Was heißt es heute, konservativ zu sein? Warum fühlen sich Intellektuelle von diesem Denken angezogen, und wo liegt die Grenze zum Rechtspopulismus? Mit diesen Fragen setzt sich tell in einer Reihe von Beiträgen auseinander.

Bisher erschienen:

Was mach‘ ich nur mit diesem Buch? Immer wieder möchte ich innerhalb weniger Zeilen ein kleines „Er hat ja Recht“ und dann ein großes „Oh je“ annotieren.

Die Grundstruktur des Buchs ist rasch erklärt: Ulrich Greiner versteht sich als Konservativer, und zwar als ex-linker: Ein Kapitel ist seiner Heimkehr zum Konservatismus speziell wegen 1989 gewidmet. Greiner konstatiert eine kulturelle Hegemonie der Linken, die ihn, so der Buchtitel, „heimatlos“ mache. Es geht um Genderismus und Multikulturalismus, um die Stellung des Christentums und die Leitkulturdebatte, aber auch um den Selbstoptimierungswahn und, nicht zuletzt, um die Ehe für alle, die Greiner aufs Absurdeste mit der Debatte um die künstliche Befruchtung verquickt. Nichts daran ist wirklich neu, das alles konnten wir in den letzten Jahren immer wieder nachlesen, verstärkt seit Trumps Wahlsieg – ganz abgesehen davon, dass der Kulturkampf zwischen „links“ (wie immer das verstanden wird) und „konservativ“ (was immer das sei) seit Jahrzehnten schwelt, man denke etwa an Heinrich Böll versus Peter Boenisch.

Das Wahre im abgrundtief Falschen

Nur schüttet Greiner das Kind immer wieder schwungvoll mit dem Bade aus. Wer jetzt an die pseudofeministische Debatte über das Gomringer-Gedicht denkt oder sich an die Treibjagd auf Barbara Eggert erinnert, der weiß: Bestimmte Spielarten dekonstruierenden Denkens sind längst zur Neo-Inquisition mutiert. Den Gender-Gaga beispielsweise empfinde auch ich als schwer erträglich. An dieser Stelle wird auch verstehbar, warum die AfD für eine bestimmte Spielart konservativer Intelligenz so attraktiv ist, Stichwort Marc Jongen, seines Zeichens Philosoph und AfD-Funktionär.

Denn genau das ist das Problem, das wir mit der Neuen Rechten haben: Man kann ihr immer wieder diese Momente des Wahren im abgrundtief Falschen attestieren. Mit anderen Worten: Die Feminismuskritik Greiners zielt nicht völlig daneben, und doch geht sie völlig fehl. Denn Greiner tut (nicht anders als Marc Jongen) eben so, als zappele tatsächlich ganz Deutschland hilflos und dauerhaft im Würgegriff der PC. Gibt es islamistischen Terror? Offenkundig ja! Und natürlich muss man die islamische Welt damit konfrontieren. Aber einen islamistischen Masterplan, Europa zu überrennen, den gibt es eben nicht. Gab es vor 1989 Linke, die die DDR verharmlost haben? Ja, gab es. Aber es hat doch nicht „die“ bundesdeutsche Linke den Ostblock verharmlost – oder zählen Heinrich Böll, Peter Rühmkorf und Günter Grass nicht mehr? Ulrich Greiner erliegt den Erzählungen der Neuen Rechten immer wieder, weil er einige kleine Wahrheiten für das ganze Bild hält. So ist er etwa der Pegida-Lüge aufgesessen, nach der man nicht mehr Weihnachtsmarkt sagen dürfe, sondern Wintermarkt sagen müsse. Dieser peinliche Missgriff ist kein Zufall. Greiner tappt hier in eine selbst gestellte Falle. Zwar grenzt er sich glaubwürdig gegen AfD und Pegida ab, doch inhaltlich gebärdet er sich bisweilen wie ein AfD-Pressesprecher. Sogar den ersichtlich absurden „Lügenpresse“-Vorwurf will er zumindest „ernst nehmen“.

Kulturelle Hegemonie der Linken?

„Die“ Linke übt also seit Jahrzehnten kulturelle Hegemonie aus, „links-grün versifft“ nennt es die AfD, und wieder unterscheiden sich Greiner und AfD nur noch in der Wortwahl. Aber wo ist sie denn, die kulturelle Hegemonie der Linken? In Fernsehrunden, mit einem Claus Strunz als Moderator? Und wenn wir an Antonio Gramsci denken: Wie viel reale Macht hat die Linke denn dank ihrer angeblichen kulturellen Hegemonie generieren können? Schon Böll spottete über Boenischs These von der Vormacht der Linken (die These ist uralt, schon Thomas Manns Betrachtungen lebten von ihr): Man erinnere sich, so Böll sarkastisch, immer noch an die jubelnden Volksmassen, die den studentischen Protest 68 begleitet hätten. Das gilt auch heute: Angesichts der Debatte könnte man meinen, die G20-Proteste seien von flächendeckendem Verständnis begleitet gewesen.

