Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr alß gantz vertorben
Der frechen Völcker schar / die rasende Posaun
daß vom blut feiste Schwerd / die donnernde Carthaun
Hat alles diß hinweg / was mancher sawr erworben
Die alte Redlichkeit vnnd Tugend ist gestorben;
Die Kirchen sind verheert / die Starcken vmbegehaun
Die Jungfraun sind geschändt; vnd wo wir hin nur schawn
Jst Fewr / Pest / Mord vnd Todt / hier zwischen Schanz und Korben
Dort zwischen Mawr und Stad / rint allzeit frisches Blut
Dreymal sind schon sechs Jahr als vnser Ströme Flutt
Von soviel Leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.
Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.

Dieses Sonett dürfte denen, die sich noch an ihren Deutschunterricht erinnern, bekannt vorkommen. In der Tat handelt es sich um eines der berühmtesten deutschen Barockgedichte: Gryphius‘ „Tränen des Vaterlands 1636“, und zwar in der ersten Fassung, die tatsächlich 1636 entstanden ist. Die bekanntere zweite Fassung mit „1636“ im Titel wurde hingegen erst 1645 publiziert (klicken Sie hier, um beide Fassungen nebeneinander zu sehen). Ich konzentriere mich in diesem Beitrag auf die erste Fassung, nach der bewährten Kriminalistenregel: Die erste Aussage verrät am meisten.

Erratischer Block

Formal folgt das Sonett allen Regeln der barocken Poetik. Somit könnte man sagen: ein Gryphius-Sonett unter vielen. Vergleicht man es jedoch inhaltlich mit Gryphius‘ sonstigem Werk, insbesondere mit dem Zyklus eher geistlicher Sonette, erweist es sich als sperrig, ja geradezu als erratischer Block.

Andreas Gryphius (1616-1664) ist eine der herausragenden Gestalten der deutschsprachigen Barockliteratur. Er war ein gläubiger Protestant; Lutheraner, um genau zu sein. Sein Werk ist voll von Auseinandersetzungen mit seinem Glauben. Wieder und wieder beschwört Gryphius in seinen Texten die Nichtigkeit des diesseitigen Lebens, das erst im Jenseits Erfüllung finde. Das Jenseits ist dabei zugleich der Ort, der die Wohlgeordnetheit auch des irdischen Lebens verbürgt.

Speziell das von Gryphius immer wieder bearbeitete biblische Vanitas-Motiv, wonach alles Irdische ‚eitel‘ sei, will mitnichten metaphysische Ortlosigkeit beklagen. Vielmehr ist die Vanitas-Klage im Barock „zentrales Thema religiöser Besinnung“ (Thomas Borgstedt). Mit regelpoetisch vorgegebenen Mitteln wird ein vorgegebenes Thema bearbeitet. Fragen sind rhetorisch zu verstehen, denn „ihre Antwort liegt fest“ (Wolfram Mauser). Immer wieder geht es um „der Sorgen Sturm“, um „dises Lebens schmertzenvolle See“, bei der nur derjenige unbeschadet in den Hafen einfahren kann, der dem „rechten Lauff der GOtt-ergebenen Scharen“ folgt, so Gryphius in seinem Gedicht „Vanitas Mundi“.

Gewalterfahrungen

Das Sonett über den Dreißigjährigen Krieg weicht von dieser Motivik ab. Hier geht es nicht um Zuversicht, sondern um den Zusammenbruch aller Ordnung: Plünderung, Zerstörung, Vergewaltigung, Mord – das sind Gewalterfahrungen, die für Gryphius auch den Verlust aller religiösen Orientierung und Heilsaussicht bedeuten. Das Gedicht ist ganz konkret: Es benennt materielle Verluste („was mancher sauer erworben“), und es schildert die Kriegsgeschehnisse realistisch (damals trieben tatsächlich Leichen die Flüsse hinab). Doch vor allem ist es in seiner Aussage ganz diesseitig – gerade der Verlust des Seelenheils ist ja ein Sieg des diesseitigen Prinzips, ein Sieg der Gewalt („abgezwungen“). Und das bedeutet für den gläubigen Christen Gryphius immer: ein Sieg der Gottvergessenheit.

Die Religion wird von Gryphius also deutlich hervorgehoben, nämlich in der letzten Zeile, die im Gedicht ja häufig die entscheidende Wendung anzeigt, zumal im Barockgedicht. Dabei unterscheiden sich beide Fassungen in meinen Augen jedoch in ihrer Deutung des religiösen Aspekts. Die zweite, kanonische Fassung sieht im Verlust der Heilsgewissheit die gleichsam ‚eigentliche‘, die relevante Katastrophe. Das Adverb „auch“ belegt es.

Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.

Das ‚Schweigen‘ bezieht sich in der zweiten Fassung ganz eindeutig auf den Glaubensverlust.

Der Krieg als Alleszermalmer

Die erste, jugendliche, rohere und literarisch (insbesondere metrisch) sicherlich auch unfertigere Fassung aber scheint mir hier vieldeutiger und interessanter zu sein. Lassen wir die Frage beiseite, wer oder was mit „Strasburg“ gemeint ist – darüber streiten sich die Experten zur Genüge. Mich interessiert die letzte Zeile.

Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.

Der Verlust des Seelenschatzes ist zwar auch hier exponiert. Aber durch das lapidare „und“ anstelle des „auch“ wird er viel stärker in das diesseitige ‚Alltagsgeschäft‘ des Krieges integriert.

Die zweite Fassung entfernt den geistlichen Verlust vom Alltagsgeschehen, eröffnet dadurch aber zugleich eine Art von Hoffnung (man vergleiche Gryphius‘ Sonett „An einen unschuldig Leidenden“): Denn wenn ich mir den Seelenschatz nicht abzwingen lasse, so deutet das Sonett in seiner zweiten Fassung an, bleibt ja noch das Jenseits als Ort der Erlösung. Die lapidarere, dadurch in meinen Augen stärkere, erste Fassung aber sagt nur: Und das Seelenheil ist übrigens auch noch futsch! Eine Zuspitzung, die die Sache auf den Punkt bringt.

Es werden in einer einzigen Aufzählung lauter weltliche Ereignisse geschildert, von Mord, Plünderung, Vergewaltigung, Hunger bis hin zum Glaubensverlust. Der Krieg erscheint hier noch stärker als der große Alleszermalmer, Nivellierer, Sinn- und also Weltzerstörer. Im Gegensatz zur zweiten Fassung ist das ‚Schweigen‘ nicht rhetorisch zu verstehen, nicht im Sinne eines ‚mal ganz zu schweigen von X‘. Das Gedicht schweigt wirklich, es ist nichts mehr zu sagen, denn die weltliche Gewalt hat alle Optionen zerstört. Insbesondere die religiöse Option, die natürlich für den jungen Gryphius zentral bleibt.

Religiöse Toleranz

Es ist unstrittig, dass Gryphius in diesem Gedicht eigene Erfahrungen reflektiert – Gryphius‘ Vater war protestantischer Pfarrer, die Familie musste nach der zwangsweisen Rekatholisierung Schlesiens 1628 fliehen. Doch Gryphius beklagt keineswegs ausschließlich einen durch die Gegenreformation erzwungenen Religionswechsel von Protestanten. Der Text spricht allein vom Glauben: Die Gewalt als solche zerstört das Christentum als solches. Täter wie Opfer werden nicht näher qualifiziert. Auch ein zeitgenössischer Katholik, der eine schwedische Reiterhorde hatte erdulden müssen, konnte das Sonett auf sich beziehen.

Gryphius (der sich übrigens nachweisbar auch von Jesuiten literarisch hat inspirieren lassen) dachte über religiöse Unterschiede tolerant. Das ist in seinem Werk vielfach belegbar. Am bekanntesten ist sein Zweizeiler „Ueber heutiger Christen Zancksucht“:

Christus will daß seine Schaar sich des Fridens soll befleissen.
Und wir zancken / weil wir leider Christen nicht sind / sondern heissen.

Mit den Zänkereien sind zweifellos die konfessionellen Konflikte gemeint, die diesen Krieg ideologisch überhaupt erst ermöglichten, ihn dann aufheizten und am Laufen hielten. Diese kritische Sicht auf religiösen Dogmatismus teilt Gryphius mit so gut wie allen zeitgenössischen Künstlern und Intellektuellen seiner Generation, vorneweg der (konvertierte) Katholik Grimmelshausen (geboren 1622), dessen Abenteuerlicher Simplizissimus zusammen mit Gryphius‘ Gedicht zur gültigen literarischen Antwort auf diesen Krieg wurde.

