Verlage schicken mir oft Neuerscheinungen, die ich nicht bestellt habe, in der Erwartung, dass sie mein Interesse wecken könnten. Ich schlage Carlos Spoerhases 800-Seiten-Werk Das Format der Literatur. Praktiken materieller Textualität zwischen 1740 und 1830 auf – und stoße auf die folgende Formulierung:

Die konzeptuelle Handschriftlichkeit der Hand-Bibliotheck ist, wie diese Stelle deutlich erkennen lässt („mehrmals abschreiben lassen“), nicht primär die individuelle Autographie, sondern die entindivdualisierte Apographie.

Dass ich dabei zufällig die Seite 99 erwischt habe, nehme ich als Omen. Denn ich bin der Meinung, dass nicht nur die Literatur, sondern auch ihre Wissenschaft stilistisch beurteilt werden darf, soll – nein: muss.

Transport von Wissen

Welche Kriterien gelten für die Wissenschaft? Die Sprache dient hier weder dem Gefühlsausdruck noch der Herstellung von Schönheit (jedenfalls nicht in erster Linie). Es geht darum, vermittels Sprache Wissen von Kopf A (Wissenschaftler) nach Kopf B (Leserin) zu transportieren.

In seinem Aufsatz Über Schriftstellerei und Stil schreibt Schopenhauer, die Worte seien „so zu stellen, daß sie den Leser geradezu zwingen, genau das Selbe zu denken, was der Autor gedacht hat“. Mit leiser Ironie bemüht Schopenhauer hierfür die Physik: „Dies wird aber nur dann zu Stande kommen, wann der Autor stets eingedenk war, daß die Gedanken insofern das Gesetz der Schwere befolgen, als sie den Weg vom Kopfe auf das Papier viel leichter, als den vom Papier zum Kopfe zurücklegen, daher ihnen hiebei mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln geholfen werden muß.“

Ich muss gestehen, dass schon der Titel dieses Werks den Weg vom Buchdeckel in meinen Kopf nicht schafft. Unter einem „Format der Literatur“ kann ich mir so wenig – oder so vieles – vorstellen wie unter „Praktiken materieller Textualität“.

Ob der Klappentext weiterhilft? Er besteht aus einem einzigen Satz:

Eine Geschichte materieller Textualität und sozialer Medienpraktiken, die Philologie und historische Buchforschung systematisch verknüpft.

Das ist syntaktisch eine Herausforderung. An „Geschichte“ hängen zwei Genitive plus ein Relativsatz, das muss ich auf dem Teller erst zerteilen, bevor ich es mir Bissen für Bissen einzuverleiben versuche. Ich verschlucke mich gleich am Wort „Textualität“. Das sonst so zuverlässige Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) bietet hier keine Bedeutungserklärung an, man erfährt nur, dass es sich um ein feminines Substantiv handelt. In Wikipedia lerne ich: „Unter Textualität versteht man in der Textlinguistik die Eigenschaft, ein Text zu sein.“
Tja.

Im Wörterbuch Ästhetische Grundbegriffe werden unter dem Stichwort „Text/Textualität“ folgende Definitionen angeboten: „Fixierungsmittel von Sinn“ und „das Material, in dem Sinn aufbewahrt wird“. Weiter lese ich: „Die Textualität eines Sprachgebildes oberhalb der Satzebene ist kohärenz- oder kohäsionsbedingt.“
Tja.
(Was ist eine Textualität oberhalb der Satzebene?)

Gesteinsbrocken im Satz

Zurück zu dem Satz, über den ich auf der Seite 99 gestolpert bin. Inzwischen habe ich zurückgeblättert und weiß nun, dass es sich bei der Hand-Bibliotheck um eine Publikation von Johann Caspar Lavater handelt.

Die konzeptuelle Handschriftlichkeit der Hand-Bibliotheck ist, wie diese Stelle deutlich erkennen lässt („mehrmals abschreiben lassen“), nicht primär die individuelle Autographie, sondern die entindividualisierte Apographie.

Schauen wir uns die Wörter an. Zu „Handschriftlichkeit“ gibt es weder im DWDS noch in Wikipedia einen Eintrag. Ich vermute, dass sich Handschriftlichkeit zur Handschrift verhält wie die Textualität zum Text (und Emotionalität zu Emotion etc.). Es wäre also die Eigenschaft, eine Handschrift zu sein. Wie kann eine solche Handschriftlichkeit nun konzeptuell sein? Vielleicht, wenn sie beabsichtigt ist, etwa weil für Lavaters Hand-Bibliotheck nur handschriftliche Texte in Frage kamen? Ein Autograph ist laut DWDS „ein eigenhändig geschriebenes Schriftstück einer bekannten Persönlichkeit“. Demnach wäre die verallgemeinernde Wortbildung „Autographie“, analog zur Textualität und zur Handschriftlichkeit, die Eigenschaft, ein eigenhändig geschriebenes Schriftstück einer bekannten Persönlichkeit zu sein. Dass dies nur individuell sein kann, versteht sich eigentlich von selbst.

Was aber ist eine Apographie? Auch dieses Wort finde ich weder im DWDS noch in Wikipedia. Die griechische Vorsilbe „apo“ (Apotheke, Apotheose, Apokalypse etc.) kann sowohl zeitlich wie auch räumlich verwendet werden und bedeutet: „von…weg“, „seit“, „ab“. Etwas Weggeschriebenes? Etwas, das die Eigenschaft hat, etwas Weggeschriebenes zu sein? Überdies ist das Ding entindividualisiert. Vielleicht kommt es in diesem Fall einfach nicht darauf an, wer es geschrieben hat?

Um diesen Satz vom Papier in meinen Kopf hochzuhieven, arbeite ich tatsächlich gegen die Schwerkraft. Außerhalb des Page-99-Tests mache ich mir die Mühe des Hochhievens von Gedanken meistens nicht: Ich steige lesend über die Gesteinsbrocken hinweg und schaue, ob es irgendwo weitergeht im Text. Und ich denke an Schopenhauer: „Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß Jeder sie verstehn muß.“

Ich wage eine Übersetzung dieses flugunfähigen Satzes ins Vulgo:
“Bei den Handschriften, aus denen die Hand-Bibliotheck besteht, handelt es sich, wie diese Stelle deutlich erkennen lässt („mehrmals abschreiben lassen“) nicht in erster Linie um Original-Manuskripte, sondern um Abschriften von verschiedener Hand.”

Geht doch.

