Das Künstlerduo Baltensperger + Siepert in Zürich besteht seit 2007. Ihre Kunst soll Systeme aufzeigen und in gesellschaftliche Prozesse eingreifen. Das Projekt Invisible Philosophy macht die „Unsichtbaren“ Chinas sichtbar: Die Tagelöhner, die normalerweise nicht nach ihrer Sicht auf das Leben gefragt werden. Das Buch, das aus dieser Aktion entstanden ist, hat Sibylle Ciarloni für tell rezensiert.

Stefan Baltensperger und David Siepert

Sieglinde Geisel: Wie kommt es, dass ein deutsch-schweizerisches Künstlerduo für ein Projekt mit chinesischen Wanderarbeitern nach Peking geht?
Baltensperger + Siepert: Uns interessiert die Frage, wie Menschen in ihrer Gesellschaft verortet werden. Wir hatten zuerst die Idee, mit Saisonarbeitern in Europa zu arbeiten, mit landwirtschaftlichen Erntehelfern zum Beispiel. Dann bekamen wir die Einladung eines Kunstraums in China, der sich auf immaterielle Kunst fokussiert. Und auf einmal sahen wir, dass wir dieses Projekt in China machen müssen. Im Rahmen eines früheren Projekts über Migration haben wir bereits einmal in China gearbeitet: Damals wollten wir einem in der Metropole ankommenden Wanderarbeiter sein komplettes mitgeführtes Gepäck abkaufen.
Seit fünf Jahren steht das Thema Migration im Zentrum unseres Schaffens, in den vergangenen zwei Jahren mit einem Fokus auf Arbeit, im Sinn von „labour“. Die chinesischen Arbeiter sind keineswegs nur die Verlierer dieser Gesellschaft.Wir waren für dieses Projekt einen Monat in Peking. Zum Konzept des Kunstraums A307 gehört das Budget: Es beträgt einen Monatslohn eines Arbeiters, verbunden mit dem Bewusstsein für den Wert dieses Geldes – davon muss ein Arbeiter einen ganzen Monat leben! Das hatte zwar mit der Idee unseres Projekts unmittelbar nichts zu tun, aber es hat sehr gut dazu gepasst.
Über chinesische Wanderarbeiter gibt es in Europa ein medial verbreitetes Stereotyp, dem niemand entgeht: Uns allen ist klar, dass diese Arbeiter den untersten Rand der Gesellschaft repräsentieren, die Verlierer des marktwirtschaftlichen Systems, das sich in China aufbaut. Dieses Stereotyp wird durch unser Buch dekonstruiert, ohne dass wir das selbst tun müssen. Denn die chinesischen Arbeiter sind keineswegs nur Verlierer dieser Gesellschaft. Auf dem Land gibt es viele Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen. Die Wanderarbeiter schaffen es dagegen, in der Stadt genug Geld zu verdienen, um ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Deshalb haben sie durch ihre Arbeit auch ein gewisses Ansehen, und viele sind mit ihrer Situation zufrieden. In unserem Projekt hatte einer der Arbeiter geschrieben, er hoffe, dass sein Leben in zwanzig Jahren noch so gut sei wie heute. Wir waren irritiert und fragten unsere Assistentin, wie diese Aussage zu verstehen sei, denn wir hoffen ja immer, dass es besser wird. Sie meinte, in seinem Leben sei schon so vieles besser geworden, dass er sich nicht vorstellen könne, dass es noch besser würde – daher die Befürchtung, es könne eigentlich nur noch schlechter werden.

