Bei diesem Buch bin ich nicht ganz unvoreingenommen, denn der Page-99-Test ist nicht meine erste Begegnung mit dem Roman, dessen Titel ich mir nie merken kann. Ich erinnere mich jeweils nur an Stunde, Frau und Gitarre (oder Giraffe?), die Beziehung zwischen ihnen scheint beliebig.

Meine erste Begegnung mit Die Stunde zwischen Frau und Gitarre war ein Social-Reading-Experiment im Jahr 2015, initiiert von Sascha Lobo und Guido Graf: Vierzig Teilnehmer:innen sollten sich auf der (inzwischen eingestellten) Plattform www.sobooks.de über den Tausendseiten-Wälzer austauschen.

Der Roman nervte mich so, dass ich nach hundert Seiten aufgab und das Experiment verließ. So jedenfalls meine Erinnerung. Als ich das Buch nun zur Hand nehme, sehe ich, dass das Lesebändchen auf der Seite 305 liegt. Meine letzte Anstreichung ist auf Seite 294. An den Rand gekritzelt steht: „wen interessiert das?“

Nun also die Seite 99. In den Anfangszeiten dieser Rubrik befürchtete ich manchmal, mir würde zu einer Seite 99 nichts einfallen. Nun ist es zum ersten Mal so weit.

Natalie schaut fern auf dieser Seite 99: eine Talkshow offenbar, in der es um einen Stalker geht. Was mir an der Sprache dieser Romanseite als Erstes auffällt, sind die vielen Hauptsätze.

Kauend saßen die Affen da.

Der militante Tierschützer wischte sich die Augen und putzte seine Brille.

Zwei Blondinen schauten einander fragend an.

Auch der Moderator ließ sein Kärtchen sinken […].

Die Kamera zoomte und zoomte.

Davon hatte sie hier und da schon gelesen.

Das Phänomen war bekannt.

Auch bei Stephen King gab es eine paar Kurzgeschichten darüber […].

Aber jetzt begegnete sie so einem in der Wirklichkeit.

Und sein Opfer kam ihn besuchen.

Sie stellte sich GTA-Szenen zwischen den beiden vor […].

Und dann ging das Geklopfe los.

Ein Ninjaschwert tauchte von irgendwo her auf.

Es schnitt durch den porzellanigen Kopf von Herrn Dorm […]

Jetzt weinte der militante Tierschützer noch heftiger […]

Natalie schaltete auf CNN.

Dort ging es um die US-amerikanische Botschaft im Jenem.

Die Sonne schien.

Menschen gingen durch die Straße.

Und ich bin seine neue beste Freundin.

Ist es unfair, diesen Text auf seine Hauptsätze zu reduzieren? Wenn die Hauptsätze gut sind, sollte das kein Problem sein. Jede:r wird das anders lesen, doch bei mir entsteht ein Eindruck von Dürftigkeit. Es wird drauflosgeplappert, als käme es nicht drauf an.

Auch zwischen diesen Hauptsätzen findet sich nicht viel Aufregendes. Natalie hat bei der Fernsehsendung „schon die ganze Zeit überhaupt nicht mitgedacht“.

Nur den oberflächlichen Verlauf der Fernsehsendung hatte sie registriert, wie auf einer bewegten Wasserfläche hatte sie ihre Gedanken dahinziehen lassen.

Wir befinden uns in Natalies Bewusstsein, wir sehen, was sie sieht. Doch ich kann mir die bewegte Wasserfläche, auf der die Gedanken dahinziehen, nicht recht vorstellen.

Natalie langweilt sich beim Fernsehen, doch auch wenn sie unversehens in ihre eigene Vorstellung abdriftet, hebt der Text nicht ab.

