Er hat es gesehen. Und er konnte es sagen.

So beantwortet der Übersetzer Peter Urban in einem Interview die Frage, was Anton Tschechows Geheimnis sei. Die Feststellung ist so schlicht wie genau, und man findet dafür viele Echos in der Literaturgeschichte.

Für Gustave Flaubert bedeutet Schreiben „sichtbar machen“. Marina Zwetajewa macht aus dem Motiv der Sichtbarkeit eine kleine, radikale Poetik:

Das Sichtbare zum Dienst am Unsichtbaren zu versklaven, darin besteht das Leben des Dichters. (…) Und welche Anstrengung des äußeren Sehens ist nötig, um das Unsichtbare ins Sichtbare zu übertragen. (Der ganze schöpferische Prozess!)

Tschechow hat die gesehene Wirklichkeit in Sprache übersetzt. Flaubert wiederum legt in seinen Briefen Zeugnis ab von der Anstrengung, die dieser Realismus dem Schriftsteller abfordert.

Ich werde geschriebene Wirklichkeit vollbracht haben, was selten ist.

(über Madame Bovary)

Der Autor als Schöpfer von Wirklichkeit – es ist nur folgerichtig, wenn Flaubert ihn mit Gott vergleicht.

Der Künstler muss in seinem Werk wie Gott in der Schöpfung sein, unsichtbar und allmächtig; man soll ihn überall spüren, ihn aber nirgends sehen.

Am konkreten Text ist so etwas kaum nachweisen. Zeigen lässt sich nur das Gegenteil: wenn ein Autor interpretierend und kommentierend in seinem eigenen Text herumstiefelt.

Etwas sehen und es ausdrücken, erfordert Genauigkeit. Es gilt, das eine Wort zu finden, das die Essenz des Gesehenen, des Erkannten wiederzugeben vermag.

Flaubert:

Die Vollkommenheit hat überall den gleichen Charakter, er liegt in der Präzision und Richtigkeit.

Ezra Pound:

Mit guter Kunst meine ich Kunst, die wahres Zeugnis ablegt, ich meine die Kunst, die am genauesten ist.

Die einfachste Definition für gute Literatur stammt von Samuel Coleridge. Sie beschränkt sich auf die Sprache.

Für Prosa gilt:

words in their best order

Für Dichtung gilt:

the best words in their best order

Literatur erschöpft sich jedoch nicht in Genauigkeit. Sie expandiert unser Sehvermögen in beide Richtungen: zum einen indem sie in die Genauigkeit hineinzoomt, zum anderen indem sie in die Erweiterung des Horizonts hinauszoomt, möglicherweise gar jenseits des Sichtbaren.

Große Kunst habe „einen Appetit für Metaphysik“, so Joseph Brodsky.

Denn, nicht wahr, es ist das Empfinden eines geöffneten Horizonts, das uns in einem Kunstwerk oder einer wissenschaftlichen Erkenntnis beeindruckt.

Von Brodsky stammt die Feststellung, dass ein einzelnes Wort oder ein Reim den Dichter an einen Ort versetzen könne,

wo vor ihm noch niemand war, weiter vielleicht als er selbst zu gehen wünschte.

Doch wie ließe sich nachweisen, dass die Literatur das Unsichtbare sichtbar macht? Und woran bemisst sich das beste Wort am besten Ort?

Je allgemeingültiger ein Kriterium, desto abstrakter seine Formel. Daher kann man sein Urteil nicht an diese poetischen Kriterien delegieren, auch wenn sie fast immer zutreffen. Andererseits gelten Kriterien, die konkrete Forderungen stellen, oft nur für das Mittelmaß. Wer die Regeln beherrscht, darf sie brechen.

Und doch sind die Kriterien der Schriftsteller – ich könnte endlos weiter zitieren, und in den nächsten Folgen von Satz für Satz werde ich dies auch tun – inspirierend für eine lebendige Lektüre. Man kann mit ihnen in einen Text hineinleuchten wie mit einer Taschenlampe. Man sieht genauer und kann unterscheiden, was passiert. Und genau dazu sind Kriterien da, gemäß ihrer Etymologie: als Werkzeug zur Unterscheidung.

