Dieser Text basiert auf einem Vortrag, der am 27. Mai 2017 an den Solothurner Literaturtagen gehalten wurde.

Ich werde heute von Flow-Menschen und Stasis-Menschen erzählen, und davon, wie einzelne User im Internet zuerst Flow-Menschen waren und dann doch wieder Stasis-Menschen geworden sind. Außerdem stelle ich Überlegungen an, wie Autorinnen und Autoren ästhetisch und gesellschaftlich zu einem vernünftigen Umgang mit dem Internet beitragen können.

PokémonGo im Park

Zunächst zu den Stasis-Menschen. Diese denken in Dichotomien, obwohl das philosophisch schon ziemlich lange passé ist. Stasis-Menschen wollen, dass die Dinge bleiben, wie sie sind, „weil es immer so war“, „weil es doch bisher auch funktioniert hat“, „weil es irgendwann auch mal gut sein muss“ oder weil sie Angst vor Veränderung haben. Sie freuen sich, wenn es mit Phänomenen, die sie ablehnen, zu Problemen kommt und setzen diese Komplikationen dann gern absolut: „Ich habe es ja schon immer gesagt.“ Stasis-Menschen sagen „dieser“, „diese“ oder „dieses“ vor den Namen von Phänomenen, die sie ablehnen; im Digitalen betrifft dies aktuell etwa „dieses Pokémon“, „dieses YouTube“, „dieses Snapchat“ und, besonders leidenschaftlich, „diese Bots“ und „diese Algorithmen“.

Der Marker des Nichtwissenwollens

Freud sagt, dass die Vorsilbe „un-“ beim Wort unheimlich „die Marke der Verdrängung“ ist. Entsprechend erweist sich das Demonstrativpronomen „diese/r/s“ vor Begriffen als Marker des Nichtwissenwollens. Durch ihre „diese“-Ignoranz bleiben Stasis-Menschen, mit Kafka gesprochen, „vor dem Gesetz“, und zwar vorsätzlich. Sie wollen gar nicht Zugang zum Digitalen finden.

Manche Stasis-Menschen hören irgendwann auf, „dieses“ zu sagen, etwa, weil sie nun doch Reisen im Internet buchen und auf Familienfeiern mit Verwandten Selfies machen. Dann haben sie aber längst vergessen, dass sie mit „diesem Internet“ und „diesen Selfies“ eigentlich nichts zu tun haben wollten. Auch für sie ist es mittlerweile gesellschaftliche Normalität, Alltag geworden. Vielleicht würden sie sich 2017 sogar als „postdigital“ bezeichnen, weil das fortschrittlicher klingt als „nicht digital“.

Unter Autorinnen und Autoren gibt es, dies habe ich in Gesprächen während der letzten Jahre beobachtet, auffällig viele Stasis-Menschen, möglicherweise sind sie es aber nicht in allen Lebensbereichen, sondern nur in Bezug auf das Digitale. Es gibt wohl keine Branche, in der bezüglich digitaler Ignoranz mehr Augen zugedrückt werden. Vor allem erfolgreiche Literatinnen und Literaten dürfen laut sagen, dass sie „nicht mal ein Smartphone besitzen“ oder „noch nie ein E-Book gelesen haben“. Das glaubt einem außerhalb der klassischen Verlagswelt kein Mensch.

Digitales Publishing ist hybrid

Derweil sind im Digitalen sehr viele neue Autorinnen und Autoren aufgetaucht, nicht alle würden sich selbst so bezeichnen. Einige dieser neuen Literatinnen und Literaten sind kommerziell ungeheuer erfolgreich, die meisten sind es nicht. Manche von ihnen werden von der klassischen Literaturkritik als Avantgarde anerkannt, dies gilt etwa für das Autorenkollektiv 0x0a, das bei mir im Frohmann-Verlag veröffentlicht, meistens werden sie ignoriert. Was ich sagen will: Digitales Publishing ist vielfältig, hybrid und diffus; „die digitale Literatur“ gibt es nicht.

Wichtig ist zu unterscheiden, dass das Internet in mindestens zweifacher Weise einen neuen „eigenen Raum“ für Literatur eröffnet hat: Zum einen ist da eine ästhetisch avantgardistische Sphäre, diese betrifft „genuin digitale Literatur“, die, wie Avantgarde meistens, augenblicklich noch ein eher elitäres und akademisches Phänomen ist, wenn auch mit aufklärerischem Impetus. Zum anderen gibt es eine soziale Sphäre, in der Millionen von Menschen die Gelegenheit bekommen zu schreiben und zu veröffentlichen, sei es in Gestalt eines on demand produzierten Buches, als E-Book, Blog oder auch per Microblogging auf Facebook und Twitter.

