Oft erzählen Romane eine philosophische Erkenntnis mit poetischen Mitteln und machen sie anschaulich. Dass ein Philosoph in einem Roman als Protagonist auftritt, kommt dagegen selten vor, etwa in Sibylle Lewitscharoffs Blumenberg, und nun in Gisela von Wysockis zweitem Roman. Er heißt schlicht Wiesengrund – jener zwischen dem Vornamen Theodor und dem italienischen Adorno zum Initial verkürzte jüdische Mittelteil des Namens. Wysockis Roman ist in 34 Miniaturen angelegt, die Überschriften lassen an Kapitel aus den Minima Moralia denken.

In der Wiesengrundwelt

Die Ich-Erzählerin Hanna Werbezirk liegt unter ihrer Bettdecke, während nebenan ihr Vater mit seinen Forschungen zur Astronomie beschäftigt ist und vom nächtlichen Treiben der Tochter nichts vernehmen darf. Im Radio läuft das Nachtstudio. Eine Stimme spricht, deren Namen Hanna in der Ansage nicht verstanden hat. Hanna ist vom Klang dieser Stimme fasziniert, vor allem aber von der Art, wie der Sprecher erzählt. Das unterscheidet ihn von den anderen Gästen des Nachtstudios:

Der Mitternachsbesucher von heute hat kein Interesse daran, mir etwas zu zeigen. So ist es, das Denken, teilt er mir mit. Es ist ruhelos, und es ist rabiat. Friss Vogel, oder stirb. Ich zeige mit meinen Worten auf ein Feuer, gibt er mir zu verstehen. Deine Sache, was Du damit machst.

Wir lesen eine Coming of Age-Geschichte, die zunächst in der österreichischen Provinz spielt, in Salzburg, später dann im universitären Milieu von Frankfurt. Hannas innere Monologe führen den Leser in die Wiesengrundwelt, und Hanna beschreibt nicht bloß, was geschieht, sondern sie deutet, was sie wahrnimmt. Sie will ergründen, was diese Verlockung ausmacht. Insofern ist die reflektierte Innenschau als Mittel des Erzählens von Wysocki gut gewählt.

Nervenkitzel des Zuhörens

Bei dem fremden Besucher, der so gar nicht zum Dialog einlädt, handelt es sich um jenen Wiesengrund. Ominös zunächst. „Ende der Sendung. Der Name des Autors: Wiesengrund.“ Ein Mann aus einer anderen Welt, der das Denken des Mädchens in eine neue Laufrichtung bringt.

Der namenlose Sendbote hinterläßt keine Spuren, nur Staunen in mir.

Dieses Staunen ist der Motor für das Philosophieren. „Äther“ ist dieses Kapitel betitelt: Das zielt einerseits auf den sternenforschenden Vater, andererseits auf die Radionächte und die Stimme aus einer anderen Welt. Der Unbekannte hat Hanna „eine neue Bühne eröffnet.“ Und vor allem: „Kaltblütig ist dieser Nachtstudio-Gast.“

Wysocki schildert den Nervenkitzel des Zuhörens, den die Radioworte auslösen, die Atemnot unter der Bettdecke, weil die Luft nicht reicht.

Ich tauche aus den Kissen in die Dunkelheit des Zimmers ein. Ich ziehe das Radiogerät unter der Bettdecke hervor und stelle es an seinen Platz zurück. In Gedanken sehe ich die vielen anderen Zuhörer des Sendebereichs in ihren beleuchteten Zimmern vor mir. Sie sitzen zurückgelehnt in ihren Sesseln. Neben ihnen auf einem Bestelltisch steht eine Schale mit Keksen, die mit Schokolade überzogen sind. Morgen werde ich wieder im Klassenzimmer sitzen. Und auf eine Tafel starren. Ich werde mit dem Versuch beschäftigt sein, mich an Dinge zu erinnern, die mich atemlos und benommen gemacht haben.

Hanna kauft sich Bücher. Philosophie der neuen Musik. Buchstaben und Sinnfetzen werden zu Fixpunkten, die nun ihr Denken prägen. Wysocki beschreibt, wie sich die intellektuelle Biografie einer jungen Frau allmählich formt, wie ein Philosophie-Buch von einem Mädchen Besitz ergreift, eine junge Frau sich in der Lektüre findet und darin spiegelt.