Ich hätte so gerne ein echtes konservatives Bekenntnis gelesen, finde aber wieder nur Vorurteile, Meinungsmulm, verquere Gedanken. Sogar de Maizières „Leitkultur“-Vorstellung wird bedingungslos gelobt. Greiner sollte es besser wissen: In einer Demokratie kann es keine Leitkultur geben, es sei denn um den Preis ihrer gewaltsamen Verordnung. Und natürlich gehört der Islam zu Deutschland, ob das Greiner nun schmeckt oder nicht, die Muslime leben ja hier. Und Goethe, Hitler, Kukucksuhren, Lederhosen, das Satiremagazin „Titanic“ sowie Bielefeld-West gehören ebenfalls zu Deutschland, denk mal an! Sogar Greiner und ich gehören dazu.

Wutbürgerrede

Konservatismus ist eine Haltung, die weiß, dass der Mensch sehr konkret, sehr widersprüchlich, sehr geschichtlich, sehr verletzlich ist. Eine Haltung, die weiß, wo sie auch mal fünf gerade sein lassen kann. Eine solche Haltung habe ich immer schon als Antidot gegen jene gemeingefährlichen linken Mythen empfunden, die seit 1789 davon träumen, im Glutofen der Revolution den neuen Menschen schmieden zu können.

Doch Greiner erliegt einem alten konservativen Minderwertigkeitskomplex, nämlich dem Glauben, aus der Zeit gefallen zu sein. Lebt das gesamte konservative Ethos inzwischen allein davon? Das wäre schade. Das Humanisierende, das Dämpfende, das dem konservativen Denken in seinen besten Momenten eignet – davon findet sich nichts in Greiners Buch. Ich sehe nur eine Wutbürgerrede, die fast alle derzeit bespielten Vorurteile wiederholt. Schon immer ist der Konservatismus unheilige Allianzen eingegangen, wenn er nichts mehr zu sagen hatte und sich aufs bloße Nörgeln verlegte.

Angaben zum Buch
Ulrich Greiner
Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen
Rowohlt Verlag 2017 · 160 Seiten · 19,95 Euro
ISBN: 978-3498025366
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Beitragsbild:
German garden gnome
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[Public domain], via Wikimedia Commons
Hartmut Finkeldey

Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

23 Kommentare

  1. Was das Buch angeht, kann ich nicht mitreden, wohl aber was Greiners letzten Artikel in der ZEIT angeht, „Das Eigene und Fremde“. Was mir da stilistisch auffällt, ist der enorme Aufwand für wenig Gedankengewicht. Seine Gedanken wälzen sich, kommt mir vor, serpentinenartig voran, allerdings ohne dass eine schwere Steigung zu erkennen wäre. Das wirkt komisch. „Auch die Bezeichnung ‚Fremdenzimmer‘ war früher in Gasthöfen die Regel. Heute ist sie weitgehend verschwunden, … Das ‚Fremde‘ besteht ganz einfach darin, dass es ‚dem Eigenen‘ entgegengesetzt ist.“ Ein verzweifeltes Ringen um Klarheit eines ganz und gar nicht mehr geordneten Verstandes, der sich nur noch an ein paar Notleuchten seiner Bildung festhält.
    Ich vermute, diese Stillage entsteht auch dadurch, dass Greiner mit maximal abstrakten Begriffen hantiert, ohne von ihnen einen Begriff zu haben: Das „Eigene“, das „Fremde“ – im Deutschen kann man ja gut schwabbelige Adjektive in schein-reale Entitäten transformieren und so gerät Greiner, der gar nicht merkt, was ihm widerfährt, in die Sümpfe des unproduktiven, besinnungsaufsatzhaften Gegrübels.
    Interessant finde ich Greiner als Fallbeispiel für den literarischen Neo-Konservativismus. Peter Schneider, Monika Maron, Botho Strauss (der bei Greiner zwischen Zeilen grüßt) und vermutlich andere mehr (Selbstschausteller Thor Kunkel nicht) – die kann man sicherlich nicht alle ins gleiche Regal stellen, ich frage mich nur, was bei diesen Leuten beim Lesen der Weltliteratur falsch gelaufen ist, dass sie sich so aufs „Eigene“ positionieren? Goethe und die Humboldts waren da weiter, auch im Sinne von neugieriger.
    Ich will keine schlafenden Hunde wecken, geschweige denn irgendeinen Gedanken denunzieren, aber ich habe mir neulich die längliche Rede Hitlers zur Eröffnung der „Großen Deutschen Kunstausstellung“, München 37, durchgelesen. Hitler entwirft da eine Dichotomie zwischen der veränderlichen, zeitgebundenen, gegenwärtigen Kunst (und Literatur) und dem „Ewigen“ der wahren Kunst. Wie sich die Sentimente unterbödig ähneln, denn das „Eigene“ scheint stark als das Unveränderliche vorgestellt zu werden, das „Fremde“, „Multikulturelle“ als Veränderungsimpuls der Zeit, der das Ewige verschüttet. Der vermittelnde Begriff wäre vielleicht Tradition im Sinne eines Weiterwirkens, nicht im Sinne von Erstarren im Alten, also eher Traditionslinie als Tradition. Die Sorge vor dem völligen Abrieb der Traditionslinien als kulturelle Praxis finde ich als solche angesichts unseres transitorischen und medial leicht durchgeknallten Zeitalters berechtigt, bin allerdings zuversichtlich, dass es am Ende doch nicht so schlimm kommen wird. Wirklich in der Hand hätte diesen Prozess sowieso keiner. Was ganz schön ist, denn auch der Islam wird sich noch quasi christianisieren und Saudi Arabien wird sozialdemokratisch. Dauert nur. (Von Poussin gibt es ein Bild, wo Wahrheit und Einsicht von der Zeit gerettet wird http://bit.ly/2xSG4rS ;) )

