Que mistério tem Clarice
Pra guardar-se assim tão firme, no coração
Caetano Veloso

Man liest Clarice Lispector nicht, um sich in heile Welten zu flüchten. Oder in brasilianischer Exotik zu schwelgen. Weil es so spannend wäre wie ein Krimi. Oder von Episode zu Episode triebe wie eine Serie auf Netflix.

Man findet bei Clarice Lispector keine Zerstreuung, kein Gefühl moralischer Überlegenheit, keine Einladung zur Identifikation, nichts Vorhersehbares.

 Stattdessen lesen wir in ihren Erzählungen solche Sätze:

Schon nach kurzer Zeit kreiste er von Neuem um sich selbst, spürte seinen aufkeimenden Wünschen nach, die er verdichtete, ins Krisenhafte erhöhte. Wenn ihm das gelang, bebte er vor Hass, Schönheit oder Liebe und fühlte sich nahezu entschädigt.

[…] Es klingt verrückt. Aber auch Daniel folgte einer Logik. Zu leiden stellte für ihn, den Betrachter, die einzige Form intensiven Lebens dar. … Und letztlich glühte Daniel allein dafür: zu leben. Nur seine Wege waren fremdartig.

Düster und leuchtend

Schon die frühen Erzählungen machen Fremdes anschaulich, zuweilen in schockartiger Intensität. Sie analysieren es, wenn überhaupt, in Form einer dichten Beschreibung; machen es erfahrbar, düster oder leuchtend, tragisch oder komisch, loten es aus.

Manchmal teilt sich darin eine erhebliche Leichtigkeit mit, etwa wenn die Geschlechterverhältnisse ironisch gewendet werden (beispielsweise in der Erzählung „Ich und Jimmy“) oder sich eine imaginäre Beziehung in eigenartiger Konkretheit löst, so bei Idalinas letzter Empfehlung an den Adressaten der „Briefe an Hermengardo“:

Und wenn Du meinen Rat nicht befolgen kannst, weil das Leben stets gieriger ist als alles andere, wenn Du meine Ratschläge nicht befolgen kannst und all die Vorhaben, die wir zu unserer Besserung ersinnen, dann lutsch ein paar Minzbonbons. Die sind so frisch.

Was Clarice Lispectors Figuren erleben und wahrnehmen, entfaltet sich in der Lektüre aus nächster Nähe, Alltäglichkeit in maximal subjektiven Facetten. Der beschreibende Blick lässt alles zu und schlägt dabei sinnliche Funken:

Aber als er sich zu ihr beugte, um ihr einen Kuss zu geben, knisterte ihre Leichtigkeit wie ein trockenes Blatt: „Lass das!“

„Was hast du denn?“, fragte der Mann verblüfft, um es sofort mit einer wirksameren Zärtlichkeit zu probieren.

In ihrer Sturheit hätte sie nichts zu antworten gewusst, ihr war so blank und prinzessig, dass sie noch nicht einmal ahnte, wo sich nach Antwort hätte suchen lassen. Also gab sie verärgert zurück: „Ach, geh mir nicht auf die Nerven! Streich nicht um mich rum wie ein alter Gockel!“

Ausbruchsphantasien

Am stärksten in der Wirklichkeit verankert sind die Frauenfiguren, die einer noch weitgehend traditionellen (meist bürgerlichen) Gesellschaft angehören. Deren Sprachspiele werden von Clarice Lispector so kunstvoll wie schonungslos aufgespießt:

Das Missliche war, dass sich der Arzt zu widersprechen schien, indem er ihr eine genaue Anordnung gab, die sie mit dem Eifer einer Konvertitin befolgen wollte, aber auch gesagt hatte: „Seien Sie unbekümmert, versuchen Sie alles sanft anzugehen, mühen Sie sich nicht ab — vergessen Sie das Geschehene, dann fügt sich alles wieder ganz natürlich.“ Damit hatte er ihr auf die Schulter geklopft, was ihr geschmeichelt und sie vor Freude hatte erröten lassen. Aber ihrer bescheidenen Meinung nach schien eine Anordnung die andere aufzuheben, als würde man aufgefordert, gleichzeitig Mehl zu essen und zu pfeifen.

Die Figuren reagieren mit Ausbruchsphantasien, und wir erleben mit, wie sie sich finden, verlieren, zu behaupten suchen.

