Max Frisch wurde vor gut 110 Jahren geboren. Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts ist der Schweizer Autor auch vielen Menschen ein Begriff, die keine passionierten Leser:innen sind. Das mag daran liegen, dass er bis heute den Schulkanon prägt. Ob Homo faber, Andorra, Stiller oder Mein Name sei Gantenbein – viele seiner Werke werden nach wie vor im Deutschunterricht als Beispiele komplexer Identitätssuche behandelt.

Erkundung der „terra incognita“

Frisch hat fast sein gesamtes Werk der Ich-Erforschung gewidmet, der Erkundung der „terra incognita“, wie er sein Inneres nennt. In seinen Werken trifft man sowohl auf Figuren, die ihm selbst ähneln, als auch auf deutlich erkennbare Personen aus seinem unmittelbaren Umfeld.

Wie lesen sich diese literarischen Klassiker heute, dreißig Jahre nach Frischs Tod? Ist er noch unser Zeitgenosse?

In der Erzählung Montauk (1975), die 2017 von Volker Schlöndorff verfilmt wurde, formuliert Frisch nicht nur explizit einen autobiografischen Anspruch, er verwendet darüber hinaus Klarnamen wie die von Ingeborg Bachmann, seiner Frau Marianne Oellers oder auch Christa Wolf. Vordergründig geht es in dem Buch um einen Ausflug, den der Ich-Erzähler Max Frisch zusammen mit einer jungen Frau nach Montauk auf Long Island unternimmt. Ein alternder Mann blickt auf sein Leben zurück, vor allem auf sein Verhältnis zu und seine Verhältnisse mit Frauen. Wenn man Montauk exemplarisch im Hinblick auf die Aktualität des Autors untersuchen möchte, liegt es nahe, seine Beziehung zu Frauen in den Fokus zu nehmen.

Unüberbrückbare Fremdheit

Erste Ansätze für eine solche Lesart lassen sich bereits in Christa Wolfs Essay Max Frisch, beim Wiederlesen oder: Vom Schreiben in Ich-Form aus dem Jahr 1975 erkennen. In dem Text, den Wolf für den text & kritik-Band über Max Frisch verfasst hat, schreibt sie:

Ein Mensch – ein männlicher Mensch – leidet unter Erlebnisentzug; unter Bindungslosigkeit, unter der Unfähigkeit, zu lieben und sich lieben zu lassen: unter der unüberbrückbaren Fremdheit zum Nächsten, zur Frau, die er durch Angst, Schuldgefühl, Anbetung, Eifersucht auf Distanz hält.

Dieses Urteil, mit dem Wolf eigentlich auf Frischs gesamtes Werk zielt, lässt sich nur zu gut an Montauk nachvollziehen, immerhin ist das Buch im gleichen Jahr wie der Essay erschienen. In der Tat lesen sich manche von Frischs Auslassungen aus heutiger Sicht befremdlich, zumindest dann, wenn man mit geläufigen Feminismen sympathisiert.

Dabei scheint der Ich-Erzähler in Montauk dem Feminismus gegenüber prinzipiell aufgeschlossen zu sein. So anerkennt er beispielsweise, „daß das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sich ändert, daß andere Liebesgeschichten stattfinden werden“. Darüber hinaus äußert er Sympathie für das Anliegen der „woman’s Liberation“, und er bekundet Einsicht in sein eigenes patriarchalisches Verhalten: „Mein Laster: Male Chauvinism.“

Anspruch und Umsetzung

Ist Max Frisch also ein früher Feminist? Kann er gar als Vorbild für die in der heutigen Zeit oft geforderte Reflexion des männlichen Privilegs dienen? Wäre dies dann nicht ein Aspekt, der insbesondere im Schulunterricht aufgegriffen werden könnte? Diese Hoffnungen müssen leider enttäuscht werden: Zwischen eigenem Anspruch und literarischer Umsetzung klafft eine Lücke.

Frisch respektiert zum Beispiel weder Marianne Oellers’ Verbot, sie in der Geschichte darzustellen, („ICH HABE NICHT MIT DIR GELEBT ALS LITERARISCHES MATERIAL, ICH VERBIETE ES, DASS DU ÜBER MICH SCHREIBST.“), noch folgt er dem Rat seiner Mutter, den er in Montauk erwähnt:

Als der Sohn fünfundfünfzig war, sagte seine Mutter nicht ohne Strenge: Du solltest nicht immer über Frauen schreiben, denn du verstehst sie nicht.

