymus einer jener begabten Hobby-Fälscher ist, die sich dem literarischen fake aus Freude an der Sache widmen – so wie manche Schriftsteller Romane schreiben ohne jede Gewissheit auf eine Publikation.

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Another Country, Antiquariat

Meine ersten Recherchen haben zu folgenden Ergebnissen geführt:

1.a

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Another Country, Antiquariat

Das Antiquariat „Another Country“ wurde erst 1998 in Berlin eröffnet. Tatsächlich gibt es dort ein Regal mit der Aufschrift „evil books“, tatsächlich findet man im Souterrain einen großen Science Fiction-Bestand, tatsächlich wird neben Literatur Bier verkauft. Buchladen, Leihbücherei und Club in einem, bietet „Another Country“ ein Programm mit Filmnächten, Dinner-Abenden und Lesezirkeln an.[8] Laut BBC Travel und Lonely Planet gehört das Antiquariat zu den zehn besten Buchläden der Welt.[9] Möglicherweise ist es nach James Baldwins Roman Another Country aus dem Jahr 1962 benannt, der wohl nur aufgrund der zahlreichen erotischen Szenen zum Bestseller wurde.[10]

1.b

Historisches Vorbild des Antiquariats in Kirkups Erzählung  könnte die „Bücherstube Marga Schoeller“ sein, die mit ihrem großen englischsprachigen Literaturangebot bis 1974 am Kurfürstendamm Treffpunkt in- und ausländischer Autoren war. Ob in den damaligen Geschäftsräumen Bier konsumiert wurde und falls ja, wie oft, wann und wieviel, konnte nicht ermittelt werden.[11]

1.c

Das Lagerbier „Mythos“ wurde erst 1997 von der „Northern Greece Brewery Ltd.“ auf den internationalen Markt gebracht. Heute gehört das Unternehmen, das mittlerweile „Mythos Brewery Ltd.“ heißt, zur dänischen „Carlsberg-Gruppe“.[12]

2.a

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Another Country, Antiquariat

Der britische Dichter, Schriftsteller und Übersetzer James Falconer Kirkup, geboren am 23. April 1918, gestorben am 10. Mai 2009, hat über dreißig Bücher veröffentlicht, aber keine Erzählung mit dem Titel Under Cover.[13] Seine englische Fassung des Kleist-Dramas Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin erschien 1959 im Druck und wurde 1977 am New Yorker Chelsea Theater Center uraufgeführt.[14] Liegt der Homburg nur in einer Abschrift von unbekannter Hand vor – der „Heidelberger Handschrift“[15], die Tieck 1821 und 1826 als Druckvorlage für die ersten Kleist-Ausgaben verwendet hat –, so wird Der zerbrochene Krug als Autograf in der Berliner Staatsbibliothek archiviert.[16] Allerdings ist keine Übertragung dieses Lustspiels durch Kirkup bekannt, der nach 1963 vielmehr zwei weitere Dürrenmatt-Stücke – Der Meteor und Play Strindberg – ins Englische übersetzt hat sowie andere deutschsprachige Texte, darunter Erzählungen von E. T. A. Hoffmann und Erich Kästners Kinderbuch Der kleine Mann.[17] The Physicists nach Dürrenmatt aus dem Jahr 1963 gilt als Kirkups bedeutendste Übersetzung; sie war Grundlage der erfolgreichen Londoner Inszenierung von Peter Brook.[18]

2.b

Kirkup wurde 1962 zum Mitglied der „Royal Society of Literature“ gewählt und erhielt für sein literarisches Werk mehrere Auszeichnungen, jedoch kein Stipendium für einen Aufenthalt in West-Berlin.[19]

2.c

Kirkup erwähnt in seiner fünfbändigen Autobiografie weder Kleist-Studien in der Berliner Staatsbibliothek noch durchzechte Nächte in einem Kreuzberger Antiquariat.[20] Ein Protagonist mit dem Namenskürzel K., der zum einen Kafkas Process geschuldet wäre, zum andern der Manier postmoderner Autoren, sich selbst als Romanfiguren darzustellen, ist in Kirkups vielfältigem Werk nicht auszumachen.