Im digitalen Flow

Im Gegensatz zu Stasis-Menschen sympathisieren Flow-Menschen mit hybriden und fluiden Kulturen. Sie sind nicht im Team „Buch“ oder im Team „E-Book“, denn beides ergänzt sich ihrem Empfinden nach prima. Außerdem gab es auch in vordigitalen Zeiten schon Flow-Menschen, Personen, die Phänomene zusammendachten, die vorher nur getrennt vorstellbar gewesen waren und so ästhetische und gesellschaftliche Veränderungen anstießen. Weil es früher aber sehr viel schwieriger war, anders und anderes zu denken, denn es waren ja noch nicht umstandslos so viele verschiedene Einflüsse und Informationen offen verfügbar wie heute im Internet, wurden die vordigitalen Flow-Menschen zu Recht als Ausnahmeerscheinungen angesehen und „Visionäre“, manchmal auch „Genies“ genannt. Überspitzt gesagt, sind heute alle Menschen unbewusst oder halbbewusst visionär, solange sie im digitalen Flow sind, denn in den Wirkungsschleifen des Internets ereignet sich fortwährend Veränderung; nur geschieht dies nicht mehr allein und auktorial, sondern gemeinsam mit anderen und meist eher beiläufig. Nicht: „Jeder ist ein Künstler.“ Sondern: Alle bewirken gemeinsam, dass Neues entsteht, das mitunter wie Avantgarde anmuten kann. Mit anderen topischen Flüssen wie dem Lese- und Schreibfluss, dem psychologischen Flow und dem literaturwissenschaftlichen stream of consciousness verbinden den Internetflow die Momente des gefühlten Darin-Aufgehens, des Rausch- und Suchthaften.

Digitale Technologien, digitalkulturelle Styles, auch digitale Literaturen, sind zunächst einmal neutrale Phänomene. Ob sie gut oder schlecht sind, ob sie Menschen nützen oder schaden, hängt davon ab, wer sie wie einsetzt und mit welchem Ergebnis.

„Dieses“ PokémonGo

Jetzt mache ich mit euch – ich habe gelernt, dass man in der Schweiz gern du sagt –, was ich „performative Aufklärung“ nenne, ich versetze euch in eine Situation, in der ihr etwas am eigenen Leib zu fühlen bekommt und dadurch intuitiv versteht, was begrifflich unzugänglich bleiben würde.

PokémonGo auf den Solothurner Literaturtagen

Bitte auf das Bild schauen, tief durchatmen und prüfen, ob man eine der europäischen Aufklärung gerecht werdende, das heißt, vernünftige Haltung gegenüber dem gezeigten digitalen Phänomen namens PokémonGo hat. Wer selbst PokémonGo spielt, kann jetzt leider nicht mitspielen, aber ich weiß genau: Hier werden es nicht allzu viele sein.

Es geht mir nicht darum, „dieses Pokémon“ diskursiv aufzuwerten, indem ich etwa erkläre, wie ich es gegen den Strich spiele und dabei die Gesellschaft von 2017 besser verstehen lerne, ähnlich, wie man es 2013 mit Cat Content konnte. Ich frage schlicht: Wie könnt ihr, wie kannst du negativ über etwas urteilen, von dem du keine Ahnung hast, weil du es nur vom Hörensagen kennst? Hast du das in deiner tollen 500-jährigen Buchkultur gelernt? Ist es ein Zeichen von kritischem Geist, Sachen ungeprüft zu behaupten?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Immanuel Kant

Dabeisein und Gesehenwerden

Eine wichtige Erkenntnis beim Umgang mit dem Digitalen ist, dass es im Netz und im Flow oftmals nicht um identifizierbaren Sinn geht: „Hermeneutik ist heilbar“, endete mein Vortrag „Unsinn stiften als performative Aufklärung“ auf der re:publica 2014,

Es geht beim Posten von Inhalten im Netz auch nicht um konventionelle Autorschaft, es geht vor allem um Performanz, ums Dabeisein, Gesehenwerden, Sichzugehörigfühlen. Von innen und, zugegebenermaßen, etwas idealisiert betrachtet, ist der Flow unendliche Unsinnspoesie, von außen muss er oft wie unpoetischer Humbug erscheinen.