Quellen:
Peter Urban: „Und keine Zeile von mir“. NZZ Folio, Februar 2009
Gustave Flaubert: „Briefe“. Herausgegeben und übersetzt von Helmut Scheffel. Zürich 1977
Marina Zwetajewa: „Der Dichter über die Kritik“. In: Ein gefangener Geist. Essays. Aus dem Russischen übertragen von Rolf-Dietrich Keil. Frankfurt am Main 1989
Ezra Pound: „The Serious Artist“. In:“ Literary Essays of Ezra Pound“. Edited by T. S. Eliot. London 1954
Samuel Coleridge: „Table-Talk“.  London 1899Joseph Brodsky: „Uncommon Visage“. Und: „How to Read a Book“. In: „On Grief and Reason“. New York 1995
Beitragsbild:
Diamant-Panther, by thefss
gemeinfrei

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

24 Kommentare

  1. Schade. Weiterhin nur historisch (19. Jhd.). Bildungsbürgerlich. Dem alten Friedhof zugewandt. Das erste Mal überraschte mich eine sprachliche Genauigkeit, ich sprach damals von Präzision, als ich Nabokov kennenlernte – während einer Reise nach Wien, ich las „Das wahre Leben des Sebastian Knight“. Es fehlten all die Floskeln, die ich aus europäischen Romanen gewohnt war, sehe ich mal von dem ins Deutsche übertragenen Titel ab ;-) Dennoch fehlte mir etwas grundlegend: Kreativität!

    Antworten

    1. Warum 19. Jahrhundert? Aber der springende Punkt besteht gar nicht darin, dass Pound, Zwetajewa, Brodsky, Mandelstam im 20. Jahrhundert geschrieben haben. Sondern dass das, was sie sagen, „Neues ist, das neu bleibt“ (Pound). Mir geht es um ein Gespräch, das die Zeiten überschreitet. Es lebe das Bildungsbürgertum!

  2. Ja, das frühe 20. Jhd. ist auch vertreten, die alte Moderne. Aber ich kann nicht erkennen, was an den Zitaten heute noch relevant wäre. Zwar gibt es auch heute noch Vokabeln wie ‚emphatische Wahrheit‘ und allerhand krauses Zeug, das zurückverweist. Sogar ein neuer Realismus wurde wieder eingefordert und mit scheinbar soziologischen Ansprüchen begründet, ein Vergleich, der nur vollzogen werden kann, wenn man von der Soziologie und ihrer Methoden nichts weiß. Ich kenne nichts ‚Neues, das neu bleibt‘, lediglich manches, das eventuell inspirieren kann. Ein Mehr an ‚Zeiten überschreiten‘ wäre für mich nicht relevant. Ich verstehe nicht einmal das Bedürfnis, Friedhofsgärtner spielen zu wollen.

    Antworten

    1. Anselm Bühling 21. April 2016 um 14:16

      Relevant ist an den Zitaten, dass sie etwas über Genauigkeit als Kriterium künstlerischer Qualität sagen. Darum geht es ja in dem Text. Das Nabokov-Erlebnis, das Sie in Ihrem ersten Kommentar erwähnen, ist ein schönes Beispiel dafür.

  3. Danke für den Hinweis, Anselm Bühling, auf das ‚Nabokov-Erlebnis‘. Genauigkeit bzw. Präzision sind in der im Text zitierten Art und Weise jedoch kaum nachzuvollziehen. Ich Bezog es vor allem auf ein Fehlen von typischen Floskeln europäischer Literatur. Worauf sich die im Text zitierten Worte beziehen, bleibt offen. Aber mir fehlte bei Nabokov auch etwas …

