Einigermaßen ungewöhnlich ist es schon, wenn ein deutscher Professor auf der ersten Seite eines kulturwissenschaftlichen Buches den afrikanischen Philosophen Achille Mbembe zitiert, und so weckt diese erste Überraschung Appetit auf das, was danach kommt. Die Rede ist hier von Markus Messling und seinem Buch „Universalität nach dem Universalismus“.  Messling zieht eine feine Trennlinie zwischen der Ideologie des Universalismus, womit der sogenannte Westen für sich in Anspruch nimmt, bestimmte „universelle Werte“ global durchsetzen zu müssen, und andererseits einer Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen, die bei Wahrung dieser Verschiedenheit zugleich etwas uns alle Verbindendes als Grundlage des Miteinander anerkennen. Man könnte diese zweite Variante Universalität nennen, wenngleich der Autor selbst betont, dass diese erst herzustellen und keineswegs begrifflich schon geklärt sei.

Ende des universalistischen Projekts

Messling schreibt eine elegante und zugängliche Wissenschaftsprosa, in der es ihm zugleich gelingt, dem Schmerz, der Verunsicherung und auch dem Zorn eine Stimme zu geben, die sich beim Blick auf das heutige Europa einstellen können. Diese Gefühlslage ließe sich aus dem Fehlschlag des universalistischen Projekts erklären, dessen Ende Messling gekommen sieht. Er gewinnt diesen Blick nicht zuletzt aus der Perspektive des romanischen Philologen, der besonders mit der französischen Literatur, Philosophie und Kultur vertraut ist, die für sich wie keine andere das universalistische Erbe der Werte von 1789 in Anspruch nimmt. „Universalität nach dem Universalismus“ – das „Nach“ im Titel sieht Messling zum einen im erneuten Aufkommen völkischer und rassistischer Bewegungen, zum anderen in der globalpolitischen Marginalisierung Europas sowie des Westens generell. Diese werde noch verstärkt durch einen Verlust an Glaubwürdigkeit nach den Kriegen im Irak und anderswo sowie angesichts der Zehntausenden von toten Migrantinnen und Migranten im Mittelmeer. In dieser Gemengelage würden die europäischen Forderungen nach Durchsetzung und Einhaltung von Menschenrechten kaum noch ernst genommen:

Selbst wenn die Werte von 1789 die besten Garanten gegen völkische und rassistische Bewegungen und das Beste sind, was wir haben, können wir sie nicht mehr unschuldig ins Feld führen, sie selbst sind von der europäischen Geschichte kontaminiert.

Von jenem Frankreich, das sich nach 1789 als Zentrum einer universellen Vernunft verstanden habe, sei zugleich eine koloniale und imperiale Gewalt ausgegangen, die die Rede von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit als puren Hohn erscheinen lasse. Der philosophische Gegenentwurf der Postmoderne und der Dekonstruktion habe laut Messling zwar das Bewusstsein der Freiheit neu hervorgebracht, doch zugleich mit der Betonung auf einen Relativismus und auf das je Eigene ungewollt einem romantischen Backlash Vorschub geleistet. Dieser zeige sich nun in den identitären Bewegungen, die durchaus komplementär zu den außereuropäischen „Identitären“ (Islamismus, Panarabismus, Négritude oder auch Isolationismus) auftreten. Kurz gesagt, die unerwünschten Nebeneffekte des – so vielfältigen wie widersprüchlichen – Widerstands gegen den Universalismus hätten unsere Zeit um das Verbindende gebracht, das man als Universalität bezeichnen könnte. Doch die Suche danach führt an die Grenze einer nur diskursiven Sprache:

Wir stehen vor dem Paradox, Universalität begründen zu müssen, weil aus ihr Gültigkeiten in der Weltgesellschaft ableitbar werden, diese Universalität aber nicht mehr auf den Begriff bringen zu können.

Erzählen statt Erklären

Eine der Pointen des Buches besteht deshalb darin, einmal mehr den Vorteil der Philologie gegenüber der Philosophie stark zu machen – oder jenen der literarischen Erzählung gegenüber der rein begrifflichen Erklärung. So bespricht Messling nach einem einleitenden Essay in drei Kapiteln das Werk von neun frankophonen Autorinnen und Autoren. Jeweils dreien von ihnen ist eines der Kapitel unter den Überschriften “Égalité”, “Fraternité” und “Liberté” gewidmet. Ganz in der Tradition Erich Auerbachs und Jacques Rancières, die er ausführlich zitiert, wird Messling bei seiner ergebnisoffenen Suche nach einer neuen Universalität in der Literatur fündig. Er spricht von der „narrativen Erschaffung der Welt“, wenn Erfahrungen auf lokaler Ebene erzählend verbunden würden mit dem Gesamtzusammenhang von Geschichte und gegenwärtigen Weltbezügen. Das Sinnliche in den Erzählungen, die Spannung von Sprache und Sprachlosigkeit (wie etwa angesichts unsagbarer Leiden), die Erzählungen des Alltäglichen, in dem sich etwas Allgemeines manifestiert – in all dem könnten wir entdecken, was uns mit anderen verbindet. Aus den Erzählungen über Schmerz und Leid der anderen, über Hoffnungen und Verlustängste, könnte ein neues „Weltbewusstsein“ entstehen.