Klassisch hermeneutisch geprägte Menschen, das beobachte ich immer wieder, haben mitunter so große Anknüpfungsschwierigkeiten mit der tendenziell performativeren digitalen Kultur, dass sie irrational und defensiv reagieren, obwohl sie sich auf der Seite der Substanz wähnen. Eine renommierte Autorin und Freundin sagte neulich zu mir: „Was, du spielst Pokémon, das macht ja noch nicht mal mein Mann.“ So wrong in so many ways. Die ungewollt zum Ausdruck kommende Verächtlichkeit gegenüber dem zockenden Mann, das ungefragt artikulierte Unverständnis mir gegenüber, die ich doch bei ihr als Intellektuelle verbucht bin, was ihrer Meinung nach Pokémonspielen ausschließt (warum?), gleichzeitig das performative Bekunden von unkritischer Meinung, also Ignoranz.

Wenn wir wollen, dass Menschen wieder kritischer denken, sprechen, posten und handeln – und das scheint mir aktuell der fast schon verzweifelte Konsens der Intelligentsia zu sein – müssen wir bei uns selbst anfangen, indem wir nicht mehr über Sachen reden, von denen wir nichts verstehen. Meiner Erfahrung nach ist der Selbstversuch der einzige Weg zu einem Begreifen digitaler Phänomene. Wenn man mitreden will, muss man mitspielen, nicht nur die Games, sondern auch in den sozialen Medien, muss sich Accounts anlegen und dann die Nerven behalten, denn kaum eine Plattform ermöglicht von Anfang an Spaß oder Erkenntnis. Es braucht Zeit, bis man den spezifischen Vibe und die Codes versteht, bis man in den Flow kommt. Stolz und Vorurteil, aber auch Faulheit, halten Menschen davon ab, sich mit neuen Kulturen, nicht nur digitalen, auseinanderzusetzen, man ist zu dünkelhaft und zu bequem, Zeit und Energie darauf zu verwenden.

Das Digitale als Haltung

Zurück zu euch: Betrachtet digitale Phänomene als Fremdsprachen, die ihr lernen müsst, nicht um den Abschluss, sondern um den Anschluss zu bekommen. Ich verspreche, das eine oder andere wird euch richtig Spaß machen, und das, was ihr nach einiger Zeit immer noch nicht mögt, könnt ihr gern auch wieder lassen. Ihr tut das ja dann nicht mehr aufgrund von Vorurteilen. Es geht nicht darum, überall und für immer mitzumachen, es geht darum, in den Flow zu kommen, immer wieder. Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen, jedem Trend hinterherlaufen, alles mitmachen; und es ist absoluter Unsinn, wenn Menschen pauschal sagen, dass Verlage jetzt unbedingt Snapchat machen müssten. Im Augenblick sieht man die Verlagsbranche recht hilflos an die digitalen Plattformen der Jugend andocken, weil die zunehmende Verwischung von ästhetischer Performanz, Selbstdarstellung und Influencermarketing den Stasis-Buchmenschen unverständlich bleibt.

Das habe ich mal geschrieben, denn das Digitale ist nicht an biologisches Alter gebunden. Das Digitale ist eine Haltung. Diese Haltung muss aber nicht zwingend enthusiastisch sein, es gibt auch einen digitalen Pragmatismus, bei dem Menschen den Flow zulassen und professionell nutzen, sich ihm aber nicht selbst hingeben; das ist weniger poetisch, aber trotzdem vernünftig, weil nicht ignorant.

Twitter als Dance Floor

Mithilfe von Kleists Marionettentheater-Aufsatz möchte ich Entwicklungen beschreiben, die ich in den letzten Jahren im Internet beobachtet habe. Ich greife dabei nicht auf den Teil mit den Marionetten zurück, sondern allein auf die Dornauszieher-Szene, wo es darum geht, dass jemand unbewusst sehr graziös ist, diese Grazie aber, sobald sie ihm bewusst wird, verlieren kann. Etwas Ähnliches ist auch mit vielen Flow-Menschen im Internet geschehen.

