Vor 15 Jahren konnte Cécile Wajsbrots Roman Mémorial nicht unter diesem Titel erscheinen, da der Name bereits vergeben war. Das Buch wurde dann unter dem Titel Aus der Nacht im Liebeskind Verlag veröffentlicht. Inzwischen ist diese Ausgabe vergriffen, und es gibt auch keine juristischen Hindernisse mehr für die Nennung des ursprünglichen Titels. Beides war ein Anlass für den Wallstein Verlag, Cécile Wajsbrots bewegenden Text über Erinnern und Vergessen, Flucht und Entwurzelung nun unter dem ursprünglichen Titel und leicht überarbeitet neu herauszugeben.


Und die Bahnsteige füllten und leerten sich in einem fort, und die Leute strömten herbei […].

Klingt dieser erste Satz nicht nach Epos, nach Mythos oder heiliger Schrift? Ist das „und“ am Anfang des Satzes ein Hinweis darauf, dass die Geschichte bereits begonnen hat? Soll es die Leser:innen gleich mitten ins Geschehen hineinziehen? Oder ist es der Einsatz für eine Geschichte, die sich über viele Generationen entwickelt und nicht enden will?

Der Aufschlag hat etwas Dramatisches und zugleich Geheimnisvolles, seine Wucht und Zartheit wird uns über die ganzen 170 Seite des Romans nicht loslassen.

Einer dieser Bahnsteige wird für die Ich-Erzählerin zum Ort des Wartens, denn ihr Zug hat Verspätung – eine Verspätung, die immer länger dauert. In welcher Stadt der Bahnhof liegt und wohin die Reise gehen soll, erfahren wir zunächst nicht. Aber das Warten schafft Raum und Zeit für die Protagonistin, ihre Geschichte zu erzählen.

Der Schmerz der Auswanderer

Diese Geschichte beginnt mit dem Schmerz derjenigen, die ihre Heimat verlassen haben, die in der Fremde nie wirklich angekommen sind und den Schmerz weitergeben an die nächste Generation:

Und dann kamen wir, ihre Kinder, und trugen von Geburt an ihre Hoffnungen, denn wir sollten vollbringen, was sie nicht mehr hatten tun können, und sie verfielen auf den Gedanken, dass sie unseretwegen fortgegangen waren, da sie wussten, dass die Zeit eines Lebens nicht mehr ausreichen würde, um alles aufzuholen, sie konnten sich niederlassen, aber sie konnten keine Wurzeln fassen, keine neue Heimat finde, das mussten wir tun, und so trugen wir von Geburt an die Last ihres Lebens, sowohl ihre Enttäuschungen wie die ihrer Illusionen, und mussten Wünsche erfüllen, die nicht die unseren waren. Aber die Wunde blieb […].

Hinter dem anonymen „sie“ und „wir“ entfaltet sich die persönliche Geschichte der Ich-Erzählerin, doch indem die Pronomen auch immer wieder in der Pluralform auftreten, bekommt der Schmerz der Auswanderer universellen Charakter; aktuelle Themen wie Flucht, Vertreibung, Erinnern, Vergessen und Entwurzelung sind damit stets präsent. Die Ich-Erzählerin wartet auf den Zug, der sie zu ihren unbekannten Wurzeln bringen soll, dort wird sie nach Häusern, Straßen und Adressen suchen, die vielleicht längst verschwunden sind. Ungewisses Warten, eine ungewisse Suche. Die Erzählweise selbst scheint diese Stimmung widerzuspiegeln, denn der Text changiert mit wachsender Spannung zwischen verschiedenen Registern.

Die Stimmen der Vorfahren

Eines davon ist der innere Monolog, in dem sich neben Reflexionen zur conditio humana auch die Fragmente des Lebens der Erzählerin herausschälen. Auf einer weiteren Ebene werden Beobachtungen über die wartenden Mitreisenden erzählt. Schließlich gibt es den Chor der Stimmen ihrer Vorfahren, sowohl lebender als auch nicht mehr lebender, die als innere Stimmen in ihr hörbar werden. Die Registerwechsel vollziehen sich überraschend und in großer sprachlicher Dichte und Musikalität, die in der Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller wunderbar gestaltet wird.

Eine weitere Stimme jedoch erscheint noch vor dem Anfang des Textes auf einer kursiv gedruckten Seite: Hier wird die mythische Figur der Schneeeule eingeführt. Sie erscheint als eine über dem Ganzen schwebende poetische Stimme. In diesem ersten Aufritt wird sie als Zeugin des Geschehens aufgerufen: Indem sie über Kontinente und Ozeane, Einöden und Schneewüsten fliegt, „hat sie alles gesehen“.