Autographie und Apographie

Das Kapitel, in dem sich dieser Satz findet, heißt „Bibliotheken für Freunde“. Zu meiner Überraschung ist es hoch interessant. Es geht nämlich um einen Vorläufer des Newsletters. Bereits im 18. Jahrhundert hatte Johann Caspar Lavater das Bedürfnis, seine Gedanken einem erweiterten und doch begrenzten Kreis von Lesern mitzuteilen. Zuerst hieß dieser intellektuelle Rundbrief Vermischte Gedanken. Manuskript für Freunde, er wurde 1774 erstmals versendet. Von 1790 bis 1793 erweiterte Lavater diese Schriften zu einer Hand-Bibliotheck für Freünde, die nun auch im Buchhandel vertrieben wurde. In der Tat ist es eine Publikationsform zwischen Handschrift und Druck, nämlich eine vervielfältigte Handschrift; die intime Anmutung des Briefes war dabei durchaus beabsichtigt.

Die Sätze, die Carlos Spoerhase in seinem Buch aus den Quellen zitiert, springen mir spontan vom Papier in den Kopf. So schreibt etwa ein Rezensent über die Hand-Bibliotheck:

Indessen so lange diese Büchlein, obgleich unter der Hand bekannt und bekopfschüttelt gnug, nur unter Freunden herumgiengen, wäre es unbillig gewesen, etwas davon öffentlich zu rügen. Indessen, da sie nun öffentlich mit Beysetzung des Verlegers gedruckt und in den Buchläden verkauft werden, da Hr. L. wider ihre Bekanntmachung nicht einmal protestirt, so muß es dem Recensenten auch erlaubt seyn, über diese gedruckten Blätter öffentlich und offenherzig seine Meinung zu sagen.

Warum nur wird über etwas so Verständliches so unverständlich geschrieben? Auf Seite 106 erklärt Spoerhase in einer Fußnote immerhin den begrifflichen Unterschied „zwischen autographischen und apographischen Modi der Handschriftlichkeit“.

Die Unterscheidung solle unterstreichen,

dass im Fall der Apographie die Abschrift nicht notwendig von einem anderen (Allographie) stammen muss, sondern durchaus auch vom Autor selbst (Autographie) stammen kann, dass mithin im Fall der Apographie genau die Frage, ob die Handschrift vom Autor (Autographie) oder einem anderen (Allographie) stammt, ‚vergleichgültigt‘ wird.

Vulgo:
“Es ist gleichgültig, ob der Autor selbst oder jemand anders seinen Text abgeschrieben hat.”

Ossip Mandelstam riet einem Dichterkollegen in einer Rezension, er solle sich auf Wörter beschränken, “die in die lebendige Sprache Eingang gefunden haben”. Warum die Wissenschaft sich von diesem Prinzip abgewendet hat, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. In einem kritischen Essay schrieb Gerald Wagner jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Für eine gelungene wissenschaftliche Sozialisation ist die Eingewöhnung in die professionelle Beherrschung von publizierter Langweiligkeit unentbehrlich.“

Die Tücken des Jargons

Sprache hat viele Funktionen. Sie kann nicht nur Inhalt weitergeben, Schönheit erzeugen und Gefühle ausdrücken – sie kann auch über Zugehörigkeit bestimmen. Wer zur akademischen Elite gehören will, muss den Jargon seiner Wissenschaft beherrschen. Dies beobachtete kein Geringerer als David Foster Wallace: Durch seine Creative Writing-Kurse hatte er Einblick in die Gepflogenheiten der akademischen Welt gewonnen, und er stellte fest, dass in akademischen Texten oft zwei Aspekte des Schreibens zueinander in Widerspruch stehen (in: Quack This Way):

Zum einen:

writing as a vector of meaning – as a way to get information or opinion from me to you.

Zum anderen:

writing as a form of dress or speech or style or etiquette that signals that “I am a member of this group”.

Der Wissenschaftsjargon zielt nicht in erster Linie darauf ab, den Inhalt möglichst effizient von Kopf A nach Kopf B zu befördern, er soll Zugehörigkeit herstellen und Abgrenzung gegenüber jenen, die des Jargons nicht mächtig sind. Im Extremfall kann die Funktion des Wissenstransports von der Funktion der Herstellung von Zugehörigkeit komplett ersetzt werden. Dann ist es zwar mit der Wissenschaft vorbei, keineswegs jedoch mit der Wissenschaftlichkeit (i. e. mit der Eigenschaft, Wissenschaft zu sein). Gerald Wagner spricht in seinem Essay von „Belanglosigkeitstoleranz“.

Geschwurbel

Nachdem ich ausgiebiger in Das Format der Literatur geblättert habe, würde ich dem Buch allerdings nicht den Vorwurf der Belanglosigkeit machen. Umso mehr wundere ich mich dagegen über das Geschwurbel.

Zum Schluss ein paar Kostproben aus der Vorbemerkung. Carlos Spoerhase schildert darin, wie er im lichtdurchfluteten Lesesaal des Kislak Center der Bibliothek der University of Pennsylvania in alten Handschriften forscht. Die Aufsicht führen Studenten, die bereits im Rahmen ihres Literaturstudiums mit alten Manuskripten zu tun hatten.

Ein Ergebnis dieser außergewöhnlichen Ausbildung ist, dass die Studenten durch den im Zuge der frühen Heranführung an wertvolle textuelle Objekte ermöglichten taktilen Kontakt mit unikalen Schriftartefakten für die Aura der alten Bücher sensibilisiert sind.

Vulgo:
“Nachdem die Studenten im Zuge ihrer Ausbildung wertvolle Bücher mehrfach in der Hand gehalten haben, sind sie für die Aura alter Bücher empfänglich.”

Bei den letzten beiden Beispielen strecke ich die Waffen. Ich glaube, hier gibt es kein Vulgo.

… weshalb es Literatur selbst dort, wo sie primär in Buchform zirkuliert, immer nur als ein plurales Medienphänomen geben kann, das sich in einer Vielzahl divergierender und kontrastierender Formate materialisiert und rematerialisiert; und weshalb diese medialen Materialisierungen und Rematerialisierungen immer auf ein äußerst voraussetzungsreiches Gefüge sozialer Praktiken angewiesen sind.

In dieser programmatischen Emphatisierung des singulären Einzelartefakts berührt sich das Ethos der philologischen Materialitätsstudien häufig mit dem Ethos der antiquarischen Bibliophilie, die ihre buchförmigen Gegenstände dann am höchsten bewerten, wenn sie singuläre Objekte sind.