Am deutlichsten wird Frischs Frauenbild, wenn der Ich-Erzähler davon spricht, „sie zu verstehen, die Frauen“, und munter davon erzählt, wie er sie für sich gewinnt: „NIE HABE ICH MIT EINEM MANN SO SPRECHEN KÖNNEN WIE MIT DIR“, sollen seine Geliebten oft zu ihm gesagt haben.

Die Frau als das Andere

Um die jeweilige Frau scheint es dem Ich-Erzähler dabei so gut wie nie zu gehen, vielmehr allein um seine persönliche Bestätigung:

Ob es mich peinigt oder beseligt, was ich um die geliebte Frau herum erfinde, ist gleichgültig; es muß mich nur überzeugen. Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber.

Der Erzähler – und mit ihm Frisch – ist folglich jemand, der in bester Absicht handelt, aber nicht begreift, welchen Schaden er dabei anrichtet. In der Theorie hält er feministische Anliegen für unterstützenswert, in der praktischen Umsetzung behindert ihn seine eigene Hilflosigkeit. Der Versuch, seinen männlichen Chauvinismus zu überwinden, scheitert an seinem Narzissmus. Denn wenn Frisch über Frauen schreiben möchte, schreibt er eigentlich nur über sich selbst.

Ironischerweise hat Simone de Beauvoir, Vordenkerin der von Frisch ins Spiel gebrachten zweiten Frauenbewegung, genau dieses Verfahren in Das andere Geschlecht aufgedeckt. Sie beschreibt genderspezifisches ›Othering‹:

Indem die Frau als das Andere gesehen wird, erscheint sie zugleich als eine Seinsfülle im Gegensatz zu der Existenz, deren Leere der Mann in sich spürt. Das Andere, in den Augen des Subjekts als Objekt gesetzt, ist als An-Sich gesetzt, das heißt als Sein. In der Frau verkörpert sich in positiver Weise der Mangel, den das Existierende in seinem Herzen trägt, und indem der Mann über sie zu sich finden will, hofft er sich zu verwirklichen.

Ethisch fragwürdige Poetik

Damit korrespondiert, dass Frisch in Montauk nur eines möchte:

Ich möchte wissen, was ich, schreibend unter Kunstzwang, erfahre über mein Leben als Mann.

Er unternimmt gar nicht erst den Versuch, etwas über seine weiblichen Bezugspersonen herauszufinden – oder sie gar auf empathische Weise zu verstehen –, sondern er untersucht lediglich das Verfahren, mit dem er Frauen schmeichelt. Dass er dabei sein eigenes Manipulationsvermögen erkennt, mag man ihm als ersten Schritt zur Selbsterkenntnis auslegen. Auch scheint er sich der Begrenztheit seiner männlichen Perspektive sogar ansatzweise bewusst zu sein.

Doch das Wesentliche wird ausgespart, und an dieser Stelle wird Frischs Projekt zum Problem: Die beschriebenen Personen verfügen über ein Eigenleben, das es zu respektieren gilt. Sie sollten mehr sein als Stichwortgeber für Frischs Selbstbetrachtung. Natürlich passt Frischs Vorgehensweise zu seinem eingangs erwähnten Schreibprogramm einer Erforschung seiner inneren „terra incognita“.

Krise des Männlichkeitsdiskurses

Dennoch: Wieso sollte eine Poetik, nur weil sie in logischer Hinsicht konsistent ist, nicht in ethischer Hinsicht fragwürdig sein? Oder genauer: Frischs freimütiges Bekenntnis, dass es in seinem Werk vorrangig um eine Auseinandersetzung mit ihm selbst geht, gibt ihm nicht das Recht, sich die Erfahrungen seiner Geliebten anzueignen und sie in egozentrischer Manier literarisch zu verarbeiten.

Bevor nun Schnappatmung einsetzt: Nein, man sollte den Autor Max Frisch nicht canceln. Nicht nur, weil in seinen Texten sehr viel mehr steckt, das ihn als Autor lesenswert macht. Sondern auch, weil sich an Texten wie Montauk die Krisenmomente bestimmter Männlichkeitsdiskurse exemplarisch nachvollziehen lassen.

