Als Achtjähriger kam der irakisch-schweizerische Regisseur Samir mit seiner Familie 1963 in die Schweiz. Der Film Iraqi Odyssey erzählt die Geschichte einer arabischen Mittelstandsfamilie, deren Mitglieder in den Fünfzigerjahren nicht ahnten, dass sie aus Bagdad würden fliehen müssen. Ihre Geschichte steht zugleich exemplarisch für die vier Millionen Iraker, die heute im Exil leben.
Dieser epochale Film hat überraschend wenig Wellen geschlagen. Die Geschichte seiner Veröffentlichung spiegelt die Widersprüche unserer Zeit im Umgang mit den Flüchtlingen. Ursprünglich hätte Iraqi Odyssey im September 2015 in die deutschen Kinos kommen sollen. Doch der Start musste verschoben werden, denn angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise gab es wenig Interesse für einen Film, der die Geschichte der Emigration der letzten fünfzig Jahre erzählt. Im Januar 2016, als der Film dann tatsächlich in die Kinos kam, waren es die Ereignisse von Köln, die die Öffentlichkeit in Atem hielten.
Am Dienstag, den 1. November 2016 ist der Regisseur Samir mit Iraqi Odyssey zu Gast in der Akademie der Künste (Hanseatenweg).
Filmvorführung: 19:00, im Anschluss Gespräch von Samir und Rüdiger Suchsland.
Picknick im Irak

Glückliche Zeiten: Picknick im Irak (3. v. l.: Samirs Mutter)

Sieglinde Geisel: Sie haben in „Iraqi Odyssey“ die Geschichte Ihrer eigenen Familie verfilmt. Wie kam es dazu?
Samir: Im Jahr 2002 hatte ich den Film Forget Baghdad gedreht. Er handelt von den jüdischen Kommunisten des Irak, von denen mir mein Vater erzählt hatte. Danach blickte ich jeden Morgen in den Spiegel und dachte: Warum machst du einen Film über die Juden im Irak – warum nicht über deine Familie? Das war ja die Generation meiner Eltern: Meine Onkel und Tanten hatten ihr Leben für einen modernen, säkularen, demokratischen Irak eingesetzt – und sie haben diesen Kampf verloren. Iraqi Odyssey ist eine Hommage an sie. Meine Verwandten sind heute in der ganzen Welt verstreut, doch durch die sozialen Medien sind wir enger miteinander verbunden als früher. Wir wissen mehr übereinander als damals, wo wir alle noch in Bagdad gelebt hatten.

Wie filmt man die eigene Familie?
Es war ein Casting, wie bei einem normalen Film. Ich habe sechs Onkel und Tanten, 25 Cousins und Cousinen sowie deren Kinder, also eine große Auswahl an Darstellern. Iraqi Odyssey ist ein Mosaik aus vielen verschiedenen Geschichten, Sprachen und Menschen. Es ging darum, dass die Figuren den Fluss des Films weitertragen. Ich habe mich für vier Hauptfiguren entschieden. Sie leben in London, Auckland, Moskau und Buffalo. Als Angehörige der gebildeten Mittelklasse gehen sie mit dem Problem der Integration sehr spielerisch um.

Warum kommt Ihre Mutter nicht vor?
Das wäre ein eigener Film: Eine junge Frau aus der Schweiz geht Anfang der Fünfzigerjahre als Au-pair-Mädchen nach London, verliebt sich dort ausgerechnet in einen irakischen Intellektuellen der oberen Mittelklasse und folgt ihm nach Bagdad. In Iraqi Odyssey ist sie in den Erzählungen meiner Tanten präsent, ich fand diese arabische Sicht interessanter. Meine Mutter hatte sich im Irak perfekt integriert, auch mit uns Kindern sprach sie nicht schweizerdeutsch, sondern arabisch. Man sagte mir, sie käme aus Suizra, wo es hohe Berge mit Schnee gäbe, aber für mich unterschied sie sich einzig durch die etwas hellere Haut von den anderen. Vermutlich stammt der Schweizer Akzent in meinem Arabisch von ihr. Als wir Ende 1961 in die Schweiz emigrierten, war es für mich ein Schock, als sie auf einmal eine andere Sprache sprach, sie war wie ein Alien für mich.

Emotionale Kälte in der Schweiz

In den 1980er-Jahren kehrte Ihr Vater in den Irak zurück, wo er in den Wirren des Iran-Irak-Kriegs ums Leben kam. Seine sechs Geschwister waren ebenfalls emigriert, doch wie der Film zeigt, sind sie im Ausland glücklich geworden. Warum gelang Ihrem Vater das nicht?
Durch die Volksabstimmungen gibt es in der Schweiz ein klar definiertes rassistisches Moment, deshalb erlebt man als Migrant in der Schweiz die Zurückweisung deutlicher als in anderen Ländern. Wir Migranten sitzen in einer Art Glashaus, während über uns verhandelt und abgestimmt wird. Das hat mein Vater irgendwann nicht mehr ertragen, obwohl auch er bestens integriert war.
Die Schweiz steht beim Prozess der Individualisierung weltweit an der Spitze: Das soziale Moment, das den Menschen ausmacht, ist auf ein Minimum reduziert. Man ist sozusagen nur noch sich selbst, und so gibt es keine politische Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit mehr. Dies führt zu einer emotionalen Kälte, die meine Halbschwester Souhair nicht ausgehalten hat. Während des Irak-Kriegs war sie in die USA emigriert, doch sobald sie einen amerikanischen Pass hatte, kam sie zu uns nach Zürich. Sie blieb nur wenige Monate, heute lebt sie wieder in Bagdad.

