Im Grunde war es ein Gespräch über den realistischen Roman: Anhand von In anderen Herzen (im englischen Original The Lives of Others) gab der indische Autor Neel Mukherjee am Internationalen Literaturfestival Berlin am 10. September 2016 Auskunft über sein Schreiben.

Jeder Roman handelt vom Leben der Anderen.

Interessanter Gegensatz:

Ein Roman ist ein Spiegel oder ein Fenster.

Als Spiegel zeigt er uns nur den Autor, als Fenster öffnet er uns den Blick in die Welt. Mukherjee hat genug von den amerikanischen Romanen über Beziehungsprobleme, und dass ein Selbstbespiegelungsautor wie Karl-Ove Knausgård als Literatur gelte, kann er nicht fassen.

Allerdings: So einleuchtend der Gegensatz zwischen Spiegel und Fenster ist – ich weiß nicht, ob ich ihm in jedem Fall zustimmen würde. Es gibt Bücher, die den Blick nach innen richten, ohne dass es eine Selbstbespiegelung wäre.

Neel Mukherjee ist ein eminent politischer Autor:

Ein Roman muss sich in die Welt einschreiben.

Mukherjee ist auf eine Art und Weise politisch, die über den Horizont einer bloßen littérature engagée hinausweist. Er braucht kein politisches Programm, denn seine Politik steckt in der Wahrnehmung selbst:

Politik ist eine Art und Weise, in der Welt zu sein (…). Ein Autor muss sich die Welt anschauen. Wenn man einmal weiß, wie man schaut, kann man viel damit anfangen.

Die Anderen, um die es in seinen Romanen geht, sind die Verlierer: Menschen, für die es auf der Erde keinen Platz zu geben scheint, deren Leben nichts gilt.

Das ist der menschlichste Impuls überhaupt: sein Leben zum Bessern zu verändern.

Wenn dieser Impuls zu lange ins Leere laufe, explodiere er – und diesen Moment wolle er festhalten, zum Beispiel in der schockierenden Eingangsszene von In anderen Herzen. Ein indischer Bauer bringt seine verhungernde Familie um (Enthaupten, Ersticken, Erdrosseln) und dann sich selbst (Trinken von Insektizid) – er kehrt „aus dem Nichts seines Lebens ins Nichts zurück“. Bei der Lesung kamen dem Sprecher Denis Abraham bei diesen ersten Seiten denn auch fast die Tränen (sehr berührend, das habe ich noch nie erlebt).

Was ist ein realistischer Roman, wenn nicht realistisch?

Es ist kein betulicher Realismus, von dem Neel Mukherjee an diesem denkwürdigen Abend spricht:

Ein Roman sollte eine zutiefst unbequeme und demütigende Erfahrung sein.

Beitragsbild: Sieglinde Geisel
Angaben zum Buch
Neel Mukherjee
In anderen Herzen
Roman
Übersetzt von Ditte und Giovanni Bandini
Verlag Antje Kunstmann 2016 · 600 Seiten · 26,00 Euro
ISBN: 978-3956140891
Bei Amazon oder buecher.de
mukherjee

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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