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  2. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 5. Oktober 2017 um 9:16

    „Ich will keine schlafenden Hunde wecken, geschweige denn irgendeinen Gedanken denunzieren, aber ich habe mir neulich die längliche Rede Hitlers zur Eröffnung der „Großen Deutschen Kunstausstellung“, München 37, durchgelesen.“

    Genau das tun Sie damit aber. Greiner muss Kritik aushalten, auch scharfe…der Hitler in diesem Zusammenhang ist eine Unverschämtheit. Sie haben auch inhaltlich unrecht. Greiner wendet sich nicht gegen Veränderung, übrigens nicht einmal gegen Einwanderung per se, sondern er plädiert in der Nachfolge Herders eher für ein Kugelmodell/Zentrumsmodell der Kultur (jeder Kultur!). Herders „Volksgeist“ ist in der Tat häufig als Vorläufer deutscher Überwertigkeitsgefühle gedeutet worden; rezeptionsgeschichtlich war das zum Teil auch so. Aber die Rezeption wird Herder (und somit, wenn ich es richtig sehe, auch Greiner) nicht gerecht. Herder hat bekanntlich jeder Kultur gleiche Rechte zugestanden; alle beförderten in ihren besten Teilen die Humanität – das Verhältnis zwischen den Kulturen, so kann man Herder deuten, sei wie das zwischen den einzelnen Musikinstrumenten, die insgesamt erst das Orchester ergeben. Es ist kein Zufall, dass Himmler in einer seiner Posener Reden verkündete, Herder müsse „besoffen“ gewesen sein, als er allen Kulturen gleiche Rechte zu gestand. Mörder kennen ihre Gegner für gewöhnlich gut.

    Nehmen Sie Ihren unangemessenen Vergleich doch einfach zurück. Wäre das Beste.

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    1. Ich nehme den Vergleich gerne zurück. Es war ja auch keiner, keinesfalls im Sinne einer Gleichsetzung, sondern ein Hinweis auf das Dilemma des dichotomischen Denkens. Problem dabei ist das Niederbügeln der Dialektik. Mit Herderschen Kulturvorstellungen wird in meinen Augen die Sache nicht besser. Die Kugel-Idee ist eine Idee für das Nationen gebärende 19. Jahrhundert. Die Kugel erinnert an Planeten, eigene Welten, Inseln, der Mittelpunkt ist eingehüllt. Dass man im relativ gering kooperativen, gering vernetzten 19. Jahrhundert sich die Welt so kulturmythisch vorstellen konnte, finde ich nachvollziehbar, obwohl auf den amerikanischen Kontinenten damals schon sich etwas ganz Anderes abzeichnete. Die Frage ist für mich aber, ob es diese Entitäten überhaupt definierbar gibt? „Das Eigene“ ist nie ganz eigen und nie völlig inkommensurabel mit dem „Fremden“. Das gilt fürs Individuum genauso wie für „Land und Leute“. Die griechische Antike als Urtyp einer europäischen Hochkultur ist durch Außenkontakte inspiriert (Seefahrerei macht philosophisch, weil es unvermeidlich Fragen aufwirft und vieles relativiert). Frankreich hat viel Eigenheiten, aber die sind „fremd“ geprägt. Die Kerne in den Kugeln leben, verändern sich, sind alles andere als ewig – was macht sie denn zu Kernen? Was ist der Kern der Ruhrgebiets-Kultur? Wie fremd war den Deutschen der polnische Katholizismus und die polnischen Zeitungen anfangs. Nach 40 bis 60 Jahren war eine neue Legierung entstanden. Das klärt sich mit der Zeit, welche Spuren sich ineinander schlingen, was in der Erinnerung nachklingt, welche Spuren verblassen und verschwinden. Heute sind sich die Menschen immer weniger fremd. Das ist ein historischer Trend. So wie Konflikte sich delokalisieren, so delokalisiert sich auch Kultur. Stars der klassischen europäischen Musik und auch Orchestermitglieder kommen heute von überall her. Die Diversität ist in den letzten 50 Jahren enorm gestiegen und sie wird weiter zunehmen, ohne dass die Musik dadurch beschädigt würde. Die Virutosität scheint sich eher zu verbreitern. Moderne Kunst, Musik und Literatur webt sich sowieso als Netz rund um die Erde. Überall, wo sich die Menschen nicht einkugeln, ist die Kultur produktiv. Ob Iran, in den Emiraten, in Afrika. Die Befürworter des Einkugelns wollen das Althergebrachte schützen, aber sind doch eher ihre Zerstörer. Das Beeinflussungsklima ist nicht einmal mehr regional. In dieser Zeit sich in der Besinnung aufs „Eigene“ zu üben, liegt nahe, ist aber nur Teil der Dialektik. Es ist unmöglich, auf solchen Sand eine haltbare Position zu bauen bzw. eine vernünftige Kulturpolitik. Das ist der Punkt. Es wird immer wieder versucht – in Deutschland sieht man an den Nazarenern (die sich übrigens witzigerweise in Rom erst so richtig zusammenfanden) mit am Besten, wie diese Suche nach der eigenen deutschen Kultur nur das ziemlich komische Scheinbild von etwas Ehernem hervorbrachte. Fazit IMHO: Das Sinnieren über das Eigene und das Fremde ist eine Reaktion auf die Zeit, befindet sich aber nicht auf der Höhe der Zeit. ;) – Übrigens hat Bernhard Schlink das Thema auch gerade umkreist, viel konservativer, aber auch interessanter, indem er einen Ankerpunkt in der Alltagskultur sucht. Bei ihm führt das zu praktischen Forderungen: Sich vor Alltagsproblemen nicht verstecken, nur weil sie einem ideologisch nicht passen. Und: mehr Lehrerinnen und mehr Polizistinnen.