    Antworten

  4. Am Wort Genauigkeit zeigt sich, fürchte ich, vor allem eines, wie tief sich nämlich das bequeme Realismusdenken in uns eingegraben hat. Die Blickrichtung, die Genauigkeit unterstellt, ist jene von der Welt auf die Schrift. Statt umgekehrt. Vielleicht liegt es auch daran, dass es schwierig ist, diese umgekehrte Richtung genau zu fassen. Leicht zu sagen ist es auf jeden Fall, dass man in dieser oder jener Geschichte nicht das findet, was man schon kennt. Und Nabokov ist mit Sicherheit einer der schlechtesten Ratgeber in Sachen Genauigkeit. Auch wenn man es gerade bei ihm so leicht zu denken geneigt ist, er sei genau. Dabei hat er sich in Amerika dieses Amerika erst einmal neu erfinden müssen. Statt es genau abzuschreiben. Das Wort Genauigkeit lockt in das falsche Denken, dass Literatur die Welt zeigt kann, wie sie ist. Aber erzeugt sie nicht vielmehr eine mögliche Welt oder eine Weltenmöglichkeit, die, kraft ihrer Plastizität, einen neuen Blick ermöglichen kann auf die in vielerlei Wirklichkeiten zitternde Welt? Vielleicht ist Genauigkeit auch einfach das erste Wort, das uns vor diesem Zittern, der Ungewissheit darin, beschützt.

    Antworten

    1. Genauigkeit muss nicht immer Realismus meinen, auch das Imaginäre wirkt nur dann, wenn es genau wiedergegeben wird. Auch das Zittern, die Ungewissheit erleben wir in der Literatur nur dann, wenn die Worte „sitzen“, wie ich es jetzt einmal etwas flapsig nennen möchte. Schön finde ich den Begriff der Plastizität. Vielleicht ist es so, dass Plastizität durch die Genauigkeit der Worte entsteht? Genauigkeit meint ja vor allem: nicht beliebig, nicht ungefähr, sondern Verbundensein mit den Worten, die man benutzt.

  5. Genauigkeit bzw. Präzension, so wie ich sie auffasse, würde sich auf Sprache beziehen. Das Problem ist, dass sich nicht allgemein entscheiden lässt, welche Ausdrücke und Formulierungen präzise sind, dies wäre nur anhand von Beispielen erläuterbar und wäre von verschiedenen Faktoren abhängig: vom sprachlichen Kontext, der bildhaften als auch logischen bzw. nicht-logischen Struktur, nicht zuletzt von den Assoziationen der Schreibenden als auch Lesenden. In meinem Umfeld hat sich das Wort Angemessenheit herausgebildet, die auch eine sachliche umfassen kann.
    Plastizität beträfe nach meinem Ermessen die beschriebene Wirklichkeit, die selbstverständlich auch eine empirisch oder nur logisch mögliche bzw. nicht-mögliche sein kann.
    Nabokov war übrigens keineswegs ein ‚Realist‘, eher ein Stilfanatiker, was ich beim Lesen als äußerst schade empfand. Bei mir stellt sich in einem solchen Fall schlicht Langeweile ein. Aber er war für mich nicht einfach eine bürgerlich Plaudertasche. Vielleicht war es Nabokovs wissenschaftlich Bildung, die ihn vor Floskeln schützte?

    Antworten

    1. Genauigkeit oder Angemessenheit, beides richtet Literatur darauf aus, und ab, etwas wiederzugeben, was schon da ist. Maßstab zur Kritik des Worts bleibt die Welt, ob real oder imaginiert, macht keinen großen Unterschied. Dass Literatur aber etwas neues erfinden kann, sei es eine Realität oder Vorstellung, dass Literatur selbst die Brille zum Blick auf die Welt sein kann, das ist der Punkt, der dabei unter den Tisch fällt. Abgesehen davon, dass der Vergleich zwischen Welt und Wort gar nicht möglich ist. Das ist der Punkt bei Nabokov. Ist eine nasse Straße ein schwärzlich glänzender Asphalt oder gleicht sie einem silbrigen Seehundrücken? Was wäre genauer? Können wir die Frage beantworten durch einen Blick auf eine nasse Straße? Oder auf einen Seehundrücken? Das Wort von der Genauigkeit verlockt uns aber, genau das zu tun. Nabokov war übrigens kein Stilfanatiker, sondern ein Autor, der seine Welt mit Worten plastisch entstehen lassen konnte (wenn auch vielleicht nicht so auffällig in Sebastian Knight).