Was ist Ihr eigenes Lebensgefühl heute, als 60-jähriger Sohn eines Immigranten? samir2
Ich weiß, dass ich in der Schweiz fast alles werden kann – aber immer nur Stellvertreter, niemals Chef. Als Nicht-Europäer gehört man nicht dazu. Aber dazu habe ich längst ein ironisches Verhältnis. Dann werde ich halt nicht Chef, so what! Auch im Irak kann ich nicht Chef werden, und wenn mir dort vorgeworfen wird, ich sei eurozentrisch, dann lache ich darüber ebenso.

Ist die Position des Außenseiters auch eine Ressource?
Es ist die Frage, was man daraus macht. Man kann die Zurückweisung in Wut kanalisieren und behaupten, man sei jetzt fundamentalistischer Moslem und den Idioten des IS nachreisen – die westlichen Dschihadisten sind ja Kinder unseres eigenen Systems. Als junger Mann hatte ich eine enorme Wut. Ich sagte: „Ihr seid alle so dumm hier!“ Dann habe ich angefangen, die Situation zu analysieren, und daraus entstand dann mein erster Dokumentarfilm Babylon 2, in dem ich übrigens den Begriff des Secondo geprägt habe. Bei den Secondos stieß der Film auf Begeisterung, bei den Schweiz-Schweizern wurde er teils kritisch aufgenommen. Für jemanden, der die Erfahrung des Fremdseins im eigenen Land nicht gemacht hat, ist die Wirkung dieser Zurückweisung schwer zu verstehen. Ich kam 1963 als Achtjähriger in die Schweiz, und ich kannte die Populärkultur des Westens, doch dann musste ich feststellen, dass hier niemand die großen arabischen Sängerinnen kannte, die Musik und die Geschichten, mit denen ich aufgewachsen war. Es ist kränkend, wenn Menschen aus einer anderen Kultur trotz all ihrem Wissen über den Westen keine Einladung bekommen, sondern mit einer Herabminderung ihrer Geschichte, ihrer Lebenserfahrung konfrontiert sind. Auch darum geht es in Iraqi Odyssey.

Verfremdungseffekte

Als ich den Film an der Berlinale 2015 sah, heulte ich ständig, und ich war bei weitem nicht die einzige. Das ist mir noch bei keinem Film passiert. 
Auch ich heule, wenn ich im Publikum sitze. Bei mir ist es vor allem die Musik, die mich ergreift und die Verzweiflung darüber, dass man alles daransetzt, die Dinge zum Guten zu wenden und dieses menschliche Dasein dafür dann doch nicht ausreicht. Die Tragödie und der Verlust, gebrochen durch den Humor meiner Verwandten – das macht die Emotionalität dieses Films aus.
Dabei wollte ich als Regisseur eine emanzipatorische Filmsprache entwickeln. Durch Verfremdungseffekte wie der Klappe vor der Kamera habe ich versucht, eine Brechtsche Distanz herzustellen, also zu zeigen, dass das gemacht ist, dass ich nicht die Realität zeige, sondern dass ich sie manipuliere. Auch die Entscheidung, den Film in 3D zu drehen, hat mit Distanzierung zu tun. Das Publikum muss eine Brille aufsetzen, und ich verwende Schrift, die ich ebenso wie die Archivbilder aus dem dreidimensionalen Raum löse. All das bricht mit unseren Sehgewohnheiten, aber zu meiner eigenen Verblüffung erzeugt es beim Zuschauer keine Distanz. Sobald wir vor der Kamera Menschen sehen, reagieren wir mit einer Empathie, die über das reflexiv Analytische hinausgeht. Das widerspricht meiner Absicht – gleichzeitig freut es mich, dass die emotionale Inbesitznahme der Seelen des Publikums stärker ist als meine konzeptionellen Überlegungen.

Was geschieht dabei?
Das Wort Nostalgie ist heikel, wenn es um Kunst geht, aber ich glaube, genau darum handelt es sich. Nostalgie ist ein Gefühl, das sich nur zwischen drei Generationen einstellen kann. Die erste Generation hat eine Zeit aktiv erlebt, die zweite war jung genug, um daran teilzuhaben, die dritte kennt es als Erzählung und kann es weitergeben. Ich selbst gehöre zur dritten Generation. Im Film bin ich nicht nur als Regisseur präsent, ich erzähle aus dem Off auch meine eigene Geschichte. Die Nostalgie in Iraqi Odyssey ist eine subversive Waffe gegen alle, die diese Erinnerungen zerstören wollen.

Film auf DVD
Samir
Iraqi Odyssey
EuroVideo Medien 2016 · 163 Minuten · 14,99 Euro
Freigegeben ab 12 Jahren
Bei Amazon oder buecher.de
dvd-cover
Bilder:
Screenshots aus Iraqi Odyssey. Mit Genehmigung des Rechteinhabers.

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

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