Ich fühle die Verantwortung, die mir das Buch auferlegt. Es erwartet von mir eine sinnvolle Regie beim Lesen.

Wendungen wie „Vereinsamung des Subjekts in der spätbürgerlichen Phase“ tauchen aus dem Text auf und nehmen im Kopf Platz.

Eine Vorliebe fürs Ausspähen

Sie beschließt, nach der Matura in Frankfurt zu studieren. So gerät Hanna Mitte der sechziger Jahre in die turbulenten Zeiten der politisierten Studenten, in die Debattenzirkel zu Marx und Entfremdung. Die Studenten nennen sich Genossinnen und Genossen, sie kritisieren Wiesengrund, weil er sich aus den Kämpfen der Zeit heraushält. Hanna beeindruckt das nicht. Sie bleibt eine distanzierte Beobachterin, im Grunde nicht anders als ihr Vater, der Sternenforscher. Ihr ist „als Tochter eines Astronomen die Vorliebe fürs Ausspähen gewissermaßen in die Wiege gelegt worden“. Hanna späht den Geist dieser Aufbruchszeit aus und nimmt zugleich daran teil. Vor allem aber lauscht sie den Vorlesungen Adornos, um sich davon zu überzeugen,

dass die Nachtstudio-Stimme einen offenkundig kompakten Körper für sich gefunden hat und jetzt keinen Äther mehr braucht. (…) Ich habe die geheime Existenz der Ohrenzeugin abgeworfen.

Die Gestalt Wiesengrunds ist für Hanna übermächtig: „Ich bin ein nach Worten ringender Trabant, der einen Stern umkreist.“ Sie ist eine Frankfurt-Pilgerin, aber sie flüchtet auch vor dem Meister:

Ein weiteres Motiv für meine Drückebergerei stellt Wiesengrunds Neigung für den galanten Handkuss dar. Hier, wo sich die Studenten, wie ich weiß, als Teil der Arbeiterklasse sehen, nimmt der Handkuss vor dem Hörsaal fast den Charakter des Hochverrats an. Dies alles zusammengenommen, macht aus mir eine sich an Wiesengrund vorbeimogelnde Davonlaufende.

Hanna kommt dem Mann zwar menschlich und intellektuell näher, kriegt ihn aber niemals vollständig zu fassen. „Wiesengründe sind auch Abgründe!“, ruft sie sich selber zu.

Wiesengrund – ein Fabelwesen?

Wer in diesem Roman erwartet, etwas über die Philosophie Adornos zu erfahren, wird enttäuscht. Aber das schadet nichts, denn der Roman überzeugt gerade deshalb, weil er keine Hagiografie versucht. Hannas Metier ist nicht die messerscharfe Intellektualität, wie sie Adorno und die Genossen ihrer Zeit zu entfalten wissen, sondern das Suchen und Beobachten. Es geht um Hannas Vorliebe fürs Ausspähen und darum, wie das Denken eines anderen vom eignen Ich Besitz ergreift. Der eigentliche Gegenstand dieses Romans, jener Wiesengrund, bleibt seltsam blass, „das Bild bleibt unbestimmt“, wie Hanna selbst feststellt. Die Leser bekommen einen privaten und stark fiktionalisierten Adorno geliefert, stellenweise grell überzeichnet: ein kleiner rundlicher Herr mit Hut und Aktentasche. Als Person bleibt er konturlos. „Es wird Wiesengrund ein Fabelwesen geblieben sein“, sagt Hanna, als sie von einem Institutsbesuch zurückkehrt.

Bildnachweis:
Universität Frankfurt
via Wikimedia Commons
Jürgen Matern released it under CC-BY-SA

Cover „Wiesengrund“: Suhrkamp Verlag
Angaben zum Buch
Gisela von Wysocki
Wiesengrund
Roman
Suhrkamp Verlag • 2016 • 264 Seiten • 22,10 Euro
ISBN: 978-3-518-42549-7
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Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

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