Am Ende der Rezension finden Sie ein Glossar, das die medizinischen Fachbegriffe erklärt.
Mit seinem Buch Gewalt und Mitgefühl – die Biologie des menschlichen Verhaltens legt der Biologe Robert Sapolsky eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme vor. Er beginnt mit einer Warnung:

Es wird kompliziert!

Das Buch hält, was sein Autor verspricht. Auf mehr als tausend Seiten analysiert Sapolsky das menschliche Verhalten: von der Gewalt über die Indifferenz bis zum Mitgefühl und zur Liebe, bisweilen fast auf Fachbuchniveau, verteilt auf die Disziplinen der Anthropologie, der Neuro-Biologie, der Psychologie und der Kulturwissenschaft.

Die Evolution einer Handlung

Sapolskys Vorgehensweise ist episch-chronologisch. Er erzählt eine menschliche Handlung – ein Schlag ins Gesicht etwa oder die zärtliche Berührung eines Arms – wie einen Roman. In immer neuen Schleifen und Redundanzen baut er alle Ursachen dieses Verhaltens ein. Im ersten Teil seines Buchs lässt Sapolsky dabei die biologischen und entwicklungspsychologischen Voraussetzungen einer menschlichen Handlung Revue passieren, im zweiten Teil interpretiert er diese Fakten dann subjektiv auf ihre politische Bedeutung hin.
Bei der biologischen Analyse spannt er den Bogen, soweit es geht: von den Millisekunden kurz vor der Handlung bis zurück zu den Jahrmillionen alten evolutionären Verhaltensgrundlagen. Unmittelbar vor einer aggressiven Tat kann zum Beispiel eine Stimulation der Amygdala stehen: Sie ist Teil des limbischen Systems. Ängste reizen sie zur aggressiven Abwehr des Stimulus. Das dopaminerge Belohnungssystem wiederum ist wichtig für das Suchtverhalten oder die Anerkennung in der eigenen Gruppe.

Das Phänomen der Angstlust

Wie Sapolsky zeigt, ist das menschliche Gehirn so gebaut, dass die Vorfreude stärker wirkt als die Freude. „All das ist nicht neu für die Amateurpsychologen, die Las Vegas managen,“ schreibt Sapolsky. Auch das dopaminerge System ist Teil des limbischen Systems und mit der Amygdala verschaltet. Damit lässt sich wiederum das Phänomen der Angstlust erklären. All diese Verhaltensschleifen werden vom präfrontalen Kortex reguliert, dem Stirnhirn, das erst etwa mit 25 Jahren voll entwickelt ist und sich daher als Hebelansatz für eine Verhaltensänderung eignet.

Da der frontale Kortex zuletzt reift, ist er definitionsgemäß die Hirnregion, die am wenigsten durch Gene und am meisten durch Erfahrung geprägt wird.

Sodann widerlegt Sapolsky die immer wieder behauptete Legende, dass die Hormone Testosteron und Oxytocin aggressiv-männliches resp. sanftmütig-mütterliches Verhalten verursachen würden. Hormone verstärken lediglich Tendenzen, wobei das „mütterliche“ Oxytocin durchaus aggressionsfördernd wirken kann, indem es Schutzinstinkte triggert. Die große propagandistische Wirksamkeit von Kindsraubgeschichten könnte hier ihr neurobiologisches Korrelat haben.

Das Überwinden von Vorurteilen

Kulturelle und gesellschaftliche Einflussgrößen sind unbedingt hinzuzudenken, wenn es um das Verhalten geht. Hirnscan-Untersuchungen haben ergeben, dass das bewusste Wegdenken der eigenen Kultur ein kognitiver Willensakt ist, der Anstrengung erfordert. Ist jemand also kulturell auf die Ablehnung einer Fremdgruppe geprägt, ist das Überwinden dieser Vorurteile ein bewusster Prozess, er kann nicht automatisch erfolgen.

Die Kultur legt also buchstäblich fest, wo und wie wir die Welt betrachten.