Angaben zum Buch
Carlos Spoerhase
Das Format der Literatur
Praktiken materieller Textualität zwischen 1740 und 1830
Wallstein Verlag 2018 · 808 Seiten · 49,90 Euro
ISBN: 978-3835331037
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

25 Kommentare

  1. Frank Heibert

    Überfällig, dieser Stilkommentar in Richtung Academia, danke, Sieglinde Geisel!
    MUSS es denn per se so sein, dass deren Arbeit und die der Literaturleser und -kritiker sämtlicher Sparten der Literaturbranche wie zwei weit voneinander entfernte Planeten vor sich hin kreiseln und werkeln?
    Offensichtlich liegen die beiden Arten wissenschaftlicher Kommunikation, die David Foster Wallace so schön auf den Punkt bringt, in verschiedenen Mischungsverhältnissen vor, bei diesem Beispiel ist der Beeindruckungsgestus des Jargons vorherrschend. Das sieht man auch daran, dass die Übersetzung des Geschwurbels in die vermutlich gemeinten Gedanken häufig zu erschütternd banalen Aussagen führt. Wie man an den bereits “übersetzten” Beispielen sieht. Die beiden letzten möchte ich gern beisteuern, im besten Wissen und Gewissen:
    a. “Selbst wenn Literatur nur in einem Medium, nämlich als gedrucktes Buch vorliegt, erneuert sie sich immer wieder in ihren Ansätzen, Formen und Genres; das setzt allerdings ein gesellschaftliches Gefüge der Lese- und Debattenpraxis rund um die Literatur voraus.” Oder noch knapper: “Literatur ist und bleibt vielfältig — vorausgesetzt, sie und ihre Rezeption durch die Gesellschaft werden gepflegt.”
    b. “Wenn planmäßig einzelne Bücher als Kunstwerke hervorgehoben werden, treffen sich Philologie und Bibliophilie in ihrem Ethos — denn das besondere, einzigartige Buch wird von beiden am höchsten bewertet.”
    Dass der Jargonfetischismus für einen lädierten Ruf der Geisteswissenschaften sorgt, ist nicht verwunderlich; wo bleibt die Debatte in der Wissenschaftswelt darüber, dass gutes akademisches Schreiben — wie sehr häufig im englischsprachigen Raum — durch Verständlichkeit und Eleganz gewinnt, nicht ins fragwürdig Fußgängerische herabgezogen wird, wie man vielleicht hierzulande befürchtet?
    Bedarf an neuen, substanziellen Ideen, über die man, wären sie verständlich geschrieben, breiter diskutieren könnte, besteht mehr als genug; da wäre die Anzahl an Autoren, die wagen, verständlich zu schreiben, durchaus steigerbar.

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  2. Im Grunde hast Du sehr, sehr recht. Aber im wissenschaftlichen Schreiben gibt es m E. oft auch spezifische “trade-offs” (wie übersetzt man das? ;) zwischen Präzision und notwendiger Kürze der Texte. Je weniger Worte ich machen will die aber GENAU sind, desto hermetischer wird tendenziell auch der Text. Hermetik bei REDUNDANZ ist natürlich verwerflich, aber es gibt auch eine die aus der Genauigkeit resultiert. Das wird von Nicht-Wissenschaftlern oder Nicht-Philosophen schon gern mal übersehen. Beispiel die Leute, die Kant schlechten Stil vorwerfen. Dabei ist er für mich das ganze Gegenteil von Geschwurbel.Bei Deinen Beispielen stimme ich weitgehend zu, finde allerdings dass die Formulierung “konzeptuelle Handschriftlichkeit” einen Mehrwert hat der in Deiner ‘Übersetzung’ verloren geht: Gemeint ist nicht nur, dass es sich hier “bei den Handschriften” um das und das handelt, sondern dass die Handschriften so intendiert (“konzipiert”) sind, dass dies ihr Selbstverständnis ist. Wenn ich freilich vulgo vom “Selbstverständnis der Handschriften” spräche, käme ich m. E. in ein auf ganz andere Weise problematisches Fahrwasser als bei der zugegebenermaßen nicht allzu glücklichen Formulierung “konzeptuelle Handschriftlichkeit”. Denn das Gemeinte bewegt sich auf dem Grat zwischen Artefakt, Autor und “Herstellungstradition”, der nicht so gut durch die Verbindung mti einem konkreten Subjekt (des Satzes) wiederzugeben ist.

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    1. Hermetik ist eine gefährliche Sache. Bei Gedichten ist es etwas anderes als in der Wissenschaft, denn in der Wissenschaft ist der Text ja kein Selbstzweck, sondern Kommunikation. Und da würde ich notfalls lieber zwei Worte mehr machen, um sicherzustellen, dass das Gesagte auch in einem anderen Kopf landen kann. Präzision ist absolut wichtig, für mich ein Stilkriterium auch bei Literatur. Doch oft ist der Fachbegriff auch eine Bequemlichkeit. Im Studium dachte ich anfangs, wenn ich es schaffe, das Wort “Identität” so virtuos zu benutzen wie die Großen, dann gehöre ich dazu. Heute ist das Wort bei mir auf dem Index. Wenn ich es vermeiden will, handle ich mir Arbeit ein, ich muss dann nämlich darüber nachdenken, was ich eigentlich genau sagen will…
      Kant wäre natürlich hoch interessant. Bin hier überhaupt keine Expertin, bin aber mal auf einen Satz gestoßen, den ich in meinen Schreibseminaren gern als Beispiel für den überladenen Hauptsatz verwende: “Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultates jener ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntnis a priori.”(In der Vorrede zur “Kritik der reinen Vernunft”). Mir ist es bisher nicht gelungen, das zu übersetzen…

  3. Christoph Brumme
    Christoph Brumme 20. Juni 2018 um 19:07

    “Im Studium dachte ich anfangs, wenn ich es schaffe, das Wort “Identität” so virtuos zu benutzen wie die Großen, dann gehöre ich dazu. Heute ist das Wort bei mir auf dem Index.” – Sieglinde Geisel
    Dazu ein anregender Gedanke von Heiner Müller: Identität wird meist passiv verstanden. –
    Also: Ich will sein, was ich bin! Aber nur Narren bleiben, was sie sind.