    2. „dass die Literatur selbst die Brille zum Blick auf die Welt sein kann“ – ein toller Satz. Was ich mit Genauigkeit meine, ist eben dies: Das Scharfstellen dieser Brille. Dass die Worte etwas sagen: Beim Bild des „silbrigen Seehundrückens“ gibt es nichts Verschwommenes. Das ist Imagination und es ist neu: So hat noch keiner eine Straße gesehen.

  6. Nabokov reduzierte in seinen Vorlesungen sogar Literatur auf Stil – Dass Literatur Neues zu erbringen hat, würde ich ähnlich sehen. Eine neue Welt zu entwerfen, wäre jedoch nicht erforderlich, ob in spätromatischer Weise oder als Science Fiction, die beide doch nur an alten Erfahruingen hängen bleiben könnten. Primär geht es meiner Auffassung nach in der Literatur um Sprache und den Umgang mit ihr, nicht um Welten. Jenes Neue könnte auch etwas sprachlich Abstraktes sein oder den Aufbau betreffen. Ich würde es niemandem vorschreiben wollen – schon gar nicht im Zusammenhang mit meinen Bedürfnissen … Mir hat, um ein Beispiel anzuführen, der Butt von Grass als Roman besonders gefallen, obgleich die Verarbeutung des Märchenstoffes mehr als deutlich ist. Grass ging weit über den Mächenstoff hinaus …

    Antworten

    1. Verarbeutung, das wäre vielleicht auch ein tolles Brillenwort zum Blick auf die Welt. Was sehe ich, wenn ich da hindurchschaue? Bei der Rede Genauigkeit in der Literatur scheint es immer umgekehrt zu sein. Dass man nämlich sagt, dieser Satz ist ungenau, weil er die Welt ungenau beschreibt. Diesen Fall gibt es sicher auch. Aber meistens ist ein Satz ja nicht ungenau, weil er die Welt falsch oder schief erfasst, sondern weil er seine Roman-Welt nur matt oder gar nicht erzeugt. Mit Welt muss dabei gar keine öde Science-Fiction-Wörld gemeint sein, sondern genausogut Nabokovs Amerika oder Berlin oder Russland. Die Welt des Buchs eben. Insofern würde ich auch sagen, dass es bei Literatur um Sprache geht. Wenn ich nun aber sage, es geht um das Scharfstellen der Brille, dann sage ich als nächstes auch, dass der Autor offenbar noch nie eine nasse Straße gesehen hat. Oder dass er keine Kinder hat, weil echte Kinder nie sprechen würden wie die in seinem Buch. Oder dass der Autor als Mann oder die Autorin als Fraunicht im geringsten weiß, wie eine Frau oder ein Mann oder ein Käfer grübelt und grimmelt. Wenn ich die Brille scharf stellen kann, dann gibt es offenbar eine Welt, auf die ich sie scharf stellen kann, eine Welt also, die als Korrektiv für unscharfe Beschreibungen dieser herzunehmen wäre. Und wie gesagt, auch das gibt es natürlich. Aber es spielt in den meisten Fällen keine Rolle. Lo erwartete mich an der gespenstischen Birke, heißt es einmal in Lolita. Wie kann ich jetzt sagen, ob gespenstisch ein genaues Wort für eine Birke ist? Indem ich mir eine Birke anschaue? Sind Birken gespenstisch? Weil sie weiß sind? Und sind Buchen dann dämonisch? Und Weiden traurige Hippies? Genauigkeit lässt sich eben in den meisten Fällen nicht erfassen durch das Scharfstellen der Brille, denn ich kann eine Birke so lange anschauen, bis ich dumm und dusslig werde, ob sie gespenstisch ist oder fröhlich raschelnd, das kann ich nicht sehen.

