In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.

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Im Urlaub lese ich gern Bücher, die jeder Erzählökonomie spotten. Das hilft, ökonomische Zwänge für eine Weile zu vergessen und gibt mir das luxuriöse Gefühl, endlos Zeit zu haben. Die Insel des zweiten Gesichts ist ein solches Buch. Hier hat jemand viel mitzuteilen und keinerlei Lust, sich dabei Zügel anzulegen.

Thelen erzählt von seinem Aufenthalt auf Mallorca – der „Insel des zweiten Gesichts“ – in den Jahren 1931 bis 1936. Dabei kommt er vom Hölzchen aufs Stöckchen, von Umweg zu Abschweifung und findet erst nach knapp tausend Seiten ein vorläufiges Ende. Da sind fünf Jahre vergangen. In Spanien hat mittlerweile die Franco-Diktatur Einzug gehalten, und der Autor muss die Insel mit seiner Frau fluchtartig verlassen.

Thelen zeigt gern, was er sprachlich kann. Er schwadroniert, plaudert, lässt seine Sätze wuchern und Pirouetten drehen, bringt kaum bekannte Wörter in Verkehr oder erfindet neue – die Hand eines Herrn mit kräftigem Händedruck wird etwa zur Kluppe und zur Klammertatze. Das alles kann streckenweise durchaus nerven. Aber letztlich überwiegt das Vergnügen.

Über die Landschaft der Insel legt sich eine zweite, erzählte Landschaft. Im einen Augenblick scheinen beide ununterscheidbar zu verschmelzen, und im nächsten tun sich Abgründe auf.

Als Beatrice kam, übrigens unerwartet früh, so daß ich den Boden noch nicht hatte glatt reiben können, was sie sofort zum Blocher greifen ließ, geschlagen mit der falschen Vorstellung, die sie hat vom Boden und seiner Begehung – konnte ich sie mit dem Allerallerneuesten überraschen: ich hätte soeben wieder eine komplette Wohnungseinrichtung zum Fenster hinausgeworfen, 1000 Peseten im Monat hinterdrein und einen richtigen Reichsleiter obendrauf.

Beatrice schnupperte, sie roch den Duft der teuren Zigarette. „Kugelfeste Westen werden das erste sein, was wir uns anschaffen. Im Augenblick ist das wichtiger als ein Bett.“

Ich winkte ab, quatsch, kugelfeste Westen! Die Nazis arbeiteten nämlich auf der Insel mit Gift.

Angaben zum Buch
Albert Vigoleis Thelen
Die Insel des zweiten Gesichts
Roman
List Verlag 2005 · 944 Seiten · 14,99 Euro
ISBN: 978-3548605142
Bei Amazon oder buecher.de
Bildnachweis:
Beitragsbild: Blumendekoration in Valdemossa. Mai 2004. Fotograf: Berthold Werner. Lizenz: GFDL, via Wikimedia Commons
Buchcover: Ullstein Buchverlage

Von Anselm Bühling

Übersetzer und Redakteur von tell, lebt in Berlin.

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