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  4. Günther Neumann 21. Juni 2018 um 11:58

    Die grundsätzliche Stoßrichtung ist nachvollziehbar: Wissenschaft sollte sich (auch) um ihre Verständlichkeit bemühen. Da sind die Geisteswissenschaften aber i.d.R. den Naturwissenschaften sogar voraus. Auch ist es fraglos korrekt, dass die Sprache (nicht nur in der Wissenschaft) zur Abgrenzung eingesetzt wird. Aber eben nicht nur, denn jede Wissenschaft entwickelt auch zur Beschreibung ihrer Objekte, Konzepte und Analysen eine Fachsprache, die im besten (und üblichen) Fall präziser ist als die Alltagssprache. Entsprechend ergibt es recht wenig Sinn, als Laiin ein Fachbuch aufzuschlagen und zu hoffen, dass man alles versteht. Fachbücher richten sich eben auch an ein Fachpublikum, das die Fachsprache zumindest in einem gewissen Maße beherrscht. Dazu gehören in der Literaturwissenschaft auch grundlegende Begriffe wie “Textualität”, die vermutlich nahezu niemand aus dem Zielpublikum nachschlagen wird. Dass bei den ‘Vulgo’-Übersetzungen hier einiges verloren geht, zeigt schon das erste Beispiel, denn bei einer konzeptuellen Handschriftlichkeit handelt es sich z.B. eben nicht um “Handschriften, aus denen die Hand-Bibliotheck besteht”, sondern um einen planmäßig als Konzept ausgearbeiteten Zustand des Textes. Eben denjenigen der Handschriftlichkeit. Noch etwas einfacher, dafür wieder unpräziser, gesagt: Der Text ist gewollt als Handschrift gestaltet.
    Ich will damit nicht abstreiten, dass Spoerhase nicht vieles hätte eingängiger formulieren können. Aber die Kritik schießt hier deutlich über das Ziel hinaus, denn sie wird von einer hohen Warte aus formuliert, und zwar mit einem immensen Grad an Uninformiertheit, wie man akademisch sagen könnte. Da wünsche ich viel Spaß beim Aufschlagen der nächsten physikalischen oder chemischen Publikation, in der sicher – und das aus guten Gründen – auch nicht jeder Satz in der Alltagssprache formuliert sein wird.

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    1. Sie haben insofern Recht, Herr Neumann, als dass ich möglicherweise übers Ziel hinausschieße, indem ich meine Kritik der Deutlichkeit halber zugespitzt habe. Von Naturwissenschaften allerdings spreche ich ausdrücklich NICHT. Die Literaturwissenschaft hat zu ihrem Gegenstand eine Kunst, die aus Sprache gemacht ist, deshalb ist ihr eigener Umgang mit Sprache ein Kriterium für das, was sie leistet.
      Literatur wird für Leser geschrieben. Warum sollte die Wissenschaft, die diese Literatur erforscht, sich um die Leser foutieren? Peter von Matt hat in seinem Aufsatz “Kultur und Geschwindigkeit” (in: Die verdächtige Pracht) den Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaften beschrieben. Es gebe zweierlei Fragen: Solche, auf die man mit einer Information antworten kann und solche, auf die man nicht mit einer Information antworten kann. Die Naturwissenschaften widmen sich der Beseitigung von Nicht-Wissen durch Information, deshalb kann man dort nur mitreden, wenn man über die betreffenden Informationen verfügt und z.B. die betreffenden Formeln lesen kann, in denen die Information von Kopf A nach Kopf B transportiert wird.
      Die Erkenntnisse dagegen, die die Literaturwissenschaft gewinnt, beruhen nicht auf einer linearen Entwicklung von Wissen, sondern sollten grundsätzlich für jeden interessierten Leser verständlich sein. Die literaturtheoretischen Texte von Schriftstellern zeigen, dass man solche Erkenntnisse durchaus mit Wörtern formulieren kann, die im allgemeinen Sprachbewusstsein lebendig sind, siehe z.B. Virginia Woolf: “Wie man ein Buch lesen sollte”, Ezra Pound: “The ABC of Reading”, Marina Zwetajewa: “Der Dichter und die Kritik”, Joseph Brodsky: “How to Read a Book”, die Briefe von Flaubert, Essays von Heinrich Mann, Susan Sontag, William H. Gass – und in der Wissenschaft Walter Benjamin, George Steiner, Peter von Matt.

  5. Benjamin hat kaum Jargon geschrieben und schon gar nicht Geschwurbel – aber den “Ursprung des Deutschen Trauerspiels” wirst auch Du nicht als Paradigma eines gut verständlichen Textes darstellen wollen, oder, Sieglinde? ;) Um meinen Punkt mit der Hermetik noch einmal anders zu machen: Vieles von Benjamin ist ein Paradebeispiel dafür.

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  6. Luca Giuliani 22. Juni 2018 um 10:58

    Liebe Sieglinde Geisel,
    vom konkreten Fall des Buches von Carlos Spoerhase ganz abgesehen: Klar ist, dass die sogenannten Geisteswissenschaften sehr davon profitieren würden, wenn Literaturkritiker sich häufiger ihrer Texte annähmen. Normalerweise werden wissenschaftliche Bücher allenfalls von Fachkollegen rezensiert – und damit genau von jenen Insidern, die den Fachjargon ebenfalls erlernt haben und schon aus diesem Grund keinen Anlass sehen, ihn gezielt in Frage zu stellen. Selbstverständlich gibt es Fachausdrücke, die notwendig sind, um der Komplexität eines Gegenstandes gerecht zu werden; das gilt indessen kaum je für Grammatik und Syntax: Wenn diese unübersichtlich werden so zeigen sie eher an, dass mit der Gedankenökonomie etwas nicht stimmt. An diesem Maßstab sollten wir uns auch messen lassen. Erheben wir (anders als die meisten Chemiker, zum Beispiel) nicht den Anspruch, auch für eine breitere Leserschaft zu schreiben?

    Antworten

    1. Genau das ist der Punkt, lieber Luca Giuliani: An wen richtet sich ein Text? Es gibt ja auch in den Geisteswissenschaften die Tendenz, die Nicht-Wissenschaftler von der Lektüre auszuschließen, und ich frage mich immer, woher diese Tendenz kommt. Denn gerade wenn man der eigenen Forschung Relevanz zumisst, müsste man ihre Ergebnisse doch möglichst weit verbreiten wollen. Vielleicht stehen da zwei Eitelkeiten miteinander im Wettstreit: Der Erfolg bei der Leserschaft und das Wissen, zu einem exklusiven Kreis zu gehören, wo eben nicht alle mitreden können…