Sie stellte sich GTA-Szenen zwischen den beiden vor, der eine stehend, mit einem Baseballschläger, der andere im Rollstuhl, die nackten Arme abwehrend erhoben. Und dann ging das Geklopfe los. Ein Ninjaschwert tauchte von irgendwoher auf. Es schnitt durch den porzellanigen Kopf von Herrn Dorm, aber er spürte zunächst nichts und fuhr tagelang herum, geplagt von dunklen Ahnungen, und dann tippte ihn jemand sanft von hinten an, und der halbe Kopf fiel ab, plopp.

Natalies Kopfkino ist weniger langweilig als das Fernsehen, wenn auch ungeklärt bleibt, was es mit dem Geklopfe auf sich hat (vom Ninjaschwert ganz zu schweigen). Das Adjektiv „porzellanig“ – das einzige auffällige Wort auf dieser Seite 99 – verleiht dem Herrn Dorm etwas Puppenhaftes, deshalb macht es mir nichts aus, dass ihm nun der halbe Kopf abfällt.

Die Wendung „und der halbe Kopf fiel ab, plopp“ hat eine Entsprechung im nächsten Satz:

Jetzt weinte der militante Tierschützer noch heftiger, und einige Leute fragten ihn, ob es wieder gehe, ob er ein Taschentuch haben wolle, hier.

Das „hier“ und das „plopp“ versetzen uns unmittelbar in die Szene, eine raffinierte Verschiebung, die die sprachliche Eindimensionalität aufbricht. Für einen Moment merke ich, dass ich in diesem Text auf schwankendem Boden stehe.

Der Büchnerpreis wird für das Gesamtwerk vergeben, nicht für einen einzelnen Roman und schon gar nicht für eine einzelne Seite. Sind Zweifel aufgrund der Seite 99 legitim? Selbst wenn sich im ganzen Roman noch mehr raffinierte stilistische (und erzählerische) Einfälle finden: Reicht die Flughöhe für den Büchnerpreis?


Angaben zum Buch

Clemens J. Setz
Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Roman
Suhrkamp Verlag 2015 · 1021 Seiten · 29,95 Euro
ISBN: 978-3-518-42495-7

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel
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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Ja Frau Geisel, Sie besprechen hier nicht den aktuellen Text von C. Setz (Die Bienen und das Unsichtbare). Das erste Kapitel–weiter bin ich noch nicht gekommen, führe ein anstrengendes Leben–ist aber schon wow! Seite 99 schnell angeschaut, auch da wieder ein paar Hauptsätze! aber was ist denn daran schief: man rät doch heute jungen Autorinnen und -toren solche von sich zu geben, das
    sei literarisch attraktiver Stil. Vielleicht für Wenig-Lesende. Immerhin.
    Wenn TV-Geschwafel im Setz-Text vorkommt, dann ist das halt hohl, kann man beim
    Lesen ja überspringen. Aber es bildet wenigstens die Trivialität der TV-Berieselung ab. Als nicht TV- und Nicht-Handy-Nutzer geht mir das alles sowieso irgendwo vorbei…

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  2. Sie haben Recht: Man rät Anfängern gern zu Hauptsätzen. Doch zum einen haben wir es hier nicht mit einem Anfänger zu tun, sondern mit einem Büchnerpreis-Träger. Und zum anderen ist Hauptsatz nicht gleich Hauptsatz. In der Literatur ist der Hauptsatz keine Notlösung für Anfänger, sondern ein Stilmittel: Man kann damit beispielsweise etwas verdichten oder beschleunigen, d.h. die Qualität literarischer Hauptsätze bemisst sich an ihrer Wirkung.
    Ein Beispiel aus der Literaturgeschichte: der Anfang von Büchners „Lenz“:

    „Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.
    Es war naßkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.“

    Das ist aufgeladene Sprache. Im Verlauf der Erzählung nutzt Büchner der Satzbau in virtuoser Weise, um den geistigen Zustand seiner Figur Lenz auszudrücken und uns, als Leser, in diesen Bewusstseinsraum hineinzuversetzen.

    Bei Setz spüre ich davon nichts, zumindest auf dieser Seite 99.

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