Ich war schon als Jugendlicher ein Connaisseur des Ungewissen: Nur, was ich nicht verstand, erschien mir der Lektüre würdig.

Ein Satz aus der Eröffnungsrede von César Aira am diesjährigen Internationalen Literaturfestival Berlin, der neugierig macht auf seine Bücher. Ich entscheide mich für seine Novelle Wie ich Nonne wurde.

Wird sie Nonne, wie es der Titel behauptet? Ist es eine Sie? Die Ich-Erzählerin, ein sechsjähriges Mädchen im Buenos Aires der fünfziger Jahre, wird immer wieder als Junge angesprochen, sogar mit dem Namen des Autors. Es sind unter anderem diese Unschärfen, die Airas Novelle ungemein spannend machen. Das erste Lesen gewinnt denn auch überraschend an Fahrt, es ist die typische Sogwirkung einer gekonnt geschriebenen Erzählung, die ihr Tempo fortwährend zu beschleunigen scheint, was nicht nur an den häufig verwendeten „…“ liegt. Groteske Geschichten, aus der Perspektive eines Kindes erzählt und in einer Abfolge, bei der man kaum abwarten kann, wie sich die Spirale des Absurden schneller dreht.

Das birgt die Gefahr, einige Ebenen der überaus tiefsinnigen und kunstvoll komponierten Novelle zu überlesen. Auf der ersten Schicht des Textes lesen wir die Abenteuer des Kindes – von ihm selbst erzählt, mal erstaunt, mal naseweis, mal komisch, mal traurig. Zugleich wird die persönliche Erfahrung der Traumatisierung immer wieder auf die gesellschaftliche Ebene hinüber gespielt. Ferner werden die großen Fragen in den Text gewoben: Tod und Leben, Wirklichkeit und Traum, Identität, Zeit und Erinnern und schließlich das Transzendente. Auf einer weiteren Ebene wird nun all dies in der Sprache reflektiert: zwischen Autor und Leser wird das Lesen und Schreiben dabei selbst zum Thema.

Sprachverlust?

Am Anfang jedoch war das Erdbeereis. Als das 6-jährige Mädchen, die Protagonistin, sich weigert, das „ekelhafte Zeug“ weiter zu schlecken, wendet der Vater Gewalt an, erst verbal – der Göre hat das Eis gefälligst zu schmecken –, dann stopft er es dem Kind in den Mund. Es wehrt sich, schreit, heult, schluchzt und kann schließlich nur noch aufstoßen – statt zu sprechen. Steht am Anfang des Traumas ein Verlust der Sprache? Das Eis ist verdorben, das Kind erleidet eine Zyanidvergiftung, und der Vater stopft nun etwas Anderes in eine Öffnung: den Kopf des Eismanns in den Kübel mit dem vergifteten Erdbeereis.

Wie durch ein Wunder überlebt das Kind die Vergiftung – davon kann es jetzt erzählen. Was aber heißt hier überleben? Ein Kind als Wiedergänger? Als Untote(r) in einer Scheinwelt wandelnd? Lebendig und zugleich tot? Das überlebende Kind wird deswegen zum „Wunder“, weil die meisten anderen nicht überleben:

Es war die große Welle von lebensgefährlichen Lebensmittelvergiftungen, die damals über Argentinien und seine Nachbarländer hinweg rollte… am stärksten traf es die Kinder… die Mütter verzweifelten. Das eigene Kind vergiftet mit Babybrei! Es war ein Lotteriespiel… die Friedhöfe füllten sich mit kleinen Grabsteinen, auf denen liebevolle Inschriften standen… unser Engel ist zum Herrgott gefahren… in ewiger Trauer Mama und Papa. Ich kam billig davon. Ich überlebte. Ich konnte davon erzählen… aber trotzdem um einen hohen Preis. Nicht umsonst heißt es: billig kommt teuer.

Preisgabe der Wirklichkeit

Wenn es so etwas wie einen roten Faden der Novelle gibt, dann ist es wohl der Preis des Überlebens – auch zuweilen in Gestalt eines Engels als Figur aus einer anderen Wirklichkeit. Wie das Kind dem inneren Gefängnis des kranken Körpers nur durch den Fieberwahn entkommt, so kann es später in den äußeren Gefängnissen wie Krankenhaus, Schule – und einem tatsächlichen Gefängnis – ebenfalls nur überleben, indem es Traum und Wirklichkeit, Fiktion und Wahrheit austauscht oder ineinander verschiebt. Im Krankenhaus lernt es, sich weder von den Schmerzen noch von hilf- oder herzlosen Schwestern und Ärzten beherrschen zu lassen. Es bestimmt mithilfe der Phantasie selbst, ob und wo etwas weh tut: „Ich hatte den Schüssel des Schmerzes….“

Der nächste Schmerz ist ein seelischer: die Mutter besucht sie zwar, aber der Vater nie. Wie könnte er auch, sitzt er doch nach der Affäre mit dem Eismann im Gefängnis. Doch davon weiß die Protagonistin noch nichts. So fallen Sätze wie die folgenden:

Mama war aber da, und wie Papas Schatten trug sie den schweren Duft des Schreckens. Ich konnte ihm nicht entgehen, weil ich für immer in das System der Akkumulation eingetreten war, in dem nichts jemals zurückbleibt.

