Vierzehn Autorinnen und Autoren tragen ab Donnerstag bei den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ihre Texte vor. Ihre Videoporträts sind bereits Wochen im Voraus im Netz zu sehen. Die zwei- bis dreiminütigen Clips, mit denen sich die Autorinnen und Autoren selbst vorstellen, lassen sich als Cover für die Texte betrachten, die ja noch kein Buch sind.

Sind diese Film-Selfies vielleicht sogar die bessere Methode des Primings? Sie stimmen das Publikum auf das Kommende ein, sie sind Lenkung und Ablenkung zugleich, sie informieren und disziplinieren Dabei lassen die Porträtclips eine gestalterische Haltung erkennen. Die künstlerische Geste, die man ihnen entnehmen kann, dürfte sich im darauffolgenden Prosatext anders und doch ähnlich manifestieren.

Warum also im Rahmen der kommenden TDDL kein Schau-Experiment anstellen? Sich die Videoporträts in unverschämter Unkenntnis der Texte anschauen und unangemessene Mutmaßungen über die Verfasstheit der Texte anstellen, ihre Stärken und Schwächen also dreist im Voraus benennen?

Nach einer ersten Durchschau der Clips fällt schnell ins Auge: Nicht nur im Sachbuch erfreut sich der Wald größter Beliebtheit. Gleich drei AutorInnen streunen durch zumeist regnerisches Forstgebiet. Woher diese Vorliebe? Denken Sie sich Wendungen wie „borkige Birkenrinden“ oder „kompostige Moospolster“ – das klingt so bestürzend poetisch, dass Autor und Wald ganz einfach zusammen gehören. Die auktorialen Spaziergänge können etwas Urig-Romantisches, Eremitenhaftes und, nicht zu unterschätzen, gefahrlos Deutsches vermitteln.

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Marko Dinić: Waldeinsamkeit

Marko Dinić (geb. 1988) steht etwas verwirrt zwischen Busch und Strauch und sieht aus, als versuche er angestrengt, sich als verdutzte Eiche zu tarnen. Das gelingt ihm kaum, und deswegen flieht er in die Stadt, um mit einem Festnetztelefon mit Schnur (!) zu telefonieren. Wo macht man so etwas heutzutage noch? Seine Wanderschaft hat einerseits etwas merkwürdig Vormodernes, als wolle er sich den letzten technologischen und zeitgeistigen Schüben verweigern. Andererseits ist seine Waldeinsamkeit aus der jüngsten Geschichte heraus motiviert. Sein Porträt beginnt mit einer Alarmsirene und Amateuraufnahmen von Bombardements in Serbien.

Die Irrlichter sind Bomben oder winzige Schrapnellstücke, die wir als Kinder gesammelt haben.

So lautet der erste gesprochene Satz. Wohin, wenn nicht in den Wald, soll ein Kind oder Autor unter derlei Umständen fliehen? Der gesamte Sprechtext im Clip kehrt Dinićs Bemühen hervor, sich von jenen Kollegen abzusetzen, die sich ihrem brachliegenden Selbst in öden Ironietexten widmen.

Mutmaßung

Eine ernste, etwas kratzbürstig erzählte osteuropäische Kriegsjugend mit Folklore-Elementen. Perfekt für eine Jury, die dieses Jahr auf Internationalität und otherness setzt. Wertung der Jury: „Eine auf herbe Weise erfrischende Mischung aus Clemens J. Setz und Saša Stanišić.“

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Selim Özdogan: Schwerer Seegang

Eine elementare Entgegnung hierauf findet sich im Porträt von Selim Özdogan (geb. 1971). Sein in maritimen Farben gehaltener Clip verwirft diese ganze Wurzel- und Knollenromantik. „Wenn wir versuchen, das Leben zu beschreiben, verwenden wir oft Metaphern. Gerne etwas mit Keimen, Wurzeln, Bäumen. Dinge, an denen man Halt sucht. Ich finde Wassermetaphern treffender.“ Also mehr Freddy Quinn, Nautik und Captain Nemo. Vor einer blauschattigen Wand fuchtelt tentakelartig ein Tänzer herum. Das Video bietet wenig mehr, Özdogan setzt darauf, die Meer-Allegorie auszubuchstabieren.