Würde ein Kulturwissenschaftler das sagen, wäre es eine Plattitüde. Dass ein Biologe dies sagt, ist bemerkenswert.

Man sieht, leicht macht Robert Sapolsky es uns nicht. Die Faktoren, die unser Verhalten beeinflussen, sind kaum überschaubar: Amygdala, Dopaminsystem, präfrontaler Kortex, Hormonspiegel, umweltbedingte epigenetische Prägungen, kultureller Fundus, Verhaltensevolution, Gene. Diese Einflussgrößen sind ineinander verdrillt und in ständiger Wechselwirkung. Sapolsky sieht sie überdies als gleichberechtigt an: Gene sind nicht wichtiger als die Umwelt, und beide sind wiederum nicht wichtiger als Kultur, Hormone, Neurotransmitter oder andere Faktoren. Die Absage an ein Ranking hat weitreichende Implikationen. Sapolsky lehnt jede Form des Essenzialismus ab: Biologisches Geschehen ist multifaktoriell und diese vielen Faktoren sind gleichwertig. Würde man einen Faktor als wesentlich setzen, so würde man essenzialistisch denken und diese eine gesetzte Grundannahme als wesentlichsten Grund des menschlichen Daseins sehen.

In einer launigen Anekdote über seine Mutter verdeutlicht Sapolsky, was er unter Essenzialismus versteht und indirekt auch, was er von diesem Konzept hält:

Ich hatte auch eine persönliche Erfahrung mit extremem Essenzialismus: 1976/77 wurde New York durch die Mordserie, die später unter der Bezeichnung „son of sam“ bekannt wurde, in Angst und Schrecken versetzt. […] Im August 1977 endete sie mit der Verhaftung von David Berkovitz. […] Einen Monat später – ich war wieder im College – läutete das Telefon. Mein Zimmergenosse nahm ab und reichte mir etwas verwirrt den Hörer: „Deine Mutter, sie scheint ziemlich aufgeregt zu sein.“ „Hallo Mom, was gibt’s?“ Euphorisch, erleichtert und triumphierend zugleich schrie sie in den Hörer: „David Berkovitz! Er ist adoptiert! Adoptiert! ER IST KEIN JUDE!“ Auf meine Mutter wartete allerdings noch eine ironische und enttäuschende Wendung. Die biologische Mutter von Berkovitz […] war Jüdin – genauso wie sein biologischer Vater […].

Gen und Kontext

Diese philosophische Grundannahme, den Essenzialismus abzulehnen, taucht in den epischen Schleifen von Sapolskys Wissenschaftserzählung immer wieder auf. Hiermit korrespondiert seine zweite Grundannahme: Handeln ist immer kontextabhängig und kann nur in seinem Zusammenhang bewertet werden.

Frag nicht, was ein Gen tut; frag, was es in einem bestimmten Kontext tut.

Denn in unterschiedlichen Kontexten kann ein und dasselbe Gen sich unterschiedlich verhalten. Mal ist es Text, mal Kontext, wie übrigens alle anderen Variablen ebenfalls, deshalb kann das Gen laut Sapolsky auch nicht essenziell sein, also keine Vorrangstellung gegenüber anderen Faktoren einnehmen.

Aggressionen gegen das Fremde

Im zweiten Teil des Buchs setzt Sapolsky diese biologischen Grundlagen in ein Verhältnis zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Damit wendet sich das Buch von der objektiven Bestandsaufnahme zum subjektiven Resümee. Hier wird die Naturwissenschaft dezidiert politisch: Sapolsky geht es um Wir und Sie, um die Dichotomie der Ausgrenzung und damit um die Aggression gegen Fremde und um den Ekel, den manche beim Anblick von Fremden verspüren. Es geht ihm weiterhin um die automatisch ablaufenden Mechanismen der Unterdrückung und des Gehorsams gegenüber Befehlshabern, den man bei kollektiven Verbrechen so häufig beobachten kann. Immer wieder kehrt Sapolsky zu den Beispielen der Nazizeit zurück. Viele weitere Beobachtungen stammen aus Ruanda, wo er vor dem Völkermord als Forscher tätig war:

