Im Jahr 1999 nahm die Luftwaffe der Bundeswehr zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg an einem Auslandseinsatz teil. Das geschah im Kosovo-Krieg. Seither mehren sich die Einsätze, sie gipfelten im Afghanistankonflikt. Für Deutschland sind diese Interventionen ein großer Schritt. Um so mehr erstaunt es, dass dies in der Literatur kaum Widerhall findet. Florian Kessler hat 2013 in der Zeit mit Blick auf den Afghanistankrieg auf diesen Umstand hingewiesen. Die einschlägigen Romane kann man an einer Hand abzählen: Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens (2003), Norbert Scheuers Die Sprache der Vögel (2015) sowie, eben erschienen, Binde zwei Vögel von Isabelle Lehn.

Der Krieg ist in Daniela Danzʼ Roman Lange Fluchten zwar nicht explizit Thema, und doch schreibt sie unter der Hand über die deutschen Kriegseinsätze – sie sind das verborgene Zentrum des Romans. Constantin Staas, genannt Cons, hat sich bei den Fallschirmjägern als Berufssoldat verpflichtet. Eigentlich sollte er zum Einsatz in den Kosovo. Doch er wird zunächst zurückgestellt. Bei einem Manöver kommt es zu einem eigentümlichen Zwischenfall, der Cons aus der Bahn wirft. Das Manöver zerrt an seinen Nerven. Dass er lediglich „den Ernstfall üben sollte“, will nicht in seinen Kopf. Cons entfernt sich unerlaubt von der Übung und begibt sich tiefer in den Wald. Auf einem Hochsitz findet er einen Toten.

Erst im Gang des Erzählens kristallisiert sich heraus, dass sich auf der Kanzel ein Soldat zu Tode gehungert hat. Nach diesem Vorfall ist Cons gebrochen und funktioniert im Alltag nicht mehr. Vom Militär wird er zurückgestellt. Das Haus, das er mit seiner Frau Anne für sich und seine zwei Kinder bauen wollte, verfällt. Die Familie lebt in der ostdeutschen Provinz auf einem Baugrundstück in zwei übereinander gestapelten Containern – Cons im unteren Bereich in einer verwilderten Bude, darüber seine Familie, zu der er den Kontakt fast verloren hat. Lediglich zum gemeinsamen Essen erscheint er manchmal, aber eher als Gespenst, desorientiert und aus dem Leben gefallen. Danz beschreibt ein Leben, das aus den Fugen geraten ist, und sie tut es in einer Sprache, die im Ton fast lyrisch anmutet:

Aber er schläft nicht mehr ein, und alles bleibt wahr. Sie leben im Raum über ihm, ja sie leben, aber nicht durch ihn, nur trotz ihm, und die zwei Meter zwischen ihm und ihren Betten sind so weit wie irgendwas sonst auf der Welt.

Cons wünscht sich ein Familienleben, das er aber mit seiner Antriebslosigkeit kaum mehr aufrechterhalten kann. Seine Frau bringt ihm immer noch Liebe entgegen, sein älterer Sohn Verachtung und der jüngere die Anhänglichkeit eines verstörten Kindes, das von alledem nichts begreift. Cons verbringt seine Zeit mit Grübeln und Nichtstun.

Man kann die Luft schneiden, der Rauch steht in dem engen Raum. Die Trophäen an der Wand scheinen ohne System angeordnet: verschiedene Geweihe, auch ganz unbedeutende, eine große Menge Fangzähne auf einer an die Wand geklebten Plastikschiene, Hasenpfoten und eine schüttere Lunte. Auf dem Spind umgekippt eine präparierte Amsel, darüber ein abgeschnittener Gänseflügel, der lange nichts mehr entstaubt hat.