Zorn und Melancholie

Warum bieten sich gerade die frankophonen Literaturen für diese Überlegungen an? In der Gegenüberstellung von französischen Autorinnen und Autoren sowie solchen aus Afrika, dem Nahen Osten oder der Karibik zeige sich die ganze Spannbreite unterschiedlicher Antworten auf die Fragen unserer Zeit und die Suche nach einer neuen Universalität. Bei den französischen Autoren spürt Messling Befindlichkeiten auf, die exemplarisch für den europäischen „Zeitgeist“ stehen mögen: Verunsicherung, Zorn, Sehnsucht nach Idealen, Bodenlosigkeit und Melancholie. Dagegen erscheinen Begriffe wie Gastfreundschaft, Vorsicht und Würde, wie sie der senegalesische Denker Felwine Sarr in seinem Essay Afrotopia als zukunftsweisende „spirituelle Revolution“ beschreibt, als veritables afrikanisches Gegenstück zur europäischen Gemütslage.

Ganz so einfach macht es sich der Autor allerdings nicht. Die französischen Autoren im Kapitel zur „Égalité“ werden durchaus in ihren Differenzen wahrgenommen. Wenngleich die Schriftsteller Michel Houellebecq, Mathias Énard und Camille de Toledo zusammen unter dem Label der „weißen melancholischen Männer über 40“ behandelt werden, arbeitet Messling doch einen wesentlichen Unterscheid z. B. zwischen Houellebecq und Énard heraus. Während Ersterer als geschäftstüchtiger Autor das Publikum gern mit Untergangsszenarien bespielt (und das dazu noch ganz umgangssprachlich), verharrt Énard für Messling mit seiner Melancholie und seinen Anleihen bei der Romantik nicht in nostalgischer Rückschau, sondern wendet den Blick nach vorn auf eine Welt, in der es darum geht, den anderen in seiner Differenz wahrzunehmen und anzuerkennen. Schade eigentlich, dass Messling die weiblichen Stimmen in Frankreich nicht befragt hat – wie etwa Cécile Wajsbrot oder Annie Ernaux.

Eine archipelische “Poetik der Vielheit”

Es sind schließlich die Autorinnen und Autoren aus Afrika und der Karibik, bei denen Messling Antworten auf die Frage nach einer neuen Universalität findet. Ausgehend von Jacques Derridas Forderung nach einem neuen „Wir der Verantwortung“ formuliert Messling die „Neubegründung dieses Wir“ als Untertitel des Kapitels zur Fraternité. Die Möglichkeiten dieses neuen Wir erkundet Messling unter anderem mit dem karibischen Philosophen und Dichter Édouard Glissant sowie der kamerunischen Schriftstellerin Léonora Miano. Gegen eine europäische, kontinentale „Poetik der Behausung“ setzt Glissant eine archipelische „Poetik der Vielheit“. Gegen die europäischen Obsessionen von Verwurzelung und Reinheit habe er die Poetik des mannigfaltigen Bezuges einer anti-hierarchischen „All-Welt“ entworfen. Jedoch bleibt Glissant aus Messlings Sicht in ethisch–politischer Hinsicht vage. Und so findet der Autor die Antwort Léonora Mianos noch überzeugender. Auf sinnliche Weise entfalte sie in dem Roman La saison de l’ombre die Möglichkeiten eines neuen Wir. Es geht dabei um koloniale Gewalterfahrungen in einem afrikanischen Dorf. Die Frauen dieses Dorfes schätzen die Ausübung von Gegengewalt angesichts der historischen Übermacht der Kolonialherren richtigerweise als aussichtslos ein und begründen deswegen gemeinsam mit ihren Familien ein neues Leben fern der Heimat. So entstehe bei Miano eine neue Gemeinschaft, die sich gegen die Obsessionen von Verwurzelung und Reinheit wende und gerade in der Zurückdrängung des vermeintlich Eigenen sowie der Heimatlosigkeit eine Öffnung zum Erhalt der Menschheit erfahre:

Es ist ein Wir der Solidarität, das sowohl die Kritik an der zerstörerischen Kraft der Moderne als auch die emanzipatorischen Möglichkeiten der Moderne in sich aufnimmt.

In diesem Sinne möchte auch Messling nicht bei der Anklage an ein schuldbeladenes Europa stehen bleiben. Vielmehr knüpft er an Achille Mbembes Vorstellung an, wonach die Menschheit sich von den imperialen Rändern her neu begründen müsse. Anhand der Literatur zeigt Messling, dass Europa inzwischen ein Opfer eben jener Verwertungsstrategien geworden sei, mit denen es die Kolonien unterworfen hat. Gerade deswegen bedürfe es heute des Wissens der ehemaligen Kolonien von der „All-Welt“. Messlings Suche nach einer neuen Universalität endet mit dem starken Plädoyer dafür, dass Europa in seinem eigenen Interesse den Stimmen der Literaturen und den Stimmen der Anderen zuhöre solle, nicht zuletzt denen aus dem afrikanischen Kontinent.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Drainage-Arbeiten mit einem Lastwagen in Kamerun.
Minette Lontsie [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons.
Buchcover: Verlag
Angaben zum Buch
Markus Messling
Universalität nach dem Universalismus
Über frankophone Literaturen der Gegenwart
Matthes & Seitz 2019 · 222 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3957577252

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Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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