Ist auch der namenlose Bahnhof Teil dieser Einöden? Zumindest findet man zunächst keine Orientierung – und findet sich damit in dem Grundgefühl der Ich-Erzählerin wieder. Was erhofft sie sich von der Reise? Was sucht sie an dem Ort, aus dem die Vorfahren stammen? Die Stimmen sagen ihr fortwährend: Blicke nicht zurück! Dieses Motiv webt sich durch einen großen Teil des Textes, wobei nicht der Bezug zur biblischen Figur des Lot geknüpft wird, sondern zu Orpheus und Eurydike. Die Vorfahren der Ich-Erzählerin haben nur dadurch ein neues Leben gefunden, dass sie nicht zurückgeblickt haben. Und sie selbst: Soll sie sich ebenfalls daran halten? Was ist dem Leben zuträglicher: sich erinnern oder vergessen? Doch kann man überhaupt vergessen?

Atmosphäre des Wartens

Sie spürt die Entwurzelung der Ausgewanderten in ihrem eigenen Körper. Das Umherirren wird zu ihrem Lebensthema, die Autorin verknüpft dies elegant mit dem Umherirren der Wartenden auf dem Bahnsteig. In einer ganz eigenen lyrischen Prosa des Zögerns und Innehaltens entsteht eine nebelhafte Atmosphäre des Wartens auf dem zugigen Bahnhof, die den Geist darauf einstimmt, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Begleitet wird all dies von der Schneeeule, die tatsächlich die Fähigkeit hat, zurückzublicken, indem sie ihren Kopf um 270 Grad drehen kann. Vor unseren Augen gerät die vertraute Ordnung der Welt aus den Fugen:

Etwas Außerordentliches geschieht, eine kleine Veränderung tritt ein, die man nicht vollständig wahrnimmt […]. Kopf und Körper sind getrennt […], wenn die Eule den Kopf dreht, kann alles passieren. Die Eisschmelze, Abgründe […].

Dies entspricht dem Lebensgefühl der umherirrenden Protagonistin, die an anderer Stelle davon spricht, dass alles auf der Kippe steht. Doch gerade hier entfaltet die Eule zum ersten Mal das beruhigende Gefühl, dass eine Wiederherstellung der Ordnung möglich ist: Wenn sie ihren Kopf an seinen Ausgangspunkt zurückdreht, nimmt alles seinen gewohnten Lauf.

In einer weiteren Begegnung mit der Schneeeule erscheint dieses Motiv noch einmal: Sie ist zwar die ewig Rastlose, doch findet sie immer wieder nach Hause:

Alles hat ein Gedächtnis, Vögel, Körper und Wasser, jedes Ding erinnert auf seine Weise, und niemand kann sagen, ob die Erinnerung des einen der Erinnerung des anderen gleicht.

Der Fluss des Todes

Wie also erinnern? Die Erzählerin hält sich nicht an das Gebot „Blicke nicht zurück“. Sie möchte eine eigene Spur des Erinnerns aufnehmen – und hat gleichzeitig Angst davor. Im weiteren Verlauf zeigt sich allmählich, um welches Land es sich handelt, aus dem der Vater, die Tante und die Großmutter bereits vor dem Krieg nach Frankreich ausgewandert sind. Von Teilungen, von Neugründung und Ausrottung ist die Rede und schließlich von einem Pogrom, das unmittelbar nach dem Krieg gegen die wenigen Juden begangen wurde, welche die Vernichtung überlebt haben.

Und immer wieder ist von einem Fluss die Rede: Er teilt die Stadt, zu der die Reise der Protagonistin führen soll, die Stadt ihrer Vorfahren. Aus diesem Fluss wurden nicht nur die Leichen des Pogroms geborgen, in diesem Fluss ist auch der ältere Bruder des Vaters als 13-jähriger ertrunken – er hatte sich bereits vor den anderen auf den Weg gemacht, das Land zu verlassen. Dieser Fluss hat eine geradezu magische Anziehungskraft auf die Protagonistin, zugleich löst er Furcht aus, als Fluss des Todes. Doch auch die Sprache ist ein Fluss, der unterirdisch strömt und Menschen prägt und verbindet: Polen, das ungenannte Land ihrer Herkunft, hat über hundert Jahre lang nur in der Sprache existiert.

Der Gattungsname der Schneeeule, Strigidae, kommt laut der Erzählerin von Stryx (Hexe). Sie sieht darin eine Nähe zum Styx, dem Fluss der Unterwelt, der laut dem Mythos das Reich der Lebenden von dem der Toten trennt. Auch der Fluss des Vergessens (Lethe) spielt in diese Metaphorik hinein. Mit ihrem Flug bestimmt die Eule das Fließen der Gewässer, sie wacht über den Lauf der Flüsse, oft ist sie auch „eine Gottheit des Todes, ein nächtlicher Schatten, der über den Tagen schwebt und sich in Schweigen ausdrückt“.

