Vorgeschichtlich und zeitgenössisch zugleich, das ist es, was wir in der aktuellen Ausstellung „Songlines – Sieben Schwestern erschaffen Australien“ zu sehen bekommen. Es ist eine von Aborigines kuratierte Ausstellung, Angehörigen jener „First Nations“, die ihre Kultur über Jahrtausende lebendig gehalten haben.

Kunst ist Leben, Leben ist Kunst

Diese Kultur in westlichen Museen zu zeigen, ist eine Herausforderung. Sie hält für das Publikum eine gewisse Verwirrung bereit und schafft eine Dissonanz, die vielleicht zugleich Voraussetzung sein kann für etwas Neues. Das Schlüsselwort, das die australischen Kurator:innen uns Europäer:innen an die Hand geben, stammt aus unseren eigenen Mythen. Es lautet „Odyssee“.

Doch anders als Odysseus, der von Göttinnen und Göttern über die Meere gescheucht wird, ist es in der australischen Songline der Sieben Schwestern ein Mann, der als Formwandler, Ahnenwesen und Bösewicht die Frauen über den Kontinent treibt. Die Spuren, die die Jagd hinterlässt, sind in der Songline Schöpfungsgeschichte und Gesetz in einem. Zeitgenössische australische Künstler:innen haben diese Spuren aufgezeichnet. Kunst ist Leben, Leben ist Kunst. Nicht nur für jetzt, sondern für immer.

Indigene Mythen und neue Medien

Eine Überraschung, die mich gleich zu Beginn des Rundgangs erwischt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Kurator:innen neue Medien bedienen. Ich sehe auf einer Großleinwand indigene Menschen aus dem australischen Busch (mit diesem Wort bezeichnen sie selbst das Land außerhalb der Städte), die mich begrüßen. Es sei ihr Anliegen, die Geschichte der Sieben Schwestern, die verloren zu gehen drohe, für kommende Generationen wieder zusammenzufügen. Da junge Menschen für Medien empfänglicher seien als für die Betrachtung traditioneller Kunst, hätten sie sich entschieden, für die Rekonstruktion der uralten Geschichte die neusten Technologien zu nutzen. Sie lachen: So überleben wir seit Jahrtausenden, „we change“.

Doch schon beim Eintauchen in die Geschichte wird es – für mich zumindest – unübersichtlich. Denn so, wie die Songline der Sieben Schwestern über den Kontinent mäandert und dabei mehrfach die Sprache wechselt, laufen die Erläuterungen zur Ausstellung über mehrere Medien. Der Audioguide bedient die Geschichte, wie sie in den verschiedenen Countries erzählt wird und sich dadurch in verschiedene Geschichten vervielfältigt. Auf mehreren Monitoren werden diese Geschichten ebenfalls erzählt, diesmal in kurzen spielerischen Szenen, dazu erscheinen hier und dort auch wieder die animierten Kurator:innen in eigenen Monitoren und erzählen, was es mit den Geschichten auf sich hat.

Die Welt durchs Kaleidoskop betrachten

Die Bilder und anderen Artefakte der Ausstellung wie Keramik, Bastarbeiten, geschnitzte Objekte sowie mehrere Installationen mit den Sieben Schwestern, sind gewissermaßen links und rechts von diesen Erzählungen aufgereiht. Sie verdoppeln, verdreifachen, vervielfachen die Geschichten, ganz so, als würden wir die Welt durch ein Kaleidoskop betrachten. Und es wird noch komplexer, weil es sich um zeitgenössische Kunst handelt, bei der uns die kunstimmanenten Maßstäbe zur Beurteilung noch nicht zur Verfügung stehen. Ich ertappe mich zum Beispiel dabei, die Bilder erst gar nicht als Originale zu erkennen, da sie – ganz gegen unsere westliche Gewohnheit – nicht gerahmt an den Wänden hängen. Wobei das Aufhängen eine Geste des Entgegenkommens an uns Europäer:innen bedeutet, denn indigene Bilder liegen oft auf dem Boden. Aber auch die Qualität der einzelnen Werke bleibt mir zunächst verborgen, weil ich die Bilder zuerst nur als Illustrationen lese.

Irgendwann sitze ich ratlos auf einer der blaugepolsterten Sitzgelegenheiten. Wie weiter? Ich schließe die Augen und lasse das bis dahin Gesehene Revue passieren. Die zahlreichen aus Punkten gebauten Dot-Paintings: Ob ihre Punkte die Sterne am nächtlichen Firmament darstellen? Und die männliche Bedrohung: Warum ist sie da? Und warum ist männliches Begehren so gefährlich? Was ist mit der Natur? Warum habe ich sie verloren – und kann ich sie aus einer Stadt heraus überhaupt jemals wieder spüren?

Fragen drehen sich im Kreis. Bis eine Stimme aus meinem Inneren flüstert: „Was du auf Anhieb verstehst, ist sowieso immer nur das, was du schon wusstest.“ Ist das nicht… Hegel? Die Fragen drehen sich weiter. Aber ich entspanne mich merklich. Bleibe sitzen, bis die Zeit zerfällt. Und eine andere Stimme in meinem Kopf, die des australischen Autors Tyson Yunkaporta, Hegels Gedanken weiterspinnt: „Vereinfachung ist die Unterwerfung universaler Komplexität unter menschliche Dominanz.“ Ich öffne die Augen und sitze für einen Augenblick im australischen Busch. „Was mache ich hier?“, flüstert es in meinem Inneren. Die Sieben Schwestern lachen. „Come and see!“

Informationen zur Ausstellung
„Songlines – Sieben Schwestern erschaffen Australien“
Humboldt-Forum, Berlin
Bis zum 30. Oktober 2022
Katalog (Hirmer): 34,90 €

Bildnachweis:
Beitragsbild: Stephanie Jaeckel
Ausstellungsbild mit der Kuratorin Margo Neale

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Von Stephanie Jaeckel

Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin, Autorin von Sach-Hörbüchern für Kinder.

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