    2. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 6. Oktober 2017 um 19:42

      Ja, danke. Hitler-Vergleiche sind so kontraproduktiv.

      Eine Ergänzung noch, vielleicht habe ich Sie auch falsch verstanden: ich vertrete mitnichten Herders Kugelmodell; ich meine nur, bei Greiners Plädoyer pro Europa so etwas wie Herders Kugelmodell gespürt zu haben. Diese relative Abschottung ist im 21. Jhdt. nicht mehr aufrecht zu erhalten – mit allen Problemen, die das mit sich bringt. Natürlich ist das Leben in einer relativ homogenen Kultur leichter – es wird dieses Leben so aber nie mehr geben. (Homogen war auch unsere Kultur nie, weil die diversen Klassen und Gruppen eine je eigene Kultur entwickelt haben – Arbeiterkultur, bürgerliche Kultur, männliche Kultur etc, aber wir wissen, was ich meine.)

  3. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 5. Oktober 2017 um 9:24

    Hinzuzufügen wäre noch: Was ich Greiner – m.E. zu recht – vorwerfe, nämlich das Kind mit dem Bade auszuschütten…sie tun es auch, und zwar in Potenz. Der große Hoimar von Ditfurth sprach mal von unserem unseligen Hang zu Entweder-Oder-Entscheidungen, ohne Zwischentöne.

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  4. „Den Gender-Gaga beispielsweise empfinde auch ich als schwer erträglich. An dieser Stelle wird auch verstehbar, warum die AfD für eine bestimmte Spielart konservativer Intelligenz so attraktiv ist, Stichwort Marc Jongen, seines Zeichens Philosoph und AfD-Funktionär.“

    Beim Begriff Gender-Gaga rate ich zur Vorsicht. Wie schon Victor Klemperer aufzeigte, liegt auch in einzelnen Worten (und sogar Satzzeichen) Macht. Gender-Gaga ist eine neurechte Wortschöpfung aus dem Umfeld der „Demo für alle“, mit der die sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung von Menschen aus dem nicht-hetero-Spektrum despektierlich gemacht werden soll. Sie unterstellt Verwirrung und Geisteskrankheit (Gaga), wo es um Identität geht.

    Man muss nicht sämtliche Spielarten des Liebens und Seins verstehen, die ihren Weg in die Öffentlichkeit finden, aber dass sie für die willentliche Unmenschlichkeit kognitiv leistungsstarker Menschen verantwortlich zu machen, halte ich für falsch.

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    1. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 5. Oktober 2017 um 11:10

      Ja, danke, ist bekannt. Jedes Konzept kann sich verdinglichen (absolut setzen) und damit zur Ideologie mutieren. Natürlich auch das Gender-Mainstreaming. Ersichtlich dies, und nichts sonst, ist hier gemeint. Die Kritik daran, dass differenztheoretische Ansätze zur Ideologie mutieren können und dann regelrecht inquisitorische Züge zeigen, ist übrigens Jahrzehnte alt und hat mit Pegida-Demos nicht das geringste zu tun. Dass die Pegida-Ideologie willkürlich und ohne Stringenz überall andockt, wo sie sich Vorteile verspricht, stimmt. Die behaupten ja sogar, Sophie Scholl würde heute AfD wählen. Das muss man nicht sonderlich ernst nehmen.

  5. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 5. Oktober 2017 um 11:24

    Aber Sie berühren einen wichtigen Punkt, den ich gerne einmal ausdiskutiert bekäme. Es geht um Mikrogewalt, um Verletzungen, aber eben auch um Diskursmacht. Der linke Blogger „Che“ setzt sich auf seinem Blog sehr differenziert damit auseinander: https://che2001.blogger.de/
    Die diffgerenztheoretischen, dekonsatruierenden Ansätze wären glaubwürdiger, wenn sie sich den Gefahren, die ihnen eignen können (!), einmal stellen würden. Man google mal „Wormser Prozesse“, man informiere sich mal über die indiskutablen und wirklich auch widerwärtigen Angriffe auf die großartige Katharina Rutschky als angebliche „Täterschützerin“. Das meine ich mit „Gender-Gaga“, und es muss verhandelt werden.

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    1. Überhaupt keine Einwände, nur mit dem Begriff wäre ich vorsichtig. Ist ein ähnliches Phänomen, wie Tagesthemen (z.B.), die von „Altparteien“ reden. Sprache schafft Wirklichkeit und bestätigt manches, was man selbst mit der Verwendung bestimmter Begriffe gar nicht bestätigen will.