Eklat beim Abendessen

Am 27. September 1986 besucht Christa Wolf Max Frisch in Zürich, in ihrem Jahrestagebuch Ein Tag im Jahr hält sie diesen Tag fest. Eigentlich ist es ein harmonischer Abend unter zwei engen Vertrauten, die sich gegenseitig schätzen. Es wird geplaudert, Frisch kocht gar für Wolf. Doch dann kommt es zum Eklat. Das Thema sind Wolfs Kassandra-Vorlesungen.

Heute gelten sie als Klassiker der Kritik an einem männerdominierten Kanon, insbesondere Wolfs Frage, „was wohl herauskäme, setzte man in die großen Muster der Weltliteratur Frauen an die Stelle der Männer“, hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Frisch hatte damals in mehreren Briefen anklingen lassen, dass er nicht mit allem einverstanden sei, was Wolf in den Vorlesungen äußerte. Er sei teilweise gar so wütend gewesen, dass er das Buch „an die Wand geschmissen“ habe.

Während des gemeinsamen Abends ist diese Kritik zunächst kein Thema, bis Wolf Frisch schließlich zur Rede stellt.

Was ärgert dich bloß so, habe seine Freundin ihn gefragt, und er habe gesagt – und das sage er jetzt auch mir: Ich erwähnte meinen Mann gar nicht, mit dem ich doch unterwegs war, der komme nur ein paar Mal kurz mit „G.“ vor, wenn schon Feminismus, dann bitte schön auch richtig, ich verhielte mich zu meinem Mann, wie sonst Schriftsteller zu ihren Frauen.

Wolf trifft dieser Vorwurf eines Autors, den sie eigentlich als Verbündeten wähnt. Weiter schreibt sie in Ein Tag im Jahr:

Ich hatte sofort das Gefühl, daß diese beiden Punkte ihn gewiß auch gestört haben, daß sie aber trotzdem nur Vorwände waren, denn aus solchen Gründen wirft man ein Buch nicht an die Wand. Die wirklichen Gründe hat er mir nicht gesagt, dafür hat er, offenbar, weil er selbst verletzt war, versucht, mich zu verletzen, was ihm auch gelang. Ich sagte, was Gerd betreffe, unser Verhältnis zueinander, sei ich so scheu, daß ich ihn nicht in einem Buch darstellen wolle, da treffe sein Vorwurf mich nicht […]. Der Abend ging weiter, aber er hatte einen Riß. Neid, Aggressivität auch von dieser Seite hatte ich wohl nicht erwartet […].

Literarische Aneignung

Sobald Frisch also mit tatsächlichem Feminismus konfrontiert wird, fühlt er sich derart verunsichert, dass er mit einem Gegenangriff kontert. Dass Sexismus gegen Männer (analog zu Rassismus gegen weiße Personen) nicht existiert, ist eine Erkenntnis, die Frisch – wie vielen Männern auch heute noch – verwehrt bleibt. Zudem erscheint die literarische Verarbeitung seiner Beziehungen zu Ingeborg Bachmann und Marianne Oellers unter feministischen Gesichtspunkten fragwürdig und eben nicht als ein Ausdruck von Wertschätzung.

Auch darf man nicht vergessen, dass Ingeborg Bachmann an der Verwendung ihrer Person als Vorlage für eine Figur in Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein fast zugrunde ging, wie der Band Male Oscuro eindrucksvoll dokumentiert. Es handelt sich hier um eine Form der unerlaubten literarischen Aneignung, nicht im kolonialistischen, sondern im sexistischen Sinn. Und vielleicht hat gerade das Christa Wolf davon abgehalten, in ihrem Werk mehr über G. zu erzählen.

Rein männliche Weltsicht

Max Frisch erforscht die Welt mit einem ausschließlich männlichen Blick, seine Identitätssuche ist eine rein männliche. Vielleicht könnte gerade hier ein Argument für seine Lektüre im schulischen Kontext liegen, lässt sich doch an Frischs Beispiel aufzeigen, wie begrenzt eine rein männliche Weltsicht notwendigerweise sein muss.