Die Rosen hatten in ihr einen Ort ohne Staub und ohne Schlaf hinterlassen. Die eine Rose, die sie sich wenigstens hätte herausnehmen können, ohne irgendwen auf der Welt zu schädigen, fehlte in ihrem Herzen. Wie eine größere Lücke.

Eigentlich wie die Lücke überhaupt. Eine Abwesenheit, die in sie einsickerte wie eine Klarheit. Und auch um den Abdruck der Rosen herum verschwand nach und nach der Staub. Der Mittelpunkt der Erschöpfung öffnete sich zu einem Kreis, der immer weiter wurde. Als hätte sie noch nie eines von Armandos Hemden gebügelt. Und in dieser Lichtung fehlten die Rosen. „Wo sind meine Rosen“, klagte sie ohne Schmerz, während sie die Fältchen an ihrem Rock glattstrich.

Wie man Zitronensaft in schwarzen Tee träufelt, sodass der Schwarztee ganz licht wird. Auch ihre Müdigkeit lichtete sich allmählich. Besser gesagt, war da keine Müdigkeit. So wie ein Glühwürmchen aufleuchtet. Und da sie nicht mehr müde war, würde sie jetzt aufstehen und sich umziehen. Es wurde Zeit.

Doch dann versuchte sie mit trockenen Lippen, einen Augenblick lang den Rosen innerlich nachzufolgen. Das war gar nicht mal schwierig.

Wie weit sich Subjektivität auffächert, auch die individuelle Erfahrung verästelt; wie nahtlos die Übergänge zwischen Freiheit und Scheitern sind, zwischen Einvernehmen und Auseinanderdriften von Selbst und Welt; und wie viel Wahrheit doch auch im Inkongruenten liegt, in dem, was sich nicht zusammenfügt oder auseinander – das scheinen mir zutiefst menschliche Erfahrungen zu sein.

Tiere als blinder Spiegel

Clarice Lispector beschränkt ihre Darstellung nicht auf ein Geschlecht, noch nicht einmal auf eine Spezies. Zu den frappierenden Eigenarten ihrer Literatur gehört es, dass Tiere mit einem eigenen Erleben auftreten, bald ironisch vermenschlicht, bald ganz für sich stehend, ein Gegenüber wie ein blinder Spiegel.

Da standen sich Büffel und Frau gegenüber. Sie sah ihm nicht ins Gesicht, auch nicht aufs Maul, auch nicht auf die Hörner. Sie sah ihm in die Augen.

Und die Augen des Büffels, die Augen blickten in ihre Augen. Und eine so tiefe Blässe wurde getauscht, dass die Frau in einen schläfrigen Dämmer fiel. Stehend, in tiefem Schlaf. Kleine rote Augen sahen sie an. Die Augen des Büffels. Der Frau schwindelte, in ihrer Überraschung schüttelte sie langsam den Kopf. Der Büffel blieb ruhig. Die Frau schüttelte langsam den Kopf, erstaunt über den Hass, mit dem der Büffel, ruhig vor Hass, sie anschaute. Fast freigesprochen von ihrer Schuld, mit einem ungläubigen Kopfschütteln, den Mund halb geöffnet.

Die Begegnung zwischen Subjekt und Welt erscheint als etwas Ungeheuerliches. Clarice Lispectors Erzählungen sind nicht daran interessiert, dies zu leugnen oder aufzulösen. Sie sehen dem ins Auge, was der Fall ist, und lassen sich davon treffen. Deswegen kann es genauso selbstverständlich Hass geben wie Liebe und alles Mögliche andere.

Verstehen und Irrtum

Das ist stellenweise nicht leicht zu ertragen, an anderen Stellen wiederum ist es witzig oder schillernd:

Ich betrachte das Ei in der Küche mit nur oberflächlicher Aufmerksamkeit, um es nicht zu zerbrechen. Ich gebe mir größte Mühe, es nicht zu verstehen. Da es unmöglich ist, es zu verstehen, weiß ich: Sollte ich es doch verstehen, dann nur, weil ich mich irre. Verstehen beweist den Irrtum. […] Was ich vom Ei nicht weiß, ist das, was wirklich zählt. Was ich vom Ei nicht weiß, gibt mir das Ei im eigentlichen Sinne. – Der Mond wird von Eiern bewohnt.

