Ich halte Friederike Mayröckers Benachbarte Metalle in der Hand, eine Auswahl ihrer Gedichte, zusammengestellt von Thomas Kling, einem Gewährsmann für Lyrik.

Als ich die Seite 99 aufschlage, erschrecke ich:

Ist das Friederike Mayröckers Art, mir zu sagen, dass ich sie verschonen soll? Bei jedem anderen Autor hätte ich schulterzuckend die Seite 98 genommen, doch hier traue ich mich nicht recht. Das Gedicht auf Seite 98 trägt den Titel (modell 9 / euterpe), es ist das letzte Gedicht eines Zyklus.

Überhaupt ist der Page-99-Test für Gedichte nicht gedacht. Doch warum eigentlich nicht? Wenn ich in der Buchhandlung stehe, blättere ich schließlich auch in Gedichtbänden erst einmal prüfend herum, bevor ich mich für ein Buch entscheide.

Beim Page-99-Test darf ich nicht kneifen, so lautet meine selbstauferlegte Regel, also muss ich es wagen. Da die Seite 100 leer ist, entscheide ich mich für die Seite 101: Text mit Giotto.

Das Gedicht beginnt so:

„.. die blau-gehörnten gepinselt (Schweine) fleischig hündchen-
                treu

Die Anführungszeichen werden erst auf der Seite 102 geschlossen, nach dem letzten Wort des Gedichts. Das Gedicht ist also als Zitat markiert, allerdings ohne Quellenverweis. Die Dichterin scheint sich selbst zu zitieren. Ich lese es als distanzierte Sprechweise: Die Anführungszeichen machen den Text nachdenklicher, sie verleihen ihm das Echo des schon einmal Gesagten, Gedachten.

Auf das Anführungszeichen folgen zwei Punkte, und auch sie tauchen am Ende auf Seite 102 wieder auf. Ein verkürztes Auslassungszeichen, zwei statt drei Punkte? Wir springen in einen Sprachfluss, wie wenn man das Radio anschaltet und mitten in einem Satz der Sprecherin landet. So jedenfalls deute ich die beiden Punkte.

Springen ist eine gute Metapher für diesen besonderen Lesevorgang. Das konventionelle Nacheinander führt hier in die Sackgasse. Das ist eine Zumutung – und zugleich eine Freiheit: Ich darf mitspielen.

Die erste Zeile ruft Bilder wach. Ich sehe gepinselte/gemalte Schweine mit blauen Hörnern vor mir – und gleich wird klar, dass die Spielregeln bei diesem Gedicht kein Übersetzen erlauben: „blau-gehörnt“ ist viel zaubriger, fast erotisch, „mit blauen Hörnern“ wirkt dagegen trivial. Warum das so ist? „Dichten“ kommt zwar nicht von dicht (sondern von dictare), das ändert nichts daran, dass die Schönheit aus der Verdichtung entsteht.

Das Wort „Schweine“ steht in Klammern, es gehört also nicht zur poetischen Aussage, sondern ist nur eine Verständnishilfe. Die Passage besteht im Wesentlichen aus Adjektiven:

  • blau-gehörnt
  • gepinselt
  • fleischig
  • hündchen-treu

Kein Mensch vor und nach Friederike Mayröcker würde je auf diese Liste kommen (das gilt selbstredend für das ganze Gedicht).

Ich nehme mir die Freiheit, gleich ans Ende des Absatzes zu springen. Dort kommt wieder ein Tier vor (das Schwein von oben?):

kralliges Tier rosa Tier die Stadt ungeheuerlich feurig
fast wie wimpel hoch klar tannig (wenn Esther tausend finger ..)
zehnstimmig Blumenblätter in einem einzigen flimmernden stern

Hier gibt es so vieles, was auffällt, ich fange mit den Kleinigkeiten an. Am Ende der Klammerbemerkung finden sich wieder die beiden Punkte. Lässt Mayröcker den dritten Punkt einfach weg, weil er überflüssig ist?

Die Groß- und Kleinschreibung scheint willkürlich.

  • Tier
  • Stadt
  • Blumenblätter

versus

  • wimpel
  • finger
  • stern

Ist es ein Zufall, dass je drei Substantive groß und drei klein geschrieben sind? Bei diesen sechs Wörtern ist der Fall klar, doch insgesamt hat die deutsche Grammatik das Problem der Groß-/Kleinschreibung bis heute nicht befriedigend gelöst. Anerkennt diese sorgfältig inszenierte Willkür augenzwinkernd die Vergeblichkeit orthografischer Bemühungen?