Bei einer Lektüre im Jahr 2021 drängt sich folglich der Eindruck auf, dass man es mit einem Werk zu tun hat, das, zumindest in Teilen, als ›schlecht gealtert‹ bezeichnen werden kann. Es ›funktioniert‹ nicht mehr, weil sich die Wertvorstellungen verschoben haben. Doch gerade das ist ein Grund zum Wiederlesen von Montauk und mit ihm des ganzen Werks von Max Frisch: als Zeitdokument, in dem sich Vorläufer jener Diskurse andeuten, die uns heute beschäftigen.

Beitragsbild: Jack Metzger, ETH Library, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Bildformat bearbeitet)

Angaben zum Buch

Max Frisch
Montauk
Eine Erzählung
Suhrkamp Taschenbuch 2016 · 224 Seiten · 8 Euro
ISBN: 978-3518372005

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel
Angaben zum Buch

Christa Wolf
Ein Tag im Jahr
1960-2000
Suhrkamp Verlag 2015 · 702 Seiten · 14 Euro
ISBN: 978-3-518-46007-8

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel

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Von Leonard Nadolny

Student der Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universtität zu Berlin, derzeit in Paris.

6 Kommentare

  1. Marc Djizmedjian 26. Mai 2021 um 11:14

    Wo steht geschrieben, dass ein Autor seinen Figuren mit Wertschätzung begegnen sollte? Was ist eine „ethisch fragwürdige Poetik“? Was soll ein „rein männlicher Blick“ sein? Und was ist falsch daran, über sich selbst zu schreiben? Diese Fragen lässt der Essay unbeantwortet. Er wirft Frisch im Grunde vor, kein Feminist zu sein, aber was hat das mit der Qualität seiner Texte zu tun? Frisch hat offensichtlich nicht so geschrieben, wie der Autor des Essays es sich wünscht. Drum fällt er durch.

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  2. Jochen Schimmang 26. Mai 2021 um 11:57

    Ergänzend dazu zu lesen: Christian Linder, „Die Krankheit der Phantasie. Über Max Frisch“, ursprünglich in „Die Träume der Wunschmaschine“ Rowohlt das neue buch, 1981, jetzt in: „Noten an den Rand des Lebens“, Matthes & Seitz 2011, p. 147ff.

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    1. Was steht denn da drin? Bzw. worin besteht die Krankheit der Phantasie?

  3. Eine anregende Perspektive auf den „schlecht gealterten“ Frisch! Herzlichen Dank für den kritisch-bereichernden Impuls zur Neulektüre. Mögen viele Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer die Courage haben, sich mit ihren Schülerinnen und Schülern zusammen (!) auf eine so er-frisch-ende Weise gründlich auf die Prosa einzulassen.

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  4. Alexandra Trencséni 27. Mai 2021 um 20:54

    Bisschen viel Aufwand für den letzten Satz als Ergebnis. Das ist übrigens wieder das mit dem Feminist. Das soll er sein und ist es aber nicht. Als wäre ein männlicher Blick auf die Welt per se ein Problem. Dann wäre es ein weiblicher genauso. (Es sei denn, es wird behauptet, Frauen seien eben die besseren Menschen.)
    Die Frage ist ja, was man damit macht. Für mich war bei Frisch immer charakteristisch, dass da ein Mann über Rollenverhalten überhaupt nachdenkt und es vielleicht nicht wirklich schafft, es zu verändern, aber es ist ein deutliches Leiden daran spürbar. Das war für mich die Qualität…

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  5. Die hier verfasste Kritik bewertet den Versuch des Autors M.F., sein Ich in den Blick zu nehmen, als formal unzureichend weil er Frauen nicht genau darstellt, und moralisch verwerflich, weil die von ihm vorgebrachte Selbstkritik nur vorgeblich sei. Als Argument dafür wird unter Anderem angeführt, eine weibliche Person habe M.F. mal besucht und nachher einen Tagebucheintrag veröffentlicht, in dem sie M.F. des Neides bezichtigte. Nun gut, M.F. mag neidisch gewesen sein,(ich habe auch schon Bücher von Christa Wolf an die Wand geworfen), doch ein literarisches oder moralisches Urteil braucht mehr als einen Tagebucheintrag, finde ich. Wäre M.F. nicht nur chauvi, sondern ein blöder chauvi gewesen, hätten dann zwei Schriftstellerinnen mit ihm mehr oder minder intime Freundschaften gepflegt?

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