Fahrt nach Kielce

Im zweiten Teil, nachdem der Zug endlich losgefahren ist, steht im Mittelpunkt eine Unterhaltung mit einer Mitreisenden. Nun werden Namen genannt, denn diese Dame fährt nach Oświęcim, wo sie wohnt. Der polnische Name für Auschwitz erfüllt mit seinem Klang das Abteil, die Ich-Erzählerin versucht, die entstandene Verlegenheit zu überbrücken. Die Mitreisende sagt lakonisch: „Das ist auch eine Stadt.“ Erst jetzt erfahren wir, dass, abgesehen von den drei nach Frankreich Ausgewanderten, alle Verwandten der Ich-Erzählerin in Auschwitz ums Leben gekommen sind.

Doch sie fährt nicht nach Auschwitz, sondern nach Kielce, der Stadt ihrer Vorfahren und Schauplatz des Pogroms von 1946.

Die Stimmen der Vorfahren werden dringlicher und der Chor schwillt an.

– Was willst du dort?

Und später:

– Wir haben dir nie etwas erzählt.
– Euer Schweigen wog ebenso schwer wie Worte und vielleicht noch schwerer, denn man konnte sich alles vorstellen.

Der chorische Rhythmus trägt den Text über weite Strecken, auch hier fühlt man sich an die Erzählungen, Mythen und Dramen erinnert, aus denen die Literatur entstanden ist. Die Sprache schwingt in einem beschwörenden, beklemmenden und gleichermaßen erhabenen Ton. Und zugleich ist der Chor Teil eines inneren Zwiegesprächs – unter Vermeidung der Fallstricke, die dem unmittelbaren Dialog innewohnen.

Die Stimmen bedrängen sie:

– Dieses Land wird dir nichts Gutes bringen.
– Man muss dort bleiben, wo man ist.
– Man muss zu Hause bleiben.

Also doch besser alles vergessen?

Vergessen ist auch keine Lösung. Wir sind in die Enge getrieben, haben keinen anderen Ausweg als das Umherirren […].

Die Wunde der Vergangenheit

Schließlich steigt die Protagonistin in Warschau aus dem Zug und findet sich im Labyrinth des unterirdischen Bahnhofs wieder. Erneut erlebt sie sich als eine Orientierungslose, die nun zwischen Erinnern und Vergessen umherirrt. Das Vergessen schneidet einen vom Leben ab – wie sie es bei ihren von Demenz betroffenen Verwandten erfährt. Doch wenn das Erinnern dazu führt, dass man in der schmerzenden Wunde der Vergangenheit festklebt, versperrt auch dies den Weg zu einem eigenen Leben in der Gegenwart. Wie lässt sich diesem Irrgarten aus Schmerzstarre und Auslöschung des Gedächtnisses entkommen?

Die unterschiedlichen Stilelemente durchdringen sich immer intensiver: Der innere – oft lyrisch-philosophische – Monolog vermischt sich mit der genauen Beobachtung von Orten, Landschaften und Begebenheiten sowie dem Chor der Stimmen, die zu einem Crescendo anschwellen. Schließlich gewinnt die Ich-Erzählerin daraus ein neues Verständnis für ihre Vorfahren, fast liebevoll scheint sie eine Art von Aussöhnung zu wünschen. Der Besuch in Kielce ist schmerzhaft, doch zugleich wird ihr bewusst, wodurch sie sich aus der Schmerzstarre wird lösen können: durch bewusstes Abschiednehmen.

Um in der Gegenwart leben zu können,  brauchen wir eine ausgewogene Balance zwischen Vergessen und einem befreienden und befriedenden Erinnern, so könnte man den Roman lesen. Die Schneeeule, so erfahren wir gegen Ende, ist bereits dort:

[…] in einem unberührten Land, von dem nie ein Eroberungsfeldzug ausging, ein Land, das nie besetzt wurde, das immer zu weit entfernt war von den Machtzentren.

Eine Utopie? Nicht für die Schneeeule, die ganz Gegenwart ist und „vor nichts flieht, denn nichts kommt an sie heran“.

Und wir Menschen? Was hieße für uns, in der reinen Gegenwart zu sein? Vielleicht den Frieden und die Ruhe in sich selbst finden, die in der äußeren Welt immer weniger anzutreffen sind. Die Protagonistin jedenfalls weiß am Ende, was sie sucht: Ruhe, die innere vor allem. 

Sie erkennt, dass sie sich nicht in jeden Kampf begeben muss:

Ich bin nicht für diese Welt geschaffen, dieses Leben voller Konflikte, Schlachten und Bürgerkriege, ich habe es versucht – manchmal mit Erfolg –, aber man braucht so viel Kalkül, so viele Waffen, die ich nicht habe […].

Mémorial wirft Fragen auf an der Grenze zwischen Leben und Tod, ohne sie endgültig zu beantworten und doch lässt es die Leser ahnen, dass es vielleicht Antworten gibt, wenn wir uns auf das Unbekannte hin öffnen, auch das Rätselhafte.

Bildnachweis:
Beitragsbild: toegelm (via iStock)
Bahngleise im Nebel

Angaben zum Buch

Cécile Wajsbrot
Mémorial
Roman
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Wallstein 2023 · 171 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3835355286

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Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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