  • „Keine Angst unterzugehen“ – check.
  • „Kielwasser“ – check.
  • „Schwerer Seegang, Sturm, Unwetter, Kentern“ – check.
  • „Ozean zuschütten“ – check.

Selbst das Aufschreiben strengt an. Hoffentlich wird sein Prosatext variantenreicher.

  • „Nach Inseln Ausschau halten“ – check.
  • „In Tinte schwimmen“ – check.

Mutmaßung

Özdogans Prosabeitrag enthält eine einzige, großzügig auslöffelbare Idee. Wenn die bei der Jury nicht gut ankommt, bleibt nichts übrig.

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Sylvie Schenk: Grenzüberschreitende Streifzüge

Die zweite Waldgängerin, Sylvie Schenk (geb. 1944), passt verdächtig gut in das internationale Programm der Jury. Der erste Take ihres Porträts zoomt auf ihre Wanderschuhe. Damit ist alles klar: Diese Frau ist Expertin für grenzüberschreitende Streifzüge. Ausgerüstet mit Jack-Wolfskin-Jacke, blütensamenverziertem Regenschirm und einem transnationalen Bewusstsein macht sie sich auf ihren Weg, der auch der unsere werden soll. Sie hat sogar zwei Wohnsitze (in Deutschland und in Frankreich), beide grenznah. Wenn dann noch der französische Akzent in ihrem Deutsch herauszuhören ist, spürt man zwar kein erotisches Zwicken wie ehedem bei der Schöfferhofer-Werbung, aber irgendwie fühlt man sich auf angenehm europäische Weise gewürdigt.

Mutmaßung

Die Wertung der Jury könnte lauten: „Eine klare Erzählerin, die den langen Atem einer Sprachwandrerin besitzt.“ Schlimmstenfalls wird eine(r) aus der Jury raushauen: „Aufregend unaufregend.“

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Ada Dorian: Dekadenzeffekte

Ada Dorian (geb. 1981) ist die dritte Forstliebhaberin. Nach dem unverzichtbaren Rumgestehe im Wald, bei dem sie wie eine ergraute Jungbirke aussieht, betritt sie eine Hausruine, mit blinden Fenstern, schiefen Türrahmen, Staub und Moder – das übliche, ästhetisch legitimierte Kaputte halt. Das einzig Blühende im Clip, ein wenig überkeck gezeigt, sind ihre mit Floralmuster verzierten Schuhe. Ein wenig erinnert ihr Waldhausbesuch an die Hoteltester aus der VOX-Serie Mein himmlisches Hotel. Auch Dorian streift prüfend mit dem Finger über das Mobiliar, als gelte es, Dreck zu finden – nur empört sich die Autorin nicht über abblätternden Lack und das verstaubte Klavier. Sie ist auf derlei Dekadenzeffekte angewiesen, um sich atmosphärisch zu inszenieren. Im Clip sind Waldsounds in Szenen einmontiert, in denen Dorian durchs Haus streunt. Ihr geht es um Effekte und gemachte Stimmung, um Aura und abgewracktes Glimmern.

Mutmaßung

Ihr Beitrag wird einem Teil der Jury gefallen, weil er bei einer Live-Lesung sehr schön und effizient wirken kann. Bei genauerer Prüfung aber mag sich herausstellen, dass ihr Text zwar „wie eine gräuliche Sonne schimmert“, sie als Autorin aber „schlechterdings nichts Essenzielles zu erzählen hat“. So etwas könnte beispielsweise Hubert Winkels von sich geben.