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Another Country, Antiquariat

3.a

Es ist möglich, dass sich der amerikanische Schriftsteller Thomas Ruggels Pynchon Jr., um den es in Kirkups Erzählung Under Cover offensichtlich geht, 1963 in Berlin aufgehalten hat, um für den Roman Gravity‘s Rainbow zu recherchieren. Michael Naumann, ehemals Pynchons deutscher Verleger bei Rowohlt, hat zwar 1999 im Verlauf einer Podiumsdiskussion behauptet, der Autor habe ausschließlich den Bibliotheksbestand der University Of California genutzt, um in seinem Roman die Reise eines ehemaligen GIs durch das Nachkriegsdeutschland schildern zu können.[21] Aber laut Hans Georg Heepe, dem verantwortlichen Rowohlt-Lektor der deutschen Romanfassung unter dem Titel Die Enden der Parabel, hat sich Pynchon „in einer Berliner Bibliothek“ zwei Wochen lang mit „Stars and Stripes“ befasst, der Zeitschrift für die amerikanischen Besatzungssoldaten, in der sich wohl alles finden ließ, was er über das Kriegsende in Berlin erfahren wollte.[22] In der Tat wird „Stars and Stripes“ in der Zeitungsabteilung der Berliner Staatsbibliothek archiviert.[23]

3.b

Pynchon wird in der Erzählung anscheinend wörtlich korrekt zitiert.[24] Allerdings ist das indirekte Zitat über Kafka nicht belegt.[25] Und das poststrukturalistische Konzept vom „Tod des Autors“, das sich gegen die Tradition der psychologisierenden, an den Biografien der Dichter orientierten Literaturinterpretation wendet, stammt bekanntlich nicht von Pynchon sondern von Roland Barthes.[26] Ein einziges Pynchon-Zitat kann dem Jahr 1963 zugeordnet werden: Nach dem Erfolg seines Debütromans V. soll der Autor seine damalige Vermieterin in einem Brief gebeten haben, der Presse seinen Aufenthaltsort nicht zu verraten.[27] Unklar ist, wann und warum Kirkup zeitlich später einzuordnende Zitate in seine Erzählung aufgenommen hat. War es künstlerische Freiheit, war es mangelndes Erinnerungsvermögen, war es der Wunsch, Pynchon nachträglich zu verklären? Wirkt Pynchon doch in der Erzählung wie ein Visionär: Seit 1990 ist er mit einer Literaturagentin verheiratet, seit 1991 hat er einen Sohn mit ihr[28], dem zuliebe er 2004 wiederholt in der TV-Serie The Simpsons als Zeichentrickfigur mit einer Papiertüte über dem Kopf auftrat.[29] Auch ließ er sich bei der Verleihung des National Book Award im Jahr 1974 von dem Komiker Irwin Corey vertreten.[30] Und angeblich trifft er sich in Manhattan regelmäßig mit anderen Schriftstellern, die ebenfalls als pressescheu gelten.[31] Nicht 1963 sondern 1959, nicht in Berlin sondern in New York, nicht in einem Antiquariat sondern auf einem Maskenball soll Pynchon als Scott Fitzgerald aufgetreten sein, während sein bester Freund, der früh verstorbene Beat-Autor Richard Fariña, als Ernest Hemingway verkleidet war.[32]

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Another Country, Antiquariat

3.c

Es gibt keinen Beleg dafür, dass Pynchon sich mit Kleist beschäftigt hat. Gleichwohl könnte Kleist, folgt man dem Literaturwissenschaftler und Amerikanisten Helmut Müller-Sievers, zu Pynchons Vorbildern zählen.[33] Auch gibt es von Pynchon – wie von Kleist – nur ein einziges vermeintlich authentisches Jugendbild, das der Autor jedoch nie zur Veröffentlichung freigegeben hat.[34]

Liebe, liebe Frau Geisel: Ich komme nach meinen ersten Recherchen zu James Kirkups Erzählung Under Cover zu folgendem vorläufigen Fazit:

Kirkup, der soziale Begegnungen wohl zeitlebens schwierig fand[35] und nach seinem Tod rasch in Vergessenheit geriet, könnte nun in den Fokus jener Literaturwissenschaftler gelangen, die sich möglicherweise generationenübergreifend mit Pynchon beschäftigen werden.[36] Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass Kirkup Pynchon 1963 in Berlin begegnet ist und dessen Wunsch, under cover zu bleiben, respektiert hat. Wird doch der Name des jungen amerikanischen Schriftstellers, der in Under Cover auftritt, nicht genannt. Zudem hat Kirkup den Text nie veröffentlicht. Vorstellbar ist, dass sich die beiden Autoren in der Berliner Staatsbibliothek mit Kleist befasst haben; wahrscheinlich ist in diesem Fall, dass sie sich über ihre Lektüre austauschten. Zu fragen bleibt: Ist es nur ein Bild der Fantasie, dass Pynchon damals den Plan gefasst hat, weltweit als Autor berühmt zu werden, indem prae mortem über ihn im Einzelnen nicht mehr bekannt sein sollte als post mortem über Kleist?

