Der Roman Guter Junge von Paul McVeigh ist es wert, dass man über ihn spricht. Und das Buch ist (noch) kein Hype. Also das perfekte Gegengift zum letzten Page-99-Test!

Die Seite 99 muss jungfräulich betreten werden, so lautet eine der ungeschriebenen Spielregeln. Leider hatte ich aus Neugier die erste Seite bereits gelesen. Sie war so spektakulär, dass ich beschlossen habe, den Spielmodus zu ändern und diesmal die Seite 1 unter die Lupe zu nehmen, die ich ja unbefangen gelesen hatte.

Ich bin an dem Tag geboren, an dem die Unruhen begannen.
„Bin ich doch, Mama, oder?“, sag ich.

Ein zweistimmiger Auftakt mit einem doppelten Ich-Erzähler, irre! Im ersten Satz begegnet uns der Ich-Erzähler als Erwachsener, der aus der Erinnerung erzählt. Im zweiten Satz schlüpft er in seine eigene Erinnerung, und wir hören ihn als Kind seiner Mama eine Frage stellen, die sich aus dem ersten Satz ergibt. Als hätte das Kind gehört, was der Erwachsene, der es einmal werden wird, über sich und damit das Kind sagt. So einfach und so komplex!

„Die hast du begonnen“, sagt sie, und wir alle lachen, nur Unser Paddy nicht.

Niemand erklärt uns, wer Unser Paddy ist.

Muss wohl wegen der Pickel sein und weil er überhaupt so hässlich ist. Mit so ’nem Gesicht wird man nicht so einfach froh. Fast tut er mir leid. An seinem Hals sehe ich einen dreckigen großen Knutschfleck, den bewahre ich im Gedächtnis als Munition zur Abwehr künftiger Angriffe.

Der Knutschfleck als Munition – offenbar sind wir mitten in einen Geschwisterstreit geraten, samt dem eiskalten strategischen Denken, das Kinderköpfen eigen ist.

Als Mama mit Blecheimer und Schrubber an mir vorbeigeht, steigen mir nach Blumen riechende Putzmittelschwaden in die Nase und mischen sich unter den süßen Geschmack der Frosties in meinem Mund.

Registerwechsel: Vom plottenden Kindergehirn zum sinnlichen Wahrnehmungsorgan. Ein aufwändig geschilderter Geruch, in den sich auch noch ein Geschmack mischt, den wir vielleicht aus unserer eigenen Kindheit kennen. Wenn wir von diesen Worten etwas haben wollen, müssen wir uns die Empfindung vorstellen. Also langsam lesen, bis Nase und Mund hinterherkommen.

Den Hof schrubbt Mama nur, wenn irgendwas passiert ist. Muss wohl Papa sein, wie immer.

Registerwechsel: Wir sind wieder im Kinderkopf. Immer noch medias in res. In dem knappen Satz „Muss wohl Papa sein, wie immer“ steckt ein ganzes Familiendrama, ohne dass wir Näheres dazu erfahren. Der Autor weiß, wie man Spannung erzeugt.

„Brauchst du Hilfe, Mama?“, sag ich.
„Nein, Junge“, sagt sie und verschwindet durch die Hintertür. Nicht mal angeschaut hat sie mich. Nach der vergangenen Nacht mach ich mir Sorgen um sie.

Wieder ein Satz mit Hallraum. Was mag in der vergangenen Nacht passiert sein? Ein Kind, das sich Sorgen um seine Mutter macht: Das ist entwicklungspsychologisch höchst bedenklich.

Doch der Autor lässt uns keine Zeit zum Nachdenken.

Brauchste Hilfe, Mama?“, sagt Unser Paddy mit einer Mädchenstimme. „Du kleiner Arschkriecher.“
„Das sag ich Mama“, sag ich.
„Das sag ich Mama…“, äfft Paddy mich nach.

Registerwechsel: Wir sind nicht mehr im Kopf, sondern auf der Bühne. Gegeben wird ein Dramolett, rhythmisch akzentuiert durch das dreifache „sag ich“, gesprochen von drei verschiedenen Stimmen – eine virtuose Komposition.

Kameraschwenk:

Ich guck zu Maggielein hinüber und werf ihr den Stimmt’s, wir hassen ihn-Blick zu. Sie wirft mir den Klar tun wir das, dieses fette Riesenschwein-Blick zu.

Mit der Perspektive ändert sich die Tonlage. Dieser Satz ist auf subtile Weise zweistimmig: Wir befinden uns zwar in der Kindersphäre, doch Wendungen wie „Stimmt’s, wir hassen ihn-Blick“ und gleich darauf (Steigerung!) „Klar tun wir das, dieses fette Riesenschwein-Blick“ liegen außerhalb des Sprachvermögens eines Kindes. Hier spricht der gestaltende Ich-Erzähler, er hat die Kontrolle über den Text.

