Huguette Caland (1931-2019) ist eine Schwester im Geiste ihrer schreibenden und malenden libanesischen Kollegin Etel Adnan. Wie Adnan bewegte sich Caland zwischen den Kulturen, so etwa zwischen Beirut, Paris und Los Angeles. Als abstrakte Malerin erkennt man auch eine Verwandtschaft mit Hilma af Klints, die ebenfalls ungegenständliche Farbuniversen auf Leinwände brachte, allerdings nicht aus einer körperlichen Erfahrung heraus, sondern getrieben von einer metaphysischen Sehnsucht.
In Notizbüchern, die sie neben ihrer bildnerischen Arbeit führte, erklärt Huguette Caland den Zusammenhang in eigenen Worten:
Life is concrete because we belong to a body.
It is abstract because we know we are dying.
Kampf um Unabhängigkeit
Von klein an weiß Huguette El Khoury, wie sie damals noch heißt, dass sie ausbrechen möchte. Sie wird ins Beirut der 1930er Jahre hinein geboren, als Kind einer gehobenen christlichen Familie und hat dadurch viele Möglichkeiten. Aber sie ist ein Mädchen – und hier beginnt ihre Auflehnung. Schön soll sie sein, schlank, begehrenswert und amüsant. Aber das ist sie nicht. Zeit ihres Lebens wird sie ihren Körper als zu schwer, zu hässlich empfinden und ihn, so gut es geht, in der Öffentlichkeit verstecken.
Ihr Denken wiederum ist scharf: sie spricht laut und deutlich, gibt Widerworte. Als ihr Vater Béchara El Khoury 1943 zum ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Libanon gewählt wird, verschärft sich ihre Situation: Die Familie steht nun im Rampenlicht, und als Huguette einen politischen Gegner des Vaters, den Franzosen Paul Caland heiratet, schlägt das nicht nur privat Wellen.
Sie bekommt drei Kinder, verliebt sich erneut, setzt die zweite Beziehung bei ihrem Mann durch – und beginnt zu malen. Doch erst als ihr Vater 1964 stirbt, bewirbt sie sich an der Universität Beirut mit dem Bild „Soleil rouge“. Es ist gleich am Anfang der Hamburger Ausstellung zu sehen. Eine fast monochrome blutrote Leinwand mit konzentrischen Kreisen, die erst auf den zweiten Blick erkennbar sind: ein Symbol für den sich in den Körper des Vaters fressenden Krebs, wie sie anfangs sagt. Oder später: für den schmerzhaften Sonnenaufgang ihrer Unabhängigkeit.

Stoffe und Gewebe
Schnell – und das zeigt die Retrospektive in den folgenden Räumen – entwickelt Caland ein eigenes Vokabular. Sie entwirft Bildlandschaften und Figurenbilder, die aus Formen und Farben collagiert erscheinen. Die Farben sind gedeckt, als wären Stoffe eleganter Inneneinrichtungen ihr Vorbild. Überhaupt: Stoffe und Gewebe. Sie werden neben den Linien der Schriftzeichen eine wichtige Quelle für Calands Inspiration: „Fabric“, von Menschen fabrizierte Stoffe, um Frauen in ein gesellschaftliches Korsett zu pressen – und später, als sie anfängt, eigene Kleidung zu entwerfen, Material, das ihren Körper umfließt, ihrer Haut schmeichelt.
1970 ist ein weiteres entscheidendes Jahr für die damals 39jährige Künstlerin. Sie trennt sich von Mann, Liebhaber und Kindern, um in Paris ein freies Künstlerinnen-Leben zu starten. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie mit einem Schlag ihre Farben klar und leuchtend, die Formate größer, die Themen expliziter werden. Obwohl Caland von Anfang an eine abstrakte, nicht erzählerische Bildsprache wählt, sind die Pariser Bilder voll von erotischen Begegnungen.
Rückblickend schreibt sie über die Zeit in Frankreich:
life passes. time remains.
time passes. life remains. lines to be filled –
fishing line- – – – – fishing line
guideline, lifeline, heart line.
what does it matter?
Körperlandschaften
In Tuschezeichnungen aus der Zeit entstehen feinste Liniengespinste, sie beschreiben Begehren, Belauern oder andere Formen körperlicher Annäherung. Wie in einem stream of consciousness fließen die Linien über das Papier, als würde Caland nicht ein einziges Mal den Stift neu ansetzen: Träume, die beim Betrachten wie in einem Kaleidoskop immer neue Bilder entstehen lassen. Weibliche und männliche Körper, die zwischen den Linien entlang rutschen, sich einzwängen oder aufblähen. Das kann ungeheuer komisch sein, wie die Zeichnung „Mustafa, poids et haltères“ von 1970, wo sie die Konturen ihres Liebhabers mit seinen zahlreichen Freundinnen füllt.
Auf der großen Leinwand dagegen malt sie in Farben. Auch hier sind Linien wichtig: Sie begrenzen amorphe Formen, enorme, übergewichtige, weiche Körper, die zu pulsieren scheinen, sich hemmungslos ausdehnen oder zärtlich aneinander schmiegen. Höhepunkt dieser aus der frühen Scham emanzipierten Körperlandschaften ist ein rosaroter Hintern, der in unerschrockener Direktheit die 120 mal 120 Zentimeter große Leinwand ausfüllt – ein „Selbstporträt“, wie der Titel verrät.
Je weiter sich Calands Werk entfaltet, desto klarer wird, wie sehr sie von der Kalligrafie und vom Ornament kommt, das heißt, von ihren libanesischen Wurzeln, das wird in der Ausstellung sehr deutlich sichtbar. Der Vorrang der Linie, die flächenorientierte Bildlogik und Anklänge an die levantinische Textiltradition prägen in je unterschiedlicher Gewichtung alles, was sie auf Leinwand und Papier bringt. Und auch wenn wir darin Collagen sehen, Pop-Art oder jugendstiliges All-Over der Jahrhundertwende: Diese Bildfindungen stehen zugleich in der arabischen Tradition.
Fehlendes Echo im deutschen Feuilleton
Neben aller Leichtigkeit gibt es auch kühlere Bilder, die von Fremdheit und Alleinsein sprechen: Die „Cityscapes“ aus den 1990er Jahren, die wie Satellitenbilder wirken und städtische Landschaften aus großer Entfernung dokumentieren. Hier dominiert das Eckige: Flächen sind hart voneinander abgegrenzt, ein Raster an Besitz und unverrückbaren Barrieren, mal als vermeintliche Architekturskizze, mal wie amputiert, weil sich die eingegrenzten Flächen im Nichts zu verlieren scheinen. Ganz wie verlassene oder zerstörte Gebiete.
In Spanien stieß die Retrospektive innerhalb der Kunstwissenschaft auf große Resonanz, in den deutschen Feuilletons jedoch fand sie kaum ein Echo.
Vielleicht kommt Huguette Caland gerade nicht zur richtigen Zeit? Vielleicht wirken ihre Arbeiten zu zärtlich, zu bunt, um als ernstzunehmendes Gegengewicht in dunklen Zeiten Aufmerksamkeit zu erlangen?
Ausstellungsinformation
Huguette Caland – A Life in A Few Lines
Deichtorhallen Hamburg
Bis zum 26.04.2026