Das Netz wirkt immer da und dann graziös, wenn sich alle miteinander der Performanz überlassen, neue Formen von Erfahrung, Ästhetik und Nähe zulassen, dies kann unbewusst oder reflektiert geschehen. Das Netz erscheint plump und wird faktisch böse, wo es hermeneutisch rückgekoppelt wird – im ersten Falle unbewusst, im zweiten manipulativ.

Menschen, die sich im digitalen Flow durch günstige Umstände wie ein Fisch im Wasser bewegen können, sind dem unbewusst graziösen Dornauszieher bei Kleist vergleichbar. Dieser ist durch seine Naivität anziehend, er weiß nicht, was er tut, und er sieht dabei gut aus. Dieser Zustand ist nach innen und außen angenehm, der Dornauszieher ruht unzerrissen in sich selbst und löst bei Betrachtenden Wohlgefallen aus. Im Internet waren viele Menschen in den späten Nuller- und frühen Zehnerjahren in dieser Phase, als in den sozialen Netzwerken die Grenzen verwischten zwischen Stars und Normalsterblichen, professionell und einfach so Schreibenden, Privatmenschen und öffentlichen Personen, biologisch Älteren und Jüngeren. Menschen poetisierten damals vor aller Augen virtuell, glaubten an Post Privacy und an gerechtere Gesellschaftsstrukturen, die sich antihierarchisch herausbildeten. Ein paar Jahre lang fühlte sich das Internet an wie Woodstock oder die Love Parade, in dieser Zeit schrieb ich über Twitter:

Die 140 Zeichen werden zum Dance Floor. Man tanzt. Träumereien.

Diese Zeit ist vorbei. Der Flow ist von verschiedenen Seiten unterbrochen worden: Überwachung, Hasskommentare, Trolle, Shitstorms und zuletzt die algorithmische Aufhebung der chronologischen Timelines auf vielen Plattformen haben bis auf weiteres kollektiv den Spaß verdorben. Dies ist kein Grund, das Netz aufzugeben oder sich mit Hilfe der Facebook-Erinnerungsfunktion in verklärte digitale Vergangenheiten zurückzuposten – „weißt du noch, damals, als das Netz so schön und poetisch war?“… Vielleicht liegt darin die größte Verderbtheit von Facebook, dass es seine Nutzer im unendlichen Augenblick rückwärtsgewandt halten will.

Mit Facebook in die Zeitschleife

Dabei ist die Plattform schon lange selbst eine Erinnerungsfunktion: Es quält mich, biologisch Gleichaltrigen auf Facebook dabei zuzusehen, darunter viele Autorinnen und Autoren, wie sie immer mehr Fotos von früher digitalisieren und posten, Fotos, auf denen sie jung sind, wagemutig in die Welt blicken und Offenheit ausstrahlen. Es zirkulieren viele dieser Fotos, denn es gibt immer mehr Facebook-Nutzer, die sich mit Likes und Kommentaren gern mit auf Zeitreise bzw. in die Zeitschleife begeben. Um nicht zu pauschalisieren: Retro-Momente sind für mich kein Problem, es geht ja nicht darum, die Vergangenheit auszublenden, aber auf Facebook ist Retro längst zum System geworden, das die Leute, trotz aller Kritik, auf der Plattform hält, eine Art unendliches digitales Klassentreffen. Sich selbst virtuell als jung und cool zu cosplayen, so meine Beobachtung, ist so etwas wie der Popkultur-Cat-Content der biologisch älteren Internetnutzer, ein behaglich einlullendes Realitäts-Detox. Leider verliert man in dieser kuscheligen Twilight Zone, wenn man sie zu oft aufsucht, allmählich den Kontext, man verliert den Bezug, einerseits zur hybriden Realität der biologisch Jüngeren, die Physisches und Virtuelles verschlingt, andererseits zur eigenen digitalen Performanz und damit zu einem wichtigen Bestandteil dessen, was heute das Selbst ausmacht. Gefühlt ist man damit im Flow, faktisch aber statisch.