    2. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 5. Oktober 2017 um 15:18

      Der Begriff „Gaga“ ist Jahrzehnte alt. Es steht übrigens der Linken frei, neue Wirklichkeiten zu schaffen, indem sie sich öffnet. Etwa dafür, dass 2 und 2 auch dann 4 sind, wenn Poggenburg zustimmt (was er zweifellos täte).

  6. Mit dieser Argumentation kannst du die Verwendung jedes Begriffs rechtfertigen.

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    1. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 6. Oktober 2017 um 19:22

      Genau umgekehrt wird ein Schuh daraus: Ich kann jeden Diskurs vergiften, indem ich ihn – in welchen Graden der Andeutung auch immer – mit dem NS-Komplex konnotiere Stichwort „sagt dasselbe wie Goebbels“ bzw Gauland.

      Ich nenne diesen Fehlschluß seit langem das „Katyn-Problem“. Es ist völlig richtig, dass Goebbels Katyn propagandaistisch vernutzt hat. Das hat nur nichts mit der zutreffenden These zu tun, dass in Katyn tatsächlich die Sowjets gemordet haben. Wer das nicht klar auseinander hält, hat schon verloren!

      Die Kritik an jenem verdinglichten Genderismus, der dann zu so zerstörerischen Dingen wie etwa den Wormser Prozessen oder „Carry that weight“ führt, muss geführt werden. Dass Gauland daraus sein politisches Süppchen kocht, ist richtig, aber unerheblich. Übrigens sind wir hier wieder beim Komplex „Momente des Wahren im abgrundtief Falschen“. Gauland kann seine antifeministische Lüge gerade deswegen an den Mann (besonders an den Mann!) bringen, weil es eben im Einzelfall sehr wohl trifftige Gründe zur Kritik gibt, weil Gauland hie und da an die Realität andocken kann. Die Unverschämtheit, deswegen, weil ich auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht habe, mit der LTI assoziiert zu werden, verbitte ich mir denn doch sehr deutlich.

    2. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 8. Oktober 2017 um 22:29

      Liebe/r Futuretwin

      Zu Recht werde ich per Mail darauf aufmerksam gemacht, dass man meine Antwort an Sie nur so lesen könne, als hätten S i e mich mit der LTI assoziiert. Dafür kann ich mich nur entschuldigen. Natürlich waren nicht Sie gemeint.

      Vielleicht waren meine Antworten an die user fritzlv und henrivogel zu hart. Ganz grundsätzlich – ich spreche jetzt alle hier Lesenden an – bleibe ich jedoch bei meiner Haltung: Es ist immer falsch, in Debatten auf der persönlichen Ebene den Adolf zu zücken. Auch nicht in Andeutungen, auch nicht mit pro forma Disclaimer. Das sollten sich alle, die miteinander diskutieren, schon gegenseitig schulden. Es käme mir nicht in den Sinn, einem Kontrahenten irgendwie eine LTI-Sprache zu unterstellen oder ihn in die Nähe einer Hitlerrede zu rücken. Mit einem Satz der Struktur „Natürlich ist X kein Nazi, aber…“ insinuiere ich vorsätzlich genau das: X sei ein Nazi. Und dass das so ist, wissen wir alle auch ganz genau. Alles Ableugnen, mit Tucholsky zu sprechen, ist zwecklos.

      Strukturelle Parallelen zu sehen ist schon eher legitim, aber nach meinen Erfahrungen lösen sich vermeintliche Parallelen sehr häufig auf und enden im Begriffsdickicht. Paradebeispiel ist natürlich die große, immer wieder variierte Erzählung darüber, wie die deutsche Kultur, die deutsche Geschichte auf den Hund gekommen ist. Diese Erzählung („Und es wird am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“, Kultur statt Zivilisation, Romantik als Protest gegen die Aufklärung, Judenhass als Kapitalismuskritik des dummen Kerls usf) bleibt lehrreich. Wenn in ihr aber sowohl Kant und Schiller als auch deren großer Antipode Herder eine prominente Rolle spielen, ist ein Schuss Skepsis angesagt. Auch auf d i e s e r Ebene habe ich so meine Probleme damit, zB Kant, Schiller, Herder einfach allzu verkürzt mit Hitler zu assoziieren. Ich habe den Verdacht, dass wir in den letzten Jahrzehnten etwas zu optimistisch, etwas zu hurtig und vor allem etwas zu schlampig dekonstruiert haben.

      In meiner Kritik an Ulrich Greiner habe ich ihn bewusst nicht mit der NS-Bewegung parallelisiert, sondern mit jenen Konservativen, die – warum auch immer – mit dieser Bewegung eine unheilige Allianz eingingen. Versteckt habe ich Greiner sogar gelobt. Dem konservativen Denken eigne viel Humanität – gerade dann, wenn es weiß, wann es auch mal fünf gerade sein lassen sollte.