In der Hoffnung, Sie neugierig gemacht zu haben, grüßt Sie herzlich

Ihre

Elke Heinemann

P.S.: Selbstverständlich haben Sie freie Hand, diesen Brief auf tell zu veröffentlichen, da wir so weitere Hinweise auf James Kirkups Erzählung Under Cover erhalten könnten.


[1] http://staatsbibliothek-berlin.de/. Nicht Jorge Luis Borges‘ utopische „Bibliothek von Babel“, die alle vorstellbaren, aber dem Menschen unverständlichen Bücher enthält, ist hier Ort der Handlung, sondern eine Mega-Bibliothek der realen Welt. Vgl. Jorges Luis Borges, Die Bibliothek von Babel, in: Fiktionen, übersetzt von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs; herausgegeben von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1994

[2] http://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/handschriften/nachlaesse-autographen/nachlaesse-a-z/tieck/; Tieck publizierte unter seinem Klarnamen sowie unter den Pseudonymen Peter Lebrecht und Gottlieb Färber. Anonym veröffentlichte er 1796 zusammen mit seinem kongenialen Freund Wackenroder die kunsttheoretische, als „Manifest der deutschen Frühromantik“ gerühmte Aufsatzsammlung „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“. Vgl. Nachwort von Richard Benz in: Martin Bollacher (Hrsg.): Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, Stuttgart 1955, S. 179. 1999 wurde der Asteroid 8056 nach Tieck benannt. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/%288056%29_Tieck. Tieck war als Erfolgsschriftsteller mit anderen Erfolgsschriftstellern seiner Zeit bekannt, mit den Brüdern Schlegel sowie mit Novalis, Brentano, Fichte, Schelling. Auch Goethe stand mit Tieck in Verbindung, kritisierte aber sowohl die kunsttheoretischen Ansichten als auch die Prosa des Jüngeren: „Zuviel Morgensonne. Erntefest. Sentimentalität.“, zit. nach WA I, Bd. 47, S. 280. Goethe übersandte Schiller Tiecks Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ mit einer abfälligen Bemerkung: „… unglaublich, wie leer das artige Gefäß ist“, zit. aus dem Brief vom 5.9.1798, WA IV, Bd. 13, S.267

[3] Tieck bescheinigte Kleist eine „tiefe Disharmonie“, die bei dem Kulturmagnaten Goethe „Schauder und Abscheu“ hervorgerufen haben soll, vgl. http://www.textkritik.de/bka/dokumente/dok_t/tieck03.htm; zit. n. Günter Blamberger: http://www.heinrich-von-kleist.org/index.php?id=421: „Es mag eine Künstlerlegende sein, dass Kleist, einer Erinnerung seines Freundes Pfuel zufolge, nur ,das eine Ziel’ gehabt habe, ,der größte Dichter seiner Nation zu werden’, er folglich Goethes ,Vorrang gehaßt’ habe und ihm ,den Kranz von der Stirn reißen’ wollte.“

[4] Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie, Frankfurt am Main 2011. S. 118

[5] Kleist schreibt in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, der das Porträt zugeeignet war: “Mögest Du es ähnlicher finden als ich… ich wollte er hätte mich ehrlicher gemalt.“ Zit. n. Paul Ridder, der weitere Laienporträts des Dichters untersucht, in: Ein Bildnis des unbekannten Heinrich v. Kleist, http://bilddetek.hypotheses.org/498; vgl. auch Eberhard Siebert: Heinrich von Kleist. Eine Bildbiografie, Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn 2009

[6] http://goodereader.com/blog/e-book-news/amazon-removes-thousands-of-self-published-e-books. Im Internet finden sich bekanntlich dicht gestreut Informationen, Falschmeldungen und Publikationen, die seriös sein mögen oder nicht.

[7] www.amazon.com/Undercover-English-ebook/dp/B00J3NPYNU/ref=sr_1_sc_1?s=digital-text/

[8] http://www.anothercountry.de/

[9] vgl. http://www.bbc.com/travel/story/20101118-the-worlds-greatest-bookshops

[10] Baldwin, James: Another Country (1962), New York, 2001

[11] http://www.berlinerzimmer.de/berlinerliteratur/margaschoeller.htm. Im derzeitigen Ladenlokal in der Knesebeckstraße gibt es eine Kinderecke.