Kollektives Trauma

Dass Gryphius hier nicht mehr in konfessionellen Kategorien dachte, wird schon im Titel seines Sonetts deutlich. Es geht nicht um eine Konfessionsgemeinschaft, sondern um das „verwüstete Deutschland“ bzw. in der zweiten Fassung um das „Vaterland“. Innerhalb der Geschichtswissenschaften umstritten ist die Frage, inwieweit es damals schon so etwas wie ein Nationalbewusstsein im heutigen Sinn gab. Was unstrittig ist: Der Dreißigjährige Krieg, dessen Schrecken Gryphius so eindringlich beschreibt, wurde von den Betroffenen als traumatisch erlebt. Deutschland wird zum Teil regelrecht entvölkert, in Gryphius‘ schlesischer Heimat verringert sich die Bevölkerung um bis zu zwei Drittel. Spuren dieses Traumas lassen sich in der deutschen Alltagskultur bis heute nachweisen („Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt“). Zugleich führte dieses kollektive Trauma aber auch zu einer ersten überkonfessionellen Identität – vor Plünderung und Mord sind alle gleich, zumal, wenn sie die gleiche Sprache sprechen. Man sollte dieses deutsche Trauma von 1618 nicht kleinreden. Allerdings sollte man es auch nicht, in schlechter Treitschke-Nachfolge, vorsätzlich revitalisieren und – versteckt oder offen – als Ausrede für alle folgenden Fehlleistungen der deutschen Geschichte ins Spiel bringen.

Deutungen

Wie Gryphius es persönlich ‚gemeint‘ hat, oder ob der Text hier eher vieldeutig gelesen werden kann – darüber wird in der Forschung lebhaft debattiert. Thomas Borgstedt warnt davor, das Gedicht durch moderne Konzepte „ästhetisch aufzuwerten“. Gryphius sei als Autor aus seiner Zeit zu verstehen, mit seinen Intentionen und mit seinem Text. Sein Gedicht werde nicht schwächer, wenn man es als Klage eines vertriebenen Protestanten deute. Natürlich „dürfe“ man den Text heute anders lesen (wer will‘s denn auch verbieten? – der logische Fehler bei der Kritik am Intentionalismus überhaupt!), aber literaturwissenschaftlich stecke das eben nicht im Text. Nicola Kaminski hingegen plädiert für eine „hermeneutische Offenheit“ von Gryphius‘ Texten. Die vor allem durch Erich Trunz etablierte Sicht auf Gryphius als Dichter, der lediglich, wenn auch auf hohem Niveau, regelpoetisch sein protestantisches Pensum abarbeitet, sei zwar nicht völlig zu revidieren, aber mit Fragezeichen zu versehen.

Eine spannende Debatte, weil sie grundlegende Fragen zu unserem Verständnis von Literatur spiegelt: Wie sollten oder können wir einen Text lesen? Gilt es, die Autorenintentionen zu eruieren, oder weisen Texte Eigengesetzlichkeiten auf, die über die unstrittigen (?) Intentionen der Verfasser hinausreichen, sie vielleicht sogar unterlaufen? Zumindest hier halte ich es als Leser mit Kaminski. Ob Gryphius selber ‚lediglich‘ seinen protestantischen Glauben gegen die ‚Papisten‘ verteidigen wollte, bleibt sich fast gleich: Dann wäre ihm unter der Hand ein beeindruckendes Antikriegsgedicht gelungen, welches den Wahnsinn eines jeden Kriegs, insbesondere den eines identitär aufgeladenen, zeigt.

Als solches wird es heute auch überwiegend gelesen, und zwar, wie ich meine, mit vollem Recht.

Beitragsbild:
Josef F. Heyendahl: Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg.
(via Wikimedia)

Literaturangaben:
  • Gryphius, Andreas: Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes.
    In: Killy, Walter (Gesamtherausgeber): Epochen deutscher Lyrik, Band 4. Herausgegeben von Christian Wagenknecht 1600 – 1700, München 1969
  • Gryphius, Andreas: Gedichte. Herausgegeben von Thomas Borgstedt, Stuttgart 2012
  • Borgstedt, Thomas: Kriegsklage im Sonett. https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22561
  • Kaminski, Nicola: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998
  • Kemper, Hans-Georg: Von der Reformation bis zum Sturm und Drang.
    In: Holznagel u. a.: Geschichte der deutschen Lyrik. Stuttgart (Reclam) 2004
  • Mauser, Wolfram: Was ist dies Leben doch? Zum Sonett „Thränen in schwerer Krankheit“ von Andreas Gryphius.
    In: Gedichte und Interpretationen, Band 1: Renaissance und Barock. Herausgegeben von Volker Meid, Stuttgart 1982/2011
  • Münkler, Herfried: Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648. Berlin 2017
  • Pantle, Christian: Der Dreißigjährige Krieg. Berlin 2017
  • Schmidt, Georg: Der Dreissigjährige Krieg. München 1995/2018
  • Trunz, Erich: Andreas Gryphius‘ Gedicht „An die Sternen“.
    In: Interpretationen, Band 1: Deutsche Lyrik von Weckherlin bis Benn. Herausgegeben von Jost Schillemeit, Frankfurt/Main 1965

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Hartmut Finkeldey

Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

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