Wenden wir uns dem sogenannten Inhalt zu. Man kann diese Zeilen fast singen, der Rhythmus ist klar, und doch lässt er mir Freiheiten beim Lesen (typisch Mayröcker: Ich will vom Inhalt reden und lande bei der Musik!).

Die Szenerie ist aufgeladen. Ich folge noch einmal der Spur der Adjektive:

  • ungeheuerlich feurig
  • hoch klar tannig
  • zehnstimmig
  • flimmernd

Das knistert. Adjektive haben zu Unrecht einen schlechten Ruf: Hier sieht man, was sie leisten, wenn man sie arbeiten lässt und nicht zu Dekorationszwecken missbraucht.

Die zehnstimmigen Blumenblätter wurden wohl von der Klammerbemerkung herbeigerufen, Esthers „tausend finger“. Die zehn Finger, an die wir dabei denken, gehen an die Blume, und damit wir nichts lesen, was wir schon wissen, beginnen die Blumenblätter zehnstimmig zu singen. Lesend schaue ich der Dichterin bei der Arbeit zu.

Der nächste Absatz (Strophe?) ist voller Rätsel. Das ganze Gedicht, so nehme ich an, beschreibt, erzählt, singt ein Bild von Giotto. Welches, erfahren wir nicht. Wir sollen selber lesen, sehen, hören.

die Armut aber und der Hunger um die Ecke
Hökerwolken aus Hökerwolken : leichte kommunikation
Kind mein Samt (ist Verlangen grosz)
o mond Unterlasz verwaist : you are no longer the same my dear!

Wieder springen mir als Erstes die Kleinigkeiten ins Auge. Der Doppelpunkt wird beidseitig von einem Leerschlag gepolstert, das mildert seine didaktische Verweisfunktion. Und dann natürlich das Mayröckersche „sz“, mit dem sie das „ß“ („Eszett“) wieder in seine ursprüngliche Form zurückverwandelt. Das verleiht dem Text etwas leicht Widerständiges, egal worum es geht.

Ich kann diese Passage nicht entschlüsseln, hier wird ein anderes Spiel gespielt. Also hasche ich nach den „Hökerwolken“. Das Wort Höker muss ich nachschlagen: „Händler, der auf der Straße oder in einer Bude Waren mit geringem Umsatz verkauft, Kleinhändler“, so das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Die Etymologie liefert den Schlüssel: Das Wort ist abgeleitet von der Hucke, in welcher der Händler die Ware zum Markt trägt. Also sind es Rucksackwolken. Aua – was für ein unpoetisches Wort.

Friedrike Mayröcker schafft Abstand zwischen der Poesie und den profanen Verwendungsformen der Sprache. Zugleich ist ihr nichts heilig, d.h. sie verbietet sich nichts. Beim ersten Lesen hatte mich die Wendung „leichte kommunikation“ gestört, ich empfand es als Fremdkörper. Doch das war engstirnig gelesen, im Kosmos dieses Gedichts ist auch dafür Raum.

Zurück zum Text:

o mond Unterlasz verwaist : you are no longer the same my dear!

Wer denkt bei: „o mond Unterlasz“ nicht an: „ohne Unterlass“? Wir benutzen das Wort „Unterlass“ gar nicht mehr ohne dieses ohne. Ist es deshalb „verwaist“? Die Dichterin gibt ihm einen neuen Satelliten mit: den „mond“. Um dann festzustellen: „you are no longer the same my dear!“ Eigentlich ist das eine Definition von Poesie: Die Wörter sind nicht mehr die gleichen wie vor dem Gedicht, die Dichterin hat aus ihnen etwas „gemacht“.

Das ist natürlich alles spekulativ. Ob die Dichterin gemeint hat, was ich in ihre Zeilen hineindichte, weiß ich nicht – doch ihr Spiel erlaubt mir diese Lesart.

Ich fange an zu lesen wie ein Kind: Ich nehme die Wörter in die Hand, schraube sie auseinander und probiere aus, was ich mit ihnen machen kann. Jedes lesende Kind wird sich andere Wörter, andere Zeilen und Verse aussuchen für sein Spiel, bei jeder Lektüre entstehen neue Landschaften.

Die Seite 101 ist ein ganzes Buch, aus jeder Zeile quillt und sprudelt es. Friederike Mayröcker schöpft aus dem gesamten Reservoir von Sprache, aus allen Epochen, aus allen Stillagen.