Die Blase „verledert“

Ich hatte mit ungefähr zwölf Jahren einen Schlüsselmoment. Mein Vater klappte das Klavier auf, spielte ein paar Takte, bekam dabei einen leicht weggetretenen Blick und murmelte etwas von einem „flotten Boogie“. In diesem Augenblick verwandelte er sich in meinen Augen in einen uncoolen älteren Herrn. Das ist nicht ungewöhnlich, Eltern müssen uncool sein, damit ihre Kinder sich von ihnen lösen können, aber ich bin der Überzeugung, dass dies auf der Elternseite mit offenen Augen geschehen kann. Jede Zeit hat ihre eigene Jugendsprache, und Werbung versucht, diese jeweils aufzugreifen, um nachwachsenden Zielgruppen Produkte zu verkaufen. Wer aber klagt, wie es in Deutschland so mancher im 20. Jahrhundert groß gewordene Indiemusiker tut, die Jugend habe keine „richtigen“ Bands oder Überzeugungen mehr, sagt performativ in der Mehrheitswirklichkeit von heute: Ich bin ein alter Sack, denn ich habe den Anschluss verloren. Weil er aber ein prominenter alter Sack ist, der für die Coolness von früher steht, werden sich im Netz immer genügend Menschen finden, die seine Tiraden teilen und liken, immer wieder, was diese zunehmend plausibler klingen lässt. Im Netz geht es meist nicht um nachprüfbare Fakten, sondern um Plausibilität, und dank affirmativer Wirkungsschleifen kann man sich digital cooler erinnern und fühlen, als man es früher in der Selbst- und Fremdwahrnehmung gewesen sein mag. Schließlich ist man jetzt mit dem berühmten Punkmusiker auf Facebook befreundet. Dass außerhalb der Bubble Menschen mit den Augen rollen, weil sie mitlesen und sich ganz anders an früher erinnern, bekommt man ja nicht mit. Heute gibt es viel mehr Ex-Punks, als es früher Punks gab. Medizinisch gesprochen, verledert die Blase: Es fließt nicht mehr richtig, weder rein noch raus.

Im Flow erstarrt

Der plumpen oder starren Interimsphase der digitalen Performanz, die viele Menschen gerade erreicht haben, entspricht bei Kleist der Dornauszieher, der erkannt hat, dass er graziös ist und darüber ungraziös wird. Auch hier gibt es mindestens zwei Ausprägungen: die genuin Digitalen, die unangenehm berührt erkennen müssen, dass ihr „eigener Raum“ reterritorialisiert wird, und die Fake-Digitalen, die mit ihren coolen Jugendbildern klassisches Retro mit digitalen Mitteln inszenieren.

Wer nicht „digital gekränkt“ (Sascha Lobo) aufgeben oder mit seiner Blase gegen alles Nachkommende ranten will, muss im Netz immer wieder neue Kontakte und Einflüsse zulassen, Phänomene beobachten, einordnen und kritisch hinterfragen. Und, Achtung, es gibt eine perfide Mischform beider Gruppen; genuin digitale Flow-Menschen, die im Netz erstarren, wie z. B. Blogger, die jetzt abfällig von „diesen YouTubern“ reden.

Erkennt ihr den Fehler? Es gibt ihn seit der Antike, und er wird wie ein Staffelstab weitergetragen.

  • Philosophen mochten „diese Dichter“ nicht.
  • Dichter mochten „diese Romanautoren“ nicht.
  • Romanautoren mögen „diese Blogger“ nicht.
  • Blogger mögen „diese YouTuber“ nicht.

„Memes“ als sozialer Kitt

Im Internet vollzieht sich, insbesondere in den letzten zwei, drei Jahren, eine Aufklärung gegen den Strich. Statt verworrene Erkenntnisse aufzulösen, bis man Phänomene auf den Begriff bringen könnte, kondensieren im Flow diffuse Vorstellungen zu Hashtags und Buzzwords, die durch Teilen und Kommentieren immer relevanter wirken. Emotional hochaufgeladene Schlagbilder im Aby Warburgschen Sinne sind keine Ausnahmeerscheinungen mehr, sondern takten in schneller Folge unseren Alltag, Memes sind der soziale Kitt im digitalen Wandel. Das wäre ein neutrales oder sogar positives Phänomen, würden sie nicht vielfach mit Fakten oder Begriffen verwechselt. Umgekehrt werden ethische Werte und Begriffe wie „Menschlichkeit“, „Liebe“, „Mitgefühl“ und „Gerechtigkeit“ zu ideologischen und wirtschaftlichen Marketingzwecken als Hashtags benutzt, was der Unterscheidung von Begriffen und Schlagworten weitere Plausibilität nimmt. Man weiß, dass es den Unterschied gibt, aber man fühlt ihn immer weniger.