  7. Anselm Bühling 24. April 2016 um 17:35

    Der Satz aus Lolita ist ein schönes Beispiel. Natürlich hängt seine Qualität nicht davon ab, ob die darin erwähnte Birke objektiv gespenstisch ist. Der Ausdruck „gespenstische Birke“ sagt etwas darüber, wie die Birke auf den Erzähler wirkt. Er ist sozusagen ein kleiner Farbtupfer in einem Bild der inneren Welt dieses Erzählers – und seine Qualität bemisst sich daran, was er dazu beiträgt, dieses Bild detailliert und stimmig wirken zu lassen. Das wäre hier mit Genauigkeit gemeint.
    Meinem Verständnis nach setzt der Begriff auf keiner Ebene eine naive Abbildtheorie voraus, nach der die Erzählung das Erzählte so wiedergeben müsste, „wie es wirklich ist“. Es geht in erster Linie nicht um eine Erkenntnis über die Welt, sondern um den Vorgang des Wahrnehmens, des ästhetischen Unterscheidens, selbst: Ich lese einen Satz und sehe etwas auf eine neue Art, mir wird plötzlich etwas deutlich.

    Antworten

    1. Das wäre in der Tat ein sinnvoller Sinn des Worts Genauigkeit. Die gespenstische Birke als Farbtupfer in einem Bild der erzählten Welt. Man müsste also schauen, wie die Welt an anderen Stellen erzählt wurde. Und was anderes sollte mans sonst tun? Nur scheint mir Genauigkeit das falsche Wort für diesen Sinn, weil mit ihr, glaube ich, ein Vergleich nahegelegt wird zwischen Welt und Wort. Vielleicht wäre Stimmigkeit das bessere Wort. Wie stimmig ist die ästhetische Welt gestaltet, also wie differenziert und kohärent bezieht sich ein Erzähler auf sich selbst, also auf andere Sätze. Genauigkeit mag diese Mitbedeutung der Stimmigkeit haben, aber genauso verführt sie zu der Frage, ob etwas genau so ist, wie wir es kennen. Was im Falle literarischer Welten aber ja zum Glück gar nicht geht.

  8. Ich fand den Begriff Plausiblität immer passend, v.a. weil er auch stilunabhängig ist. So können neben realistisch-auktorialen Romanen auch eine reine Dystopien oder ein SF-Roman, denen man Genauigkeit ja nicht nachsagen kann – worüber sollen die denn genau sprechen? – eben plausibel sein.
    Wobei mir klar ist, dass der Begriff Plausiblität nicht sehr… genau ist (jetzt müßte eigentlich ein smiley-icon kommen). Denn plausibel ist es auch, einen kitschigen Inhalt in eine kitschige Form zu bringen. Das wäre plausibel – aber eben keine große Kunst.

    Antworten

    1. Eine interessante Diskussion ist anhand von ‚gespenstischer Birke‘ entstanden: (a) „seine Qualität bemisst sich daran, was er dazu beiträgt, dieses Bild detailliert und stimmig wirken zu lassen. Ich würde, um sprachbezogen zu bleiben, vom Kontext sprechen; dass Sprachbild könnte diesem Kontext angemessen sein. (b) ‚Stimmigkeit‘ wäre etwas Ähnliches. (c) ‚Plausibilität‘ ist eine weitere Variante, die ich jedoch eher auf Handlungen oder auf Argumente beziehen würde. Angemessenheit, dies sei noch hervorgehoben, muss sich nicht lediglich auf eine Relation von Sprache und Wirklichkeit beziehen, sondern kann sich auch auf sprachliche Relationen beziehen. Ich hatte eine Reihe von relevanten Angemessenheiten oben bereits angeführt …

  9. Ach ja, um noch möglichen Missverständnissen zu entgehen: die von mir angeführte Angemessenheit verweist auf keine soziale, nicht auf eine Komfortzone … gleichgültig welcher Schichten …