      PS: Den Ausdruck „Gender-Gaga“ nehme ich hiermit in aller Form zurück. Begründung: Zu lau, zu lahm! Die Aktion gegen Paul Nungesser war nicht gaga. Sie war infam. Gelebte Niedertracht. Dass der postmoderne Feminismus, gleich welcher Couleur, bis zum heutigen Tag über „carry that weight“ dröhnend schweigt, ist miserabel. Was soll ich tun, wenn Typen wie Gauland ihre schmierige antifeministische Lüge per Emma Sulkowicz in Diskurs-Stellung bringen? Ich kann da nichts tun! Denn in diesem einen Fall hätte Herr Dr. jur Alexander Gauland ausnahmsweise schlicht Recht! So, wie Herr Dr. phil Joseph Goebbels in Katyn ausnahmsweise einmal Recht hatte. Im Nürnberger Prozess wurde, um die Sowjets nicht zu verprellen, das Thema Katyn trickreich ausgeklammert, obwohl die Westmächte natürlich Bescheid wussten. Seither hämt jede Neonazi-Publikation: Die Nürnberger Prozesse würden lügen, hähähä, das zeige sich ja an Katyn, hähähä. Ist denn die Diskurs-Teufelsküche, in die wir durch solche Dinge geraten, so schwer zu verstehen?

  7. Anselm Bühling 9. Oktober 2017 um 14:36

    Ich finde den Verweis von Fritzlv auf die Hitler-Rede durchaus aufschlussreich. Es geht dabei ja gerade nicht darum, nach einer pro-forma-Distanzierung dann doch einen Nazivergleich zu ziehen. Es geht um die Analyse der Redefigur vom Eigenen und Fremden, mit der interessanten Ergänzung, dass das „Eigene“ als eigentlich unwandelbar und bedroht durch das „fremde“, verändernde Element hingestellt wird. Diese Redefigur ist nicht deshalb heikel, weil sie per se nationalsozialistisch wäre – aber es ist eben auch kein Zufall, dass sie sich in einer Hitler-Rede findet.

    Antworten

    1. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 9. Oktober 2017 um 19:01

      sicher doch, sicher…Das „Gesunde“ gegen das „Kranke“ wäre zu ergänzen..keine originäre NS-Ästhetik übrigens, sondern , ich trag mal Eulen nach Athen, ihr wisst das natürlich, die damaligen (und groteskerweise manches Mal auch noch heutigen) Ressentiments des konservativen Bürgertums/Kleinbürgers gegen die künstlerische Moderne („da erkennt man ja gar nichts drauf“), die ja nur Ressentiment und Ängste in der Moderne überhaupt widerspiegeln. Böse gesagt: Das las man bei Emil Staiger auch nicht anders.

      Gerade hier sollte man aber schon sagen: Von s o l c h e n Ressentiments ist der ausgewiesene Literaturkenner und -liebhaber Greiner nun wirklich frei. Den syrischen Lyriker nimmt er mit Kusshand, wenn ichs mal so sagen darf.

  8. Wenn man Sätze von Hitler und Greiner vergleichen will – welche Absicht auch immer dahinter stecken mag –, dann wollen doch bitte jene, die vergleichen, die entsprechenden Passagen im wörtlichen Zitat gegeneinanderstellen. Damit der Leser sich selbst ein Bild machen kann, statt daß bloß Assoziationsräume eröffnet werden und man sich in Andeutungen ergeht.

    „Es geht um die Analyse der Redefigur vom Eigenen und Fremden, mit der interessanten Ergänzung, dass das „Eigene“ als eigentlich unwandelbar und bedroht durch das „fremde“, verändernde Element hingestellt wird.“

    Wo tut Greiner das? Gibt es dafür konkrete Textbelege bei Greiner, wo er das Eigene als eigentlich unwandelbar darstellt?

    Antworten

    1. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 9. Oktober 2017 um 21:59

      In kapitel 3 passim äußert er sich schon recht deutlich wider den „Multikulturalismus“ (auch hier leider wieder in viel zu großer Sprachnähe zu Gauland). Allerdings: er äußert sich als Europäer, nicht als strammer Doitscher. Er spricht sich explizit gegen ein „deutsches Wesen“ aus, votiert aber eben pro Leitkultur – die es m.E. so eben nicht mehr geben kann und letztlich auch nie gab. Siehe seine Jessen-Kritik Kapitel 3 (ich hab das Buch in meiner Kindle-amazon-Cloud als EBook, sinnigerweise zeigt mir mein Browser keine Seitenzahlen an. „Position 521 von 1980“ ff, wenn das jemandem hilft) Na klar muss man über Kulturkonflikte reden und nicht über sie hinwegpoetastern, aber um einen immer weiter zunehmenden Kulturaustausch, auch Kulturkonflikt werden wir nicht herum kommen. Auch ich war – eines von Greiners Beispielen als Argument kontra Multikulti – bestürzt darüber, wie viele Deutsch-Türken pro Erdogan waren…aber war das nicht vielleicht auch eine Trotzreaktioon von Menschen, die auch in dritter Generation hier noch als Fremde wahrgenommen werden? Verwechselt Greiner hier vielleicht Ursache und Wirkung? Greiner sagt nicht, nie nie niemals würden Fremde hier heimisch werden können, er verdinglich die Fremden explizit nicht…und tut es, so mein Texteindruck, versteckter weise dann eben doch.

      Anyway: Zumindest in der scharfen Kritik daran, Greiners Text mit einer Hitler-Rede zu kontrastieren, sind wir uns ja einig. Wenig hilfreich. Es verstellt m.E. auch den Blick auf die wirklichen Probleme, die diesem Text eignen.