Arbeiter fürs Philosophieren gewinnen

Wie habt ihr euch den Wanderarbeitern mit eurem Anliegen genähert?
Wir hatten das Glück, mit einer tollen Assistentin zu arbeiten, die uns bei der sprachlichen wie der kulturellen Übersetzung unterstützt hat. Die Tagelöhner bieten ihre Dienste auf Märkten an, beim Baugroßhandel oder an U-Bahnstationen. Die Arbeiter kommen früh morgens, meistens sind es zwischen fünf und vierzig Arbeitssuchende, manchmal bis zu hundert. Die meisten tragen ein Kartonschild, auf dem die Fähigkeiten notiert sind, die er oder sie beherrscht. Dann kommen die Kunden, suchen sich die Arbeiter aus und verhandeln über den Preis.
Es ist natürlich eine besondere Situation, wenn zwei Langnasen aus Europa kommen und Arbeiter dafür anstellen wollen, ihre Gedanken zu Papier zu bringen! Viele dachten, sie seien nicht qualifiziert für das, was wir von ihnen wollten. Wenn sie sich für etwas anstellen lassen, was sie nicht können, droht ihnen, dass sie ohne Lohn mit Schimpf und Schande davongejagt werden. Wir mussten sie davon überzeugen, dass wir keine Erwartungen haben – außer der Bedingung, dass sie sich ernsthaft mit der Aufgabe auseinandersetzen und bis zum Abend dranbleiben.Wir mussten erst einmal herausfinden, ob jemand überhaupt schreiben kann.
Wir waren jeweils um 7 oder 8 Uhr auf den Märkten, ab 9 Uhr gehen die Arbeiter wieder nach Hause, denn dann kriegen sie keine Arbeit mehr. Das war unser Zeitfenster. Die Verhandlungen konnten ziemlich lange dauern, denn wir mussten erst einmal herausfinden, ob jemand überhaupt schreiben kann. In China muss man dafür sorgen, dass niemand das Gesicht verliert, also wollten wir das nicht direkt erfragen.
Und es war schwierig, Arbeiterinnen für das Projekt zu gewinnen. Einige Frauen kamen über Empfehlungen. Auf den Märkten arbeiten sie oft mit ihrem Mann als Paar zusammen, dann hieß es etwa: Fragt meinen Mann, der kann das! Eine Frau rief ihren Mann an, der sie dann zu uns begleitete, als er sah, dass das alles seine Ordnung hat und wir auch eine Assistentin haben, konnte sie bleiben.

Nachdenken über das Leben

Wie habt ihr den chinesischen Arbeitern den Begriff Philosophie erklärt?
Unser westlicher Philosophiebegriff ist durch die griechische Antike geprägt. Auch in China gibt es eine philosophische Tradition, Konfuzius etwa ist vielen geläufig. In den ersten Tagen haben wir diesen Namen einige Male in den Mund genommen – aber das war jedes Mal ein deal breaker! Die Tagelöhner wollten sich nicht anmaßen, einen Text zu verfassen, der mit Konfuzius verglichen würde. Wir haben den Begriff dann umschrieben: „nachdenken über das Leben“, „sich Gedanken machen über die Gesellschaft“…Viele waren froh, wenn sie am nächsten Tag wieder ihrer regulären Arbeit nachgehen konnten.

War es schwierig, Tagelöhner fürs Philosophieren zu gewinnen?
Es war einfacher, wenn wir neu auf einen Markt kamen. Am ersten Tag hatten wir nach zehn Minuten bereits jemanden gefunden. Auf Märkten, wo schon einmal jemand bei uns gearbeitet hatte, war es schwieriger, denn der riet den anderen oft davon ab: Mach da nicht mit, das ist unglaublich anstrengend! Viele waren froh, wenn sie am nächsten Tag nach dem Schreiben wieder ihrer regulären Arbeit nachgehen konnten.
Und dann gab es auch Bedenken wegen der Anonymität: Manche gaben viel von sich preis und befürchteten, dass das an andere Arbeiter weitergegeben würde, die sie von den Märkten her kennen.

Ich hatte mich über die Anonymität gewundert, denn euch ging es ja gerade darum, diese „unsichtbaren“ Menschen sichtbar zu machen.
Die Anonymität war von Anfang an Bedingung. Sie dient dem Schutz der Schreibenden. Die Texte werden ja veröffentlicht, und viele haben sehr persönliche Dinge preisgegeben. Manche wollten auch nicht fotografiert werden.

 