Bei diesem mit toten Tieren gefüllten Zimmer handelt es sich um einen Innenraum, und wir schauen aus Cons‘ Perspektive darauf. Obgleich der Roman in der dritten Person erzählt wird, funktioniert das Erzählen als erlebte Rede, es ist konsequent im Präsens gehalten. Diese Gegenwart des Erzählens erzeugt eine drastische Nähe. Wir sehen, was Cons tut. Wir werden Zeuge seiner Depression, seiner inneren Verwahrlosung, seines Nachdenkens über diesen Zustand, den er erkennt, jedoch nicht zu ändern vermag. Er ist ein in seinem Inneren gefangenes Ich.

Einer der wenigen Kontakte, die er aufrechterhält, ist sein Jugendfreund Hennig. Cons besucht ihn manchmal in der Stadt. Der Freund jedoch hat Krebs und liegt im Sterben. Beim letzten Gespräch leiht Henning sich von Cons eine Bohrmaschine und ein Seil, weil er eine Hängematte anbringen will. Am nächsten Tag erfährt Cons, dass Henning sich mit dem Seil erhängt hat.

Die Erzählung wird unterbrochen von kursivierten Einschüben eines namenlosen Ich-Erzählers.

Sieh, das ist die eine Möglichkeit. Wir könnten auch zurückgehen bis zu der Stelle, an der es abbrach, das alte Leben. Oder waren es viele Stellen? Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.

Diese eingeschobenen Passagen erscheinen zunächst rätselhaft, sie wirken wie Traumbilder, aus dem Off gesprochene Erlebnisfetzen, die sich erst nach und nach zu einem Ganzen fügen, und manchmal sind sie im hohen Ton der Lutherbibel gehalten.

Denn mit der Geschichte von Cons verwebt Daniela Danz die Märtyrer-Legende des Heiligen Eustachius. Dieser ist unter Kaiser Trajan (53-117) Jäger und Soldat. Eines Tages erscheint ihm ein Hirsch, Jesus im Strahlenkranz schimmert dem Jäger zwischen dem Geweih des Hirschs entgegen. Eustachius wird allerlei Prüfungen ausgesetzt und verliert seine Familie. Auch Cons erscheint am Ende des Romans ein Hirsch, aber in der Profanität unseres Alltags ist das Ziel der Vision nicht mehr die Bekehrung, sondern gesteigerter Wahn.

Im Lauf der Erzählung fügen sich die Bilder aus Cons‘ Leben zusammen: Rätselhaftes aus der Kindheit, die Härte des Vaters, ein Selbstmordversuch als Jugendlicher, die Ereignisse während des Manövers. Und zum Ende ein fataler Showdown, auf den die ganze Geschichte zutreibt. Hier nun kippt der Roman ins Imperfekt. Daniela Danz konstruiert diese Szenen sicher und sprachlich virtuos. Wir sind dicht an Cons‘ Verstörung dran.

„Wieder eine Entscheidung, die er nicht treffen kann“, heißt es an einer Stelle des Romans. Wieder einmal verharrt Cons in Agonie. Am Ende der Erzählung jedoch trifft er diese Entscheidung. Die Folgen sind grausam. Danz beschreibt das in irrlichternden Bildern, in Parallelführung zur Legende vom Heiligen Eustachius. Ob diese Szene noch in der Wirklichkeit geschieht oder ob wir uns bereits in Cons‘ Traum befinden, liegt im Ermessen des Lesers.

Mit Henning hatte er sich vorstellen können, zu leben. Eigentlich besser als mit Anne und den Kindern. Jede Familie stutzt ihre Mitglieder auf kleinen Haken zurecht, die wie Kettenglieder aneinander hängen und einander mitreißen, gekrümmt und richtungslos, aber untrennbar.

Danz erklärt nichts, sondern sie findet Bilder, aus denen sich die einzelnen Handlungsepisoden entspinnen. Es ist die Geschichte eines Soldaten, der nicht zum Soldaten gemacht ist.

Angaben zum Buch
Daniela Danz
Lange Fluchten
Roman
Wallstein Verlag 2016 · 146 Seiten · 18,90 Euro
ISBN: 978-3-8353-1841-0
Danz Lange Fluchten
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Beitragsbild:
Von Lars Hartmann

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

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