Ein paar Jahre vor den Ereignissen verbrachte ich einige Zeit im Land, um Berggorillas […] zu beobachten. Natürlich, kläglich, dümmlich, schmerzlich, irgendwas-lich kam ich von dort mit der Überzeugung zurück, die Menschen seien freundlich und großzügig. Ich nehme an, dass fast jeder, dem ich damals begegnet bin, heute tot, ein Mörder und/oder Flüchtling ist.

Was war geschehen? Nun, das, was immer geschieht. Mit Hilfe von Metaphern wurde einer Bevölkerungsgruppe, den Tutsi, das Menschsein abgesprochen (Kakerlaken!). Zum einen wurden die kulturell bedingten negativen Bilder mit Reizungen der Amygdala (Angst!) und dem Insellappen (Ekel!) verbunden. Zum anderen gab es unter den Hutu eine kulturelle Tradition des Gehorsams.

Entmenschlichung, Pseudospezifikation. Die Werkzeuge der Hasspropagandisten. ‚Sie‘ sind ekelhaft. ‚Sie‘ als Nagetiere, als Krebsgeschwür, als vormenschliche Evolutionsstufe, ‚Sie‘ als stinkende Horde […] ‚Sie‘ als Kot und Dreck. Bringen Sie die Insellappen Ihrer Anhänger dazu, das Buchstäbliche und das Metaphorische zu verwechseln, und Sie sind zu 99 Prozent dort, wo sie hinwollen.

Ein Kapitel trägt die Überschrift: „Metaphern, mit denen wir töten“.

Die egoistischen Wurzeln der Empathie

Wie kann man den Widerstand gegen diese Entmenschlichung stärken? Reicht unser freier Wille dafür überhaupt aus? Laut Sapolsky ist er eingeschränkt. Und, so dürfen wir hinzufügen, wie alles andere im Leben ist auch der freie Wille kontextabhängig. Er wird umso schwächer, je weniger frei die Umgebung ist: Armut, Hunger und eine Kindheit in einer gewaltsamen Umwelt lassen ihn schwinden.

Was ist mit der Empathie? Obwohl es auch für sie biologische Erklärungen gibt, macht uns Sapolsky keine große Hoffnung, denn die Empathie hängt eng mit dem lernenden Einfühlen zusammen und damit, ob wir von den anderen einen Nutzen haben. Auch die Empathie hat also egoistische Wurzeln. Sapolsky drückt es drastisch aus:

Kratz an einer altruistischen Ratte, und du siehst eine Heuchlerin bluten.

Den „reinen“ Altruismus gibt es nicht. Sapolsky verweist auf das „Münchhausen by-proxy-Syndrom“, bei dem jemand eine Krankheit bei Dritten vortäuscht oder dramatisiert, um eine medizinische Behandlung zu erzwingen. Ein Altruismus sei nur dann verlässlich, wenn er die eigenen Bedürfnisse nicht ausklammere.

Individuation als Gegengift

Auch Sapolsky hat kein Patentrezept gegen die aggressiven Impulse des Menschen. Aber er hat zumindest eine Richtung. Der Weg kann nur über das Bewusstsein laufen, biologisch gesprochen: über den präfrontalen Kortex, der sowohl Gefühle als auch Gedanken verarbeitet. Es ist der Weg über das „Ich“, das sich nicht über ein „Wir“ definiert. Für Sapolsky ist Individuation das Gegengift gegen den Essenzialismus, also jener Narrative, die willkürliche Behauptungen als essenziell setzen – etwa ein Volk oder eine Schicht – und Fremdes als dieser Essenz, dem Sein also, entgegengesetzt. Nur wer sich als Ich und nicht ausschließlich als Wir erlebt, kann das Ich im anderen erkennen.