  7. Ich finde man sollte die Normativität, die der Kritik zugrunde liegt [ist der Ausdruck “Normativität” erlaubt? ;)] nochmal überprüfen, erstens. Denn der m. E. entscheidende Punkt von Herrn Neumann ist nicht wirklich sachlich diskutiert worden bisher: “Entsprechend ergibt es recht wenig Sinn, als Laiin ein Fachbuch aufzuschlagen und zu hoffen, dass man alles versteht. Fachbücher richten sich eben auch an ein Fachpublikum, das die Fachsprache zumindest in einem gewissen Maße beherrscht.” Die Wissenschaftlerin schließt v. a. an die “scientific conversation” an, den eigenen Karriere-Parametern nach [das ist der deskriptiv-funktionalistische Aspekt, den man normativ kritisieren kann], aber auch weil sie sich von der entsprechenden Lese- und Zitier-Community die adäquatesten Reaktionen erhofft (hierin liegt eigene Normativität). Sie ‘sendet’ nicht unbedingt primär in eine breite Öffentlichkeit. Dass in den Geistes-, teils auch Sozialwissenschaften noch Bücher geschrieben werden (und nicht NUR Artikel, welche letzteren aber als ‘Münze’ in der Karriere der Wissenschaftler viel stärker zählen), hat Gründe in einer Tradition, in der es halt auch noch nicht so viele spezialisierte Medien gab. Aber auch Ernst Cassirer hat bereits nicht mehr für “Hunderttausende” und für (jeden) Laien geschrieben. Man KANN dies normativ kritisieren, sollte aber auch den Sinn dieser Ausdifferenzierung der Sphären anerkennen: Zwar entwickelt sich das Wissen in den humanities in der Tat noch weniger “linear” als in den Naturwissenschaften (auch da kann man ja ein paar Zweifel haben: vgl. Kuhn, Feyerabend usw.), aber seine Entwicklung wurde de facto noch nie von breiten, diffusen Leserschaften vorangetrieben. Alle Philologie, alle ernsthafte Hermeneutik hat einen hermetischen Einschlag. Auch wenn der in der Sprache reduziert wird, wie z. B. bei Susan Sontag und anderen von Dir genannten Autoren, dann liegt Exklusion der “Massen” immer noch in dem spezifischen Kanon, den man eigentlich kennen muss um die volle ‘Botschaft’ des jeweiligen Beitrags zu würdigen.

    Zweitens: Was in der Semantik, aber auch in der Grammatik wie sehr “leicht verständlich” ist, variiert über die Geschichte und entwickelt sich ebenfalls. “Milieu” war vor 100 Jahren im Deutschen ein sozialwissenschaftliches Fachwort, heute ist es Gemeingut; “Nachfrage” im ökonomischen Sinn war zu Samuelsons Zeiten ebenfalls ein terminus technicus; etc. Die Sozialwissenschaften schrauben sich, wie Giddens einmal schrieb, “in den Bereich des sozialen Lebens hinein und aus diesem wieder heraus”, dabei sowohl das Wissen wie das soziale Leben umgestaltend. Das spiegelt sich auch in der Sprache. Dabei kommt es auch immer wieder zu Übersetzungsproblemen, die nicht gelöst werden; in den Geisteswissenschaften fällt mir spontan der Begriff der “Ikonographie” ein, der mir im “sozialen Leben” schon öfter missverständlich gebraucht untergekommen ist als ich zählen kann. Diese Übersetzungsprobleme ereignen sich natürlich auch ZWISCHEN DEN DISZIPLINEN, und schon deshalb ist zum Behuf einer gelingenden Interdisziplinarität eine jede Wissenschaftlerin gehalten, sich mit einer zumindest tentativen Idee von Alltagssprache so stark anzufreunden, dass sie auch für andere auf ihr Wissen evtl. angewiesenen, aber nicht in der gleichen Spezialcommunity sich bewegenden Kollegen verständlich bleibt. Kurzum: Ich halte den Ruf nach besserem Schreiben in den Wissenschaften auf jeden Fall für gerechtfertigt (auch insbesondere, wie das ein Kommentator hier vor mir bereits gesagt hat), was den Satzbau betrifft. Aber: der GRUND für diese Forderung kann nicht – naiv – sein, dass Wissenschaften doch “für den Menschen” gemacht seien. Das ist zu simpel.

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    1. Mir geht es nicht so sehr um das Publikum, sondern um die Leistungsfähigkeit der gewählten Sprache. Wenn das Fachvokabular für die Eingeweihten einen Mehrwert schafft – wohlan. Doch genau das bezweifle ich in den meisten Fällen. Man kann sich hinter dem Jargon auch wunderbar verstecken. Stellt man sich die Aufgabe, den Gedanken auch ohne Jargon darzustellen, merkt man meistens, dass hier die Arbeit erst beginnt. Und dass man gerade durch den Verzicht auf Jargon gedanklich weiterkommt. Kein Geringerer als Richard Feynman sagte, wenn er ein physikalisches Problem einem Studienanfänger nicht erklären könne, dann zeige das, dass er es selbst noch nicht wirklich durchdrungen habe.

  8. Och Mensch… erst heißt es, “genau der Punkt” sei die Frage, “an wen” sich der Text richte, nun auf einmal, es gehe “nicht so sehr um das Publikum”, sondern an eine (unabhängig von diesem?) definierte “Leistungsfähigkeit der Sprache”. Woran Du diese bemessen willst? Am Gedanken selbst, vor seiner Kommunikation? Offenbar kann man jedenfalls das Thema oder den Gedanken auch mit einfacher Sprache aus den Augen verlieren, wie dieser Thread langsam zeigt…

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    1. Sorry für die Verwirrung. Das eine ist das Publikum: Wenn ich mich als Elfenbeinturmbewohnerin an andere Elfenbeinturmbewohner wende, wird sich niemand am Fachjargon meines Aufsatzes stören. Was allerdings nicht heißen muss, dass dabei irgendein Gedanke den Weg vom einen Kopf in den anderen macht, ich habe den Verdacht, dass es unter dem Schlachtruf des “publish or perish” Texte gibt, die nicht im Hinblick auf einen authentischen Leser geschrieben werden, sondern um das Soll des Publishens zu erfüllen. Ditto bei Tagungsvorträgen, wo jede Form der höheren Belanglosigkeit toleriert wird, denn es geht ja ums Dabeisein.
      Das andere ist das, was ich mit “Leistungsfähigkeit der Sprache” bezeichnet habe. Wie viel wird in einem Satz transportiert? Und wie elegant, schön, schlüssig geschieht dies? In meinen Schreibworkshops empfehle ich jeweils, beim Überarbeiten drei Fragen an den Text zu stellen: Kann ich es einfacher sagen? Kann ich es kürzer sagen? Kann ich es klarer sagen?
      Eigentlich ist es drei Mal die gleiche Frage: Wenn etwas klarer ausgedrückt wird, werden die Sätze auch kürzer und die Aussage klarer. Die Schwurbelei ist ja zu allererst ein gedankliches Problem, nicht ein sprachliches. Um noch einmal meinen Gewährsmann Schopenhauer zu zitieren: “undeutlich, oder schlecht schreiben, heißt dumpf, oder konfus denken.” Der Stil sei “der bloße Schattenriss des Gedankens”. Oder wie es in einer NZZ-Werbung aus längst vergangener Zeit hieß: “Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken.”
      Eigentlich gibt es nur EIN Publikum: ein interessierter, intelligenter Leser. Und dem soll man es nicht unnötig schwer machen. Das Problem ist nur: Einer von beiden muss arbeiten. Wenn die Autorin zu faul ist, ihre Gedanken zu ordnen und von Schwulst zu säubern, dann muss eben die Leserin ran und sich durch das Unterholz wühlen, um zur Substanz zu gelangen (sofern welche vorhanden).
      Es gibt bei Mandelstam die Idee, der Autor müsse sich die Erlaubnis, ins Gespräch mit dem Leser einzutreiten, erst verdienen. Geschwurbel ist letzten Endes eine Rücksichts- und damit Respektlosigkeit gegenüber der Leserschaft.