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Mythos_Brewery

[13] https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup. Unter den Publikationen befinden sich Gedichtbände, Romane, Theaterstücke, Reiseschriften und eine fünfbändige Autobiografie. Selbst wenn es die Erzählung „Under Cover“ geben sollte, ist nicht bekannt, ob und, falls ja, von wem sie im vergangenen Herbst bei Amazon eingestellt worden ist. Kirkups Rechteinhaber scheinen über keine diesbezüglichen Informationen zu verfügen.

[14] http://www.kleist.org/index.php/kleist-im-ausland/70-usa/149-the-prince-of-homburg-1977

[15] vgl. Helmut Sembdners Aufsatz in der FAZ vom 6.6.1964 über: Heinrich von Kleist: Prinz Friedrich von Homburg. Nach der Heidelberger Handschrift herausgegeben von Richard Samuel unter Mitwirkung von Dorothea Coverlid, Berlin 1984

[16] s. http://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/handschriften/nachlaesse-autographen/nachlaesse-a-z/tieck/

[17] vgl. https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=118865463 (Katalog der Deutschen Nationalbibliothek)

[18] Gerhard P. Knapp: Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker, Frankfurt am Main 1997, S. 41

[19] https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup

[20] https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup#cite_note-5. Die autobiographischen Bücher (z.B. „The Only Child“, 1957, „Sorrows, Passions and Alarms“, 1959, „A Poet Could Not But Be Gay“, 1991) sind in verschiedenen Verlagen erschienen, darunter Weidenfeld & Nicolson, Collins, Peter Owen Ltd.

[21] s. http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2000/03/20/a0187: Naumann: „Pynchon hat mir einmal gesagt, wie er für ‚Die Enden der Parabel‘ recherchiert hat. Er hat sich alle Bücher aus der Bibliothek der University Of California ausgeliehen, die mit Bildern aus Deutschland illustriert waren.“

[22] Hans Georg Heepe in Sven Ahnerts Radio-Feature „Warum Hunde Henry James lesen. Zum 70. Geburtstag von Thomas Pynchon“, DeutschlandRadio Kultur 2007: „Ich habe ihn damals bei ‘Gravity‘s Rainbow‘ gefragt. Woher wissen Sie das alles? Das kann man doch nicht alles wissen? Da hat er gesagt: Ich habe mich einmal 14 Tage in Berlin in eine Bibliothek gesetzt und mir die täglichen Nummern von ‚Stars and Stripes‘, der Zeitschrift für die amerikanischen Besatzungssoldaten, durchgelesen, und da wusste ich alles, was ich über das Ende von 1945 in Berlin wissen wollte.“ http://www.deutschlandradiokultur.de/warum-hunde-henry-james-lesen.974.de.html?dram:article_id=150427

[23] http://zeitungen.staatsbibliothek-berlin.de/

[24] vgl. CNN vom 5.6.97: “Where’s Thomas Pynchon? CNN tracks down literary world’s deliberate enigma”, http://edition.cnn.com/US/9706/05/pynchon/; vgl. auch Kachka, Boris: On the Thomas Pynchon Trail: From the Long Island of His Boyhood to the ‘Yupper West Side’ of His New Novel, http://www.vulture.com/2013/08/thomas-pynchon-bleeding-edge.html

[25] Andererseits ist Pynchon in Bezug zu Kafka gesetzt worden, vgl. http://www.pynchon.pomona.edu/bio/influences.html. Der Name des Erzählers K. in „Under Cover“ kann wohl als Kafka-Referenz aufgefasst werden. Siehe dazu Punkt 2.c

