In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten. Und manchmal auch auf Aktuelles und aktuell Gebliebenes.

Ganz aktuell, sozusagen „Corona-aktuell“ sind derzeit Debatten rund um Verschwörungstheorien. Da empfehle ich zwei Bände, die etwas tiefer in die Materie eindringen: Michael Butters Nichts ist wie es scheint – Über Verschwörungstheorien (2018) und Karl Hepfers Verschwörungstheorien – Eine philosophische Kritik der Unvernunft (2015). Beide Autoren kommen in vielen Punkten zu ähnlichen Ergebnissen; spannend wird es, wo sie differieren. Beide Bände sind schon vor einigen Jahren erschienen und sagen naturgemäß nichts zur Corona-Pandemie. Aber desto besser, denn es geht um die Mechanismen verschwörungstheoretischen Denkens.

Die grundlegenden, abstrakten, inzwischen regelrecht ‚standardisierten‘ Kriterien für Verschwörungstheorien werden von beiden Autoren akzeptiert: Verschwörungstheorien sind Wirklichkeitskonstrukte (im weitesten Sinn also tatsächlich Theorien, wenn auch in einem anspruchslosen Sinn des Wortes), die die amorphe Wirklichkeit (bzw. relevante Ereignisse wie etwa Kriegsausbruch, Wirtschaftskrise o.ä.) als das Ergebnis zielgerichteten Tuns einer kleinen Gruppe von Verschwörern beschreibt und erklärt.

Im Würgegriff der Verschwörer

Damit verbunden ist eine dichotome Weltsicht: „wir“ (Mehrheit, ‚normal‘, machtlos, im Würgegriff der Verschwörer, also Opfer) gegen „sie“ (Minderheit, mit fast grenzenloser Macht ausgestattet, den eigenen Interessen und letztlich dem Bösen verpflichtet, also Täter). In einer solchen Weltsicht gibt es keinen Zufall, keine Kontingenzen, keine Fehler – alles geschieht, weil „sie“ und ihr Masterplan es so wollen (Politiker X ist nicht verunfallt, weil er betrunken zu schnell gefahren ist – “sie“ hatten ihre Finger im Spiel!). Alle Verschwörungstheorien immunisieren sich gegen Falsifikation, und zwar letztlich mit dem immer gleichen rhetorischen Trick: Einwände gegen eine Verschwörungstheorie kommen von „ihnen“, den anderen, sie ‚beweisen‘ nur, wie tief die Verschwörung schon reicht. „Wir“ Verschwörungsentlarver wiederum erklären uns zu hehren St-Georgs-Reitern, die „tapfer“  gegen eine Welt voller Lügen und voller Blinder („Schlafschafe“ heißt das seit Neuestem) zu Feld ziehen.

In Michael Butters Worten:

Der Konspirationismus löst eine vielschichtige und widersprüchliche Wirklichkeit in den manichäischen Gegensatz von Gut und Böse auf. Der meist kleinen Gruppe von Verschwörern, die letztlich für alles, was geschieht, verantwortlich ist, steht die große Gruppe von Opfern gegenüber, die bis auf wenige Erleuchtete gar nicht begreift, was geschieht.

Verschwörung und Realität

Karl Hepfer argumentiert als Philosoph, Michael Butter als Literatur-/Kulturwissenschaftler. Beide Perspektiven sind bereichernd. Hepfer geht systematisch vor: Wie wird für Verschwörungstheorien argumentiert, was hat das mit den klassischen philosophischen Thesen zu Wissenschaft, Handlung, Gesellschaftlichkeit etc. zu tun? Butter wiederum bietet eine hochinteressante Historie der Verschwörungstheorien an.

Hepfer räumt ein, was Butter – meines Erachtens mit schlechten Argumenten – bestreitet: Dass es natürlich auch Thesen über die Wirklichkeit geben kann, die nach allen Standards als Verschwörungstheorie zu bezeichnen sind, die sich dann aber doch als zutreffend erweisen. Wenn ich im Sommer 1990 gesagt hätte, die Behauptung, irakische Truppen hätten Babys aus Brutkästen gerissen, sei eine PR-Lüge, die einen Krieg stützen soll, wäre ich nach allen rationalen Standards Verschwörungstheoretiker gewesen. Doch ich hätte Recht gehabt. Hepfer sieht das Problem; Butter wiegelt ab, was schade ist, denn es nimmt seinem Buch etwas von seiner Überzeugungskraft.

Genau dies ist ja das Problem aller Verschwörungstheorien – dass sie eben (abgesehen von einigen bizarren Fällen wie etwa „Die Amis waren gar nicht auf dem Mond“) gerade nicht ersichtlich absurd sind. Man denke an den Komplex NSU/Verfassungsschutz oder an das Oktoberfestattentat. Wissen wir es mit letzter Sicherheit? Nein! Wären wir überrascht, wenn herauskäme, dass der Neonazi-Terror doch Unterstützer innerhalb der Dienste gehabt hat? Wohl kaum.

Hepfer schreibt:

Verschwörungstheorien, ob eingebildet oder ‚echt‘, sind oft weit weniger ‚wirr‘ als es auf den ersten Blick aussieht. Im Gegenteil: zum Teil sind sie sogar hochgradig schlüssig und erfüllen viele der üblichen Kriterien für wissenschaftliche Theorien in vorbildlicher Weise. Ein zweiter Blick auf die Sache lohnt sich also und ist weniger abwegig, als es zunächst erscheint.

Wer sich mit Logik und Geschichte von Verschwörungstheorien näher befassen möchte, sollte zu beiden Bänden greifen. Sie ergänzen sich gut, und sie widersprechen einander dort, wo die Debatte stattfindet.

Hinweis: Beide Bände gibt/gab es auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Bundeszentrale legt sie immer mal wieder auf; man schaue gelegentlich dort vorbei. Sollte man sowieso ab und an tun.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Aluhutträger. Von Piratenmensch via Flickr
Lizenz: CC BY-SA 2.0
Buchcover: Verlage

Michael Butter
Nichts ist, wie es scheint
Über Verschwörungstheorien
Suhrkamp Verlag 2018 · 271 Seiten · 18 Euro
ISBN: 978-3-518-07360-5

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel [/su_column]
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Karl Hepfer
Verschwörungstheorien
Eine philosophische Kritik der Unvernunft
transcript Verlag 2015 · 192 Seiten · 24,99 Euro
ISBN: 978-3-8376-3102-9

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel [/su_column]
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Hartmut Finkeldey

Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

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