Seit der Entschlüsselung der DNA durch James Watson und Francis Crick im Jahr 1952 galt es als ausgemacht, dass die angeborene Zufälligkeit der Gene uns mehr beeinflusst als alles andere. Nature or nurture? Genetische oder kulturelle Prägung? Jahrzehntelang waren sich die Biologen einig: Nature natürlich!

Diese Sicht auf den Forschungsgegenstand der Biologie – das Leben – gipfelte in den Neunzigerjahren in einer Untersuchung, die zum „Jahrhundertprojekt“ hochgeschrieben wurde: dem Human Genome Project (HGP). 100.000 Gene des menschlichen Genoms wollte man finden. Habe man diese erst einmal entschlüsselt, würden sich weitere Erkenntnisse wie von selbst ergeben.

Wechselspiel zwischen Vererbung und Umwelt

Wer in diesem auf Genetik fokussierten Forschungsklima geltend machen wollte, dass auch die Umwelt die Entwicklung des menschlichen Lebens maßgeblich beeinflusse, wurde schnell als unwissenschaftlich abgetan. Auch moralische Wertungen fehlten nicht, wie Peter Spork darlegt:

Die wenigen Experten, die das anders sahen […], wurden verächtlich in die esoterische Ecke gestellt.

Dabei hatte Conrad Hal Waddington schon in den 1940er Jahren ein Wechselspiel zwischen Vererbung und Umwelt postuliert. Von ihm stammt der Begriff „Epigenetik“ für das Zusammenwirken von Epigenese und Genetik bei der Entwicklung eines Lebewesens. Hier hätte man damals anknüpfen können, aber die Wucht der Watson/Crickschen Entdeckung zehn Jahre später war offenbar zu groß. Das Gen allein schien der Schlüssel zu sein. Dabei hatte es immer Warnungen vor einer einseitig genetischen Sicht gegeben – unter anderem von praktischen Ärzten, die dieses biologische Paradigma bei ihren Patienten keineswegs 1:1 wiederfanden.

Auch Biologen wie Thomas Jenuwein begannen in den 1980er Jahren zu forschen. Was sie fanden, war nichts weniger als „das biologische Substrat für Waddingtons Ideen“.

Dauerhafte Gen-Veränderungen

Nicht nur das Vorhandensein eines Gens ist für die Lebensausprägung wichtig, sondern auch die Frage, ob und vor allem wie häufig dieses Gen aktiviert wird. Dieser Aktivierungszustand hängt stark von epigenetischen Faktoren ab, die ihrerseits von der Umwelt beeinflusst sind.

Wer Genomik und Epigenomik kombiniert, belauscht das Gespräch aus Erbe und Umwelt, beschäftigt sich mit dem Werden des Lebens, nicht mit seiner Statik.

Für diese epigenetischen Effekte im Umfeld der DNA gibt es auf molekularer Ebene mehrere Mechanismen. Von allgemeinem Interesse ist die folgende Erkenntnis: Die epigenetische Modifikation kann dauerhaft werden; damit ist sie keinesfalls nur eine Momentaufnahme, sondern Prägung. Diese dauerhaft geprägte Genregulation nennt Spork „übergeordnete Ebene“. Prägung und Gen sind für das Leben notwendig, das eine ohne das andere nicht denkbar. Diese grundlegende Erkenntnis lässt für Spork nur einen Schluss zu:

Vergesst die Gene! Vergesst die Umwelt!

Das Wechselspiel ist entscheidend, ohne Dominanz einer Seite, ohne Ranking der einzelnen Faktoren. Der Streit um die Frage „nature or nurture“ gehört damit der Vergangenheit an.

Molekulare Prägung

Wir sind die Gesamtheit von allem. Und diese Gesamtheit schließt selbstverständlich auch unsere Gesundheit ein:

Ob wir krank werden oder nicht, ob wir frühzeitig altern oder lange fit bleiben, darüber entscheidet […] die übergeordnete Ebene.