  9. Auch auf Facebook gibt es interessante Kommentare. Ein Austausch über die Wissenschaftssprache scheint mir dringend nötig!
    https://www.facebook.com/sieglinde.geisel/posts/1755959677827368

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  10. Zu den Bedeutungsverlusten, die eine Übersetzung wissenschaftlicher Prosa in das Vulgo der Alltagssprache notwendig mit sich bringt, wurde hier ja schon einiges gesagt. Es ist zudem fraglich, warum sich wissenschaftliche Sätze überhaupt voraussetzungslos verstehen lassen sollten.
    Der oben erwähnte Kant hat die vermeintliche Unverständlichkeit seiner KrV mit einem verständlichen Einwand bestritten:

    “Da endlich Recensent behauptet, da [sic] die Critik […] nicht buchstäblich zu nehmen sey, […] so erkläre ich hiermit nochmals, daß die Critik allerdings nach dem Buchstaben zu
    verstehen, und bloß aus dem Standpunkte des gemeinen nur zu solchen abstracten Untersuchungen hinlänglich cultivirten Verstandes zu betrachten ist.”

    Hinter diesem Zitat steht in einem wissenschaftlichen Text ein Titel, der mit dem Kürzel (AA XII, 371) belegt wird. Der nicht “hinlänglich cultivierte Verstand” kann mit dieser Klammer-Buchstaben-Zahlen-Kombination aber nichts anfangen. Sollte dann noch die Aussage folgen, dass die “Critik” eben genau das sei, was sie zu sein behaupte und keineswegs Philosophie (Cf. Nietzsche:JGB 210;KSA 5, 144), so findet sich der Laie in einem Dickicht von Zeichen und Diskursen, die er nicht verstehen kann, weil ihm weder die Gepflogenheiten des Klammerngebrauchs noch die technischen Kürzel der Begriffe und Editionen noch gar die geschichtlichen und systematischen Zusammenhänge der angeführten Texte bekannt sind. Der Fachmann sieht hier nur eine Ansammlung von ‘jedermann’ bekannten Sätzen, sämtliche äußeren Formen der Darstellung beherrscht er ohnehin im Schlaf.
    Das eben bedeutet, dass eine “hinlängliche” Kultivierung der Lesefähigkeiten das Verständnis eines bestimmten Textes erst ermöglicht, dass also Wissenschaftssprache keine Alltagssprache ist, sondern vor sehr langer Zeit aus dieser ausdifferenziert wurde.

    Antworten

    1. Wenn ich der Wissenschaftsprosa auf den Zahn fühle, geht es mir nicht um abgekürzte Quellenangaben, und ich hoffe sehr, die Wissenschaftlichkeit beschränke sich nicht aufs korrekte Zitieren, dazu bedarf es ja keinerlei Gedanken, das kann jeder lernen. Allerdings erstaunt es mich immer wieder, wie gedankenarm viele fremdwortbewehrte und penibelst zitierende akademische Texte daherkommen. Offenbar wird das toleriert, und oft beschleicht mich der Verdacht, das ganze Beharren auf Fachjargon in den Geisteswissenschaften diene der Vernebelung der Gedankenarmut (alles nachzulesen bei Herrn Schopenhauer). Ich bin noch keinem überzeugenden Argument gegen Mandelstams Forderung begegnet, man solle nur Wörter verwenden, “die in die lebendige Sprache Eingang gefunden haben oder noch nicht von ihr abgefallen sind”. (Macht allerdings Arbeit, zugegeben.)
      Nachdem ich jetzt gesagt habe, dass ich für mich das korrekte Zitieren mit allerlei für den Laien unverständlichen Abkürzungesformeln nicht as Problematische an der Wissenschaftsprache sei, möchte ich doch noch anmerken, dass mir etwas dabei sauer aufstößt: Die Wissenschaft scheint sich auf diese letzte Enklave des Hermetischen, nur den Eingeweihten Zugänglichen durchaus etwas einzubilden. Das nannte man einmal Herrschaftswissen – und ich sehe darin ein Armutszeugnis.

    2. Anselm Bühling 22. August 2018 um 22:05

      Jeder Satz hat seinen Gegensatz. Mandelstams Forderung (vermutlich nicht zuletzt gegen die russischen Futuristen gerichtet, deren Poetik auf Zertrümmerung der eingeführten Sprache zielte) ist ein sinnvolles Antidot gegen ein literarisches und wissenschaftliches Schreiben, das Ausdrücke beliebig neu einführt, ohne sich um Gebrauch und Verständlichkeit zu scheren. Aber sie taugt genauso wenig wie jede andere Maxime zur Verabsolutierung.

      Wissenschaft, Philosophie und Literatur haben eines gemeinsam: Sie können, auf unterschiedliche Weise, an die Grenzen des Sprachlichen gehen. Sie beschreiben Neues; sie machen etwas sagbar, das vorher so noch nicht gesagt werden konnte. Das schließt ein Bemühen um Klarheit und Verständlichkeit nicht aus. Aber es geht eben auch nicht, ohne neue Ausdrücke zu prägen, die noch nicht „in die lebendige Sprache Eingang gefunden haben“. Manchmal geschieht das dann später: Begriffe wie „Selbstbewusstsein“ oder „Quantensprung“ sind in die Alltagssprache eingegangen; allerdings nicht in ihrer ursprünglichen philosophischen bzw. wissenschaftlichen Bedeutung.