Und mit dem nächsten Satz landet er einen Coup:

Diese Blicke hat mir auf dem Cave Hill ein Mönch beigebracht.

Das Wort Mönch bricht mit allem, was wir bisher erlebt haben (und wir sind noch nicht einmal am Ende dieser ersten Seite angelangt!). „Mönch“ setzt einen Kontrapunkt zu Worten wie „fettes Riesenschwein“, zu den niederen Absichten hinter diesen Worten (und den Blicken), zum schiefen Haussegen. Für eine Sekunde bricht die Transzendenz in die muffige Küche ein.

Das Kind nimmt diesen Faden auf, von dem es nichts weiß – es war ja sein Erzähler, der ihn das Wort „Mönch“ hat denken lassen. Der Heilige Orden dieser Kinderwelt, der der Autor wohl aus seiner Erinnerung für uns neu erfindet, entstammt nicht dem Christentum.

Ich hab trainiert wie ’n Jediritter, aber mein Lichtschwert war mein Gesicht. Jetzt bin ich Guck Skywalker.

Schneller, als wir lesen können, beamt uns der Text vom Mönch auf dem Höhlenberg (Cave Hill) in die Weltraum-Saga von Star Wars. Die enge Küche mit dem Geschwister-Kleinkrieg und den Sorgen um die Mutter liegt Äonen hinter uns. Wie schon beim Satz über die Geruchsempfindung aus Putzmitteln und Frosties haben wir hier ein Päckchen auszupacken. Im englischen Original verwandelt sich das Kind in einen Jediritter namens Look Skywalker, eine geniale Assonanz, die im Deutschen mit Guck Skywalker klanglich zwar überzeugend wiedergegeben wird und auch komisch, doch die Komik des „Guck“ geht auf Kosten der Würde, die der Junge sich mit diesem Namen selbst verleiht. Erhalten bleibt zum Glück der Sinn im Wortspiel: Der Junge benutzt sein Gesicht als Lichtschwert, indem er mit langen (und immer längeren) Blicken tötet.

Erstaunlich, wie viel Paul McVeigh in die Sätze hineinpackt, ohne dass man es ihnen ansieht.

Meine Mission: die Jüngsten und Schwächsten in allen Familien gegen das Böse zu verteidigen, das sich großer Bruder nennt. Und jetzt ist Maggielein meine Schülerin.

Die bewährte Helden-Mission, „die Jüngsten und Schwächsten“ zu retten, hat eine Grandezza. Durch die Einschränkung „in allen Familien“ wird sie auf das Küchenformat zurückgestutzt. Das ist Erwachsenen-Humor, in untergründigem Kontrast zum leicht pathetischen Kinder-Ressentiment, das sich gegen „das Böse“ richtet, „das sich großer Bruder nennt“.

Mit dem Satz „Und jetzt ist Maggielein meine Schülerin“ wird dieser weit gespannte Bogen abgeschlossen, allerdings geht es in der deutschen Übersetzung nicht ohne Verlust ab.

Wee Maggie is now my disciple.

„Disciple” ist enger an die Star Wars-Welt angebunden als das neutrale “Schülerin”, der unergründliche Charme von „Wee Maggie“ ist im Deutschen kaum wiederzugeben. Allerdings geht dabei auch der Motivcharakter des Wörtchens „wee“ verloren, ein nicht unerheblicher Kollateralschaden. Im Original beleidigt Paddy seinen kleinen Bruder in der Nach-Äff-Szene nämlich mit „you wee lick”.

Ein (im Test verbotener) Blick auf die nächste Seite bestätigt, dass solche Wiederholungen kein Zufall sind. Der Lichtschwert-Blick-Austausch mit Maggielein wird fortgeführt, mit einer weiteren Steigerung, wie es die musikalischen Regeln für eine Sequenz verlangen:

Um ihre telephatische Schulung zu testen, funke ich ein Mach dir über den keine Gedanken den fährt erst ’n Auto platt und dann rollt ihm noch ’n Laster übern Schädel dass ihm die Augen rauskullern.

Fazit: Page-Turner. Nicht wegen der Handlung, sondern wegen der Action in der Sprache.

Hält das Buch, was die erste Seite verspricht? Morgen geht es weiter mit dem Test der Seite 99!

Angaben zum Buch
Paul McVeigh
Guter Junge
Roman
Aus dem Englischen von Nina Frey und Hans-Christian Oeser
Wagenbach-Verlag 2016 · 256 Seiten · 22,00 Euro
ISBN: 978-3803132796
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paul-mcveigh

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

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