Erschütterung durch das Schreiben

Acht Stunden schreiben ist in der Tat eine Herausforderung. Selbst ich als Journalistin würde das nicht machen wollen!
Ja, es hört sich im ersten Moment nach einer leichten Arbeit an, aber es ist wirklich anspruchsvoll. Wir hatten allerdings eine Frau, die den Schreibstift tatsächlich bis zum Abend nicht mehr aus der Hand legte. Für sie war das Schreiben eine Lebenswende. Sie hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben – wie sie darüber nachgedacht hatte, sich selbst zu töten. Sie hatte Probleme mit ihrem Mann. Unsere Assistentin hatte, noch während die Frau am Schreiben war, einige Seiten übersetzt und uns gewarnt, dass das in eine schwierige Richtung gehe. Wir überlegten, ob wir die Frau am Abend überhaupt nach Hause gehen lassen können oder ob wir eine Art Frauenhaus für sie suchen sollten. Was uns dann völlig überraschte: Sie wollte ihren Text mitnehmen! Ihr Mann müsse lesen, was sie geschrieben habe, sie wollte mit ihrer Familie darüber reden.Es ist interessant, wie unterschiedlich die Leute schreiben.
Es gab einen weiteren Fall, wo das Schreiben eine Erschütterung auslöste. Ein Mann schrieb eine Stunde und brach dann in Tränen aus. Er hatte darüber nachgedacht, wie er sich fühlen würde, wenn er nach Hause aufs Land gefahren wäre, um seinen Vater zu pflegen, der dann starb. Der Mann war in der Stadt geblieben um zu arbeiten und hatte wohl nicht damit gerechnet, dass sein Vater sterben würde. Er konnte nicht mehr weiterschreiben. Als einziger hat er die Schreib-Aktion abgebrochen.

Gab es viele, die mitnehmen wollten, was sie geschrieben hatten?
Einige haben es abfotografiert, für andere war es einfach ein Job. Und einige sind beim Schreiben nicht weitergekommen. Von den 21 Texten, die entstanden, haben wir nur 15 ins Buch aufgenommen.

Wie ging das Schreiben vor sich?
Uns ging es um Vertiefung. Die Tagelöhner saßen allein im Atelier am Tisch, wir saßen auf dem Balkon. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Leute schreiben: Eine Frau hatte sich zuvor ein Konzept gemacht und am Ende alles ins Reine geschrieben. Andere haben sofort angefangen zu schreiben. Ein Mann wiederum starrte den ganzen Morgen Löcher in die Luft – und dann hat er den Rest des Tages konzentriert durchgeschrieben.
Am Mittag gingen wir mit den Arbeitern Essen, da war dann Zeit für den Austausch. Manche waren begierig darauf zu wissen, wie unsere Welt aussieht. Andere wiederum waren weniger interessiert.

Die Tücken der Übersetzung

Was für Überraschungen habt ihr bei diesem Projekt sonst noch erlebt?
Eine Überraschung war der Tageslohn, den die Arbeiter auf den Märkten verlangten: Es war nicht etwa ein Zwanzigstel oder ein Einunddreißigstel eines Monatslohns, sondern ein Fünftel! Sie erklärten uns, die wirtschaftliche Situation sei schlecht, auf dem Bau werde wenig gearbeitet, deshalb fänden sie höchsten an fünf Tagen im Monat Arbeit, und demzufolge sei ihr Tageslohn ein Fünftel des Monatseinkommens, 300 Yuan. Niemand war bereit, mit dem Preis herunterzugehen, das war wie ein Mindestlohn. Wenn es wieder mehr Arbeit gebe, sinke der Tageslohn. Bei uns in Europa ist die Marktlogik umgekehrt: Mit der Nachfrage steigt der Preis. Doch das chinesische System ist eigentlich logischer.

Wie wurden die Texte übersetzt?
Das war ein komplizierter Prozess. Zuerst übersetzte unsere Assistentin die Texte, doch ihr Englisch war eher Chinglish. Nachdem wir aus ihren Sätzen korrektes Englisch gemacht hatten, veränderte sich jedoch teilweise die Bedeutung. Als wir die englische Übersetzung einer anderen Chinesin zum Gegenlesen gaben, meinte sie: Das ist ein schöner englischer Text, aber mit dem Original hat er nicht mehr viel zu tun. Wir brauchten drei Korrektur-Runden, bis wir zu der Fassung kamen, die nun im Buch abgedruckt ist.Manchmal wählten die Schreiber das falsche Zeichen, und dann ergab der Satz keinen Sinn mehr.
Das andere Problem steckte bereits im Original. Zwar hatten alle Schreiber in der Schule schreiben gelernt, aber wenn man im Chinesischen den Wortschatz nicht aktiv pflegt, verliert man die Zeichen, denn jedes Wort besitzt ja ein anderes Schriftzeichen. Ohne Mobiltelefon wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Die Arbeiter behalfen sich mit Pinyin, einer phonetischen Schrift mit lateinischem Alphabet. Man gibt den Begriff im Pinyin ins Handy ein und bekommt dann Schriftzeichen angezeigt, die der Lautgestalt entsprechen. Manchmal wählten die Schreiber das falsche Zeichen, und dann ergab der Satz keinen Sinn mehr. Beim Übersetzen muss man herausfinden, welches ähnlich klingende Wort in dem Satz Sinn macht und dann das richtige Zeichen einfügen. Überdies sind die Originaltexte jeweils im lokalen Dialekt abgefasst, den wir dann ins Mandarin übertragen haben. Wenn jemand chinesisch kann, sollte er unbedingt die Originalhandschriften lesen!

