Mit Max Liebermann war Harry Graf Kessler befreundet, und oft war er in dessen Haus am Pariser Platz zu Gast. Insofern ist der Ort der Ausstellung gut gewählt. Gleich im Foyer, links vom Eingang, projiziert ein Beamer Bilder und Zitate aus Kesslers Tagebüchern auf eine Leinwand.

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Der Besucher bleibt stehen, lässt sich von Bild und Text in Beschlag nehmen.

Tief empfunden habe ich ein Duzend Natur- und Kunsteindrücke […]. Alles Andere ist ein Traum gewesen.

(Harry Graf Kessler, Tagebuch 29.11.1893)

Wir erkennen: Die Welt des Grafen ist die Schönheit.

Die Ausstellung vermittelt einen Blick auf Leben und Wirken Harry Graf Kesslers, wir hören Passagen aus seinen Tagebüchern, die mit Photographien unterlegt sind. In knapper Form bekomme ich einen Eindruck von der Welt aus Kunst und Prominenz, in der Kessler sich leichtfüßig bewegte. Ich sehe die Gemälde, mit denen er sich umgab und kann mir beim Blick auf die Fototapete einen Eindruck von seinem Salon verschaffen.

Spektakulär aber ist die Ausstellung nicht. Ob man sich dem Geist der Zeit durch das Betrachten der Dinge wirklich nähert? Interessanter fand ich das multimediale Ensemble im ersten Stock: Im abgedunkelten Séparée werden Photographien, Gemälde und Portraits auf eine Leinwand projiziert. Dazu hören wir Sätze aus den Tagebüchern zu Themen wie Moderne, Eros, Schönheit, Krieg und Frieden.

Die Kunst eine Unterart der Wollust.

(Paris, 27.12.1905)

Die Modernität ist demokratisch nicht in ihren Tendenzen sondern durch ihre Sympathie für die Muskelkraft der grossen Masse. Aus demselben Grunde rückt der Sport wieder zur Kultur in Beziehung.

(London, 10.7.1903)

Selbst das Jammern am Verfall der Zeit nimmt Kessler auf Korn. Es klingt vertraut und gar nicht so, als wäre es von gestern:

Irgend Jemand erzählt, ein Buchhändler hätte ihm neulich geklagt, die Leute, die früher Bücher lasen führen jetzt Bicycle. In Wirklichkeit thun die Bicyclisten für eine Belebung der Kunst und des Kunstverständnisses wahrscheinlich mehr, als die fleissigsten Bücherwürmer aller Bibliotheken zusammen.

(Berlin, 30.1.1896)

Ich entdecke eine Schule des Sehens:

Monets Meer und Manets. Manet giebt die Bewegtheit des Wassers, der Wellen, durch den flüssigen Pinselstrich, Monet durch kleine Farbenkontraste und Vibrieren.

(Paris, 30.11.1903)

Kessler bewegt sich inmitten der Kunst, er überlässt sich seinem Sensorium, ist dabei weniger der intellektuellen Analyse oder der Kunstkritik verpflichtet, sondern dem Geschmack und dem Wahrnehmen. Kessler schafft selbst keine Kunstwerke, sondern bleibt Beobachter und stiftet Verbindungen. Darin liegt sein Talent. Florian Illies schreibt in seinem Katalogbeitrag:

… denn dies ist die seltenste Kunst, als Zeitzeuge zu erspüren und ausdrücken zu können, was als Essenz der eigenen Kultur bleiben wird.

Diese Ausstellung macht Lust darauf, mehr über Harry Graf Kessler zu erfahren. Was einzig bedeuten kann, seine Tagebücher zu lesen. Erschienen sind sie im Klett-Cotta Verlag.

 

Bilder :
Lars Hartmann (Aufnahmen aus der Ausstellung)
Angaben zur Ausstellung
Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne
Stiftung Brandenburger Tor, Max-Liebermann-Haus
21. Mai bis 21. August 2016

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

2 Kommentare

  1. Wunderbar, vielen Dank. Die neue Edition der Tagebücher, das ist natürlich auch eine Kostenfrage. Als 400€-Hilfsbibliothekar habe ich privilegierten Zugang und darf immer mal wieder genießen. Darf man sagen „Deutschlands erster Postmoderner“? Es wäre etwas holzschnittartig, aber wohl nicht falsch. Er hatte keine Kriterien für Kunst und Literatur…außer: „gefällt mir“. Diese Nase aber war unbestechlich und mit einem Sinn für Qualität ohnegleichen ausgestattet. Im kaiserlichen Deutschland hätte er, protegiert von Kaiser Wilhelm (ob der sein Vater war, lassen wir mal dahin gestellt) Diplomatenkarriere machen können, war dazu aber zu weltläufig, zu gerecht, zu wenig „national“, obwohl ein Mann seines Formats der deutschen Diplomatie vor 1914 gut getan hätte…(naja, sie hätten ihn verraten, so, wie sie Lichnowsky verrieten). Danke für den Bericht; vielleicht schaffe ich es in den nächsten Wochen nach Berlin.

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  2. Lars Hartmann 31. Mai 2016 um 8:01

    Ich bin mit dem Begriff der „Postmoderne“ nie ganz glücklich gewesen, weil er zu Unterschiedliches unter sich subsumiert und oft als Chiffre für Beliebigkeit gebraucht wurde. Aber es ist richtig, dass Kessler ein Beobachter war, der verschiedene Positionen der Kunst gelten lassen konnte und damit ihrer Vielfalt gerecht wurde – insbesondere ihrer Modernität und Innovation. Manchmal sicherlich unfreiwillig und ohne das Instrument der Analyse. Ihm fehlte ein festes Kriterium, so heißt es in der Einleitung zum zweiten Band seiner Tagebücher. Das kann man als Manko nehmen. Aber ebenso als großen Gewinn fürs Schauen ohne Vorurteil. Ging es ihm zunächst noch um das Schöne im Sinne des Ästhetizismus, wie er mit Wilde, John Ruskin und später dann im flirrenden Licht der Impressionisten seine Vertreter fand, so verschloss er sich doch niemals dem Neuen. Völlig zuwider war ihm der Geist des Wilhelminismus. Kessler verschrieb sich keinem Klassizismus und ewigen Werten der Kunst. Mit einem Blick erkannte er 1917 das Potential von George Grosz, dessen Zeichnungen und Gemälde einer neu hereinbrechenden Zeit geschuldet waren.

    Zu beiden Aspekten habe ich zwei feine Kessler-Zitate, die einmal auf amüsante und beim zweiten auf gescheite Weise unterstreichen, dass seine große Fähigkeit im Wahrnehmen und Bemerken lag. Aber ich will das Pulver nicht zu früh verschießen. Ein andermal bei tell mehr davon.

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