Im Page-99-Test-Verfahren kann ich nur einzelne Zeilen gegens Licht halten.

rohr-verschönt : eine Frau steghart süsz eine Frau
Leib licht Blätter Kranz fern so brief raschelnd südherz

Ich wühle in dem Satz herum, sehe auf den ersten Blick, dass „Leib licht“ aus „leiblich“ entstanden sein muss (bezogen auf die Frau aus der vorherigen Zeile). Versuchsweise google ich „steghart“, in der Annahme, dass nicht einmal Google dieses Wort kennt – und erhalte über 3000 Treffer. Wenn man Steghart nämlich groß schreibt, ist es ein Name (so viel zu der Sache mit der Groß- und Kleinschreibung).

Auch „südherz“ hat ein Leben außerhalb der Mayröckerschen Sprachwelt. Eine Vereinigung von Bioweingütern aus der Südsteiermark nennt sich Südherz („die Südherzler“). Und in Wien gibt es ein Immobilienprojekt mit diesem Namen, „Wohnflair das verbindet“ (sic!): „Das Neubauvorhaben Südherz verbindet sowohl emotional, als auch infrastrukturell über alle Maßen.“ Befindet man sich im Hallraum von Friederike Mayröckers Gedicht, wird alles zum Artefakt.

William H. Gass hat einmal gesagt, dass literarische Texte eine bewusstseinsverändernde Qualität haben, ähnlich wie ein Stück von Mozart: „Art constructs new consciousness.“

Ein paar Zeilen Mayröcker, und man liest wie neugeboren. Jedes Wort schaut anders zurück.


Angaben zum Buch

Friederike Mayröcker
Benachbarte Metalle
Ausgewählte Gedichte
Anordnung und Nachwort von Thomas Kling
Suhrkamp Verlag 2016 · 192 Seiten · 11,95 Euro
ISBN: 978-3-518-24046-5

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Ein wunderbares Gedicht – und ein wunderbarer „Test“, hier sehr im Sinne einer Verkostung. Die zwei statt drei Pünktchen finden sich übrigens schon bei Stefan George, mit dem Mayröcker auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten aber einiges teilt, vor allem die Ablehnung von Poesie als kommunikativen „Austausch“ von Wörtern. In diesem Sinne lese ich auch die Stelle mit den Hökerwolken: Kritik am Markt (der Armut produziert)und eben „leichter Kommunikation“. Aber das ist natürlich genauso spekulativ wie Deine Lesart mit der simplen Rucksackform oder -funktion der Wolken. Aber dass Kommunikation immer wieder als scheiternde, frappierende, in die Irre führende inszeniert wird: Dafür sprechen ja auch die Anakoluthe. Hier korrespondiert es schön dem Motiv der Ikonographie, finde ich: ein Bild (Giotto) lesen, im Raum, indem sie das Auge zwischen verschiedenen Punkten in diesem Bild hin und her springen lässt und dabei, wie unabsichtlich, doch auch Zeit (Musik) entfaltet.

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  2. Sprachspiel als Baptisterium der Wiedergeburt oder
    Ein paar Zeilen Mayröcker, und man liest wie neugeboren.

    selbstzitate / selbstauferlegte Regel / springen eine gute Metapher / Ich darf mitspielen / eine Übersetzung ist nicht erlaubt /„Schweine“ nur eine Verständnishilfe / ein dritter Punkt ist überflüssig / willkürliche Rechtschreibung /
    sorgfältig inszenierte Willkür / voller Rätsel / singt ein Bild von Giotto / Der Doppelpunkt von einem Leerschlag gepolstert / der Text etwas leicht Widerständiges / Rucksackwolken ein unpoetisches Wort / profane Verwendungsformen der Sprache / Das ist natürlich alles spekulativ. / Ich wühle den Satz herum. / „steghart“ – erhalte über 3000 Treffer / Jedes Wort schaut anders zurück. /
    Und nun?
    Während des Sprach-Spiels mit dem „Gedicht“ nach einem Sinn zu fragen,
    ist fast ungehörig. Trägt doch das Spiel seinen Sinn in sich selbst, oder? Die Seite 100 gefällt mir besonders. Spiel- und Sinnfrei! Ich habe verkostet. —
    Frau Mayröcker habe ich vor einigen Jahren in einer Kirche lesen gehört.

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