Das kann sich sogar auf die nachfolgenden Generationen auswirken, denn Forscher haben mittlerweile Belege dafür gefunden, dass es auch in den Keimzellen epigenetische Effekte gibt. Die Keimzellen spiegeln den Zustand zum Zeitpunkt ihres Entstehens. Im Fall der weiblichen Eizelle kann der Einfluss bis in die Enkelgeneration reichen. Berühmtestes Beispiel sind die Keimbahnveränderungen bei Holländern, die im Hungerwinter 1944/45 gezeugt wurden. Sie leiden verstärkt an Diabetes und Übergewicht und zeugen ihrerseits wiederum untergewichtige Kinder. Auch die molekulare Prägung durch ein Trauma wie den Holocaust ist kaum noch zu bestreiten und inzwischen Gegenstand intensiver Forschungen.

Spork gelangt zu dem Fazit:

Wir vererben definitiv mehr als unsere Gene.

Das ist eine biologische Revolution: Erste Anmerkungen ernsthafter Wissenschaftler gehen schon dahin, Jean-Baptiste de Lamarck mit seiner Theorie der gerichteten, direkt auf die Umwelt reagierenden Evolution in die naturwissenschaftliche Diskussion zurückzuholen. Nun, das ist möglicherweise ein wenig übertrieben, denn der Genpool selbst wird ja nicht verändert, doch die Erkenntnisse der Epigenetik sind mittlerweile in der Fachwelt anerkannt. Selbst Craig Venter, einer der Initiatoren des Human Genome Projects, gibt zu: „Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast schon peinlich ist.“

Richtungswechsel für die Medizin

Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass es neben den rein medizinischen Aspekten der Epigenetik auch allgemeinere Fragen aufgreift und hier ganz nebenbei einige liebgewonnene Vorurteile des genetischen Zeitalters in Frage stellt. Da wäre das Merkmal Intelligenz, das manche sicherlich bis heute als ausschließlich vererbt ansehen. Spork erklärt knapp und bündig, dass komplexe Merkmale wie zum Beispiel die Intelligenz oder die Musikalität immer ein Produkt aus Erbe und Umwelt darstellen und keine Summe.

Und eine Multiplikation mit null ergibt immer null.

Die Entwicklung der Intelligenz kann also nicht nur durch genetische Faktoren, sondern auch durch Umweltbedingungen nachhaltig positiv oder negativ geprägt werden. So hat etwa die häufigere Ausprägung des absoluten Gehörs bei Chinesen mit der Sprache zu tun: Im Chinesischen ändert sich die Bedeutung eines Worts mit seiner Betonung. Es ist also die Muttersprache, die das absolute Gehör fördert, nicht irgendein „China-Gen“.

Durch Steuerung positiver Umweltfaktoren kann man im Vorfeld Krankheiten verhindern – das ist die wichtigste medizinische Botschaft des Buchs. Für den praktischen Arzt ist es eine Binsenweisheit: Bewegung, ausreichender Schlaf und maßvolles Essen lassen uns gesünder werden als jedes Medikament. Ganz allgemein gesprochen ist Vorbeugung besser als Therapie. In der aktuell therapiedominierten Humanmedizin wäre eine solche Verschiebung hin zur Prävention – so schlüssig und wenig spektakulär sie auch erscheint – sicherlich eine Revolution des medizinischen Alltags und des ärztlichen Berufes. Doch empfehlenswert ist dieses Buch nicht als medizinischer Ratgeber, sondern weil Peter Spork die neuen Erkenntnisse der Epigenetik so prägnant und zugleich allgemeinverständlich darlegt – und weil er erkennt, welche grundlegende Bedeutung dieser Richtungswechsel für die Medizin hat.

Angaben zum Buch
Peter Spork
Gesundheit ist kein Zufall
Wie das Leben unsere Gene prägt
DVA 2017 • 416 Seiten • 22,99 Euro
ISBN: 978-3-421-04750-2
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

Bildnachweis
Beitragsbild: DNA-Methylierung. Von Christoph Bock, Max Planck Institut für Informatik (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Buchcover: DVA

Von Herwig Finkeldey

7 Kommentare

  1. Aha, Intelligenz ist nicht zu hundert Prozent vererbt und „Gesundheit kein Zufall“. „Manche“ haben also unrecht, und Spork hat natürlich (seufz) recht. Sagenhaft!

