Das Reiseliteratur-Festival Neben der Spur bietet Lesungen an Orten wie „Beckers Scheune“ (Wuthenow), „Café Constance“ (Wustrau) oder der Siechenhauskapelle (Neuruppin). Bis auf den letzten Platz sind die Veranstaltungen jeweils mit neugierigen, leidenschaftlichen Lesern gefüllt. Das alles abseits des Literaturbetriebs, locker und entspannt, zugleich von überraschender Relevanz. Denn das Thema Reiseliteratur geht weit über das hinaus, was man als Reisen bezeichnen könnte: Migration, Vertreibung, Flucht fallen ebenso darunter wie Expeditionen, Pilgerfahrten, Spaziergänge.

Seit 2010 findet das Festival alle zwei Jahre statt. Organisiert wird es von zwei Enthusiasten: dem Journalisten Otto Wynen und Peter Böthig, Leiter des Kurt Tucholsky Literaturmuseums in Rheinsberg.

Full disclosure: Beim ersten Festival war ich mit meinem Buch Irrfahrer und Weltenbummler: Wie wir reisen (2008) zu Gast, seither moderiere ich Lesungen. Neben der Spur ist mein Lieblingsfestival.

Katharina Winkler: Blauschmuck

Ein Roman nach einer „wahren Geschichte“, auf der Basis von sechzig Stunden Tonband-Interview. Eine kurdische Türkin erzählte Katharina Winkler ihre Lebensgeschichte, die Autorin hat sie in eine erschütternd schöne Prosa umgeschmolzen. Winkler urteilt nicht, sie erzählt, und so erleben wir eine Geschichte der Gewalt, die in jenem Dorf in Ost-Anatolien offenbar den Alltag der Geschlechter bestimmt – zugleich jedoch sei es „ein verzweifelter Liebes- und Lebensversuch“, so die Autorin.

Als Leser sollen wir die Erfahrung der Protagonistin machen, mit ihrem Buch möchte Katharina Winkler „ein Stück Leben zur Verfügung stellen“.

Sie tut es kühn als Ich-Erzählung. Anders wäre es für sie nicht denkbar gewesen.

In der dritten Person hätte die Gefahr einer Interpretation bestanden, einer Bewertung. Doch ich wollte keine Antworten geben. Der Leser soll sich nicht durch Erklärungen vor dem Erleben retten können.

Wichtig sind ihr die Lücken, „das geschwiegene Wort“:

Ich will die Emotionen nicht auf dem Papier, sondern im Leser. Es geht ja nicht darum, dass ich entsetzt bin.

Über das Bannen des Schreckens durch Schönheit:

Das Ziel ist es, Gewalt in einer poetischen Sprache aufzuheben, ohne sich dem Geschehen zu unterwerfen. Man erfährt die Brutalität durch Poesie.

Der Rhythmus der Schläge ist der Herzschlag des Buchs.

Was passiert, wenn man einen Text verdichtet?

Kürzen bedeutet: das Feuer schüren.

Nach der Lektüre des Manuskripts sagte die Frau, deren Leben hier in Literatur verwandelt wurde:

Du hast aus meinem Leid Licht gemacht.

Bei dem, was Katharina Winkler über ihr Schreiben sagt, denke ich an eine Erkenntnis von Peter von Matt. Kunst wolle nicht dechiffriert, sondern ausgehalten, ertragen werden: „Entweder steht die Literatur im Dienst einer Botschaft, oder sie ist selbst eine Botschaft.“

(Lesetipp: Peter von Matt, Öffentliche Verehrung der Luftgeister. Reden zur Literatur. dtv-Taschenbuch)

Meral Kureyshi: Der Elefant im Garten

(Full disclosure: Ich habe diese Lesung moderiert)

Sie könne nur über das schreiben, was sie kenne, sagt Meral Kureyshi. Sie hat einen serbischen Pass, stammt aus der Stadt Prizren im Kosovo, gehörte zur türkischen Minderheit im Kosovo, kam 1993, mit zehn Jahren, in die Schweiz, lebt in Bern. Auch ihr Buch erzählt nicht von etwas, sondern ist, was es erzählt: Abschiednehmen, Ankommen, Sterben, Weiterleben.

Der Prozess des Schreibens:

Es ist, wie wenn einem schlecht ist und – darf ich kotzen sagen? – man sich übergeben muss. Wenn ich mich übergebe, dann schreiben ich, in diesem Moment. Danach geht es mir besser.  Und dann schaue ich, was in der, nun ja, Kotze herumschwimmt, was ich davon brauchen kann für meinen Text.

