In den seligen 1990er Jahren nahm ich neben meinem Medizin-Studium an Lesungen und Veranstaltungen des Off-Literaturbetriebs teil; ich stellte dabei ein für die Zeit typisches Exemplar des großmäuligen Berlin-Literaten ohne Werk dar. Nach der Jahrtausendwende verschwand ich aus beruflichen und persönlichen Gründen literarisch in der Versenkung.
Nach über zehn Jahren tauchte ich in den 2010er Jahren wieder auf, und zwar als Blogger. Mit dieser Literaturexistenz war ich eigentlich sehr zufrieden. Dann aber wurde ich von Sieglinde Geisel eingeladen, an einem Online-Magazin mitzuarbeiten, das professionelle Literaturkritik und Literaturblogger verbinden sollte, und ich nahm die Einladung an.
Zu Beginn gab es Missverständnisse. Ein Blogger schreibt, der Melodie der Tastatur folgend, einfach drauflos. Bei tell aber wird redigiert, es kann vorkommen, dass ein Text auch einmal mehrheitlich abgelehnt wird. Aber gerade das Redigieren empfinde ich mittlerweile als Gewinn. Wobei ich hoffe, dass hin und wieder die Bloggerspontanität durchscheint.
Anfangs hatte ich tell als ein rein ästhetisches Medium verstanden. Von der Blogosphäre aus wollten wir einer müde gewordenen Literaturkritik Beine machen. Von Anbeginn war neben der Literaturkritik zwar auch die „Zeitgenossenschaft“ unser Anspruch. Den Brexit aber haben wir nicht kommentiert. Und der Name Donald Trump tauchte im Laufe des Jahres 2016 vor der Novemberwahl nur ein oder zweimal in unseren Texten auf. Wir konnten uns, wie wohl die gesamte linksliberale Szene, einen Wahlsieg Trumps damals einfach nicht vorstellen.
Der Desillusionierungsprozess, der nach Nine-Eleven und der Bankenkrise eingesetzt hatte, war bei uns noch sehr am Anfang. Die erste Trumpwahl rüttelte uns dann aber endgültig wach. Schon kurz nach diesem populistischen Orkan machten wir eine Serie mit Beiträgen aller Redaktionsmitglieder.
Wir nahmen Ulrich Greiners Buch Heimatlos zum Anlass, die Frage nach der Stabilität der Konservativen zu stellen. Würden sie dem populistischen Angebot erliegen oder standhalten? Unsere Abschlussdiskussion trug den Titel „Berechtigte Sorgen oder Angstmacherei?“.
Ich empfinde diese Reihe noch immer als die wichtigste unserer zehnjährigen Geschichte. Die Fragen, die wir damals stellten, sind bis heute aktuell.