    2. Auch hier, denke ich, hilft ein Zitat von Greiner und von de Mazière weiter. Es rückt die Gedanken de Mazières, die in manchen Medien entstellt wiedergegeben wurden, in ein differenzierteres Licht:

      „Unabhängig jedoch davon, was die AfD unter «deutscher kultureller Identität» versteht, bin ich davon überzeugt, dass es diese Identität gibt. Ich finde die heftig kritisierte Initiative des Bundesinnenministers Thomas de Maizière zum Thema Leitkultur lobenswert. Er schrieb, der Begriff Leitkultur habe zwei Bestandteile: «Zunächst das Wort Kultur. Das zeigt, worum es geht, nämlich nicht um Rechtsregeln, sondern ungeschriebene Regeln unseres Zusammenlebens. Und das Wort ‹leiten› ist etwas anderes als vorschreiben oder verpflichten. Vielmehr geht es um das, was uns leitet, was uns wichtig ist, was Richtschnur ist.»“

    3. Anselm Bühling 10. Oktober 2017 um 14:47

      Ich meine nicht, dass Greiner das Eigene geradewegs als ewig auffasst (so wie es Hitler tut). Mein Kommentar oben legt das allerdings nahe, insofern liegt die Schuld für das Missverständnis bei mir.

      Eher ist es so, dass der Kommentar von Fritzlv (jedenfalls mich) zum Nachdenken darüber anregt, wie die Semantik des Begriffspaars „Eigenes/Fremdes“ im Zusammenhang mit Konservatismus eigentlich funktioniert. Das „Eigene“ ist nicht notwendig ewig, aber es ist doch das, was bewahrt und vor der Veränderung durch das „Fremde“ geschützt werden soll: „Das hier ist unsere Kultur – was sich hier verändert, und wer es verändert, bestimmen wir.“

      Das ist ein wesentlicher Unterschied zu der Auffassung, dass die Kultur einer Gesellschaft von allen ihren Mitgliedern und Gruppen geprägt wird (was Vielfalt ebenso einschließt wie innere Konflikte). Denn in dieser Sicht „gehört“ die Kultur einem Teil der Gesellschaft, während andere sich danach zu richten haben. An diesem Punkt wird auch die Unterscheidung zwischen „vorschreiben/verpflichten“ und „leiten“ schal. Denn letztlich dient der Begriff „Leitkultur“ doch dazu, den „anderen“ etwas vorzuschreiben – immer mit der Implikation, dass sie nicht dazugehören, wenn sie sich nicht an „unsere“ Regeln halten und dann gefälligst gehen können oder gegangen werden. Die einen legen die Regeln fest und können sie nach Belieben umdefinieren, die anderen haben zu folgen. Da liegt die strukturelle Assymetrie.

    4. Natürlich soll das Eigene einer Kultur auch vor anderen Ausprägungen geschützt werden. Nicht in allen Aspekten, aber in bestimmten Hinsichten zumindest. Kultur ist ein Spiel von Offenem und Geschlossenem. Die katholische Kirche etwa hat gute Gründe, nicht für ökumenische Gottesdienste zu votieren, weil nämlich u.a. beim Abendmahl die Auffassungen zu unterschiedlich sind. Wer also die Ökumene möchte, will eine andere Art von Kirche, aber nicht mehr die klassisch katholische. Und den wenigsten dürfte es recht sein, wenn in Deutschland (oder im EU-Europa) das System einer Blutrache oder von Paralleljustiz sich verbreitete. Und genausowenig streben wir (oder zumindest viele derer, die in der BRD leben – das Kollektivsingular ‚Wir‘ ist in der Regel problematisch) nach einer Kultur, die sich am wahhabitischen oder konservativ-türkischen Islam ausrichtet, wenngleich in der BRD inzwischen einige Menschen im Land sind, die aus ähnlich strukturierten Kulturkreisen kommen und Probleme bereiten.

      Und an dieser Stelle fangen die Konflikte an. Kultur heißt eben auch Kollision und Kampf um Positionen. Kultur – zumindest in vielen Teilen Europas – heißt ebenfalls diese Divergenzen und Konflikte auszutragen und für bestimmte Positionen ggf. gesellschaftliche Mehrheiten zu finden. Das Thema Burka wäre ein solches. Gleichzeitig ist Kultur aber auch Durchdringung und Wandel. Vor 60 Jahren gab es noch keine Dosenravioli, doch mit dem Zuzug von Italienern haben jene Köstlichkeiten Einzug in die deutsche Küche gehalten. Nein, kleiner Scherz: Durch den Zuzug anderer Kulturen haben sich unsere Eßgewohnheiten verändert, verbessert, gesteigert und wir haben mit anderen Sitten und Gebräuchen Bekanntschaft gemacht. Das kann durchaus eine Bereicherung sein; so wie etwa die Leckereien fremder Küchen oder die Gastfreundschaft der Orientalen. Aber Bereicherung durch Differenz ist eben nicht alles.