Eine für Aira typische Wendung. Mitten in die von einer subtilen Naivität getragene Erzählung des Kindes werden fast abstrakte oder gleichnishaft aufgeladene Sätze gestreut. Wer oder was akkumuliert hier? Was bedeutet es, dass nichts jemals zurückbleibt? Ist es nicht gerade das Thema dieser Novelle, dass die Spuren des Traumas für immer zurückbleiben – im Sinne eines „nie vertilgt werden“? Dass nichts jemals zurückbleibt, sagt ja zugleich, dass eben jenes Trauma immer mitgeschleppt wird – mit allen seinen Folgen, dabei sich selbst stets akkumulierend. Wo ist ein Ausweg?

An einer Stelle flicht der Autor – eher beiläufig – die Bedeutung der Literatur für das Überleben ein. So sagt die Protagonistin:

Mein Kunstgriff bestand darin, sie glauben zu machen, ich hätte etwas „Schwieriges“ zu sagen. Ich musste auf das Indirekte, die Allegorie, auf die volle Fiktion abheben. Ich würde sie aufs Glatteis und mit Trick siebzehn hinters Licht führen…

Eine ironische Anspielung des Autors auf sein eigenes Wirken? Das Kind, in der Fiktion inzwischen erfahren, lebt unterschiedliche Rollen aus. Einmal wird es zum Radio, dem Gedächtnis, „das ein Gedächtnis in sich enthält“. Das Mädchen kann die sich stets wiederholenden Reklamesprüche inzwischen auswendig, doch die Stimmen aus dem Äther, von weit her kommend, haben die fast magische Kraft, das fragmentierte Leben durch unterschiedliche Fortsetzungsgeschichten zu kitten. Essayistische Überlegungen zu Zeit und Erinnerung bricht der Autor durch die unfreiwillige Komik des Kindes auf, wenn es etwa von der Fortsetzung der Jesus-Geschichte im Radio berichtet:

Jesus und seine Bande waren ein sympathischer Haufen, zu dem ein Afrikaner, ein Dicker, ein Stotterer und ein Jungriese gehörten; der kleine Messias war der Anführer, der in jeder Folge für ein kleines, kindliches Wunder sorgte, so als trainiere er schon mal für später… diese Jungs waren meine besten Freunde geworden. Ich bewunderte ihre Abenteuer und lustigen Streiche, die ich in meiner Fantasie in null komma nichts um- und weiterdichtete… für mich war es Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die man nicht sah, aber von der man die Stimmen und Geräusche hörte…

Als Engel überleben

Als das Mädchen den Vater im Gefängnis besuchen soll, rettet es sich vor der Begegnung, indem es sich in den Höfen und Gängen des Gebäudes wie im Fieberwahn verliert – einer der Höhepunkte des Textes:

Doch plötzlich überwältigte mich meine Magie. Eine melancholische Träumerei trug meine Seele in ein fernes Land…

Zunächst verliert sie dabei die Gewissheit des Lebens, sie spürt sich als Tote bei lebendigem Leib, überflutet vom Schuldgefühl: „Wäre ich tot, wäre Papa in Freiheit… ich hatte aber überlebt. Ich kannte mich, Ich war nicht mehr dieselbe wie vorher… womöglich hatte es in Wirklichkeit einen Austausch von Leben gegeben: das Leben des Eismanns für meines. Mit seinem Tod hatte ich zu leben begonnen. Daher kam auch, dass ich mich tot fühlte, tot und unsichtbar…“

Aus dieser Unsichtbarkeit führen weitere Traumlandschaften heraus, und so wird das Mädchen zum Engel, zum Schutzengel aller Gefangenen, „den Verzweifelten, den von der Gesellschaft Ausgestoßenen, die nicht ihre Kinder umarmen durften…“ Sie schwebt über ihnen:

…alle Gefangenen waren mein Papa. Und ich liebte ihn… es war eine mystische Erfahrung, die mehrere Stunden anhielt. Die Erfahrung der allernächsten Nähe zum Menschen, die nur sein Engel erlebt… nicht einmal die fehlenden Engelsflügel konnten mich von meiner Überzeugung abbringen…

Nicht nur an dieser Stelle wird der Leser, während er sich immer weiter in die Perspektive des 6-jährigen Mädchens hinein liest, just aus derselben herauskatapultiert: ist das Kind in seiner tiefen Verletztheit unser Spiegel? Spricht hier das innere Kind in uns? Hilft uns die fiktive Sicht des Kindes, manche existentiellen Fragen neu und anders zu stellen? Die Lektüre von César Airas Novelle wirkt länger nach als das erste – lustvoll temporeiche – Lesen erwarten lässt. Die Frage nach der Nonne bleibt übrigens offen, wie so viele andere auch.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Milano, Corso Buenos Aires
via Wikimedia Commons
Cover „Wie ich Nonne wurde“: Matthes & Seitz Verlag
Angaben zum Buch
César Aira
Wie ich Nonne wurde
Novelle
Aus dem Spanischen von Klaus Laabs
Matthes & Seitz Verlag 2015 · 125 Seiten · 16,00 Euro
ISBN: 3957570808
Bei Amazon oder buecher.de
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Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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