    Antworten

  10. Ach, Herrschaften, das sind doch alles Scheingefechte. Genauigkeit, Plausibilität, 19. Jahrhundert. Wer will das schon so genau wissen! Wir sagen jeweils poetische Genauigkeit – und jeder weiss: kein Mensch weiss, was mit dieser schönen Formel gemeint ist. So etwas wie die gespenstische Birke jedenfalls. Wobei Birken ja immer, seit dem letzten Jahrhundert, mit Nabokov und mit Lolita, gespenstisch sind. Also ein Pleonasmus. Das wäre immerhin plausibel. Wäre damit etwas gewonnen? Kaum. Lest einfach! Und vergnügt euch! Und fragt euch nicht zu oft, warum es euch vergnügt. Sondern freut euch einfach darüber.

    Antworten

    1. plausibel + genau = poetisch! das kommt mir stimmig vor…

  11. Aber wer die Kritik im Namen trägt und sich dann in eine Diskussion begibt, wie kann der sagen, dass wir beim Lesen das Denken lieber abschalten und uns vergnügen sollen? Ich frage mich oft, was diese Haltung gedankenlosen Wohlgefallens eigentlich zu verlieren fürchtet, wenn uns plötzlich ein paar Fragen umhuscheln? Ist es noch die alte Sorge, eine x-beinige, strohhaarige, mit Panzerglas bebrillte Lehrerin könne uns mit ihrer gefürchteten Gedichtsinterpretation was kaputt machen? Aber was denn eigentlich? Keine Angst vorm Denken, es ist ja selbst gespenstisch. Ganz anders als Birken, übrigens.

    Antworten

  12. Mein Einwand: Angekommen bei „Stimmigkeit“, sind wir mitten im Kreis ästhetischer Kategorien adornoscher Provenienz, wenn mich nicht alles täuscht, wo wir auf die Verwandten „Eigengesetzlichkeit“ (der Form), „Formgesetz“, „Autonomie“ und dergl. mehr treffen. Schön finde ich insb. „Beredtheit“: das Werk erschafft, gibt sich erst die Sprache, in der zu (uns zu) sprechen es sich gewissermaßen gestattet. Einzelne Elemente oder Aspekte sollen in einem „stimmigen“ Verhältnis zueinander stehen. Für meinen privaten Gebrauch stand oder steht dafür das Wort „Qualität“: das geübte Auge (wofür in aller Bescheidenheit ich das meine halte) erkennt sehr schnell, ob es bei einem Werk der Bildenden Kunst mit Qualität zu tun hat, das Werk fordert zum Gespräch, spricht eine eigene und bestimmte Sprache – ist „beredt“. (Eine allzudeutliche Sprache, die Reaktionen des Affekts abnötigt, ermöglicht möglw. lediglich Urteile des Geschmacks.)

    Die Genauigkeit ist dagegen, bei aller Abstraktheit, wie mir scheint, doch noch konkreter. Wir hatten die schärfer gestellte, entstaubte Brille, den Lichtstrahl einer Taschenlampe, mit der wir in ein Werk hineinleuchten können, aber auch das Weitwinkelobjektiv, womit wir „den Horizont erweitern“, oder die Lupe oder das Mikroskop zum hineinzoomen.

    Fürs Aufzommen, für den „Appetit nach Metaphysik“ des Kunstwerks scheint mir, nach diesen Vorüberlegungen, eben jene Stimmigkeit oder Beredtheit erforderlich – damit ein Werk gewissermaßen über seine Ränder hinausstrahlen kann, einen an einen anderen Ort versetzen, eine Welt erschaffen, oder welche Bilder wir für dieses Vermögen sonst finden mögen.