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    1. Wieso seufzen Sie über den dargelegten Tatbestand? Wer ist „Manche“? Und was ist daran „sagenhaft“?
      Spork beschreibt lediglich sehr moderat, dass menschliche Existenz und somit auch die dazugehörenden Krankheiten mitnichten nur die Summe unserer Gene sind, sondern viel besser als Produkt von erblichen Faktoren und dem Erleben der Welt (auch etwas spröde Umweltfaktoren genannt) verstanden werden können.

  2. Hallo Herwig, ich meine, ich hätte einfach zitiert und ein wenig paraphrasiert? Zuerst einen Satz aus Deiner Besprechung über die 100% Erblichkeit der Intelligenz, und dann den Titel des besprochenen Buches.

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    1. Tja, lieber Herr Kief, welche Antworten erwarten Sie nun auf Paraphrasen? Oder soll ich Ihre Paraphrasen nochmals paraphrasieren?
      Ich empfehle Ihnen statt dessen einfach, das Buch zu erwerben, um es zu besitzen.

  3. Herwig Finkeldey, mittelalter Toplogiker, es scheint mir wenig sinnvoll, ein Buch zu erwerben, für das von Dir oben ins Feld geführt wird, es widerlege, dass 100% der Intelligenz erblich seien.

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    1. Anselm Bühling 30. Juli 2017 um 1:51

      Wenn ich den Austausch von Liebenswürdigkeiten kurz unterbrechen darf: Für nicht unmittelbar Beteiligte wäre es interessanter, wenn Sie Ihre Einwände etwas näher ausführen würden. Nicht alle, die diesen Beitrag und die Kommentare dazu lesen, haben den gleichen fachlichen Hintergrund.

  4. Herr Bühling, vielleicht kucken Sie mal bei Heiner Rindermann auf seiner Seite bei der Uni Chemnitz. Er ist in Deutschland vielleicht der interessanteste Kopf, was dieses Thema angeht. Wenn Sie des Englischen mächtig sind, kucken Sie bitte unter unz.com nach Anatoly Karlin und nach Steve Sailer – beide haben auf unz.com einen eigenen blog, wo es viel um Fragen der Intelligenzforschung geht. Sailer wird auf einer weltweiten (!) Liste unter die besten fünf Wissenschftsjournalisten mit dem Schwerpunkt Intelligenz geführt.

    Zurzeit ist von Deborah Soh ein Artikel online zu dem Problem Geschechtsunterschiede – sie bezieht sich auf den Google-Skandal um die Entlassung von James Damore, der geschrieben hat, dass es gruppenspezifische Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Hinblick auf die Art ihrer Intelligenz gibt und der diese Woche deshalb von Google gefeuert worden ist. Er sagt: Männer sind (im Durchschnitt!!) bessere Programmierer. Deborah Soh bestätigt das in ihrem o. a. „Globe and Mail“ Artikel vollumfänglich.
    Auf unz.com gibt es zurzeit auch einen Artikel über häufige Fehler in Lehrbüchern (=psychology textbooks) der Psycholgie, was die Darstellung des Forschungsstandes angeht, der aufschlussreich ist.

    Roland Tichy schreibt gerade in Tichy’s eine ganz zurechnungsfähige Zusammenfassung de sozialpsychologischen Erkenntnisse, und bezieht sie auf die Frage, wie es mit der Integration der Migranten hierzulande steht.
    Tichy bezieht sich auch auf Rindermann und Steve Sailer. Bei Sailer ist ihm allerdings ein Fehler unterlaufen, er schreibt seinen Namen dummerweise falsch.

    Steve Pinker, angesehener Havard Psychologe, hat seit über zehn Jahren ein Video online über Geschlechtsunterschiede in der Intelligenz.
    Ein beliebter Fehler, der auch in der Google-Diskussion wieder gemacht wird, ist zu sagen, diese Geschlechterunterschiede selbst seien schlecht. Das ist aber Unfug: Sie sind einfach da. Sie zu hypen ist schlecht. Und sie zu leugnen auch.

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