Die Verdichtung beim Schreiben:

Wenn warmes Brot auf dem Tisch stand, haben mein Bruder und ich das weiche Innere herausgekratzt und es zu kleinen Kugeln geknetet, die wir dann gegessen haben. So ähnlich ist es auch beim Schreiben.

Das Erzählen in Fragmenten:

Ich habe nie begriffen, warum eine Geschichte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben soll. So erleben wir es doch gar nicht! Während man etwas erlebt, erinnert man sich gleichzeitig an etwas und denkt noch einmal an etwas anderes, das geht alles durcheinander.

Meral Kureishy

Meral Kureyshi


Ronja von Rönne: Wir kommen

Ohne Umschweife erzählt Ronja von Rönne, wie ihr Roman entstanden ist. Eine Lektorin des Aufbau-Verlags war auf ihren Blog aufmerksam geworden und fragte an, ob sie daraus nicht einen Roman machen könnte. Ein Produkt des Betriebs also. Was Ronja von Rönne daraus vorlas, fand ich dann einerseits überraschend gut gemacht, witzig, mit treffenden Beobachtungen:

„Wir haben jetzt auch einen!“, heißt es auf einer Party. „Einen Flüchtling! Er ist ein wunderbarer Mensch.“

(aus dem Gedächtnis zitiert)

Andererseits hat das nichts zu tun mit Literatur im Sinn von Kunst. Dieser Roman ist etwas Gemachtes.

Danach diskutierten wir die Lesung beim Essen:

Es hat etwas Herablassendes, wie Ronja von Rönne eine Gesellschaft kritisiert und vorführt, aus der sie sich selbst ausnimmt. Sie ist nicht Teil dieser Gesellschaftsschicht. Das ist schon sehr bequem.

So ein bisschen wie Harald Martenstein in seinen Kolumnen: Die Doofen sind immer die anderen. Mit anderen Worten: Ronja von Rönne verrät ihre Figuren.


Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs

Nach den Passagen zu urteilen, die der Autor vorlas, handelt es sich bei diesem Roman um eine apokalyptische Dystopie: beschädigte Menschen und verkommene Seelen, die heimgesucht werden von Katastrophen und ihrem eigenen Unglück.

Im Gespräch kritisiert Stockmann unseren Umgang mit Krisen: Eine Krise könne man auch als „kreativen Umbruch“ sehen, wir lebten in einer tollen Zeit. Aus dem Publikum kommt kurze Zeit später der Einwand, sein Stil und der ganze Roman sei „vollkommen depressiv, es gibt nur Katastrophe, alles ist schwarz“. Für einen Moment verliert der Autor die Contenance. Er weist den Einwurf zurück, findet es unsachlich, überhaupt wolle er jetzt über ganz andere Dinge reden.

Offenbar hat der Leser-Einwurf an etwas gerührt.


Zora del Buono: Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen

Bäume sind die ältesten Lebewesen der Erde. Zora del Buono hat sie besucht: die höchsten, dicksten, ältesten, berühmtesten, schönsten, geheimnisvollsten. Der Weg ist der Baum, bin ich versucht zu sagen. Die Reisen zu unseren stummen Mitbewohnern der Erde sind so spannend wie die Geschichten der Bäume selbst.

In den Südstaaten der USA gibt es eine Eiche, die stand lange vor Columbus schon da, lange vor der Sklaverei. Wenn Bäume reden könnten!

Die ältesten Bäume stehen an den extremsten Orten, sie sind nicht totzukriegen:

Je exponierter die Stelle, desto stärker wird der Baum.

Der älteste Baum, Old Tijkko in Schweden, ist 9.500 Jahre alt, man kann ihn nur zu Fuß erreichen und braucht einen ortskundigen Führer. Die GPS-Daten werden nicht herausgegeben, zum Schutz des Baums. „Neben diesen Bäumen fühlt man sich so klein“, so beschreibt Zora del Buono die Erfahrung ihrer Recherche. Die Begegnung mit diesen Bäumen verschiebt unseren Maßstab der Selbstwahrnehmung – ähnlich wie der Blick in den gestirnten Himmel.

Old Tjikko

Old Tjikko – der älteste Baum der Welt

Bilder:
Ottmar Hörl: Fontane-Skulpturen (Installation) – von Sieglinde Geisel (Beitragsbild)
Meral Kureyshi – von Sieglinde Geisel
Old Tjikko (Fulufjäll, Schweden) – von Karl Brodowsky, Lizenz: CC

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Danke für den kurzen Einblick in das Festival. Ich kannte es bislang nicht. Von den Abschnitten im Text gefiel mir besonders „Meral Kureyshi: Der Elefant im Garten“.

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  2. Was für wunderbar verdichtete Kostproben Du von dieser insgesamt wunderbaren Veranstaltung fest gehalten hast.

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