Der Traum vom Reichwerden

Die chinesischen Handschriften zu lesen, ist allerdings nicht ganz leicht. Denn das Faksimile des Originals befindet sich jeweils innen in den Doppelseiten, die man dafür erst aufschneiden müsste.
Es ist ein Spiel, ob man das aufschneiden möchte. Man dringt ja sozusagen in den intimen Raum des Schreibens ein. Wir wollten diese Originaltexte im Buch haben, denn in der Handschrift schimmert die Persönlichkeit der Schreibenden durch. Die Gestaltung des Buchs war eine Herausforderung. Wir haben drei Elemente: die chinesische Handschrift, das gedruckte Mandarin und die englische Übersetzung, und jedes dieser Elemente hat seine eigene Ästhetik. Für die Gestaltung des Buches konnten wir eine talentierte Grafikerin gewinnen, die zuvor im Museum Rietberg in Zürich den Katalog für die Ausstellung Magie der Zeichen – 3000 Jahre chinesische Schriftkunst betreut hat. Sie hatte Erfahrung mit chinesischen Schriftzeichen, und von ihr kam auch das Gestaltungskonzept mit der japanischen Bindung.Jeder hat von jemandem gehört, der den chinesischen Traum lebt.

In dem Buch gibt es auch eine Reihe theoretischer Texte.
Jeder Mensch ist eingebettet in einen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext, so auch die Tagelöhner, die ihre Gedanken für dieses Buch preisgaben. Es war uns daher ein Anliegen, auch Texte im Buch zu haben, die dem Leser diesen Kontext sowie die prekäre Situation dieser Arbeiterinnen und Arbeiter vermitteln. Denn man könnte die Texte der Tagelöhner auch oberflächlich interpretieren: Sie schreiben für Geld, oft schreiben sie auch über Geld, und man könnte es so auslegen, als wären sie geldgierig. Es ist wichtig zu verstehen, dass sie im Prekariat in einer Gesellschaft leben, die daran ist, sich wirtschaftlich zu öffnen. Es gibt die Möglichkeit, reich zu werden, und jeder von ihnen hat von jemandem gehört oder kennt selbst jemanden, der den chinesischen Traum lebt. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie kann man an dieser neuen Gesellschaftsform partizipieren?

Das sind aber keine chinesischen Autoren, bis auf eine Ausnahme.
Das stimmt, lediglich ein Textbeitrag wurde von einer chinesischen Reporterin geschrieben. Für die in China erscheinende Ausgabe des Buchs haben wir chinesische Intellektuelle um weitere Textbeiträge gebeten. Wir sind gespannt darauf zu lesen, wie sie das Thema verorten und das Geschriebene interpretieren.

Hier geht es zur Rezension „Philosoph für einen Tag“ von Sibylle Ciarloni
Angaben zum Buch
Stefan Baltensperger und David Siepert (Hg.)
Invisible Philosophy
Amsel Verlag 2017 • 123 Seiten • 38 Euro
ISBN: 978-3-906325-17-0

Mit Essays von
Xu Wenwen, Journalistin beim Shanghai Daily
Prof. Dr. Matthias Messmer, Philosoph und Autor
Prof. Dr. Dorothee Richter, Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin
Prof. Dr. Jörg Huber, Professor für die Theorie der Ästhetik
Die Autoren setzen sich mit der Arbeit der Künstler und mit den Notizen der Unsichtbaren auseinander.

Bei Amazon oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis
Beitragsbild, Buchcover und Abbildungen aus
Baltensperger/Siepert: Invisible Philosophy
Amsel Verlag Zürich, Baltensperger+Siepert

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

Ein Kommentar

  1. leipziglauscht 24. Juni 2017 um 16:19

    Ein wirklich spannendes Projekt – vielen Dank für das Interview und vor allen Dingen den Einblick in den Entstehungsprozess! Viele Grüße aus Leipzig, Lisa von Leipzig lauscht

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