      Die „lebendige Sprache“ ist vielfältig. Längst nicht alle Sprecher verstehen jedes Wort. Es gibt Dialekte, Soziolekte und natürlich auch Fachsprachen – nicht nur in der Wissenschaft. Für gelernte Drucker hat etwa das Wort „Nutzen“ eine sehr spezifische Bedeutung. Und jemand, der Germanistik studiert hat, aber handwerklich nicht interessiert ist, kann sich vielleicht unter dem Wort „Flansch“ nicht sofort etwas vorstellen und muss erst nachschlagen.

      Kurz: So einfach, zugänglich und klar wie möglich – das scheint mir eine sinnvolle Forderung zu sein. Aber es bedeutet eben nicht, dass alles ohne Voraussetzungen allgemeinverständlich sein muss. Das wäre kaum zu leisten. Jede Arbeit braucht geeignete Werkzeuge. Das schließt sprachliche Werkzeuge ein. Und auch für sie gilt: Sie müssen neu entwickelt werden, zweckdienlich sein, und ihre Handhabung muss gelehrt und gelernt werden. Das allein ist noch keine Hermetik und kein Herrschaftswissen.

  11. Sieglinde Geisel 24. August 2018 um 10:07

    Danke, lieber Anselm, für die Präzisierung und das Weiterdenken!
    Du hast recht, man darf Mandelstams Aussage nicht zum Dogma machen, und deine Beispiele leuchten ein. Mir geht es allerdings um die Fälle, wo gerade nicht neu gedacht wird, sondern der exzessive Jargon das Fehlen von Gedanken verschleiert. Da in der Sprachkritik die Kleidermetapher gern benutzt wird, vergleiche ich den Wissenschaftsjargon jetzt mal mit einem Kostümverleih: Man kann sich die ausgefallensten Kleider aussuchen und kommt dann sehr pompös daher, so dass niemand mehr fragt, was denn eigentlich in den Kleidern steckt.
    Man solle denken wie ein grosser Geist, fordert Schopenhauer in seinem Essay „Über Schriftstellerei und Stil“), jedoch dieselbe Sprache reden, wie jeder andere. Viele Gelehrte täten das Gegenteil: Sie seien „bemüht, triviale Begriffe in vornehme Worte zu hüllen und ihre sehr gewöhnlichen Gedanken in die ungewöhnlichsten Ausdrücke, die gesuchtesten, preziosesten und seltsamsten Redensarten zu kleiden“.
    Wogegen ich anschreibe, ist die Unsitte des Jargons als Selbstzweck. Wie verständlich wäre die Wissenschaft, wenn tatsächlich nur dann ungewöhnliche Wörter verwendet würden, wenn ein Autor gedanklich tatsächlich an die Grenzen des bisher Sagbaren stößt!
    (Anmerkung: Ich spreche hier nur von den Geisteswissenschaften.)

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    1. O lala.. sind wir jetzt schon bei der Tabuisierung aller “ungewöhnlichen” Wörter?!… oder hat sich da gerade jemand, in gewöhnlichen Worten, nicht ganz präzise ausgedrückt. Schon bei früheren Kommentaren fiel mir der vom Stammtisch nicht gar so unendlich weit entfernte Affekt gegen Fremdwörter auf; diesen selbst gilt es aber zu beargwöhnen. (Cf. Adorno: “Wörter aus der Fremde”.) Wohlgemerkt: die grundsätzliche Stoßrichtung der Kritik (Disktinktionsgehabe durch Jargon) wird von mir anerkannt, ist aber auch schon bisschen trivial, also bzw. da ist im Vergleich zu Bourdieu etc. jetzt keine neue aktuale Erkenntnis drin und da Du sie hier in einem Forum formulierst, das auf die geistenwissenschaftliche Praxis wenig Einfluss haben dürfte, ist sie auch nicht transformativ, sondern gerät durch ihre Insistenz eher sogar selbst in den Verdacht des Distinktiven (‘Ich stehe hier als jemand, der weiß, was gute Sprache ist, und schimpfe auf jene, die das nicht wissen und das hier nicht lesen, aber über die wir doch alle schon mal sagen wollten wie sehr zu unrecht sie ihre Professuren haben.’). Aber wenn ich in einer Zeitgeist-Landschaft, in der so viele sich wieder auf das ‘Eigene’ und rückprojizierte ‘Normalität’ besinnen mögen (ich weiß natürlich, dass Du mit denen nix am Hut hast, Sieglinde!) so laut anfange gegen Hypotaxen und Substantivierungen und eben FREMD-, ja nun schon sogar “ungewöhnliche” wörter zu trompeten: Was tue ich eigentlich damit, das heißt welche Affekte bediene ich unfreiwillig mit?

  12. Interessanter Aspekt – vielen Dank, lieber Manuel. Allerdings würde ich Schopenhauer mit seiner Forderung nach “gewöhnlichen Wörtern” nicht am Stammtisch verorten. Er war ja selbst ein Meister der ungewöhnlichen Wörter und wendet sich mit seiner Polemik gegen die inszenierte Ungewöhnlichkeit des Preziösen, Gestelzten etc. Die Frage ist halt, ob die ungewöhnlichen Wörter durch einen entsprechen originellen Inhalt gedeckt sind…
    Ich klinge manchmal apodiktischer, als ich es meine (hier komme ich um das fremde Wort nicht herum, alle deutschen Entsprechungen lassen sich nicht steigern…). Es liegt mir fern, ungewöhnliche Wörter zu tabuisieren, wenn ich auch glaube, dass man mehr Wirkung erzielt, wenn man Fremdwörter soweit möglich durch entsprechende deutsche (oder ins Deutsche eingegangene) Wörter ersetzt. Ich wende mich vor allem gegen den Missbrauch der ungewöhnlichen Wörter (eben das Distinktionsgehabe, das du erwähnst) und gegen den Zwang zur gestelzten Redeweise, den ich beim akademischen Schreiben manchmal wahrnehme.
    Ob das in irgendeiner Weise transformativ ist, kann ich natürlich nicht sagen. Ich würde mir jedenfalls mehr Mut zur gewöhnlichen Sprache wünschen, vor allem würde ich die Studentinnen und Studenten gern vom Jargon erlösen. Als Erstsemester dachte ich damals: Wenn ich das Wort “Identität” so verwenden kann wie die Großen, dann habe ich es geschafft! Heute steht das Wort bei mir auf dem Index. Wenn man es vermeiden möchte, wird man zum Nachdenken gezwungen. Und das sollte doch Sinn & Zweck der Geisteswissenschaften sein.

