Cécile Wajsbrots Roman Eclipse ist Teil eines vierbändigen Zyklus zur zeitgenössischen Kunst. In diesem Band geht es um Fotografie und Songs. „Total eclipse of my heart“, der Song von Bonnie Tyler ist nur einer von mehreren möglichen Namensgebern für den Titel des Romans. Doch am Anfang steht eine andere „Verfinsterung“: die atomare Verwüstung Hiroshimas, die nur ein einziger Ginkgo-Baum überlebt. Damit setzt die Autorin einen von vielen Themensträngen, die sich durch das ganze Buch ziehen: die Wüste und der Baum des Überlebens.

Was haben die Wüste oder die Verwüstung, was hat das Überleben mit der Fotografie zu tun? Die Ich-Erzählerin ist Fotografin, sie hätte gern ihr endgültiges Foto in Hiroshima aufgenommen. Doch wie das Verschwinden und das Überleben im Foto festhalten? „Du hast nichts gesehen in Hiroshima“ – wenn man Cécile Wajsbrots Texte kennt, würde man dieses Zitat erwarten, in dem Marguerite Duras die Schwierigkeit der Zeugenschaft benennt. Was also zeigt ein Foto, was verbirgt es? Was sehen wir, wenn wir nichts sehen?Doch stattdessen erscheint 140 Seiten später der Satz „Nichts kann vom Desaster zeugen“.

Zunächst aber schwenkt der Text von Hiroshima nach Paris, und zwar zur Beschreibung der ersten Fotografie von Louis Daguerre, auf der fast nichts zu sehen ist: ein breiter Boulevard ohne Menschen und Fuhrwerke. Paris nach einer nuklearen Katastrophe? Zeigt das Foto die Vergangenheit oder die Zukunft? So fragt sich die Fotografin. Doch zur Zeit der ersten Fotografie war die lichtempfindliche Platte noch nicht in der Lage, Bewegung abzubilden, und deswegen sieht man nichts außer der Straße und den Häuserfassaden. Was also zeigt ein Foto, was verbirgt es? Was sehen wir, wenn wir nichts sehen? Diese Fragen, die mal implizit, mal explizit den Auftakt des Buches bilden, scheinen den Leser zunächst auf die Spur eines Essays zur Ästhetik zu führen.

Das Unsichtbare in uns

Dann jedoch beginnt eine Geschichte: Die Ich-Erzählerin hört ein Lied von Leonard Cohen, das sie an ihren ehemaligen Geliebten erinnert. Wir erfahren, dass es sich um einen ungarischen Dichter handelt. Doch sogleich wird der Fortgang der Geschichte wieder unterbrochen von eingestreuten Überlegungen zur Erinnerung und Wahrnehmung, und in dem beständigen Wechsel zwischen Erzählung und Essay taucht ein weiterer Themenstrang auf, der das Buch durchwebt: Was unterscheidet Fotografie und Songs hinsichtlich der Wahrnehmung von Zeit und Bewegung? Die Fotografin hat lange versucht, Gesichter zu fotografieren, ihren Ausdruck einzufangen. Doch in seiner Unbeweglichkeit und Erstarrung kann das Bild das Entscheidende nicht zeigen: „Ein Gesicht wird sichtbar durch den Prozess des allmählichen Erscheinens und Verlöschens.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt die Fotografin durch das Hören der Musik:

…ein Lied richtet sich an das Unsichtbare in uns … es lassen sich verschwommene Konturen erkennen, die im Raum schweben wie die Stimme Leonard Cohens.

Die Dinge aus ihrer Erstarrung lösen – mithilfe der Musik und einer Begegnung im Café findet die Fotografin einen neuen Weg in ihrer künstlerischen Tätigkeit. Von einem Gast des Cafés – er wird später ihr Liebhaber – nimmt sie eine Serie von Bildern auf, die ihn von hinten zeigen, wie er eine Straße hinuntergeht. Sie fotografiert sein Verschwinden. Angeregt dazu wird sie durch die Musik:

Ich hatte es für möglich gehalten, das Leben erstarren zu lassen, es wie ein Bild zu fixieren, doch das Lied, das meine Erinnerungen entfachte, bedeutete mir, dass sich mein Leben noch immer in Bewegung befand.

Und so erlebt die Protagonistin beim Hören der Lieder von Leonhard Cohen, Joan Baez, Bob Dylan, Sinéad O’Connor, Amy Winehouse, Bruce Springsteen und vielen anderen jeweils eine Stimme, „die sich aus der Tiefe der Zeit erhebt und sich an das Unsichtbare in uns richtet“. Lieder seien wie Briefe, die unbeantwortet blieben und die an jedermann gerichtet seien. Jedes Kapitel von Eclipse trägt als Überschrift den Titel eines Songs, und jeder Song verweist wiederum auf andere Songs und Werke der Literatur. So lässt sich das ganze Buch als ein parataktisch verlaufender Strom gegenseitiger Verweise zwischen Songs und Büchern, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Zerstören, Verschwinden und Überleben lesen, als Verweise zwischen Einsamkeit und Erinnerung beim Hören von Liedern und Texten. „So führt ein Werk zum anderen, eine Kunst zur anderen“, räsoniert die Protagonistin. In einer „Welt der Ungewissheiten, der verhüllten Wirklichkeit“, wie es die Fotografin hinter dem Vorhang eines nicht endenden Regens im Winter erlebt, bleibt vielleicht „nur“ das Zitat oder das Verweisen des Einen auf das Andere.