Sapolsky zeigt noch einen zweiten Weg, um der Aggression Widerstand zu leisten: die Ablehnung der Fremddefinition.

Eine der wichtigsten Wurzeln des Widerstands ist die Rückeroberung des Narrativs. […] Ein entscheidender Schritt hin zum Widerstand der Opfer besteht darin, dass man die Macht erlangt, sich selbst zu definieren.

Robert Sapolsky ist ein dialektischer Biologe. Er hat ein schwieriges, schönes Buch geschrieben, das ein Kultbuch werden könnte – wie seinerzeit Gödel, Escher, Bach.


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Das limbische System
Das limbische System ist ein Konstrukt der Hirnforschung. Es beschreibt ein verschaltetes System von Nervenkernen, in dem Emotionen und Triebe entstehen und verarbeitet werden. Die frühere Sicht eines abgeschlossenen „Emotionssystems“ mit einigen Ausgängen zum Großhirn ist überholt. Alle Nervenkerne haben In- und Output zu fast allen anderen Bereichen des zentralen Nervensystems.

Die folgenden Strukturen sind Teil des limbischen Systems

Amygdala (Mandelkern)HippocampusThalamusPräfortaler Kortex
In der Amygdala kommen angstauslösende Reize an und werden weitergeleitet. Offenbar spielt dieser Hirnbereich auch eine Rolle bei lustbetonten Empfindungen. Wer die Amygdala reizt und diesen Reiz mit dem Erkennen des vermeintlich Bösen in einer Fremdgruppe verbinden kann, hat den ersten Schritt in Richtung Ressentiment getan, weil man das Ressentiment auch als eine Lustbefriedigung sehen kann. Die Lustbefriedigung läuft dann über die Aggression gegen das Fremde, das wiederum Angst auslöste.
Im Hippocampus wird Wahrgenommenes verschaltet, in die Großhirnrinde weitergeleitet und im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Eine doppelseitige Hippocampusschädigung macht es unmöglich, Neues im Langzeitgedächtnis zu speichern, es folgt eine anterograde, also in die Zukunft gerichtete, Amnesie.
Der Thalamus ist ein Konglomerat aus Nervenkernen, das anatomisch im Zwischenhirn angesiedelt ist. Er ist gewissermaßen der Wächter, den jede Wahrnehmung überwinden muss, um ins Bewusstsein zu gelangen. Dieser Wächter wiederum ist mit allen Teilen des Gehirns verschaltet, erhält also seine Maßgaben von überall her.
Der präfrontale Kortex ist offenbar Sitz unserer moralischen Werte, unserer Selbstkontrolle, unserer Handlungsplanung und auch unseres Gedächtnisses. Schädigungen des präfrontalen Kortex können zu Soziopathie, Gedächtnisstörungen und Empathieunfähigkeit führen.

Angaben zum Buch
Robert Sapolsky
Gewalt und Mitgefühl
Die Biologie des menschlichen Verhaltens
Aus dem Englischen von Hainer Kober und Antoinette Gittinger
Hanser 2017 · 1024 Seiten · 38 Euro
ISBN: 978-3446256729
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis
Beitragsbild: Medialansicht eines halbierten menschlichen Gehirns, lateinisch beschriftet
via Wikimedia
CC by SA 3.0

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Von Herwig Finkeldey

2 Kommentare

  1. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 18. Januar 2018 um 12:54

    Sehr schön. Eine Ergänzung, besser Bestätigung durch die Philosophie: „Ein altruistisch gemilderter Egoismus ist alles, was wir vernünftigerweise erwarten können.“ – John L. Mackie, australischer Philosoph. Zumindest auf der Ebene des Konkreten dürfte das auch so sein.

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  2. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 18. Januar 2018 um 13:00

    Eine Ergänzung noch: Hoimar von Ditfurth, Populärwissenschaftler im m.E. besten Sinn des Wortes: „Aber dann muss das Großhirn eingeschaltet werden“
    Guckstu, besonders ab Min 15:00:
    https://youtu.be/k6UB57GG9Qo

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