Das Ei ist eine Äußerung. Eine Schale zu haben, heißt, sich zu geben. – Das Ei entkleidet die Küche. Es macht aus dem Tisch eine geneigte Fläche. Das Ei entblößt. – Wer sich in ein Ei vertieft, wer mehr sieht als die Oberfläche des Eis, der will eigentlich etwas anderes: Er hat Hunger.

Das Ei ist die Seele der Henne. Die Henne unbeholfen. Das Ei selbstsicher. Die Henne erschrocken. Das Ei selbstsicher. Wie ein Geschoss im Ruhezustand. Denn ein Ei ist ein Ei im Raum. Ei auf Blau.

Man sollte diese Passage in ihrer deliranten Komik nicht allzu erkenntnistheoretisch ernstnehmen – es sei denn im Rahmen einer Poetik, die sich eher ereignet als erklärt. In der es zunächst einmal um Klang geht, um Verbindungen aller Art zwischen den Wörtern, um einen Raum, in dem Bedeutungen aufleuchten können, solange man ihn nicht durch Festlegungen schließt. Vor allem aber um eine ästhetische Erfahrung, deren Eigenart sich auszuhalten lohnt. Bei der Übertragung in eine andere Sprache erfordert das ein aktives Zulassen und zugleich ein gezieltes Bemühen um Geschmeidigkeit, damit wirkt, was wirken soll.

* * *

„… hier unten ist Unbestimmtheit die Regel“

Als ich vor meiner ersten Brasilienreise Portugiesisch zu lernen begann, gab mir die Schauspielerin und Theaterpädagogin Vivi Balby eine Audio-Cassette mit Caetano Velosos Livealbum Circuladô vivo. Das zweite Stück darauf ist ein Medley von Michael Jacksons „Black or White“ und Velosos eigenem Song „Americanos“, und am Übergang von der lieblichen Melodie des Ersten zu den zupackenden Rhythmen, dem Sprechgesang des Zweiten, riss ich die Ohren auf und bekam sie nie wieder zu.

Besonders ein Satz hallt immer noch nach: „Enquanto aqui embaixo a indefinição é o regime“ – hier unten dagegen ist Unbestimmtheit die Regel.

In Clarice Lispectors Erzählungen finden wir Unbestimmtheiten aller Art, Sätze ohne Verb, Dialoge ohne Adressaten, Sinn ohne Abgeschlossenheit:

Als sie wieder aufwachte, ging der Tag nach, die Kartoffeln noch nicht geschält, am Nachmittag sollten die Kinder von den Tanten zurücksein, ach, dass ich mich so gehen lasse!, am Wäschetag, und die Socken gehörten gestopft, du bist mir vielleicht eine Herumtreiberin!, tadelte sie sich neugierig und zufrieden, Einkaufen gehen, den Fisch nicht vergessen, der Tag ging nach, der Morgen eilig vor Sonnenschein.

Warum ist die verkaterte portugiesische Einwanderin in der Titelgeschichte dieses Bandes „neugierig“? Warum zum Teufel ist es der Hausherr in „Reise nach Petrópolis“, während er der alten Frau die Tür weist? (Sodass man erst versucht ist, die Übersetzung von „curioso“ abzuschwächen, aber nein:)

Schließlich erschien Arnaldo mitten in der Sonne, die auf der Vitrine funkelte. Er war nicht blond. Er besprach sich leise mit der Frau und wandte sich dann nach ausgiebiger Beratung an Mädelchen, Festigkeit und Neugier im Gesicht: „Sie können hier nicht bleiben, wir haben keinen Platz.“

Gierig wie das Leben

Neugier erscheint in allen möglichen Kombinationen und Zusammenhängen:

Schüchtern und mit Respekt sah er sie an. Gealtert, müde, neugierig. Aber er hatte nicht ein Wort zu sagen.

Neugierig und gelangweilt lauschte sie, wie der Geschirrschrank im Wohnzimmer klirrte.

Der Junge sah zu, wie sie sich entfernte, folgte ihr mit Augen, die pornographisch und neugierig waren und keine noch so bescheidene Einzelheit des Mädchens verschonten.

