In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.


Paris, frühe vierziger Jahre, kurz vor der Befreiung. Es herrscht ein dionysischer Taumel, das Leben blüht auf, beim Jazz löst der wilde Bebop den braven Swing ab. Wer wissen will, wie es im Café der Existenzialisten zugeht, wenn niemand mehr philosophiert, der greife zu Boris Vians Drehwurm, Swing und das Plankton.

Die Surprise-Party fing gut an. Ein normales Phänomen, wenn alle Gäste ungefähr zur gleichen Zeit kommen. Ist das Gegenteil der Fall, dann sind es in den ersten zwei Stunden die uninteressanten Flaschen und Pflaumen, die immer als erste kommen und selbstgemachten Kuchen mitbringen, der zwar mißlungen, aber trotzdem ausgezeichnet ist.

Das Buch steht in der Tradition der frivolen Satire mit Dada-Einschlag, und es lebt von seinen Widerhaken. Die Feier muss gelingen, sonst ist alle Mühe vergebens. Für den Schwung sorgt die Musik:

In diesem Augenblick brach die Platte ab, und Antioche begab sich zum Instrument, um die Störenfriede zu vertreiben. Der Plattenspieler stellte sich automatisch ab und niemand brauchte sich ihm zu nähern. Aber eine gewisse Janine, die für die Schallplatten ziemlich gefährlich war, stand da, und Antioche wollte jede Komplikation vermeiden.

Die Komplikation – das ist schlechte Musik. Wichtig ist auch, wie die Party beginnt:

Es ist äußerst deprimierend, wenn man sich aus Versehen auf einer Surprise-Party befindet, die einen Fehlstart hat. Denn der Hausherr – oder die Hausherrin – steht mit zwei oder drei zu früh gekommenen Freunden im Raum, ohne das geringste hübsche Mädchen, denn hübsche Mädchen kommen immer zu spät.

Und um die hübschen Mädchen geht es in diesem Jungensbuch, man muss es wohl so nennen, insbesondere. Der Roman schildert, wie man auf einer solchen Party auf die richtige Art das hübscheste Mädchen rumkriegt und – flachlegt. Für den Fall, dass es keine hübschen Mädchen gibt, hält Vian sogar ein theoretisches Analyseschema bereit. Es beginnt so:

A) ES GIBT KEIN EINZIGES HÜBSCHES MÄDCHEN:
Diese Eventualität ist relativ häufig, vor allem, wenn du etwas anspruchsvoll bist.
a) Die Surprise-Party ist gut organisiert.
Halte dich am Büffet schadlos, und damit ist alles gesagt.[…]

b) Die Surprise-Party ist schlecht organisiert
Geh weg und versuche, ein Möbelstück mitzunehmen, um dich schadlos zu halten.

Im Idealfall aber geht eine Surprise-Party in dieser Weise ab:

Der Einbruch der Nacht schien die Raserei der mit Cognac vollgeschütteten Jazzfans zu verstärken. Schweißtriefende Paare machten Kilometer im Laufschritt, faßten sich, ließen sich los, warfen sich einander zu, fingen sich auf, drehten sich um die eigene Achse, drehten sich wieder zurück, spielten Heuschrecke, Watschelente, Giraffe, Wanze, Springmaus, Wanderratte, Faß-mich-da-an, Halt-mal-das, Nimm-deinen-Fuß-weg, Heb-dein-Untergestell, Beweg-deine-Beine, Komm-näher, Geh-weiter-weg …

Das alles ist heute immer noch so wie damals. Die Rituale des Feierns ähneln sich verblüffend – zumindest wenn die Sache gut läuft.
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Drehwurm, Swing und das Plankton ist nur noch antiquarisch zu kaufen. Die für mich schönste Ausgabe ist die mit den unbändigen Illustrationen von Art Spiegelman, einst bei 2001 erhältlich.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Manet, A Bar at the Folies-Bergère
via Wikimedia Commons
Cover „Drehwurm, Swing und das Plankton“: via Highdive
Angaben zum Buch
Boris Vian
Drehwurm, Swing und das Plankton
Roman
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
Wagenbach Verlag 1995
ISBN: 978-3803122490
Bei Amazon oder buecher.de

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

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