Motive in Variationen

Die Autorin schüttet ein Füllhorn an assoziativen Verweisen aus – von Bruce Springsteen zu John Steinbeck, von Sinéad O‘Connor zu William Butler Yeats, von den Walkabouts zu Paul Bowles. Exemplarisch ist auch Cécile Wajsbrots Art des Schreibens: ein zartes Aneinandertupfen von Sätzen, die zunächst oft als überraschende Sprünge über Zeiten und Räume hinweg erscheinen. So zum Beispiel bei den Verweisen zwischen Yeats und O‘Connor:

Heute werde ich die Verse von Yeats‘ Gedicht aufsagen, das den Titel trägt No second Troy. Dezember 1908, Yeats, verbrannt nach einer einzigen Liebesnacht mit jener Frau, die für die Unabhängigkeit Irlands eingetreten war. Eine einzige Nacht, hatte sie gesagt. Sie hieß Maud Gonne, aber Yeats gab ihr den Namen Helena von Troja. Jene, die den Krieg auslöste, so wie Maud ihn gern im Namen der Freiheit ausgelöst hätte. Eine Schönheit, wie sie heutzutage nicht mehr existiert, sagt er, ein Geist, wie er heute nicht mehr existiert……..Gemeinsam erstehen sein Gedicht und das Lied von Sinéad O’Connor aus den Ruinen von Troja auf….Er sagt: Was there another Troy for her to burn? Und Sinéad O’Connor antwortet: There is no other Troy for me to burn. Ich lausche ihrem Dialog durch das 20.Jahrhundert, 1908 – 1987, und füge das Kodizill des 21.Jahrhunderts hinzu. Am besten überleben die Ruinen von Troja.

Bei wiederholtem Lesen des Buches zeigt sich ein beinah talmudisch anmutendes Gewebe, in dem sich der Text immer wieder selbst neu zitiert und auf sich verweist. Oder wie ein langes Lied, in dem bestimmte Motive in Variationen je neu auftauchen. Die Wüste und das Überleben – beide Motive des Beginns klingen wie eine Tonfolge durch den Text hindurch wieder und wieder an. Die Protagonistin erlebt die ungarische Sprache ihres ehemaligen Geliebten als Wüste, O’Connors Klage im Lied Troy ist ein „Schrei in der Wüste“, im Lied Travels in the Dustland von den Walkabouts verwüstet die Dürre der 30er Jahre das amerikanische Farmland, Menschen müssen fliehen vor der Trockenheit, auf der Route 66, bevor sie zur mythischen Straße des Rock ’n‘ Roll wurde. An dieser Straße scheint auch das gleichnamige Album der Walkabouts geboren: „Ein aus der Wüste hervorgegangenes Album, das die Wüste durchreist, die Wüste der Hoffnungen, der Gefühle“.

Geäst, Fächer und Netz

Eines Tages hört die Protagonistin ein Lied von Françoise Hardy über einen verwüsteten Garten – die Frage der Rückkehr und des Überlebens von Bäumen (und Menschen) in der Wüste taucht erneut auf:

Ich bin in den Park zurückgekehrt. Zum ersten Mal habe ich die kahlen Bäume und ihr Wesen, ihre Präsenz gesehen. … Ich habe ihre flehenden Äste gesehen, die wie Hände zum Himmel gereckt waren, Hände, die versuchen, sich der Last der Stämme und der Wurzeln zu entreißen, ich habe ihre Trauerzweige gesehen, die sich unter des Last des Lebens und des Schicksals beugten. Und ich habe die Harmonie gesehen, das Gleichgewicht der Proportionen und Formen zwischen dem Stamm und dem Geäst, die perfekte Linie, den ergreifenden Fächer, die komplexen Netze, die verzweigter sind als Straßen und Flüsse, Hauptäste, Nebenäste, die auseinanderdriften und sich emporstrecken, wobei zwar jeder versucht, höher zu steigen, aber doch zu einem Ganzen gehört … fern von den komplizierten Herzen der Menschen, näher an der Ausrichtung, dem Aufschwung zu einem Anderswo.

Auch der Text selbst erscheint als solch ein feines Geäst, als Fächer und Netz, in dem er Brüche und Katastrophen überlebt. Die Fülle an Verweisen und intertextuellen Zitaten ist so reich, dass man bei jedem Wiederlesen einen neuen Text vor sich zu haben meint. Und dies nicht nur wegen des fortlaufenden Changierens zwischen ästhetischem Essay und poetischer Erzählung. Ist der Text selbst jene „Stimme aus der Tiefe der Zeit, die sich an das Unsichtbare in uns richtet“? Cécile Wajsbrot versteht es, ihre Leser mit leisen Tönen am Geheimnisvollen teilhaben zu lassen.

Angaben zum Buch
Cécile Wajsbrot
Eclipse
Roman · Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer
Matthes & Seitz 2016 · 232 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 978-3-95757-263-9
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Bildnachweis:
Beitragsbild: Sonnenfinsternis am 15. Januar 2010 in Jinan (Volksrepublik China)
Von A013231 (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons
Buchcover: Matthes & Seitz

Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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