Das Problem des Internets und damit die Ursache, warum es gegen Menschen gespielt werden kann, besteht darin, dass dort regelmäßig Performanz und Bedeutung verwechselt werden. Ein Selfie ist keine Repräsentations­fotografie, ein Tweet ist kein Werk, ein Flow-Mensch ist weder Autor noch Figur noch Privatperson. Im Netz ist das Sein paradoxal, emphatisches Erscheinen: alles mehr und weniger, kategorial anders.

Ankunft im Post-Digitalen

Die Spitze der Bewegung, also jene Nutzer, die früh und intensiv in den digitalen Flow eingetreten sind und alles bewusst reflektieren, versteht sich mittlerweile als postdigital. Sie haben das Digitale als sich veränderndes Phänomen in sich aufgenommen, aber es ist für sie kein als äußerlich wahrgenommenes Thema mehr. Man ist nicht mehr so enthusiastisch, aber man bleibt in Bewegung. Greifen Bots und Algorithmen unsere Performanz, Wahrnehmung und Realität an, programmieren wir halt selber welche und stören die Störenfriede. Und plötzlich entsteht da auch wieder Poesie, an neuen Stellen, nicht mehr so bezaubernd unmittelbar und naiv, dafür bewusster und kalkulierter.

Das heißt immer noch nicht, dass man genau sagen könnte, was das Digitale ist. Es verändert sich ja mit neu hinzukommenden Technologien und kulturellen Phänomenen fortwährend – und man selbst sich mit ihm.

Wie die sinnliche Wahrnehmung bei Kant ist auch die emotionale Performanz im Netz dunkel und täuschungsanfällig. Ist sie am Wirken, lässt man sich leicht Fake News als Fakten plausibel machen oder, noch schlimmer, als „alternative Fakten“ verkaufen. Eine digitale Vernunft, die vor ideologischer Manipulation schützt, weil sie „aufklärt“, d. h.,  im Internet-Flow differenziert, was rational begreifbarer Inhalt und was emotional zugängliche Performanz ist, muss sich erst noch entwickeln.

Eine Kritik der digitalen Performanz beobachtet, analysiert und differenziert, was im digitalen Raum geht und was nicht, was Sinn macht und was nicht, sie lotet immer wieder aufs Neue aus, wie physische und virtuelle Welt, Realität, Menschheit in Wirkungsschleifen miteinander verbunden sind.

Literatur als virtuelle Realität

Niemand kennt sich mit virtueller Realität besser aus als die Literatinnen und Literaten. Wenn diese nun, falls sie es nicht ohnehin längst tun, das Netz als unabschließbaren Roman begreifen würden, den sie im Moment schreiben, lesen und leben, und wenn sie ihre Beobachtungen und Erfahrungen dabei ästhetisiert teilen würden, on- und offline, analog und digital, könnten sie eine neue Aufklärung vermitteln. Diese würde nicht nach klarer Erkenntnis streben, denn die ist im Netz nicht zu haben, sondern nach vernünftiger Performanz.

In der Literatur ist das Digitale eine virtuelle Welt, ein Limbus, in dem Systemfehler risikolos benannt und im Probehandeln beseitigt werden können, solange die Verhältnisse nicht diktatorisch sind. Dante hat Anfang des 14. Jahrhunderts in der Divina Commedia einen zwischen Religion und Ästhetik oszillierenden paradoxalen Zwischenbereich eingerichtet, um die ihm für sein Denken unverzichtbaren vorchristlichen Philosophen nicht „zur Hölle schicken“ zu müssen. Er hat einen ästhetischen Zwischenboden in den Glauben eingezogen, um seine andere, intellektuelle Realität retten zu können. Heutige Autorinnen und Autoren können durch eine vernünftige digitale Performanz dazu beitragen, dass der paradoxale Zwischenbereich sich verschlingender physischer und virtueller Realität nicht für alle Menschen zur Hölle wird.

Zurück zu dir. Es ist nicht zu spät für dich. Noch einmal Kafka:

Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.

Du bist immer schon drin. Mach dir das bewusst, und schon spielst du dich aufs nächste Level.

Pokémon Go auf der Frankfurter Buchmesse

Christiane Frohmann

Von Christiane Frohmann

Christiane Frohmann hat an der Freien Universität Berlin und der Yale University, New Haven Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Sie ist Verlegerin des Frohmann Verlags und Veranstalterin mit ORBANISM.

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