    – Und diese Stimmigkeit oder Eigengesetzlickeit erfordert wieder in dem Sinne Genauigkeit, als ein Ausdruck, z.B., treffend sein soll, nicht bloß plausibel, sondern „genau richtig“, – und sogar konstitutiv für das Ganze, aus dem sich dann der richtige oder falsche Ausdruck aber eben deshalb nicht wird deduzieren lassen können. Wir haben es also nicht mit logischen Kriterien zu tun. Über eine Art „Stimmigkeitstest“ können wir aber weniger treffende Elemente (oder umso mehr Fremdkörper) aussortieren: Ausdruck X ist vielleicht stimmiger als Ausdruck Y. In diesem Sinne könnten wir also immer tiefer, fürs umso genauere Urteil, in das Werk hineinzoomen.

    Konkreter verstanden jedoch gebietet der genaue, mikroskopische Blick in einigen Fällen über eine eigentümliche Ästhetik, wie wir ihr beispielsweise bei Proust begegnen. Oder, eher an den Klassikern geschult (Marc Aurel) – um zum Eingangszitat zurückkehren – bei Tschechov.

    Antworten

  13. PS: Die Erkenntnis, dass mein aus der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst gewonnene Begriff von Qualität sich in einer gewissen Nähe zu Konzeptionen Adornos bewegt, verdanke ich ausgiebigen Diskussionen mit bersarin auf dessen Blog AISTHESIS.

    Antworten

  14. Ich finde es plausibel, dass hier im Forum (und im nächsten Beitrag von Sieglinde) zum Begriff der „Stimmigkeit“ fortgeschritten worden ist – denke aber immer wieder darüber nach, ob mit „Genauigkeit“, gerade auch im Sinne der von ziggev en passant gebrauchten Formulierung „konstitutiv für das Ganze“ nicht doch auch noch mehr und anderes gemeint sein kann, was nicht im Stimmigkeits-Begriff aufgehoben wird. Interessanterweise sind ja die Stimmigkeits-Beispiele vor allem Negativbeispiele – das heißt wo ist es eben NICHT stimmig. Und es sind Beispiele aus der Figurenrede oder -beschreibung, also aus dem Feld denotativer Qualitäten von Sprache, auch immer aus Prosa. Genauigkeit fällt mir aber am schnellsten anhand von Lyrik ein, und eben auch als konstitutiv. Zwei berühmte klassische Beispiele, einfach deshalb weil ich diesen Lyriker – Rilke – noch viel auswendig mit mir rumtrage.

    Eins der Sonette an Orpheus: „Wandelt sich rasch auch die Welt / wie Wolkengestalten, / alles Vollendete fällt / heim zum Uralten. // Über dem Wandel und Gang, / weiter und freier, / währt noch dein Vor-Gesang, / Gott mit der Leier. // Nicht sind die Leiden erkannt, / nicht ist die Liebe gelernt, / und was im Tod uns entfernt, // ist nicht entschleiert. / Einzig das Lied überm Land / heiligt und feiert.“

    Das Positivbeispiel für Genauigkeit ist für mich hier in Vers 3 des zweiten Quartetts. Als ich einmal, als 19-Jähriger auf einer Busreise durch ein Hochgebirge, das Gedicht vor mich hinmurmelte, fiel mir die Silbe vor dem Wort „Gesang“ nicht mehr ein. „Ur“-Gesang? Nein, das konnte es nicht sein, denn „Ur“ war schon gesagt worden und seine Wiederholung wäre guruhaft. „Lob“-Gesang? Zu sehr gedoppelte Apotheose (das ganze Gedicht ist ja schon eine, da darf es die gelobte Kunst selber nicht nochmal sein), und nicht kosmisch genug. Ich grübelte und grübelte über diese eine Silbe nach… und fand, als endlich die Lösung in den Sinn kam, sie nicht nur die EINZIG Mögliche, sondern in dieser fast schon intellektualistischen Nischen-Ausnutzung („Vor-Gesang“ ist ja schließlich ein ziemlich unorganisches, intellektuell aus einem Gedanken heraus erzeugtes Wort) dem Gedicht auch noch eine Prise Präzision selbst in den Gehalt mitgebend, die ihm ansonsten, in all seinem Wohllaut und seiner Feierlichkeit, vielleicht fehlen würde. Witzigerweise aber auch gleichzeitig (!) Mythos und Metaphysik. Also das ist für mich „konstitutive Genauigkeit“.

