Die Seite 99 von William H. Gass‘ Roman Mittellage fällt auf ein Kapitelende, deshalb haben wir uns für die Seite 98 entschieden (hier können Sie die Seite öffnen). Und weil jeder Kopf anders liest, haben wir den Test zu zweit ausgeführt: Die Literaturkritikerin Sieglinde Geisel und der Übersetzer Frank Heibert haben die Seite 98 unabhängig von einander mit der Lupe gelesen. Die Lesart von Frank Heibert findet sich auf Seite 2 des Beitrags.

Sieglinde Geisel

Jemandes Eingeweide werden „wie ein Strang Würste oder ein Stück Seil von zwei Gestalten emporgewunden“. So scheußlich die Szene ist, so kalt wird sie beschrieben. Die Leiden des Gefolterten scheinen den Erzähler nicht zu interessieren. Sein Auge ruht auf dem Vorgang, zu dessen Zeugen er uns macht. Doch gleich löst sich das Rätsel der befremdlichen Erzählperspektive: Die beiden Gestalten, die dieses Henkerswerk ausführen, „halten die Gesichter (…) von der Szene abgewendet“. Wir sind also nicht Zeugen der Szene, wir stehen vor einem Bild: Ein „Heiliger“ wird gequält, von dem wir nur erfahren, dass er „keine Handgelenke oder Hände zu haben“ scheint.

Der Himmel ist bis auf ein paar Wolken leer; die Erde ist bis auf zwei Hügel und ein paar kleine gelbe Blumen leer.

Sowohl der Himmel als auch die Erde in diesem Bild sind „leer, bis auf“. Die Wiederholung soll wohl den Eindruck der Leere verstärken – oder überhaupt erst erzeugen, denn weder der Himmel (Wolken) noch die Erde (Hügel, Blumen) sind so leer, wie der Erzähler es offenbar gerne hätte.

Um dieses wie ein Bild gerahmte Gemälde herum zieht sich eine zarte Linie aus Schnörkeln und ein von imaginären Schmetterlingen heimgesuchtes Feld mit winzigen Blütenblättern.

Wie wir im nächsten Absatz erfahren, ist dieses „wie ein Bild gerahmte Gemälde“ eine Abbildung in einem Buch, deshalb die Schnörkel außerhalb des Bilds und ein Feld, das „von Schmetterlingen heimgesucht wird“. Eine seltsame Formulierung, „heimsuchen“ verweist auf Schädlinge, Heuschrecken zum Beispiel. Auch hier gibt es eine (semantische) Wiederholung, sie steckt in den drei Adjektiven „zart“, „imaginär“, „winzig“. So grausig die Szene, so luftig ihre Umrahmung? Wie haben wir uns „imaginäre Schmetterlinge“ vorzustellen, und wer imaginiert sie? Sie müssen sichtbar sein – wie kämen sie sonst in den Text?

Im zweiten Absatz betrachten wir kein Bild mehr. Wir befinden uns in der Realität des Texts und begegnen einem Mann namens Skizzen. Ein sprechender Name, zumal im Kontext dieser Seite. Gibt es diesen Namen überhaupt? Ich erinnere mich an ein Seminar zu den späten Gedichten von Friedrich Hölderlin (an der Universität Zürich, in den 1980ern): Es ging um die späten Gedichte von Friedrich Hölderlin, die dieser mit „Scardanelli“ unterzeichnet hatte; wir diskutierten, ob es sich bei dem Namen Scardanelli um eine Erfindung Hölderlins handelte, als Indiz erwähnte der Literaturwissenschaftler Klaus Weimar damals, dass er den Namen zumindest im Telefonbuch von Mailand nicht gefunden habe. Meine Suchanfrage zu „Skizzen“ in den White Pages von New York ergibt ebenfalls keine Treffer, nur „possible matches“ (Skousen, Schison).

Also soll uns der Name Skizzen etwas sagen. Oder geht es William H. Gass vor allem um den Klang und die exzentrische Buchstabengrafik des Worts?

Dieser Satz blieb bei Skizzen fast so hartnäckig haften wie die herzzerreißende Buchmalerei.

Zwei Mal „zz“ in einem Satz, und dann auch noch so sinnhaft, das muss man erst einmal schaffen! Ein Geschenk des Übersetzers Nikolaus Stingl? Ich jedenfalls spüre den doppelten Riss: in Skizzens Herzen und in der Überlieferung über den Heiligen, der auf dem Bild gefoltert wird.

Denn der Satz, der bei Skizzen so hartnäckig haften bleibt, lautet so:

Es gab ihn zwar, aber es ist fast nichts über ihn bekannt.

In den nächsten Zeilen lässt Gass (resp. der Erzähler, resp. Skizzen) diesen Satz an seinem Anfang baumeln:

Es gab ihn zwar, aber es war fast nichts über ihn bekannt.

Es war zwar nichts über ihn bekannt, aber als Heiligen gab es ihn.

Es gab ihn, aber er führte ein so heiligmäßiges Leben, dass es nichts gab, was hätte bekannt sein müssen.

Nach einem mit starken Worten übervollen Satz –

„… dass der Märtyrer zwölfhundert Jahre später als einer der vierzehn heiligen Nothelfer, wer auch immer diese waren, angerufen wurde und zum Schutzheiligen von Seeleuten wie auch Kindern mit Koliken geworden war“

kommt eine letzte, gespiegelte Wiederholung, wie eine Coda in der Musik:

Was man in diesen Hunderten von Jahren wusste, wusste man nicht von dem Heiligen, sondern von irgendeiner Gestalt, in die er geschlüpft war wie in eine unheimliche Verkleidung oder ein Tanzkostüm.

So lässt Gass die Worte tanzen, bis sie in einem schlichten Hauptsatz zur Ruhe kommen.

Stolz klebte Professor Skizzen Erasmus in sein Erinnerungsbuch ein.

Der nächste (und letzte) Satz schließt den Kreis zur Folterszene, mit der die Seite begonnen hat.

Er wurde mit Teer bestrichen und ange-

Unglaublich, was auf dieser einen Seite stilistisch alles los ist! Gass schafft es, zu spielen – und zugleich die Kontrolle zu behalten. Das ist etwas ganz Seltenes, etwas Kostbares.

Von Sieglinde Geisel und Frank Heibert

2 Kommentare

  1. Ich kann verraten: der Roman hält wirklich, was Seite 89 verspricht.
    lg_jochen

    Antworten

    1. Seite 98 natürlich! (Aber Seite 89 ist auch prallvoll mit schönen Sätzen.)

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