[26]  Roland Barthes hat den Aufsatz über den „Tod des Autors“ 1967 zunächst auf Englisch unter dem Titel „The Death of the Author“ im amerikanischen Magazin „Aspen“ publiziert. 1968 erschien der Text unter dem Titel „Le mort de l’auteur“ – eine Anspielung auf Sir Thomas Malorys Artus-Legenden „Le Morte d’Arthur“ aus dem 15. Jahrhundert – im französischen Journal „Manteia“. Vgl. Roland Barthes: „La mort de l’auteur“, in: Roland Barthes: Le bruissement de la langue, Paris 1984. Zur Editionsgeschichte des Aufsatzes vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_des_Autors_%28Roland_Barthes%29#cite_ref-wilson340_1-0; v Als Parodie des Konzepts kann Woody Allens Film „Deconstructing Harry“ aus dem Jahr 1997 interpretiert werden, in dem der erfolgreiche Autor Harry Block konturlos wird. Vgl. auch Michel Foucaults Replik „Qu’est-ce qu’un auteur?“, in: Bulletin de la société française de philosophie 1969. In den neunziger Jahren wurde der poststrukturalistischen Dekonstruktion des Autors die These von der „Rückkehr des Autors“ entgegengesetzt, und zwar mit Blick auf die Urheberschaft, die personale Instanz vor der Zensur und den Verfassernamen als Garant für die Einheit eines Textkorpus. Vgl. Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez und Simone Winko (Hrsg.): Die Rückkehr des Autors, Tübingen 1999

[27] “So like please, please help me stay under cover.“ Zit. nach Kachka, Boris, a.a.O.

[28] ibid.

[29] vgl. http://simpsons.wikia.com/wiki/Thomas_Pynchon

[30] vgl.Kachka, Boris, a.a.O.

[31] vgl. CNN a.a.O. Der Bericht bezieht sich auch auf die Journalistin Nancy Jo Sales des New York Magazine, die Pynchon im Jahr zuvor in Manhattan aufgespürt haben will.

[32] vgl.  http://www.pynchon.pomona.edu/bio/influences.html

[33] vgl. die Rezension des Romans „Against the Day“ unter dem Titel „Drogen ohne Sucht“ von Helmut Müller-Sievers in der Frankfurter Rundschau vom 18.1.07: “Aus Mason & Dixon hat er die hochfrequente, im Deutschen am ehesten an Kleist gemahnende Kommasetzung übernommen…“ http://www.fr-online.de/literatur/thomas-pynchon-drogen-ohne-sucht,1472266,3154046.html

[34] vgl. http://www.deutschlandradiokultur.de/warum-hunde-henry-james-lesen.974.de.html?dram:article_id=150427: “Selbst der Rowohlt-Verlag darf das bekannte Matrosen-Foto aus den späten 1950er Jahren nicht publizieren.“; vgl. auch http://www.vice.com/read/who-is-thomas-pynchon-and-why-did-he-take-off-with-my-life-198, David Whelan: “Thomas Pynchon and the Myth of the Reclusive Author”, 9.10.14: “…there are only four known photos of Pynchon (and there’s no proof that they are even photos of him) …”

[35] s. Nachruf auf James Kirkup von Glyn Pursglove and Alan Brownjoh in The Guardian vom 16.5.09: „…he found social encounters difficult. He described himself as having an ‘inborn sense of deep solitude and apartness’.”

[36] “He’s (i.e. Thomas Pynchon, EH) said he wants to ‘keep scholars busy for several generations,’ but ­Pynchon academics, deprived of any scrap of history, find themselves turned into stalkers.*” Unter * heißt es: *”This article has been corrected to show that Pynchon has said he wants to ‘keep scholars busy for several generations,’ not ‘keep scholars busy for generations.’” Zit. nach Kachka, Boris, a.a.O.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Montage unter Verwendung der Grafik „Death finds an author“: [CC BY 4.0], via Wikimedia Commons
Fotos aus dem Archiv der Staatsbibliothek Berlin: Archiv Staatsbibliothek Berlin
Foto Mythos-Bier: Sieglinde Geisel
Fotos „Another Country“: Sieglinde Geisel, Antiquariat „Another Country

Von Elke Heinemann

Elke Heinemann lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin.

Ein Kommentar

  1. Sehr geschmunzelt, vielen Dank.

    „Ist es nur ein Bild der Fantasie, dass Pynchon damals den Plan gefasst hat, weltweit als Autor berühmt zu werden, indem prae mortem über ihn im Einzelnen nicht mehr bekannt sein sollte als post mortem über Kleist?“ Der Tod des Autors als Medienereignis gebiert die aufmersamkeitssteigernde Phantombiographie? Oder doch den Text? In „Under cover“ wird es stehen.

    „Selbstverständlich haben Sie freie Hand, diesen Brief auf tell zu veröffentlichen, da wir so weitere Hinweise auf James Kirkups Erzählung Under Cover erhalten könnten.“
    Sachdienliches bitte hier bei tell, in jeder Polizeidienststelle oder in unseren Aufnahmestudios…

    (Sucht Brunke.)

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