Zweiter Teil

Dritter Teil

Bildnachweis:
Beitragsbild-Montage unter Verwendung von:
Podlaskie – Czarna Białostocka – Puszcza Knyszyńska – Góry Czumażowskie – E – v-NW.JPG
By Krzysztof Kundzicz (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Selfie Icon von Claire Jones (http://thenounproject.com/term/selfie/28250/) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Video-Stills: ORF

Samuel Hamen

Von Samuel Hamen

Samuel Hamen ist Promovend an der Universität Heidelberg. Er ist externer Mitarbeiter des Centre national de littérature (CNL) in Luxemburg, betreut den Literaturblog www.ltrtr.de und ist zudem für die Tageszeitung „Lëtzebuerger Journal“ als Literaturkolumnist tätig.

Ein Kommentar

  1. Schriftsteller halten generell gerne Besucher aus ihren Behausungen heraus. Wenn ich mich recht erinnere, kommen bei Handke selbst Freunde kaum über die Schwelle, sonstige Gäste gar nicht (sollen doch bitte in den Garten pinkeln). In der FAZ gab es einen Bericht über einen Besuch bei DEM König der Zurückgezogenheit, Botho Strauss, der eine panische Angst davor zu haben scheint, angeblickt zu werden. Dieser Besuch wurde auch (so ich mich nicht falsch erinnere) im Wesentlichen nach draußen verlegt, die Fotos zeigten ihn in der Natur, nicht am Schreibtisch, geschweige denn beim Schreiben. Von daher vermute ich, dass die Topoi Feld und Wald einfach auf die geheimen Fluchtwünsche zurückgehen, die einen Autor befallen, wenn Kameras anrücken. Nachvollziehbar, finde ich, wenn man nicht wie Grass das Hofhalten gelernt hat. Bloß raus, bloß keine Bilder von Küche, Schreibplatz, Bett oder Klo. Von einer älteren Schriftstellerin mal gelesen (Name tut ja nichts zur Sache), sie würde sich wünschen, das Geld zu haben, auch mal Freunde bei sich bewirten zu können, aber das wäre kaum möglich.
    Die Diskrepanz zwischen erhabenem Tun und der dürftig-normalen Existenz hatte Spitzweg gemalt. Vermutlich geht es bei dem Schutz des buchstäblich Inneren vor der unbestechlich genauen Kamera aber um noch mehr. Wer sieht sich schon gerne selbst im Film?! So wie die meisten Menschen von der Wiedergabe ihrer eigenen Stimme unangenehm berührt oder erschreckt sind. Der Wald ist ein Angebot für eine Ersatzintimität (niemand guckt zu, wie die Peinlichkeit der Filmaufnahme durchgeführt wird). Zudem gibt es Weite,also Raum genug, um klein zu werden. Statt Close-up in der engen Wohnung kann man da Ferneinstellungen machen. Am Ende müssen die Autoren sowieso ihre Wünsche, aus dem Bild zu verschwinden, noch mit dem Verlag aushandeln, der eventuell bei dem einen oder der anderen Regie führt. „Natürlich ist die schwerste Pose“, sagt man auf dem Theater.
    Das Thema Künstlerporträt ist ziemlich interessant und wohl mehr als eine Glosse wert. Die schlüssige Haltung eines Autors ist ja tatsächlich die von Strauss – lest, wenn ihr könnt, meine Bücher, ansonsten ist völlig egal, wer ich bin, wie ich aussehe, wie schlabbrig ich angezogen bin. Erst in moderner Zeit – Mark Twain war der Vorreiter, dessen Photo auf einem Buchcover erschien und dann war das ja auch ein durchschlagener Erfolg – bemächtigt sich das Publikums seiner Autoren und verlangt, dass man sich vor ihm zeigt. Marketing ist Existenzpflicht. Das ist Pop-Kultur, wo der Clip ja das Verkaufsmedium schlechthin ist. Die Autoren werden zwar auch – augenscheinlich – immer performanter, oder müssen es der Umsätze wegen werden, sind da aber noch nicht angekommen, wo die Popkultur schon lange ist, sondern beziehen sich optisch und konzeptionell noch auf diese Kulturmagazine im TV. Mal sehen, wann die Ersten einen Wenders, Dominik Graf oder so fragen, ob sie nicht mal gerade schnell so’n Clip mit ihnen drehen können … „so was Virales wäre gut“ …

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