Herr S., Fabrikbesitzer und Sozialdemokrat, hat kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 diesen Traum:

Goebbels kommt in meine Fabrik. Er läßt die Belegschaft in zwei Reihen, rechts und links, antreten. Dazwischen muß ich stehen und den Arm zum Hitlergruß heben. Es kostet mich eine halbe Stunde, den Arm, millimeterweise, hochzubekommen. Goebbels sieht meinen Anstrengungen wie einem Schauspiel zu, ohne Beifalls-, ohne Mißfallensäußerung. Aber als ich den Arm endlich oben habe, sagt er fünf Worte: „Ich wünsche Ihren Gruß nicht“, dreht sich um und geht zur Tür.

Einige Wochen später erzählt Herr S. diesen Traum der jüdischen Journalistin Charlotte Beradt. Fasziniert von seiner eindringlichen Schilderung, beschließt sie, Träume von deutschen Bürgern zu sammeln – in der Hoffnung, die Aufzeichnungen könnten dereinst nützlich sein, „wenn dem Regime als Zeitphänomen einmal der Prozeß gemacht würde“. Die Recherche ist risikoreich und schwierig, sowohl die Journalistin als auch die befragten Menschen müssen mit Repressionen rechnen. Die protokollierten Träume codiert Beradt behelfsmäßig, indem sie die Namen und Worte in den Träumen übersetzt: „Familie für Partei; Onkel Hans, Gustav, Gerhard für Hitler, Göring, Goebbels; Grippe für Verhaftung“. Sie versteckt die Dokumente in Bücherrücken und versendet sie ins Ausland. Ihre Sammeltätigkeit endet mit ihrer Flucht aus Deutschland im Jahr 1939.

Als Buch wurde Das Dritte Reich des Traums 1966 veröffentlicht. Nun hat der Suhrkamp-Verlag das Werk neu herausgegeben. Das Zeitdokument gewährt faszinierende und erschütternde Einblicke in die Lebenswelt der Menschen im nationalsozialistischen Deutschland.

Träume als politische Fabeln

Charlotte Beradt grenzt sich bei der Aufbereitung der Traumprotokolle bewusst von der psychologischen Traumforschung ab, denn die Träume „haben ihre Wurzeln direkt im Boden der die Träumer umgebenden politischen Gegenwart“. Beradt möchte ihr Buch als Sammlung „politischer Fabeln“ verstanden wissen: Der Verzicht auf die Ermittlung latenter Trauminhalte im Sinne Freuds gibt den Blick auf das Spezifische dieser „von der Diktatur diktierte[n] Träume“ frei.

Das Dritte Reich des Traums enthüllt, wie sich totalitäre Herrschaft auf die Psyche auswirkt. Der äußere Anpassungsdruck führt dazu, dass sich die Menschen sogar im Traum zensieren. Das zeigt das Traumprotokoll einer Putzmacherin aus dem Jahr 1933:

Ich träume, daß ich im Traum vorsichtshalber Russisch spreche […], damit ich mich selbst nicht verstehe und damit mich niemand versteht, falls ich etwas vom Staat sage, denn das ist doch verboten und muß gemeldet werden.

Wenn sie träumen, schwanken die Bürger des Dritten Reichs häufig zwischen Selbstschutz und Selbstbehauptung. Die Protokolle geben präzisen Aufschluss darüber, wie die Träumenden sich selbst fremd werden. So träumt die Tochter einer jüdischen Mutter und eines christlichen, bereits verstorbenen Vaters im Winter 1936/37:

Ich fahre mit Mutter ins Gebirge. „Bald werden wir alle im Gebirge wohnen müssen“, sagte die Mutter. „Du ja“, antworte ich, „aber ich nicht“ – hasse sie und verachte mich.

Zeitgenossenschaft im Traum

Die ambivalenten Gefühle der Träumenden ziehen sich als wiederkehrendes Motiv durch die Aufzeichnungen. Viele schwanken zwischen der Ablehnung des Regimes und dem Wunsch nach Anerkennung durch Teilhabe.

Göring selbst inspiziert mein Büro und nickt mir zufrieden zu, was mich leider hoch erfreut, obwohl ich bei mir denke, das fette Schwein.

Beradt stößt in den Trauminhalten auf „Selbstentfremdung, Entwurzelung, Isolierung, Identitätsverlust und Brechung der Lebenskontinuität“. Sie betont immer wieder, dass Hannah Arendt diese Merkmale erst viele Jahre später in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft als Herstellungsmechanismen der Psychologie des totalen Untertanen bestimmt hat. Auch auf die Nähe der Träume zur Literatur Kafkas oder Becketts weist Beradt hin. Zwanzig Jahre vor Becketts Endspiel träumt ein jüdischer Rechtsanwalt:

Zwei Bänke stehen im Tiergarten, eine normal grün, eine gelb, und zwischen beiden ein Papierkorb. Ich setze mich auf den Papierkorb und befestige selbst ein Schild an meinem Hals, wie es blinde Bettler zuweilen tragen, wie es aber auch Rassenschändern behördlicherseits umgehängt wurde: Wenn nötig, mache ich dem Papier Platz.

Dem ersten Kapitel des Buchs ist eine Aussage des NS-Reichsorganisationsleiters Robert Ley als Motto vorangestellt:

Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft.

Nicht einmal an der Schwelle zum Unbewussten macht die politische Vereinnahmung des Privaten Halt. Und doch bahnt sich in diesen Träumen eine subtile, zerrissene Form von individueller Zeitgenossenschaft ihren Weg.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Luftansicht Auschwitz 1944
via Wikimedia Commons

Cover „Das Dritte Reich des Traums“: Suhrkamp Verlag
Angaben zum Buch
Charlotte Beradt
Das Dritte Reich des Traums
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Barbara Hahn
Suhrkamp Verlag 2016 • 173 Seiten • 22,00 Euro
ISBN: 978-3518224960
Bei Amazon oder buecher.de

Von Paul Hohn

Lebt und studiert in Berlin, arbeitet als Praktikant bei Tell.

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