    [Mein einziges Problem mit dem Gedicht habe ich übrigens bei dem Wort „Leiden“… das ich immer durch „Schmerzen“ ersetzen möchte… aber damit würden wir in ein anderes Feld hinüberwechseln, das mehr mit Sprachwandel zu tun hat und der Belastetheit von Worten durch die literarischen und sonstigen Gebräuche selber.]

    Zweites Beispiel, nochmal Rilke, das Aller-, Aller-Berühmteste, „Archaischer Torso“, selbst auch wieder ein Kunstwerk über Kunst, und über wie selbst ein Torso (als Werk-Teil begriffen, nicht nur als Körper-Teil) von der Stimmigkeit des Ganzen zehrt und sie perpetuieren kann… ich zitiere nur die beiden Terzette: „Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz / unter der Schultern durchsichtigem Sturz / und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; // und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

    Hofmannsthal hat das Gedicht das „Allervollendetste“ der Neuen Gedichte genannt, aber hinzugefügt, die letzte Zeile sei leider nicht völlig gelungen: Die fünf letzten Worte seien als Gedanke frappierend, aber die Zeile (mit dem Enjambement vorher) könne nicht als rhythmische Einheit aufgefasst werden: „das könnte sie nur, wenn der kleine Schlusssatz, auf dem das ganze Gewicht liegt, als eine Folgerung (oder gefolgter Zusammenfassung) auf den ersten Halbvers folgte: da er aber adversativ zu diesem steht, so sind wir genötigt, eine Gedankenpause zu machen, die den Vers zerbricht.“

    Ich denke, die Beobachtung – dass und warum der Vers zerbricht – ist vollkommen richtig, und sie ist auch als Kritik zu nehmen wenn man stabilistische Auffassungen von der Kunst hegt wie Hofmannsthal dies tat. Aber genau diese Auffassungen hegte Rilke natürlich nicht, und DASS der Vers zerbricht, entspricht so sehr seiner Transzendenz heischenden Poetik – und so sehr dem Sinn dieses Gedichtes, in dem diese Poetik sich kristallisiert – dass man es eben niemals GENAUER hätte ausdrücken können – nur durch den Rhythmus!! – als es hier geschehen ist. [Bemerkenswert natürlich auch, dass dies dann zuerst ein ‚Gegner‘ der Idee wahrnimmt.] „Konstitutive Genauigkeit“, again. Untrennbarkeit von Denotation und Konnotation, von Referenz und Form, durch bloßes „Aushören“, also genaues Hinhören.

    Antworten

  15. Bei Jurek Becker bin ich dem Bild von Autoren (Vögeln) und Literaturwissenschaftlern (Ornithologen) zum ersten Mal begegnet und vielleicht liegt es an dem notwendig anderen Blick aufs Schreiben, auf die entstehenden Texte, wenn mir Genauigkeit im Schreibprozess so wichtig ist – aber auf eine andere Weise, als es hier in der spannenden, langen Auseinandersetzung zumeist verhandelt wurde.
    Weniger die Frage, ob ein sprachlicher Ausdruck genau genug auf etwas in der äußeren Welt verweist interessiert mich (obwohl das natürlich auch vorkommt: „gespenstische Birke“ ist eben auch genauer als „gespenstischer Baum“), als die Frage: Ist, was da steht, genau das, was ich zum Ausdruck bringen wollte oder ist es mir nur als erstes eingefallen?
    Und dann ist ja eine Herausforderung fast jeden kreativen Prozesses, dass er offen ist in viele Richtungen und Genauigkeit dann auch etwas mit Klärung zu tun hat: Für (genau) welche der sich anbietenden und oft schwer zu trennenden Ideen und Verläufe und Figuren entscheide ich mich?

    Antworten

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)