      Kultur heißt zudem zu fragen, wie wir leben wollen. (Was freilich bereits eine bestimmte Kulturform voraussetzt, nämlich die der Selbstbeobachtung bzw. einer Beobachtung zweiter Ordnung.) Solche (Lebens-)Entwürfe fallen naturgemäß unterschiedlich aus, und Öffentlichkeit bedeutet, darum zu ringen und zu streiten. Nicht jeder will so leben, wie am Kottbuser Tor oder wie in bestimmten Teilen des Weddings (ich zum Beispiel mag das nicht). Aber es muß eben, im Sinne von Pluralität möglich sein, auch in dieser Variante zu leben. In dieser Hinsicht kann man Greiner sicherlich ein wenig mehr Gelassenheit wünschen.

      Ich darf mit einem kleinen Zitat von Hölderlin schließen. Er schrieb in seinem Brief vom 4.12.1801 an Böhlendorf und fand darin die schöne Redewendung vom „freien Gebrauch des Eigenen“. Ich denke, das paßt ganz gut:

      „Wir lernen nichts schwerer als das Nationelle frei gebrauchen (…)

      Es klingt paradox. Aber ich behaupte es noch einmal und stelle es Deiner Prüfung und Deinem Gebrauche frei: das eigentlich Nationelle wird im Fortschritt der Bildung immer der geringere Vorzug werden. Deswegen sind die Griechen des heiligen Pathos weniger Meister, weil es ihnen angeboren war, hingegen sind sie vorzüglich in Darstellungsgabe, von Homer an, weil dieser außerordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische Junonische Nüchternheit für sein Apollonsreich zu erbeuten, und so wahrhaft das Fremde sich anzueignen.

      Bei uns ists umgekehrt. Deswegen ists auch so gefährlich, sich die Kunstregeln einzig und allein von griechischer Vortrefflichkeit zu abstrahieren. Ich habe lange daran laboriert und weiß nun, daß außer dem, was bei den Griechen und uns das Höchste sein muß, nämlich dem lebendigen Verhältnis und Geschick, wir nicht wohl etwas gleich mit ihnen haben dürfen.

      Aber das eigene muß so gut gelernt sein wie das Fremde. Deswegen sind uns die Griechen unentbehrlich. Nur werden wir ihnen gerade in unserm eigenen, Nationellen nicht nachkommen, weil, wie gesagt, der freie Gebrauch des Eigenen das Schwerste ist.“

      Was Hölderlin hier in bezug auf die deutsche Kunst schreibt, gilt ebenfalls für die Kultur.

    5. Anselm Bühling 11. Oktober 2017 um 20:36

      Die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen erweitert den Horizont und belebt auch den Sinn für die eigene Kultur. Das gilt für Hölderlin und die Griechen ebenso wie für die Liebe der Deutschen zur italienischen Küche – auch die hat, neben Dosenravioli und vielen anderen Auswirkungen, zur Folge gehabt, dass regionale Lebensmittel und kulinarische Traditionen in Deutschland neu wahrgenommen und geschätzt wurden.

      Was mich an Argumentationen wie der von Greiner und an Begriffen wie „Leitkultur“ ärgert ist, dass sie systematisch versuchen, den Unterschied zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft zu verwischen. Sie deuten die Gesellschaft in eine Kulturgemeinschaft um und dekretieren auf dieser Basis, wer dazugehört und wer nicht. Es gibt dann sozusagen Bürger erster und zweiter Klasse. Was dabei unterminiert wird, ist das Verständnis einer Gesellschaft, in der alle Bürger gleiche Rechte haben. Dabei ist dieses Gesellschaftsmodell meiner Meinung nach viel effektiver, wenn es darum geht, das Zusammenleben zwischen unterschiedlichen Menschen und Gemeinschaften zu regeln. Ich will auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der mehrere Rechtssysteme nebeneinander bestehen oder in der eine Kultur- oder Religionsgemeinschaft allen ihre Lebensweise aufzwingt. Aber genau daraus folgt für mich, dass es eben keine Lösung ist, bestimmte Gemeinschaften herabzusetzen und zu marginalisieren oder Gesetze zu machen, die sich gezielt gegen sie richten. Man drängt Menschen dadurch in Zugehörigkeiten, und man legitimiert ein diskriminierendes „Recht des Stärkeren“ – das sich übrigens jederzeit auch gegen einen selbst wenden lässt.

  9. Vielleicht etwas spät, aber gestern ergab sich noch ein zweiter Gedanke hinsichtlich der Erschaffung von Wirklichkeit durch Sprache: Es ist ja eine gute queere Tradition, Sprache und Begriffe zurückzuerobern. „Queer“ ist ein Beispiel dafür, schwul und gay haben sich genauso etabliert. Bei der Verknüpfung von Gender und Gaga komme ich nicht umhin, Beatrix von Storch zu hören, aber im Grunde muss das gar nicht so sein.

    Die Katyn-Geschichte finde ich schwieriger. Wie Hartmut Finkeldey argumentiert, stimme ich grundsätzlich zu. Man kann ein Verbrechen nicht mit einem anderen aufwiegen oder deshalb verschwiegen. Das gibt den Mahnwichteln und Extremen nur Futter. Andererseits ist es meine Erfahrung, dass man dann geistig und sprachlich topfit sein muss, weil man sonst leicht missverständlich rezipiert werden könnte.

    Antworten

    1. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 10. Oktober 2017 um 19:57

      Ich habe da keine Einwände. Und klar, von Storch greift hämisch genießend nach allem, was sich ihr bietet.

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