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  13. Katharina Raabe 19. September 2018 um 14:23

    Liebe Sieglinde,

    erst heute heute bin ich auf Eure Debatte gestoßen, die ich mit Spannung gelesen habe. In der Polemik gegen die jargonbewehrte, für Laien schwer oder gar nicht verständliche Fachsprache in den Geisteswissenschaften ist der wesentliche Hinweis von Luca Giuliani ein wenig untergegangen: Wenn Grammatik und Syntax unklar werden, stimmt etwas mit der Gedankenökonomie nicht.

    Ohne fachsprachliches Vokabular kommt keine Disziplin aus; diese Sprachen haben ihre eigene Geschichte und bringen oft neue, überaus reizvolle Bildungen hervor. Bei einem schönen alten Begriff wie Identität die Schotten dicht zu machen und auf eine deutsche Entsprechung zu pochen aus Trotz gegen “die Großen” kommt mir wie falsch verstandene intellektuelle Askese vor. Natürlich gibt es irrwitzige Begriffsbildungen, hinter denen sich etwas Gedachtes/Gemeintes verbirgt oder auch nicht, man will es gar nicht wissen!

    Aber meist sind es nicht die Wörter oder Termini, die einen wissenschaftlichen Text unlesbar machen, sondern die Art und Weise, wie die Wörter im Satz angeordnet sind. “Ich will alles unterbringen, die Reihenfolge ist mir nicht so wichtig”, lautete die Antwort eines Autors, eines Historikers, der sich gegen mein Lektoren-Kannitverstan zur Wehr zu setzen versuchte. Nicht auf Schönheit der Sätze komme es an, sondern auf ihre Unwiderlegbarkeit. Wirklich?

    Ich ließ mir seinen Gedanken, das Argument erklären, und im Gespräch entpuppte sich die scheinbar unwiderlegliche These als ein schwieriger, aber durchaus nicht unaussprechlicher, sondern als klar und differenziert zu bennennder Sachverhalt.
    Da dieser Autor wusste, was er sagen wollte, sich aber zugleich nach verschiedenen Seiten hin absichern musste, hätte jede Art der Übersetzung (oder eher: Ent-Verklausulierung) nicht weitergeholfen. Statt dessen hat er Nominalkonstruktionen aufgelöst, Genetivketten zerrissen, ein paar mehr Verben zum Einsatz gebracht und die architektonische Funktion der Satzklammer entdeckt.

    Komplexe Sachverhalte brauchen eine differenzierte, manchmal auch strategisch verwendete Sprache. Aber lesbar ist alles, sofern sich das, was gesagt werden soll, im Schreiben (oder besser vorher im Kopf) klären lässt und die Sätze gut gebaut sind.

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    1. Spannend, liebe Katharina, vielen Dank für den erhellenden (und so lebendig erzählten) Kommentar. “Ich will alles unterbringen, die Reihenfolge ist mir nicht so wichtig” – ein ungeheurer Satz. Ich verwende manchmal für die Veranschaulichung des Satzbaus das Bild eines Eisenbahnzugs: Die Lokomotive ist der Hauptsatz, der Motor das Verb, und die folgenden Wagen sind die angehängten Nebensätze. Diese Wagen fahren ihre Ladung (sprich: Inhalt, Bedeutung, Gedanken etc.) vom Kopf des Schreibers in den Kopf der Leserin, die dann diese Wagen wieder auspacken muss. Wenn man nun einfach alles irgendwie hineinstopft, ohne Rücksicht auf Gewicht und Volumen der einzelnen Teile, ist das Auspacken mühselig, man muss erst viel Überflüssiges wegräumen, bis man an den Schatz kommt, manchmal ist er gar nicht mehr zu sehen hinter all dem Kram, den man eben auch noch unterbringen wollte etc.
      Das zweite, was mir bei deinem Kommentar ins Auge sticht, ist das Wort “absichern”. Das ist der Würgegriff der Angst (laut Stephen King ist Angst der Grund für die meisten schlechten Texte…). Man opfert lieber die Verständlichkeit (und damit den Leser), als das Risiko einzugehen, etwas weggelassen oder übersehen zu haben. Als ob das dem Gedanken, wenn er etwas wert ist, viel anhaben könnte…
      Noch ein Wort zu meinen Vorbehalten gegenüber dem Wort “Identität”: Das hat nichts mit “Trotz gegen die Großen” zu tun, sondern mit der Beliebigkeit, mit der dieser Begriff oft verwendet wird. Ich bin da nicht strikt, aber immer, wenn ich das Wort verwende, weiß ich, dass ich ein wenig kneife, es mir bequem mache. Denn wenn ich es ersetzen müsste, müsste ich noch einmal ganz neu darüber nachdenken, was ich eigentlich sagen möchte… Es ist, als würde ich ein Wort von anderen verwenden und den Aufwand scheuen, es mit meinen eigenen Worten zu sagen.

    2. Mir geht das mit dem Absichern nicht mehr aus dem Kopf. Diese Absicherungsmaßnahmen dienen nicht dem Transport von Wissen, sondern nur dem Zeigen, dass man alles Nötige weiß. Das interessiert aber den Leser nicht, nur allfällige Prüfungsinstanzen (oder missgünstige Kolleginnen, die nur auf eine Lücke warten, auf die sie sich stürzen können).
      Das Absichern ist für die genuin interessierte Leserin purer Ballast.
      Daher schlage ich vor, jeweils zwei Versionen von Wissenschaftstexten zu veröffentlichen: Eine abgesicherte für den wissenschaftsinternen Bereich, und eine ballastfreie für den Rest der Welt.

  14. Soso, das schlägst Du also vor. Wem denn? Und woher soll das Zeitbudget für die Wissenschaftlerinnen kommen, jede Publikation zweimal zu schreiben?

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    1. Darauf habe ich ja nur gewartet!
      Es ist natürlich ein Vorschlag mit Hintergedanken: Wenn die Wissenschaft merkt, dass man ohne den ganzen Ballast endlich wieder zum Denken kommt, könnte auch das Schreiben ein anderes werden. Ich erinnere mich an das Wort “Knochenarbeit”, das sagten die Assistenten immer, wenn sie von ihrer Habil sprachen. Wenn man die ganzen Absicherungskotaus nach rechts und links wegließe, würde das Schreiben vielleicht auch nicht mehr so in die Knochen gehen, sondern – horribile dictu! – Spaß machen, und zwar den Schreiberinnen wie den Lesern.
      Und dann wäre das mit dem Zeitbudget auch kein Problem mehr, weil es sich dann nämlich nicht nur besser, sondern auch schneller schreibt… (und den pro forma-Text für die sog. Wissenschaft könnte man sich sparen, den würde dann sowieso niemand lesen)
      P.S.: Ich habe das jetzt im vollen Bewusstsein der häretischen Potenz meiner Aussagen geschrieben!

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