Eine Neugier, die alles überdauert, vielleicht so gierig wie das Leben selbst; eine Neugier, die grausam sein kann oder empathisch oder neutral, sicher nicht gleichgültig, stets aufnahmebereit – so eine Neugier hat wenig mit Indiskretion zu tun und viel mit Literatur. Auf jeden Fall mit der von Clarice Lispector, bei der eine sich radikal öffnende Wahrnehmung Grundlage für alles ist, was an Ausdruck gewonnen – geschöpft – werden kann.

Eine Disziplin des Offenlassens

Schon 1967 fragte Caetano Veloso: „Welches Rätsel hat Clarice?“ Daran schließt ein Infinitiv an, der sich kaum eindeutig zuordnen lässt: Welches Rätsel hat Clarice (, das) so fest zu verwahren (ist) in ihrem Herzen? Oder: Welches Rätsel hat Clarice, dass sie sich so fest darin verwahrt?

„Que mistério tem Clarice“ wird immer wieder gern zitiert, ein Klischee in Rezensionen von Biografien und Neuauflagen von Clarice Lispectors Texten. Nur war in dem Lied nicht Clarice Lispector gemeint. Der Lyriker Capinam, dessen Text Veloso vertont hatte, spricht in „Clarice“ von einer in Bahia zurückgelassenen Jugendliebe. Sagten wir schon, dass Erwartungen hier nicht erfüllt werden?

Aber Brasilien lehrt auch, Uneindeutigkeit hinzunehmen. Und sie produktiv zu machen. Den Übersetzer führt das zu einer sonderbaren Disziplin des Offenlassens, Offenhaltens, diesseits der eigenen Interpretation und Meinung, hellhörig für alles, was da angelegt sein könnte.

Ich selbst kann nicht umhin, in dem zitierten Refrain von „Clarice“ das italienische guardare durchzuhören und diesen ‚falschen Freund‘ doch wieder jener Clarice zuzuspielen, um die es in dem Lied nicht ging: Welches Rätsel hat sie, sich so fest ins Herz zu blicken. Welches Rätsel hat sie, dass wir das tun.

 * * *

Anhang: Playlist für einen Freund

1. Anfänge eines Vermögens (S. 223)

2. Eine Henne (S. 147)

3. Die Flucht (S. 76)

4. Ich und Jimmy (S. 64)

5. Reise nach Petrópolis (S. 317)

6. Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau (S. 125)

7. Bruchstück (S. 82)

8. Die Henne und das Ei (S. 303)

9. Der Büffel (S. 246)

10. Alles Gute zum Geburtstag (S. 172)

11. Die Nachfolge der Rose (S. 151)

12. Eröffnungsrede (S. 391)


Bildnachweis:
Beitragsbild: Maureen Bisilliat: Clarice Lispector 1969
via Wikimedia Commons
[Acervo Instituto Moreira Salles/Maureen Bisilliat]
Buchcover: Verlag

Clarice Lispector
Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau
Sämtliche Erzählungen 1
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
Penguin Verlag 2019 · 416 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3-328-60094-7

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel

 

Band 2 erscheint Ende September 2020 unter dem Titel Aber es wird regnen

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Anmerkung 1
In diesem Essay geht es um die Lektüre von Clarice Lispector, ums Übersetzen nur am Rande. Zu translatorischen Fragen, aber auch zum Abenteuer der Beschäftigung mit der Autorin schreibt anschaulich und informativ Katrina Dodson in ihrer Nachbemerkung zur englischen Ausgabe The Complete Stories sowie hier.

Meine eigenen Überlegungen zum Übersetzen von Clarice Lispector finden sich im Nachwort zum Roman Der Lüster (Schöffling 2013), ein paar weitere Stichwörter bei Tralalit.

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Anmerkung 2
Caetano Veloso kannte Clarice Lispector, seit er in der Zeitschrift Senhor (März 1960) „Die Nachfolge der Rose“ gelesen hatte. In seinem Buch Verdade tropical schildert er auf einer knappen Seite, wie er alles von ihr las, was er in die Finger bekam, wie er als unbekannter Musiker in Rio eine Telefonfreundschaft mit ihr begann, sich in seiner eigenen künstlerischen Entwicklung erst distanzierte und später wieder ihr zuwandte.

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Von Luis Ruby

Übersetzer aus dem Spanischen, Italienischen, Portugiesischen und Englischen, u.a. von Eduardo Halfon, Hernán Ronsino und Niccolò Ammaniti. (Foto: Ebba D. Drolshagen, mit freundlicher Genehmigung)

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